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Nach der Machtübernahme der Taliban tauschten sich 22 afghanische Autorinnen in einer WhatsApp-Gruppe ein Jahr lang aus. Während die meisten das Land inzwischen verlassen haben, musste Maryam bleiben. Auf den Rollstuhl angewiesen, vermittelt die Poetin mit ergreifenden Bildern und Worten ihre Gedanken und Gefühle. Das Podcast-Gespräch zwischen Anita Djafari und Daniela Leykam, Programmleiterin Kunst und Kultur bei der KfW-Stiftung, vermittelt einen Einblick in den enormen Kraftakt, die Texte der Schriftstellerinnen für die Publikation „Tagebuch“ zu sammeln und zu übersetzen.
Der Quittenbaum steht reglos da, nur wenn die Evakuierungsflugzeuge
über ihn hinwegfliegen, zittern seine Blätter sanft und
saugen noch immer das Sonnenlicht auf. Das Fenster ist offen.
Mein stiller Raum füllt sich mit dem Wind, der durch die Berge
gegangen ist, um sich für einen kurzen Moment bei einer
Schriftstellerin niederzulassen.
Diese Schriftstellerin ist Maryam. Sie bildet in diesem kollektiven Tagebuch einer Frauenschreibgruppe so etwas wie das poetische Zentrum. Sie ist eine von 22 Frauen, die sich in einer WhatsApp-Gruppe getroffen haben, um sich über den Zeitraum von einem Jahr auszutauschen ab dem Tag der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021, dem Tag, an dem Kabul gefallen ist. Es sind Frauen, die schon lange in einer Schreibgruppe zusammengearbeitet haben. Neben ihrer Familienarbeit, ihren zum größten Teil akademischen Berufen. Frauen, die ehrgeizige Pläne und Träume hatten. All das soll ihnen jetzt verwehrt werden. Erneut.
Aber sie schreiben weiter, unter sehr erschwerten Bedingungen, denn jetzt ist es gefährlich. Sie teilen ihre Sorgen, Befürchtungen, Ängste, aber auch Hoffnungen, sie berichten sich gegenseitig von ihrer Lage und ihren Plänen. Es sind ganz unterschiedliche Frauen, in völlig unterschiedlichen Situationen. Die meisten von ihnen wollen gehen.
Maryam, die scharfsinnige Beobachterin, die jeden Tag ein Buch liest, kann nicht gehen. Sie lebt bei ihrer Familie, alle wissen, dass sie schreibt, nur ihr Vater nicht.
Seit Monaten habe ich meinen Rollstuhl nicht mehr verlassen.
Zarte kleine Federn tanzen um meinen Kopf. Sind es
Schmetterlinge – oder doch Blüten der Quitte, die sanft vom Baum gleiten?
Was für eine Kraft steckt in dieser Poesie. Und die Zitate von Maryam sind „nur“ ein Beispiel aus der Fülle dieser Texte, die weit mehr sind als WhatsApp-Nachrichten. Allen Texten merkt man die literarische Begabung und Erfahrung dieser Frauen an, sie finden beeindruckende Bilder und Worte für ihre Gedanken und Gefühle, sie sind kreativ. Diese Frauen müssen schreiben.
Dass dieses einmalige Zeugnis einer Machtübernahme überhaupt für uns zugänglich ist, verdanken wir verschiedenen Institutionen, allen voran der englischen Plattform „Untold Narratives“, die abgesehen von der Organisation der Gruppe auch die Arbeit der Übersetzung aus dem Dari (Farsi/Persisch) oder Paschtun ins Englische übernommen hat. Ein Kraftakt über viele verschiedene Ecken, den man nicht genug würdigen kann.
Und dass das „Tagebuch“, ebenso Zeugnis beispielloser Solidarität und großen Mutes, jetzt auch auf Deutsch vorliegt, verdanken wir dem verlegerischen Engagement der Verlegerin Nicola Stuart aus dem Verlag Jacoby & Stuart, die auch die Übersetzung aus dem Englischen besorgt hat.
Daniela Leykam hat mit ihrer Arbeit in der KfW-Stiftung ebenfalls an dem Projekt mitgewirkt, zusammen mit den Kolleginnen von „Untold Narratives“ und „Weiterschreiben“ in Berlin. In unserem Podcast-Gespräch erzählt sie ausführlich, wie sich diese komplizierte und wertvolle Arbeit gestaltet hat und noch viel mehr.
Die meisten afghanischen Schriftstellerinnen haben inzwischen das Land verlassen können und sind quer über den Globus untergekommen, von Kanada bis Italien, von Australien bis Deutschland. So wie Marie, die jetzt hier lebt und in einem kurzen Intro in unserem Podcast dazu aufruft, dieses Buch zu lesen.
Maryam ist in Afghanistan und schreibt weiter.
Ich berühre den untersten Ast des Quittenbaums, um eine
süße goldene Frucht zu pflücken. Ich bin immer noch klein und
sitze in meinem Rollstuhl. Ich weiß, andere sind gegangen, in ein
anderes Land gezogen, um in Sicherheit zu sein. Ich kann nicht einmal
diesen Baum erreichen. Ich werde ihn ohne Früchte sehen,
wie er allein gegen den Herbstwind steht – ich werde sehen, wie
seine Blätter sich gelb verfärben, dann wird er ohne Blätter
sein, dann mit Blüten.
Plan B – Der Bücherpodcast © Buchhandlung Schutt & Anita Djafari

In der neuen Rubrik „Übersetzungen“ stellen wir in loser Folge übersetzte Literatur aus dem „Litprom-Kosmos“ vor: Bücher aus dem globalen Süden, denen wir viele Leserinnen und Leser wünschen. Nicht immer, aber immer öfter kommen auch die Übersetzerinnen und Übersetzer selbst dabei zu Wort. Einen Textauszug als Leseprobe gibt es dazu.
Diese Rubrik betreut Anita Djafari vom Litprom-Freundeskreis. Vorschläge für Beiträge bitte direkt an: anita.djafari@posteo.de
Erstellungsdatum: 19.02.2026