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Andrea Pollmeier über den Roman von Radka Denemarková „Schokoladenblut“

Die Wahrheit lauert im Schatten

Andrea Pollmeier


Radka Denemarková 2023. Foto: Harald Krichel. Wikimedia Commons

Radka Denemarková ist im Umfeld widerständig denkender Autoren in der Zeit des Prager Frühlings aufgewachsen. Nach der Niederschlagung der Revolution versteckte ihr Vater die Bücher bedeutender, später verbotener Schriftsteller in seiner Privatbibliothek. Dort hat die „Schwalbe von Prag“ – wie sich Denemarková selber nennt – ihren politischen Blick geschult und ihr literarisches Gespür entfaltet. Sie zählt heute zu den bedeutendsten Autorinnen Tschechiens und wird die Eröffnungsrede auf der Buchmesse 2026 halten. Ihrem Roman „Schokoladenblut“ wünscht Andrea Pollmeier breite Wahrnehmung.

 

„Der Zug ist ein Rapper“, schreibt die tschechische Autorin Radka Denemarková, die für das diesjährige Buchmesse-Gastland die Eröffnungsrede halten wird, in ihrem neuen Roman „Schokoladenblut". In konstanten Rhythmen durchquert ihr imaginärer Zug die Vergangenheit. Er startet im 19. Jahrhundert im Böhmen der Habsburger Monarchie, taucht aber auch in Wien und Paris auf, zieht sogar über den Atlantik bis nach Pennsylvania. Wer mitreist und den fast 600 Seiten ihres Romans bis zu Ende folgt, erhält Einblick in eine Welt, in der revolutionäre Umbrüche nicht nur zu mehr Freiheit und Individualismus führen, sondern zeitgleich auch Kräfte der Gewalt, des Nationalismus und der wachsender Ausbeutung freisetzen. Der Zug zuckelt unbeirrt durch diese Zeit, der Lesende blickt wie mit einer Drei-D-Brille durch seine Fenster und sammelt Bilder aus einer unaufhörlich vorübergleitenden Welt. 

Radka Denemarková nutzt in ihrem von Eva Profousová aus dem Tschechischen übersetzten Roman „Schokoladenblut“ (Hofmann und Campe 2026) eine ungewöhnliche Erzählweise, um große Horizonte und kleinste Mikrosituationen des 19. Jahrhunderts zu zeigen, das – wie die Autorin in Gesprächen betont – für gesellschaftliche Krankheiten der Gegenwart ursächlich ist.

In schnell wechselnden Szenenfolgen beschreibt Radka Denemarková das Leben von drei Persönlichkeiten, in deren Biografien sich die Umbrüche der Französischen und industriellen Revolution sowie eines aufkommenden Nationalismus widerspiegeln. Im Zentrum stehen die tschechische Schriftstellerin Božena Němcová (1820-1862 geborene Barbora Panklová), die französische Autorin George Sand und der am Ende reichste Mensch des 19. Jahrhunderts, John D. Rockefeller. Das Leben dieser historisch realen Persönlichkeiten hat die vielfach mit Preisen ausgezeichnete und in 30 Sprachen übersetzte Autorin zehn Jahre recherchiert, in Archiven unveröffentlichte Briefe gelesen und sich in ihre intime Gedankenwelt eingefühlt.

Nur nach und nach erschließt sich im Roman ein komplexer, den Zeitgeist und die soziale sowie emotionale Realität dieser Personen ausleuchtender Zusammenhang. Die Lesenden bleiben im imaginären Zug nicht auf einem Platz sitzen! Immer wieder wechseln sie das Zugabteil oder die Fahrtrichtung, die Blickperspektive verschiebt sich und macht in diesem subtilen, von der Ich-Erzählerin ferngesteuerten Wechsel Zusammenhänge deutlich, die Keime heutiger gesellschaftlicher „Krankheiten“ freilegen. So entsteht ein mit überwältigender Komplexität gestaltetes Wimmelbild, in dem nicht nur Züge, vergangenes Leben und ein im Glashaus auf Amrum sitzendes „Ich“ zu erkennen sind, sondern auch die Gleichzeitigkeit von Freiheit, sozialem Elend und emotionaler Kälte eindringlich hervortritt.

