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Es gibt Städte, die haben gar keine Sehenswürdigkeiten, und andere haben fast zuviel davon wie Rom oder Paris. Wenn es sich nicht um Antiquitäten handelt oder um Ingenieurskunst, wie der Eiffelturm sie zeigt oder Otto von Spreckelsens großes Stadttor „Grande Arche” in „La Défense“, – die mit ihren Dimensionen imponieren, lassen sich in der französischen Hauptstadt viele kleinere, kuriose und charmante Schauplätze finden wie die Treppe von Belleville, die 1969 abgerissen wurde. Immerhin haben Filmemacher und Schriftsteller sie zur ewigen historischen Berühmtheit gemacht, wie Rainer Erd erzählt.
Die Treppe. „Ah, les escaliers“, sagt Lucien wehmütig und zeigt Jean Claude das berühmte Bild von Willy Ronis. „On jouait le-dessus dans les années cinquante“, merkt der ebenfalls verträumt blickende Jean Claude an. Ja, auf dieser Treppe haben viele Kinder in den Fünfzigerjahren bleibende Erfahrungen gemacht. Denn die Treppe war mehr als das, was man sich landläufig unter einer Treppe vorstellt, auf der Kinder spielen.

Die Treppe, von der hier erzählt werden soll, befand sich im Nordosten von Paris in einem Teil der Stadt, der bis 1860 gar nicht zu Paris gehörte, sondern – ähnlich wie Montmartre – auf einem Hügel außerhalb der Pariser Stadtmauer lag und für seine Weinberge, Gemüsegärten und vor allem seine Guinguettes bekannt war. Guinguettes hießen die beliebten Ausflugslokale für vergnügungsfreudige Pariser, die bei preiswertem Wein nach den Klängen von Akkordeon- und Klarinettenmusik sich im Kreis drehten und – wenn sie Glück hatten – nicht allein nach Hause gingen. Jacques Becker hat diese wunderbare Art französischen Entertainments in seinem Film „Casque d‘or“ („Goldhelm“) von 1951 verewigt. Heute findet man Guinguettes nur noch spärlich an der Marne.
Die Treppe, von der heute noch Alteingesessene in Belleville schwärmen, war die Zierde des kleinen Dörfchen Belleville mit seiner Arbeiter- und Handwerkerbevölkerung im 19. und 20. Jahrhundert. Stolz waren die Bewohner von Belleville nicht nur deshalb auf sie, weil sie eine einzigartige Form hatte, mit der Kinder aufregende Spiele machen konnten. Stolz waren sie auch, weil jeder Kulturinteressierte die Treppe kannte, meist ohne zu wissen, wo sie sich befand. Denn die eigentümliche Form der Treppe, die den Abschluss einer verwinkelten Gasse, der Rue Vilin, darstellte, von deren Ende aus man einen berauschenden Blick über Paris hatte, war in den Fünfzigerjahren Gegenstand vieler französischer Filme geworden.
Die Faszination der Treppe bestand darin, dass sie die Form eines Ypsilon hatte, deren beiden Ende auf unterschiedliche Abschnitte der Rue Piat, hoch über Paris gelegen, führten. Der Weg zur Treppe begann hinter der Metrostation Couronnes, führte dann als Rue Vilin in s-förmigem Verlauf über den Hang, auf dem heute der Parc de Belleville zum Spazierengehen einlädt, und endete, nachdem die Rue Vilin eine Kurve gemacht hatte und auf Stufen der Passage Julien-Lacroix traf, an der Stelle, die einen alternativen Weg eröffnete. Nahm man den linken Teil der Treppe, gelangte man auf die Rue Piat, der rechte Teil führte über diese Straße auf die Passage Piat.
Y-Formen von Treppen waren bei steilen Hängen in Paris im 19. Jahrhundert nicht ungewöhnlich, weil sie erlaubten, den Aufstieg zur oben gelegenen Straße zu erleichtern. Eine geradeaus führende Treppe erfordert einen höheren Kraftaufwand für den Aufsteigenden als eine nach zwei Seiten abbiegende. Zudem verteilt sie den Strom der die Treppe Nutzenden auf zwei Gruppen und erleichterte Auf- und Abstieg. Die Treppe Vilin war ein zentrales und wegsparendes Verbindungsstück zwischen der unten gelegenen Rue Couronnes und dem knapp 130 Meter hohen „Butte“ des 20. Arrondissements.
Diese funktionalen Überlegungen waren jedoch nicht der Grund dafür, dass es die Treppe in Paris zu einer gewissen Berühmtheit brachte, die Schriftsteller und vor allem Filmemacher immer wieder nach Belleville lockten, wenn sie geheimnisvolle Aufnahmen kreieren wollten. Der entscheidende Grund für sie war der Effekt, dass im Gegensatz zu gradlinigen Stufen eine y-förmig gestaltete Treppe es Filmemachern ermöglichte, Verfolgungsszenen als Verwirrspielen zu inszenieren, weil der Verfolger nicht vorhersehen konnte, wohin der Verfolgte flüchtete, schon gar nicht bei Nacht. Und dann hatte die Y-Treppe eine hohe Symbolkraft, ließ sie den Zuschauer doch, wenn er Augen dafür hatte, in Alternativen denken. Das eine wie das andere war möglich.
Besonders in den Fünfzigerjahren, in denen noch niemand an den Parc de Belleville dachte, war die heutige Erholungsgegend ein dicht bebautes, armes Wohngebiet mit kleinen Handwerkerstätten und Geschäften, in denen auch eine Weissagerin ihre Dienste anbot. Die Kargheit der Wohnungen stand im umgekehrten Verhältnis zum visuellen Reichtum, den die rue Vilin und vor allem die Y-Treppe Künstlern bot. So sehen Filmliebhaber in Jean Cocteaus „Orphée“ (1950) den Hauptdarsteller Jean Marais in der Rue Vilin fahren und dann rätselhaft auf der Treppe verschwinden. In „Rififi chez les hommes“, dem Film-Noir-Klassiker (1955) von Jules Dassin, verabschiedet sich Jean Servais als Tony le Stéphanois vor der Treppe von seiner ehemaligen Geliebten Mado und entschwindet nach oben. Der expressionistische Stil des Films findet in der nächtlichen Treppenszene mit langen Schatten und Schwarz-Weiß-Kontrasten eine angemessene Entsprechung. Schön ebenso in dem Film „Rafles de la nuit“ (1957) von Pierre Chenal zu sehen.
Auch der im Verbrechen endende Film „Casque d’or“ (1952) von Jacques Becker bedient sich der Treppe, allerdings nicht von unten, wie die ins Ungewisse weisenden beiden vorherigen, sondern von oben. Simone Signoret erreicht mit einer Pferdekutsche die Rue Piat, die einen großartiger Blick über Paris eröffnet, wenn man am Ende der Treppe steht. Von oben wird die Y-Treppe ebenso in Julien Duviviers Sous le ciel de Paris (1951) gezeigt, der einen Tag im Leben eines einsamen Arbeiters aus Belleville zeichnet, dessen Gang die Treppe hinunter seinen sozialen Abstieg symbolisiert. Ganz anders dagegen die Symbolik der Treppe in dem Klassiker von Albert Lamorisse „Le Ballon rouge“ (1956). Hier fungiert die Treppe als räumliches Motiv für Auf- und Abstieg eines spielenden Kinds beim Erkunden seiner Umwelt.
Unter den Schriftsteller war es der Pariser Autor Georges Perec, der die Treppe und die Rue Vilin zum Gegenstand von wehmütigen Erzählungen machte. Denn die Treppe, die in so vielen französischen Filmen unterschiedliche Rollen spielt, fiel mit Beginn der Abrissarbeiten an der Rue Vilin ab Ende der Sechzigerjahre den Baggern zum Opfer. Die Pariser Stadtverwaltung hatte die meisten Häuser der Straße wegen hygienischer Mängel geräumt und die Bewohner umgesiedelt. Nach zehnjährigem Leerstand kamen 1969 Arbeiter von Abrissunternehmen und demolierten bis auf einen kleinen noch bestehenden Teil die Rue Vilin – auch die Treppe. Wo einst die Rue Vilin Anlass für geheimnisvolle Geschichten gab und die Treppe Kameraleuten visuelle Fantasien ermöglichte, entstand ab 1988 der Park von Belleville, den jeder Besucher von Paris deshalb mit großem Interesse besucht, weil er – neben Montmartre – einen berauschenden Blick über die französische Hauptstadt gewährt. Ältere Bewohner von Belleville jedoch zeigen noch heute Fremden gerne Bilder von „ihrer“ Rue Vilin und der Y-Treppe, auf der sie so viele geheimnisvolle Geschichten gespielt haben und die Schauplatz vieler Filme geworden ist.

