Frausein in Indien ist immer noch belastet von Jahrhunderte alten Konventionen. Was das bedeutet, hängt davon ab, welcher gesellschaftlichen Klasse und Kaste die Frau angehört. Indien hatte eine Ministerpräsidentin zu einer Zeit, als das bei uns noch undenkbar schien. Die Schere der Chancen und Möglichkeiten geht und ging schon immer weit auseinander. Clair Lüdenbach hat sich über die Frau als Bewahrerin und Ware Gedanken gemacht.
Viele Mädchen der indischen Oberschicht gehen auf Colleges, tanzen bis zum Umfallen in den Diskos der Millionenstädte, etwa 15% haben einen Freund, und einige pfeifen sogar auf die Jungfräulichkeit. Die Mädchen sind attraktiv, aufgeklärt, intelligent, erfolgreich im Beruf und aus wohlhabendem Haus. Aber wenn sie heiraten wollen, dann verlassen sich die meisten, wie Generationen von Frauen vor ihnen, auf die Erfahrung der Eltern. Das schrieb ich 1997 zum 50. Jahrestag der Unabhängigkeit Indien. Heute, 28 Jahre später, hat sich an dem freien Leben für diese Gesellschaftsschicht wenig geändert. Stand eine Verheiratung an, dann war damals in den Wochenendausgaben der überregionalen Zeitungen zu lesen:
Hoch angesehener Vegetarier, Antialkoholiker, Brahmanenverbindung 29/158, Klosterschülerin, promovierte Universitäts-Assistentin, baldige Heirat. Bis heute hat sich an dieser Art, sein Kind auf dem Heiratsmarkt anzubieten, nichts geändert: „Schönes, dünnes, hellhäutiges Brahmin Mädchen“ – „häusliches Bansal Mädchen“ – „Punjabi Arora Mädchen aus respektabler und gebildeter Geschäftsfamilie“. Oder auch „jungfräulicher Junggeselle, 39 Jahre alt, sieht aus wie 30, 180 Zentimeter groß, hell, sehr ansehnlich, Vegetarier, Nichtraucher, Abstinenzler, MA-Psychologie, eingeschrieben zur Promotion, Autor von Büchern, war in den USA . . . wird ganz sicher berühmt werden" –
Die Inhalte der Anzeige passen sich dem Zeitgeist an, deshalb wird heute in Online-Zeitungen inseriert oder in speziellen online-Portalen für Heiratswillige. Zudem findet man heute nicht nur Rubriken für Hindus aller Kasten, sondern auch Inserate von und für Moslems, Christen und für Geschiedene. Diese Sparte wäre früher undenkbar gewesen. Man hat aber durchaus heute noch den Eindruck, es handle sich um eine beschädigte Ware. Häufig sind es nicht die Eltern, die eine Zweitehe vermitteln wollen, sondern die oder der Geschiedene selbst.
So heißt es: „Sauber rasierter Sikh, eigenes Haus, Vegetarier, geschieden, sucht schöne Frau, Kaste spielt keine Rolle.“
Nur wenige Wochen später kann das Geschäft perfekt sein. Dazu gehört vor allem die Höhe des Brautgelds in Form von Bargeld, Goldschmuck, Auto, Kühlschrank, Vespa, Eigentumswohnung, Studiengeld des Bräutigams im Ausland, Umzug des Paares ins Ausland. Der Phantasie und der Habgier der Eltern des Mannes sind keine Grenzen gesetzt. Und weil man seine Tochter möglichst in höhere Kreise verheiraten möchte, verschulden sich die Brauteltern für die nächsten Jahrzehnte oder holen den Verlust bei der Heirat des Sohnes wieder zurück. In der indischen Online-Zeitung „LiveWire“ las ich 2023: „Brautgeld in Kerala: ‚Glückwunsch zur Hochzeit! Welches Auto bekommst du?’“
In manchen entlegenen Regionen Indiens werden die Mädchen schon als Kinder verheiratet oder verlobt, obwohl das rechtlich verboten ist. Und zum Glück bewirkt die Modernisierung und Aufklärung durch Funk und Fernsehen ein Umdenken.
