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Pariser Geschichten (3)

Die verschwundene Treppe von Belleville

Rainer Erd


„les escaliers“. Informationsschild. Foto: Rainer Erd

Es gibt Städte, die haben gar keine Sehenswürdigkeiten, und andere haben fast zuviel davon wie Rom oder Paris. Wenn es sich nicht um Antiquitäten handelt oder um Ingenieurskunst, wie der Eiffelturm sie zeigt oder Otto von Spreckelsens großes Stadttor „Grande Arche” in „La Défense“,  – die mit ihren Dimensionen imponieren, lassen sich in der französischen Hauptstadt viele kleinere, kuriose und charmante Schauplätze finden wie die Treppe von Belleville, die 1969 abgerissen wurde. Immerhin haben Filmemacher und Schriftsteller sie zur ewigen historischen Berühmtheit gemacht, wie Rainer Erd erzählt.

 

Die Treppe. „Ah, les escaliers“, sagt Lucien wehmütig und zeigt Jean Claude das berühmte Bild von Willy Ronis. „On jouait le-dessus dans les années cinquante“, merkt der ebenfalls verträumt blickende Jean Claude an. Ja, auf dieser Treppe haben viele Kinder in den Fünfzigerjahren bleibende Erfahrungen gemacht. Denn die Treppe war mehr als das, was man sich landläufig unter einer Treppe vorstellt, auf der Kinder spielen.


Belvédère Belleville mit Blick auf Paris. Foto: Rainer Erd

 

Eines jedoch zaubert dann doch ein Lächeln in die Gesichter von Bewohnern des Viertels: Die Stadtverwaltung von Paris hat im September 2025 entlang der ehemaligen Rue Vilin, die heute unerkennbar im Parc de Belleville aufgegangen ist, eine große Ausstellung mit Foto-Bildtafeln der ehemaligen Straße und erläuternden Texten eröffnet. Sie gibt denen, die die Straße nur inszeniert aus dem Kino kennen, einen Einblick in das Leben wenig wohlhabender Arbeitern und Handwerkern, viele mit osteuropäisch-jüdischen Hintergrund, die seit Anfang des 19. Jahrhundert hier gelebt haben und gestorben sind. Gestorben auch während der Besetzung von Paris durch die Nazis 1940 – 1944, als jüdische Bewohner von den deutschen Schergen verhaftet und mit Hilfe der französischen Polizei und Eisenbahn in die Gaskammer von Auschwitz transportiert wurden.

Der heutige Besucher des „Belvédère de Belleville“, der den grandiosen Blick über den Parc de Belleville auf Paris genießt, weiß in der Regel nichts davon, welche Geschichte unter dem Park verborgen liegen. Erst wenn er die Ausstellung entlang der ehemaligen Rue Vilin verfolgt, mag er erahnen, was Bewohner von Belleville bewegt, wenn sie in ihren Fotoalben blättern und Bilder der Straße, vor allem der „Escalier Vilin“ entdecken. Ambivalente Gefühle.

Der kurze YouTube-Film gibt einen ersten Eindruck von Filmen, in denen die Y-Treppe eine Rolle spielt. 


Erstellungsdatum: 18.04.2026