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Frauen in Indien

Die Ware Frau

Clair Lüdenbach


Kachhpura bei Agra. Der Ort arbeitet für eine westliche Schuhmarke. Foto: Alexander Paul Englert

Frausein in Indien ist immer noch belastet von Jahrhunderte alten Konventionen. Was das bedeutet, hängt davon ab, welcher gesellschaftlichen Klasse und Kaste die Frau angehört. Indien hatte eine Ministerpräsidentin zu einer Zeit, als das bei uns noch undenkbar schien. Die Schere der Chancen und Möglichkeiten geht und ging schon immer weit auseinander. Clair Lüdenbach hat sich über die Frau als Bewahrerin und Ware Gedanken gemacht.

 

Viele Mädchen der indischen Oberschicht gehen auf Colleges, tanzen bis zum Umfallen in den Diskos der Millionenstädte, etwa 15% haben einen Freund, und einige pfeifen sogar auf die Jungfräulichkeit. Die Mädchen sind attraktiv, aufgeklärt, intelligent, erfolgreich im Beruf und aus wohlhabendem Haus. Aber wenn sie heiraten wollen, dann verlassen sich die meisten, wie Generationen von Frauen vor ihnen, auf die Erfahrung der Eltern. Das schrieb ich 1997 zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Indien. Heute, 28 Jahre später, hat sich an dem freien Leben für diese Gesellschaftsschicht wenig geändert. Stand eine Verheiratung an, dann war damals in den Wochenendausgaben der überregionalen Zeitungen zu lesen:

Hoch angesehener Vegetarier, Antialkoholiker, Brahmanenverbindung 29/158, Klosterschülerin, promovierte Universitäts-Assistentin, baldige Heirat. Bis heute hat sich an dieser Art, sein Kind auf dem Heiratsmarkt anzubieten, nichts geändert: „Schönes, dünnes, hellhäutiges Brahmin Mädchen“ – „häusliches Bansal Mädchen“ – „Punjabi Arora Mädchen aus respektabler und gebildeter Geschäftsfamilie“. Oder auch „jungfräulicher Junggeselle, 39 Jahre alt, sieht aus wie 30, 180 Zentimeter groß, hell, sehr ansehnlich, Vegetarier, Nichtraucher, Abstinenzler, MA-Psychologie, eingeschrieben zur Promotion, Autor von Büchern, war in den USA . . . wird ganz sicher berühmt werden" –

 


Am Ghanta Char Platz in Jodhpur. Foto: Alexander Paul Englert

Die Inhalte der Anzeige passen sich dem Zeitgeist an, deshalb wird heute in Online-Zeitungen inseriert oder in speziellen online-Portalen für Heiratswillige. Zudem findet man heute nicht nur Rubriken für Hindus aller Kasten, sondern auch Inserate von und für Moslems, Christen und für Geschiedene. Diese Sparte wäre früher undenkbar gewesen. Man hat aber durchaus heute noch den Eindruck, es handle sich um eine beschädigte Ware. Häufig sind es nicht die Eltern, die eine Zweitehe vermitteln wollen, sondern die oder der Geschiedene selbst.

So heißt es: „Sauber rasierter Sikh, eigenes Haus, Vegetarier, geschieden, sucht schöne Frau, Kaste spielt keine Rolle.“

Nur wenige Wochen später kann das Geschäft perfekt sein. Dazu gehört vor allem die Höhe des Brautgelds in Form von Bargeld, Goldschmuck, Auto, Kühlschrank, Vespa, Eigentumswohnung, Studiengeld des Bräutigams im Ausland, Umzug des Paares ins Ausland. Der Phantasie und der Habgier der Eltern des Mannes sind keine Grenzen gesetzt. Und weil man seine Tochter möglichst in höhere Kreise verheiraten möchte, verschulden sich die Brauteltern für die nächsten Jahrzehnte oder holen den Verlust bei der Heirat des Sohnes wieder zurück. In der indischen Online-Zeitung „LiveWire“ las ich 2023: „Brautgeld in Kerala: ‚Glückwunsch zur Hochzeit! Welches Auto bekommst du?’“

 In manchen entlegenen Regionen Indiens werden die Mädchen schon als Kinder verheiratet oder verlobt, obwohl das rechtlich verboten ist. Und zum Glück bewirkt die Modernisierung und Aufklärung durch Funk und Fernsehen ein Umdenken.

Die indische Frauenrechtlerin und Journalistin Moitri Chatterjee erzählte mir einmal, daß in den alten, religiösen Texten in Indien festgelegt war, daß ein Mädchen noch vor der Pubertät verheiratet werden sollte. Die Eltern standen damals unter enormem Druck, wenn ihre Tochter vor dem Einsetzen der Periode noch nicht verheiratet war. Das ging sogar so weit, daß eine solche Familie gemieden und exkommuniziert wurde, und deshalb mußte das Mädchen irgendwie verheiratet werden. Denn ein Mädchen kann vor Erreichen der Pubertät nicht schwanger werden. Wenn also das Mädchen verheiratet ist, lastet auf den Eltern nicht der Druck, den Nachweis der Jungfernschaft erbringen zu müssen. Diese Regelung war aus heutiger Sicht furchtbar, aber man glaubte daran.

Das Dowry-System – wie man die Brautgeldtradition nennt – war aber auch eine Entschädigung für den Ausschluß aus der Erbfolge. Die Frau ist schon bei ihrer Geburt der Besitz eines anderen, deshalb legte man vielfach nicht allzu viel Wert auf die teure Bürde. Daß Mädchen nach der Geburt ermordet werden, hat in Indien eine lange Tradition. Wer es sich leisten kann, läßt heute das Geschlecht am Anfang der Schwangerschaft bestimmen und treibt dann ab, falls es ein unerwünschtes Mädchen ist.

 


In einer Weberei in der Nähe von Jaipur. Foto: Alexander Paul Englert

Erstellungsdatum: 31.03.2025