Die indische Frauenrechtlerin und Journalistin Moitri Chatterjee erzählte mir einmal, daß in den alten, religiösen Texten in Indien festgelegt war, daß ein Mädchen noch vor der Pubertät verheiratet werden sollte. Die Eltern standen damals unter enormem Druck, wenn ihre Tochter vor dem Einsetzen der Periode noch nicht verheiratet war. Das ging sogar so weit, daß eine solche Familie gemieden und exkommuniziert wurde, und deshalb mußte das Mädchen irgendwie verheiratet werden. Denn ein Mädchen kann vor Erreichen der Pubertät nicht schwanger werden. Wenn also das Mädchen verheiratet ist, lastet auf den Eltern nicht der Druck, den Nachweis der Jungfernschaft erbringen zu müssen. Diese Regelung war aus heutiger Sicht furchtbar, aber man glaubte daran.
Das Dowry-System – wie man die Brautgeldtradition nennt – war aber auch eine Entschädigung für den Ausschluß aus der Erbfolge. Die Frau ist schon bei ihrer Geburt der Besitz eines anderen, deshalb legte man vielfach nicht allzu viel Wert auf die teure Bürde. Daß Mädchen nach der Geburt ermordet werden, hat in Indien eine lange Tradition. Wer es sich leisten kann, läßt heute das Geschlecht am Anfang der Schwangerschaft bestimmen und treibt dann ab, falls es ein unerwünschtes Mädchen ist.
Verschiedene Studien bestätigten, dass in Indien weibliche Babys öfter sterben als männliche. Die Todesrate der Mädchen, so heißt es in den Studien, ist fast ein Drittel höher, was daran liegt, dass sie weniger willkommen sind als Jungen und schlechter behandelt werden, auch medizinisch. Mädchen, so die Forscher, werden immer wieder von Eltern umgebracht. Die tödliche Diskriminierung führt dazu, daß laut einer Volkszählung in Indien 2011 auf 1000 männliche Neugeborene nur 914 weibliche kamen. In den meisten Ländern ist das umgekehrt. Und immer mehr Schwangere treiben Mädchen ab. Das ist kein Problem mehr mit den billigen Methoden der Geschlechtsbestimmung vor der Geburt. Der Ultraschall ist ein Killer für das weibliche Geschlecht.
Daß Frauen nach der Hochzeit misshandelt, vergewaltigt, häufig getötet oder in den Tod getrieben werden ist ein Phänomen der Moderne. Auf diese Weise sollen zusätzliche Konsumgüter erpresst werden; oder man tötet, um noch einmal heiraten zu können. Das geschieht vor allem bei Angehörigen der unteren Mittelschicht, die in der Anonymität der Großstädte leben und am Wohlstand der anderen teilhaben möchten. Doch Brautgeldmorde passieren ebenso auf dem Land. In den Großstädten Indiens ist es nicht selten, daß eine Frau dank ihrer Bildung wohlhabend und selbstbestimmt lebt, ganz gleich, ob verheiratet oder Single. Was einen Mann schmückt, kann für eine Frau tödlich sein.
Nach Angaben des National Crime Records Bureau existiert eine neue Form der Unterdrückung unabhängiger Frauen. Sie ist in diesen Fällen nicht Opfer des Brautgeldsysstems, sondern von Neid und Mißgunst.
Die Umfrage ergab, daß alarmierende 78 % der Frauen berichteten, dass sie mehrfach psychisch belästigt wurden, während fast ein Drittel beschimpft oder verspottet wurde und 28 % mit sozialer Ächtung und Boykott konfrontiert waren. Die Frauen, die beschuldigt wurden, „Hexen“ zu sein, sahen sich auch wirtschaftlicher Gewalt, dem erzwungenen Verzehr menschlicher Fäkalien, dem Rasieren des Kopfes, sexueller Gewalt und sogar Mord ausgesetzt, so der Bericht. Rund 84 % der Frauen gaben außerdem an, dass sie unter körperlichen und psychischen Krankheiten litten, seit sie als Hexen abgestempelt wurden.
Aus übler Nachrede wird psychische Gewalt und offene körperliche Züchtigung. Auslöser sind weniger die Nachbarn als die eigene Familie: Männer und Frauen, die den Erfolg und die Eigenständigkeit ihrer Verwandten nicht ertragen können. Die Familie will Frauen kontrollieren und domestizieren.
Häufig wird die Kontrolle der Frau mit der Unkontrollierbarkeit der Männer begründet. Deshalb müssen die Mütter und Väter ihre Töchter vor der Bedrohung durch den Mann schützen.