Eines jedoch zaubert dann doch ein Lächeln in die Gesichter von Bewohnern des Viertels: Die Stadtverwaltung von Paris hat im September 2025 entlang der ehemaligen Rue Vilin, die heute unerkennbar im Parc de Belleville aufgegangen ist, eine große Ausstellung mit Foto-Bildtafeln der ehemaligen Straße und erläuternden Texten eröffnet. Sie gibt denen, die die Straße nur inszeniert aus dem Kino kennen, einen Einblick in das Leben wenig wohlhabender Arbeitern und Handwerkern, viele mit osteuropäisch-jüdischen Hintergrund, die seit Anfang des 19. Jahrhundert hier gelebt haben und gestorben sind. Gestorben auch während der Besetzung von Paris durch die Nazis 1940 – 1944, als jüdische Bewohner von den deutschen Schergen verhaftet und mit Hilfe der französischen Polizei und Eisenbahn in die Gaskammer von Auschwitz transportiert wurden.
Der heutige Besucher des „Belvédère de Belleville“, der den grandiosen Blick über den Parc de Belleville auf Paris genießt, weiß in der Regel nichts davon, welche Geschichte unter dem Park verborgen liegen. Erst wenn er die Ausstellung entlang der ehemaligen Rue Vilin verfolgt, mag er erahnen, was Bewohner von Belleville bewegt, wenn sie in ihren Fotoalben blättern und Bilder der Straße, vor allem der „Escalier Vilin“ entdecken. Ambivalente Gefühle.
Der kurze YouTube-Film gibt einen ersten Eindruck von Filmen, in denen die Y-Treppe eine Rolle spielt.

Im preisgekrönten Dokumentarfilm „Belleville – Belle Et Rebelle“ erzählen Bewohner des Viertels von der Rue Vilin und ihrer berühmten Treppe.
Erstellungsdatum: 18.04.2026