MENU
Cornelia Wilß über eine Begegnung mit dem Autor Fiston Mwanza Mujila

In seinen Texten blickt Fiston Mwanza Mujila stets auf die „alltäglichen Abgründe und Aufschwünge des Menschen“ und spürt den „Grundfragen unserer Existenz und unseres Zusammenlebens“ nach. Für die Alleinjurorin Daniela Seel entscheidender Grund, den Erich-Fried-Preis 2026 an den in Graz lebenden Schriftsteller zu vergeben. Schon für seinen Debütroman Tram 83 mehrfach ausgezeichnet, wird ihm nun im November eine der renommiertesten literarischen Auszeichnungen Österreichs zuteil. Cornelia Wilß stellt den im Kongo geborenen „literarischen Grenzüberschreiter“ vor.
Fiston Mwanza Mujila spricht mit leiser, behutsamer Stimme. Er konzentriert er sich auf die Fragen seines Gegenübers, wägt seine Antworten mit Sorgfalt ab, kaum etwas scheint ihn aus der Ruhe bringen zu können. Doch später, auf der Bühne, wird es laut. Mujila leiht seinen Texten seine Stimme, krächzt und wimmert, zischt und stöhnt und entlockt seiner Kehle ein mächtiges Gelächter, das im Halse stecken bleibt. Der Dichter Muepu Muamba aus der Demokratischen Republik Kongo, der einer anderen Generation angehört, und ich trafen Fiston Mujila 2017 in Frankfurt am Main, und es kam zu weiteren Begegnungen an anderen Orten.
Laut, schrill und bisweilen boshaft geht es auch in seinem gefeierten Debutroman Tram 83 zu. Der Roman erschien 2014 bei Éditions Métailié in Paris, seit 2016 liegt er in der gelobten Übersetzung von Katharina Meyer und Lena Müller bei Zsolnay vor. Tram 83 wurde in zahlreiche weitere Sprachen übersetzt und stand unter anderem auf der Longlist des Man Booker International Prize und des Prix du Monde.
Tram 83 ist der einzige Nachtclub in Stadtland, einer fiktiven Minenstadt irgendwo im weiten Land des Kongo. Ein abtrünniger General kontrolliert die Diamantenminen; alle möglichen Gestalten fallen auf der Suche nach dem schnellen Glück dort ein. Glücksritter und Ex-Rebellen, Taschenspieler und Erweckungsprediger, Kindersoldaten und Studenten, Frauen und Männer treffen im Tram 83 aufeinander, lieben und hassen, betrügen und begehren sich, tanzen nach den Rhythmen des kongolesischen Rumba, „diesem Opium des Volkes“ und Salsa, saufen sich durch die langen Nächte.
Absurdes Welttheater? „Du hast Talent, deine Figuren füllen den Raum“, sagt Monsieur Ferdinand Malingeau, Verlagschef der Edition Zug-ins-Glück und Entwicklungsexperte („Worüber schreiben Sie? Über wen? Zielgruppe? Erwartungen? Gesamtauflage? Auszeichnungen? Welches Genre?“), zu Lucien. Der ist Historiker und Schriftsteller und hat Zuflucht in der Minenstadt gesucht. Lucien ist ein Moralist, steckt dafür Prügel ein und triumphiert doch zuletzt mit einem Theaterstück, aufgeführt im Tram 83, über seine Widersacher. Ein Gegenspieler ist Requiem, genannt der Negus, Erpresser, Minenräuber, Ex-Rebell auf dem Schlachtfeld, den Mädchen verfallen, im Bund mit dem Teufel, von den Toten auferstanden, ein schlimmer Junge. Es sind solche Charaktere, die in Mujilas Prosa das Geschehen vor sich hertreiben.
Sequenzen in Tram 83 wurden oft mit Jazzpartituren verglichen. Live performt Mujia seine Texte, manchmal begleitet vom Grazer Saxophonist Patrick Dunst. „Die Wahrheit liegt nicht unbedingt in der Absicht des Erzählers, sie liegt im Rhythmus, in der Emotion, die durch die Lektüre des Textes ausgelöst wird“. Sagt Mujila. Literatur sei wie Musik. „Die Sprache existiert vor dem Text, vor der Geschichte, deshalb haben die Charaktere ihre eigene Musikalität. Meine Romane sind auch so geschrieben, dass sie laut gelesen werden können. Ich stelle mir immer vor (…), dass ich meine Romane laut erzähle“, erklärt er in einem Interview für buchkultur. Und das habe damit zu tun, dass sein literarisches Schreiben in der Tradition der mündlichen Überlieferung stehe.
