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Wulf Noll über „English made in China” von Ouyang Jianghe

Diese Himmelsfrage, schwer von Träumen

Wulf Noll


Ouyang Jianghe. Foto: Privat

China bringt uns enorm viel Billiges, doch was uns teuer ist, lässt es ungern aus dem Land. So ist es recht selten, dass wir Literatur aus China zu Gesicht bekommen. Und schon gar Lyrik! Ouyang Jianghe, einer der „Fünf Meister aus Sichuan“, gehört nun aber zu den bekannten Poeten des großen Reiches. Seine „langen und längeren Gedichte“ mit dem Titel „English made in China“ sind nun von Wolfgang Kubin neu übersetzt worden, – was nicht bedeutet, dass wir sie ohne Schwierigkeiten kennenlernen könnten. Wulf Noll stellt das Buch vor.

 

Der bekannte chinesische Dichter Ouyang Jianghe ist am 18.9.2026 siebzig geworden. Wolfgang Kubin brachte aus diesem Anlass eine neue Übersetzung heraus: „English made in China. Lange und längere Gedichte“. Ouyang gilt als einer der bedeutenden Dichter Chinas, der über die Landesgrenzen hinaus Beachtung findet und mehrfach auf dem Internationalen Literaturfestival in Berlin vertreten war. Die Ausführungen Walter Höllerers zum langen Gedicht sind bekannt, lange Gedichte sind philosophisch, sie lassen ein einfaches Verständnis nicht zu. Doch philosophische Texte sind nie rätselhaft, sie klären auf, poetische Texte tun das nicht. Sie bleiben rätselhaft, lassen allenfalls kurze Lichtblicke und kleine Erleuchtungen zu. Der Übersetzer bekundet selbst, dass er vor rätselhaften Schwierigkeiten stand, das dürfte vom Rezensenten ebenfalls gelten. Allerdings ist mir Ouyang Jianghe nicht unbekannt, ich konnte eine Rezension zu seinem Werk „Der Doppelphönix“ verfassen, das ebenfalls aus einem Langgedicht und längeren Gedichten besteht. Ouyang Jianghe (geb. 1956) gehört der posthermetischen Richtung (Hou-Menglong Shipai) in der chinesischen Gegenwartslyrik an, gemeinsam mit Wang Jiaxin (geb. 1957) und mit Zhang Zao (1962-2010).

„Der Doppelphönix“ inspirierte; der Geist der Veränderung, der Aufschwung, ja, das Libidinöse im „Doppelphönix“, sprachen mich an. Vieles war dunkel, mysteriös, aber aufwärtsstrebend. Lässt sich Ähnliches von „English made in China“ sagen? Nicht so durchgängig. Ich erinnere mich gern an meine nicht nur poesiebegeisterten StudentInnen in Ningbo und Qingdao, die von „Chimerica“ sprachen und dass China nicht nur ebenbürtig, sondern dem Westen kulturell überlegen sei. Mir gefiel das, der sogenannte Westen hat wirtschaftlich, kulturell und menschlich stark abgewirtschaftet. Im Titelgedicht „English made in China“ geht es um diese Amerikaner, denn sie „werden aus China ihr Englisch importieren“. Doch hier spricht ein Dichter, die Poesie steht im Mittelpunkt, nicht die Polemik: „Unsere Poesie war ein später Lenz, ein Spiegelbild der Jugend, / man gewann dem Dinglichen die Schönheit von Chinesisch ab, um sich so dem Erdreich verbindlich zu zeigen.“

Das titelgebende Gedicht ist neun Seiten lang und bemüht Moderne und alte Mythologien. Zu ihrer Zeit sorgten die Mythologien für Klarheit, das tun sie in unserer Zeit nicht mehr. Die Inhalte, aus der Erinnerung hervorgeholt, sind dekonstruktiv. Besitzen sie noch Wahrheitsgehalt? Sind sie noch interessant? Gelegentlich ja, wenn die Inhalte in einem anderen Kontext aufscheinen: Adam und Eva fügen sich Konfuzius. Und ein „paar Zeichen Orakelknochen reichen hin ein Leben lang. / Englisch, vom Buch der Wandlungen ausgewrungen, / hat jäh die Zeit verloren“ (S.11). Doch Ouyang lässt die Moderne in seinem Langgedicht nicht draußen, Wallstreet und Kungqu-Oper berühren sich, „WeChat und Lucky Money“ (S. 126) kommen dazu. Aber der Dichter ist nicht nur dunkel, sondern auch satirisch, und die USA geraten ins Hintertreffen: „Der amerikanische Traum hat seinen Träumen ein Hörgerät / verpasst: Die Stimme Amerikas spricht automatisch“ (S.12).