Noch heute glauben viele der konservativen Familien, dass Frauen grundsätzlich den Männern unterlegen sind. Lehnen sie sich dagegen auf, dann können die Frauen auch psychisch krank oder sogar getötet werden.
Angesichts dieser dunklen Seite des gesellschaftlichen Umgangs mit Frauen sind es eben Frauen, die die Familien zusammenhalten.
Frauen waren vielfach die Nutznießer von Mikrokrediten, um ein kleines Geschäft zu eröffnen. Seit vielen Jahren gibt es in Gujarat die von Ila Bhatt gegründete Organisation SEWA für Frauen. Sie gründeten Kooperativen und eine Bank für Frauen. Vor Jahren besuchte ich die Organisation und beobachtete, wie Gruppen fröhlicher Frauen aus den Dörfern zur SEWA Bank kamen und ihre Gelder einzahlten. Sie trugen weite, buntbestickte Röcke und zahllose Armreifen aus Elfenbein und silberglänzendem Metall. Weil die Männer in den Dörfern oft dem Alkohol verfielen, wurden die Frauen zu den Ökonomen der Familien, so sagte man mir.
Es waren auch Frauen, die an einer Wegkreuzung auf den Milchwagen ihrer Kooperative warteten und mich zum Essen in ihren kleinen Unterstand einluden. Diese Frauen traten heiter und frei auf und waren gleichzeitig eingebunden in die strengen gesellschaftlichen Strukturen und Gesetze ihrer Clans und Kasten. Seitdem über ein Jahrzehnt die fundamental-hinduistische Regierung, die BJP von Ministerpräsident Modi das Land regiert, werden Andersdenkende und Andersgläubige unnachgiebig verfolgt.
Andererseits möchte die Regierung wie ein moderner westlicher Staat wahrgenommen werden, deshalb soll jeder Bürger ein Bankkonto besitzen. In jüngster Zeit animieren Investoren das Geld auf dem Konto nichts zu sparen, sondern zu investieren. Mitte Dezember gab der Regierungschef in der bettelarmen Provinz Haryana den Startschuss für ein Programm, bei dem Frauen Finanzkompetenz lernen sollen und dafür drei Jahre lang ein Stipendium von insgesamt 18.000 Rupien erhalten (200 Euro). Und es sind Frauen wie Priya aus dem Slum Shahbad Dairy in Delhi, die nun mit Unterstützung des Investment Plans von Aditya Birla Sun Life (einem indisch-kanadischen Konzern) jeden Monat mindestens 250 Rupien (2,80 Euro) investieren können. Versprochen ist eine Rendite von 12 Prozent im Jahr, wenn es denn so viel wird.
Im Raume Kochi, das ungefähr 300 km südlich von Kannur an der Küste von Kerala liegt, haben sich über hundert Frauen einem Verbund unabhängiger Unternehmerinnen zusammengeschlossen. Nun versuchen auch Unternehmerinnen aus dem Bezirk Kannur den Zusammenschluss. Noch gehören sie zum Verbund von Kochi, so erzählte Rosie, die ein kleines Homestay betreibt, das ist eine Art Pension wo die Gäste gemeinsam mit der Familie das Frühstück einnehmen und zu Abend essen. Wenn einmal genügend Frauen aus ihrer Region zum Netzwerk gehören, dann soll es eigenständig werden. Doch was ist die treibende Kraft, so ein Netzwerk aufzubauen? In Indien werden Frauen immer noch marginalisiert, so erzählt Rosie. Wenn sich die Frauen unter männliche Unternehmer mischen, dann werden ihnen Plätze in den hinteren Reihen zugwiesen, - eine wirksame Strategie, nicht wahrgenommen zu werden.
Indien ist ein Staat voller Widersprüche. Als vor einiger Zeit in Kolkata eine junge Ärztin im Bereitschaftsdienst brutal vergewaltigt und ermordet wurde, gingen Tausende auf die Straße, um für mehr Schutz und Respekt für Frauen zu demonstrieren. Auch die Ministerpräsidentin demonstrierte. Aber letztlich hat sie es nicht geschafft, in fast zwei Jahren, den Fall aufzuarbeiten oder gar Veränderungen einzuführen. Wenn es um Machterhalt geht, wählen Frauen nicht unbedingt den Schutz ihrer Geschlechtsgenossinnen.
Erstellungsdatum: 31.03.2025