Ob Tram 83 als Allegorie zu lesen sei auf die Verwerfungen und Grausamkeiten, die der Rausch nach immer mehr Rohstoffen hervorbrächte, hat man den Autor oft gefragt. „Die Welten der Minenarbeiter, egal ob in Frankreich, Belgien oder in Angola, ähneln sich“, sagt Fiston Mujila in unserem Gespräch, sie sind überall gleich. Menschen kommen von überall her, auf der Suche nach Arbeit. Würde eine vergleichende Sozialtopografie in Auftrag gegeben, sie käme zu gleichen Erkenntnissen: Verlassenes Gelände, Langzeitarbeitslosigkeit, wenn die Minen keine Erträge mehr abwerfen, Kriminalität, Prostitution, Verzweiflung. Die sozialen Verwerfungen, die Zustände in still gelegten Bergbaurevieren früher in Frankreich, in Deutschland oder in Belgien seien vergleichbar mit denen, die jetzt in Kongo herrschen, in Johannisburg oder in anderen Regionen der Welt.
In seinem neuen Roman Tanz der Teufel setzt der Autor den Wortgesang im Fluss verschiedener Stimmen und Erzählperspektiven fort. Angesiedelt sind die Geschichten im Grenzgebiet zwischen Angola und dem Kongo, in der Provinz Lunda Norte und im Zentrum von Lubumbashi, Hauptstadt der rohstoffreichen Region Haut-Katanga im Kongo,1910 von den belgischen Kolonialherren als Elisabethville gegründet, unter Mobutu Sese Seko umbenannt in Lubumbashi und Kriegsschauplatz im kongolesischen Bürgerkrieg. In diese Minenstadt waren Mujilas Eltern gekommen, um dort zu arbeiten. 1981 in der Diamantenstadt geboren sei auch er, Fiston, ein mining boy, der das Leben in der Minenstadt hinter sich gelassen habe, aber immer wieder dorthin zurückkehre, auch in seinen beiden Romanen Tram 83 und Tanz der Teufel.
Realität und Fiktion prallen in sarkastischer Überzeichnung aufeinander. Böse Geister tanzen ihren Tanz, treiben ihr Späße im legendären „Mambo de la fête“. Doch hinter der absurden Komik, der toxischen Männlichkeit, die zu Schau getragen wird, den Drogen und Dealern, entfalten sich andere Passagen über den Bürgerkrieg in Angola nach dem Unabhängigkeitskrieg (1961 bis 1974), die Vergegenwärtigung postkolonialer Abhängigkeiten und über den Fluch der Diamanten. Neben all die durchgedrehten Typen – dem österreichischen Schriftsteller Franz Baumgartner, harten Jungs, die auf der Straße leben, Kindersoldaten, Kleinganoven und Freiheitskämpfer – hat Mujila eine geheimnisvolle Frau gesetzt. Die allwissende Madonna der Minen von Cafunfo, Tshiamuena genannt, die einst aus Zaire gekommen war, ist Augenzeugin des goldenen Zeitalters, als zairische Schürfer in die Schürfgebiete des Nachbarlandes eindrangen. Als Heilige verehrt und als Unglücksbringerin verhasst, wenn es Opfer zu beklagen gab, hält sie das Gedächtnis an die Toten am Leben.
Man soll Gedichte singen und schreien. Man soll die Sprache erleben. Sagt Fiston Mwanza Mujila. „Ich versuche, die Sprache zu befreien“. Das gelingt zum Beispiel in „Kasala pour moi-même“ („I j’ai décidé d’être heureux de danser la rumba jusqu’à l’usure, dt.: Ich habe beschlossen, glücklich zu sein“) – ein traditionelles Lied in der Kasala-Tradition der Luba, in dem Mujila sich selbst orchestriert. Für den Freund, den kongolesischen Fotografen Sammy Baloji, hat er für dessen Installation bei der documenta 14 das Klagegedicht Kongolesische Messe geschrieben.