Eine poetische Auseinandersetzung mit dem Westen ergäbe eine klare Linie, aber die hat Ouyang Jianghe offenbar nicht. Das nachfolgende Langgedicht „Der Planet Ägypten“ springt in eine andere alte Kultur und setzt die Zeichen anders. „Planet Ägypten“ meint die 5000 Jahre alte ägyptische Hochkultur, die chinesische Kultur könnte mit ihr konkurrieren. Der allwissende Leser ist aber noch nicht geboren worden, wie soll er all die Gottheiten und Dynastien vor sich hersagen können? … Die Bibliothek von Alexandria, die im Gedicht mehrfach Erwähnung findet, von ptolemäischen Königen betrieben, setzt literarische und philosophische Akzente. Sie stammt aus dem dritten Jahrhundert vor und reicht bis ins dritte Jahrhundert nach unserer Zeitrechnung. Wir müssen keine Ägyptologen sein, poetisches Interesse genügt. Der Dichter spielt mit dem Verständnis des Lesers: Die „Zeit wird von Halluzinationen eingeteilt, Vergangenheit und Zukunft / sind keinesfalls eingleisig, einmal verschwunden, kehren sie ununterbrochen wieder“. Dann noch etwas komplexer: „das Wiedererscheinen späterer Generationen aber bleibt erneut verborgen in einem früheren Entschwinden“ (S. 23 und ähnlich S. 27).

Ein Aufhänger ist das Bild, die Metapher „Pyramide“. Pyramiden sind die Begräbnisstätten der Könige, der Pharaonen, die von hier aus ihren Weg in den Himmel zu den Göttern und zum höchsten Gott des Reiches, dem Sonnengott Re, nahmen. Ouyang Jianghe lässt diese Richtung nach oben bestehen, er sieht sogar „Himmel über den Himmeln“, freilich ohne respektierlich zu sein: „Anfang der Schöpfung, der Sonnengott zürnte vergeblich allem Sein, ein Niesen entwarf die Welt“ (S. 19). Zwar war China zu allen Zeiten grundlegend pragmatisch ausgerichtet, aber im Daoismus kam es doch zu paradoxen Gegenentwürfen, die auch im Chan-bzw. Zen-Buddhismus anzutreffen sind. Die Pragmatiker beziehen ihre Ordnung vom Himmel, der sich auf der Erde im Reich der Mitte spiegelt, die Metaphysiker (Daoisten, Zen-Buddhisten) schießen über das Ziel hinaus und suchen wie Lie Zi nach „der Kunst, auf dem Wind zu reiten“ oder folgen dem „Aufstand der Zauberer“. Meister Ouyang steht dazwischen. Für ihn ist „die Pyramide stets nahe“, und doch gibt es keine Antwort: „Eine moderne Seele, wie sollte sie diese Himmelsfrage, schwer von Träumen, beantworten?“ (S. 29) Die Antwort gelingt nicht. Als Chinese hat er viel zu viel Respekt vor dem Himmel im Gegensatz zu amerikanischen und europäischen Autoren.

Als Dichter genießt man dichterische Freiheiten, als Wissenschaftler nicht. Auch der Leser genießt diese Freiheiten, und man kann mit unserem mysteriösen Dichter durch die poetischen Gefilde schweben. Die alten Griechen kannten ihrerseits das Hinaufschweben (pathos) und das Hinabsinken (bathos). Das geschieht so bei Ouyang Jianghe auch. Mal gleitet man nach oben, mal stürzt man in den Abgrund, manche hoffen dabei auf Erleuchtung (Satori). In seinem langen Gedicht „Die Wege des Algorithmus, die Wege von Buddha“ kommt es zu stark gemischten Erkenntnissen. Das zeitlose Alter der „Abakuskugeln“, dessen „Klacken“ auf ländlichen Märkten in China noch zu hören ist, wird vom Algorithmus in den Rechenmaschinen und Computern grundsätzlich abgelöst (S. 57).

Der Vorgang erfährt eine philosophische Zuspitzung: „Der Algorithmus blinzelt, Buddhas Handflächen sind beieinander. / Die acht mentalen Methoden werden gewendet und winden sich, / sie bilden Kreise überlappender Phantomglieder, / bilden einen gemeinschaftlichen Kreis“ (S. 62). Man glaubt, in einem ZEN-Kloster zu sitzen: „Das Selbst, befreit entzieht es sich“ (ib.). Aufmunternd bei der Lektüre ist, dass die „tausendhändige Guanyin“, auch die „Sichuaner Oper“ zwischendurch im Gedichttext aufblitzen und die Stimmung verändern. Kritik, auch Satire lässt der Dichter zu, wenn er von einem „fetten Rattenchor auf der Kopfstraße der PhDs“ spricht. Mag er am Ende keine Doktoren? Oder stellt er bloß sine ira et studio Sachverhalte fest, was ohnehin auf lapidare Weise feststeht: „Frühling und Herbst, Punkt und Komma, Klassik und Moderne“ wechseln einander ab (S. 58).Ein Glück für den Leser, dass kurze Gedichte wie „Das alte Qingdao“ und „Zwischenkaffee“ folgen. Das alte Qingdao! Wie alt? Von 1898-1914 war es von Deutschen unter Wilhelm II. als Kolonie in Besitz genommen ... Bleiben wir beim „Zwischenkaffee“. Da wird man von Ouyang in den poetischen Zustand versetzt: „Diese eine Tasse ist wesentlich ein Kaffee der Wolken, / zu trinken gen Sonnenglanz und ihrem Wesen, man trinkt heraus das Dunkle der Nacht, / gen psychische Abteilung trinken, da läßt sich der Animismus herbeitrinken“ (S. 35) ... Das ist nicht schlecht; hier wird der Dichter durchaus authentisch als Psychonaut aufgefasst, sonst eher als poeta doctus oder als poet critic. Aber ob es bis zum Animismus gehen muss, sei dahingestellt.