Radka Denemarková nutzt zahlreiche Wortneuschöpfungen und Metaphern, um Besonderheiten des 19. Jahrhunderts sprachlich zu markieren. Neu war damals beispielsweise die Entdeckung von Erdöl als Energiequelle für die sich anbahnende industrielle Revolution. „Schokoladenblut“ nennt Denemarková diese klebrige, riechende Ölmasse, die John D. Rockefeller zu Reichtum und Macht verhelfen wird. „Schokoladenblut“ ist aber auch der Ausdruck für das Blut, das zwischen den Beinen der verhungernden, von tschechischen Patrioten und Freunden allein gelassenen Autorin Božena Němcová auf den Boden rinnt. Er verweist auf ein System, in dem Armut einerseits zu Hungertod führt und andererseits, fernab in Pennsylvania, mit Armut maximaler Profit erwirtschaftet wird. 

Doch gibt es auch eine Art Gegenbegriff zu diesem bitteren Bild. Immer wieder bezeichnet Radka Denemarková Menschen, die sich unterstützend und verständnisvoll, frei von Ideologie und Machtinteressen an die Seite eines anderen stellen, als "Safran-Menschen", seien sie Mann oder Frau. Safran, das bis heute seltene und kostbare Gewürz, kann den Duft und die Farbe einer Substanz grundlegend verändern. Im Roman haben "Safran-Menschen" die Kraft, die Selbstenfaltung von frei denkenden, dem Zeitgeist entgegentretenden Personen wie George Sand positiv zu unterstützen.

Systematisch verfolgt Denemarková das Leben ihrer drei zentralen Romanfiguren, spürt ihren Prägungen in der Kindheit nach und hinterfragt auch das über Eltern und Gesellschaft vermittelte Geschlechter-Korsett. Frauen werden primär als Menschen gesehen, denen die Errungenschaften der Französischen Revolution zustehen. Sie werden als „Menschen mit Vagina" bezeichnet, die ebenso wie diejenigen ohne Vagina das Recht haben, zu studieren, Bücher zu schreiben und ihrer Sinnlichkeit freien Ausdruck zu verleihen. Oft spricht Denemarková einfach von einem Körper, der unterschiedliche Namen bzw Identitäten in sich vereint und sie in paralleler Präsenz bis zum Tod aktiv hält. 1862 stirbt beispielsweise nicht nur Božena Němcová, sondern auch – wie sie bei ihrer Geburt hieß – Barbora Panklová. George Sands Name wird immer wieder zugleich mit den realen Namen Aurore Dudevant und Dupin verbunden, alle drei Persönlichkeiten bleiben in einem Körper dauerhaft präsent.

John D. Rockefeller zeigt die Autorin als einen Menschen ohne Empathie und Emotionen. „Zahlen sind seine Mätressen", heißt es. Sein missionarischer Drang, immer mehr Reichtum zu erlangen, Medien aufzukaufen und mit korrupten Methoden Politik dem eigenen Willen unterzuordnen, habe das folgende Jahrhundert geprägt und bis heute zu den negativen Folgen der industriellen Revolution beigetragen. Eine Gegenkraft verkörpert im Roman die investigative Journalistin Ida Tarbell, deren Vater durch Rockefellers Wirken sein Unternehmen verloren hat und die Familie so in Armut geriet. Durch ihre Recherchen wurde Rockefellers Versuch, Wettbewerb auszuschalten, vorerst gestoppt.  

Die Autorin Radka Denemarková schreibt zwar auf der Grundlage von historisch belegten Fakten, sie legt jedoch kein Sachbuch vor. Deutlich stellt sie sich auf die Seite der Frauen, tritt gegen Entrechtung an und benennt die Umstände, die es Menschen erschweren, sich selbst zu verwirklichen. „Die Wahrheit lauert im Schatten“, schreibt sie. Diesen Schatten leuchtet sie überzeugend aus.

 

 

Radka Denemarková
Schokoladenblut
Aus dem Tschechischen
von Eva Profousová
ISBN: 978-3-455-02172-1
Hoffmann und Campe 2026

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Erstellungsdatum: 02.10.2026