…. Körper, mechanisiert
und zur ewigen Schinderei in den Minen befohlen
endlose Strapazen des Tunnels, mosala ya mpunda
Körper, diese Körper, deren einzige Rast der (ewige) Schlaf ist
graben, pausenlos
graben, im wörtlichen, übertragenen, kongolesischen Sinn
graben bei Tag, bei Nacht, jahrelang, Jahrhundert um Jahrhundert
Tag für Tag dieselbe Geste, elegant, abrupt, ruckartig, rasch, unbeholfen, piano mezzo forte
graben zu Ehren des Königs
graben für die Königin
graben für das Königreich
graben im Namen der Zivilisation
graben, denn deine Glieder müssen zerschlagen werden
schieb deine Ahnenreihe und den ganzen Kram zur Seite
damit du teilnehmen kannst am Lauf der Welt, des Fortschritts und der Menschheit
auch wenn du, mit leeren Händen und zusammengebissenen Zähnen, als kleines
Rädchen der Geschichte endest
und, ja, weil Opfer fürwahr nötig sind, muss irgendjemand Blut, Geifer, Speichel,
Sperma, kurzum, jedes einzelne Organ seines protozoischen Körpers hingeben, um
die Maschine am Laufen zu halten, damit jeder seinen Löwenanteil bekommt
Auszug aus dem Gedicht: Kongolesische Messe
Im Jahr 2009 erhielt Fiston Mwanza Mujila die Einladung, das Amt des Stadtschreibers in Graz zu bekleiden. Er blieb in der Steiermark, studierte an der Grazer Universität Romanistik, lehrt dort afrikanische Literatur, bereist von dort aus die Welt und stellt sich in der Ferne nicht selten dem Publikum als Grazer Schriftsteller vor. Er fühlt sich der österreichischen Literaturszene verbunden, sagt er, im Oktober 2021 kuratierte er mit Weggefährten WELTWORTREISENDE, die transnationalen Grazer Literaturtage.
Fiston Mwanza Mujila schreibt seine Texte auf Französisch, übersetzt aber auch einige seiner eigenen selbst ins Deutsche, der Sprache seiner Alltäglichkeit. Befragt nach seiner Sprachherkunft sagt er: „Ich bin in Lubumbashi geboren. Im Süden vom Kongo. Mit meinem Vater spreche ich auf Französisch, mit meiner Mutter auf Suaheli. Meine Eltern hatten beschlossen, dass wir beide Sprachen zuhause sprechen. Wenn du im Kongo einen guten Job haben willst, musst du Französisch sprechen. Das ist die Prestige-Sprache seit dem Kolonialismus. Mit meinen Großeltern habe ich auf Luba gesprochen. Ich bin also mit mehreren Sprachen aufgewachsen. Das ist für ein Kind nicht leicht und verlangt ihm viel Kraft ab. Später habe ich mich gefragt: In welcher Sprache will ich schreiben?“
An einem anderen Ort, in Berlin, beim African Book Festival als Gast des Panels „Telling the Origin Stories“ im Spätsommer 2021, sagt er im Gespräch mit Venice Trommer, dass er aus der Fülle der Sprachen, die er kennt, wie aus einer nicht versiegenden Quelle schöpfen kann. Eine Sprache könne man im strengen Sinne nicht beherrschen, man muss in Übung bleiben. „Schreiben ist wie einen Garten zu haben“. Er braucht Pflege und Hinwendung. Um Wörter im Französischen nicht zu vergessen, verfasse er jeden Tag ein Gedicht auf Französisch. Diese poetischen Notizen tauchen auch manchmal in seinen Roman auf. „Manchmal hast du keine Lust, auf Deutsch oder Französisch zu reden, weil die Sprache mit dem Gefühl oder einer bestimmten Situation verbunden ist. Wenn ich genervt bin, spreche ich manchmal auf Lingala oder Suaheli oder Deutsch.“
Das Leben im deutschsprachigen Raum habe seine Haltung als Schriftsteller und Intellektueller beeinflusst. So fühle er sich der Gruppe 47 nahe, jener legendären Zusammenkunft, für die „echte Künstlerschaft“ mit der Gegnerschaft zum Nationalsozialismus und der Suche nach neuen literarischen Ausdrucksformen verbunden sei. Alfred Andersch formulierte damals, dass „die junge Generation vor einer tabula rasa“ stehe, „vor der Notwendigkeit, in einem originalen Schöpfungsakt eine Erneuerung des deutschen geistigen Lebens zu vollbringen.“ Für Fiston Mwanza Mujila stellt sich die Situation heute in der DR Kongo ähnlich dar. Alles sei zerstört!
Siehe auch:
Streifzüge durch die literarische Anthologie von Fiston Mwanza Mujila

Fiston Mwanza Mujila
Tram 83
Roman
Übersetzt aus dem Französischen von Katharina Meyer, Lena Müller
Paul Zsolnay Verlag 2016
Hardcover
ISBN 978-3-552-05797-5

Fiston Mwanza Mujila
Tanz der Teufel
Roman
Übersetzt aus dem Französischen von Katharina Meyer, Lena Müller
Paul Zsolnay Verlag 2022
Hardcover
ISBN 978-3-552-07277-0
Erstellungsdatum: 13.07.2026