Dazu kommt es auch nicht, der poetische Kontext bleibt im Vordergrund: „Wolkenkaffee war für Majakowski / stets eine Wolke mit Socken, / für Li Bai ein Vogel über dem Jingting Shan“ (ib.) ... Was heißt das? Menschen sind stets auf der Suche nach ihrem Weg und nach sich selbst. Symbolisch gesehen, befinden die heutigen Menschen sich nicht nur in China zwischen einer „unsichtbaren Stadt und Groß Shanghai“, „zwischen „halbem Ich und massenhaftem Ich.“ Selbstentfremdet, erreichen sie sich selbst nicht mehr, was für den Dichter ebenfalls gilt, der aber darüber Bescheid weiß. Immerhin bleibt eine Erkenntnis, die Erkenntnis der Unsicherheit und der Relativität: „Das Paradies ist auch nicht sicherer als diese Tasse Kaffee“, die wahrscheinlich gleich vom Tisch fällt (S. 36).

Nur einige Poeme kann ich betrachtend auswählen, in der Hoffnung, dass dies den einen oder anderen Leser zur Lektüre anregt. Das könnte das Gedicht „Adonis ist da!“ sein, das einen Stimmungswechsel vermuten lässt. Wer denkt nicht an den wunderschönen Jüngling und Geliebten der Aphrodite? Nach einem heftigen Streit zwischen der Liebes- und der Unterweltgöttin fasste der großmütige Zeus den weisen Entschluss, dass Adonis einen Teil des Jahres bei Aphrodite in der Oberwelt und den anderen bei Persephone in der Unterwelt verbringen soll. Wie schön! Tiefsinnige polyamore Verhältnisse reichen bis weit in die Antike, aber auch ins chinesische und japanische Altertum zurück. Wolfgang Kubin weist allerdings in einer Anmerkung darauf hin, dass „Adonis“ auch das Pseudonym des berühmten syrisch-libanesischen Dichters Ali Ahmad Said ist, der mit seiner neuartigen Dichtung unter einem mythischen Namen für die moderne arabische Lyrik steht und deshalb von Ouyang in sein „Hohes Lied“ der Poesie aufgenommen wird.

Ezra Pound beeindruckte in seinen „Cantos“ durch formale Gestaltung. Das ist bei Ouyang Jianghe in seinen Prosagedichten weniger der Fall. Trotzdem lässt der Dichter eine eigene Haltung erkennen. In dem Großgedicht „Fragmente einer lyrischen Sprache im Zeitalter von eigenen Gnaden (2016)“ (S. 114-139) – und nicht bloß im technischen Zeitalter, was an Walter Höllerer denken lässt, der 1961 die von ihm gegründete und so benannte Literaturzeitschrift herausgab – werden die Überlagerungen gefeiert: „Man kann die Sprache des Netzes benutzen, eine Sprache auf Leben und Tod.“ Die Fänge, die ins Netz gehen, sind in Qualität und in Quantität nicht vorhersehbar. Überlagerungen, Netze …, dass man als Dichter dabei „einen westlichen Anzug über einer Kleidung aus der Tang-Zeit tragen“ kann (S. 128), lässt an eine postmoderne Dichtungskonzeption denken. Diese besteht im „doppelten Code“ bzw. in der „Mehrfachcodierung“, die von Denkern am Ende des 20. und mit Beginn des 21. Jahrhunderts herangezogen wurde, wenn etwas modern und postmodern zugleich sein soll. Ouyang, der chinesische Dichter, mischt da mit paradoxen Äußerungen mit. Er neigt jedoch zu daoistischen Übertreibungen und Zuspitzungen, wenn er schreibt: „Ein kartesianischer Fluchtpunkt: / Ich denke, also existiere ich nicht“ (S. 129).

Möchte er Descartes umdrehen? Das geht nicht und wäre falsch: Die vermeintliche Gedankenfreiheit des Buddhismus oder anderer Mystiken im „erlösten Zustand“ kann das Denken nicht ersetzen. Der „erlöste Zustand“ ist eine Fiktion. Solange wir leben, denken wir. Das gilt nicht nur für europäische Denker, sondern für chinesische Denker seit Mo Zi, Kong Zi, Meng Zi ebenso. Deren aktualisierendes Rezeptieren erfordert ein Weiterdenken. Das möchten Daoisten, die paradox denken, nicht unbedingt wissen. Wenn manche Metaphern Ouyang Jianghes in „English made in China“ fragwürdig und dunkel bleiben, hängt das auch damit zusammen, dass sich das Bewusstsein des Dichters – und damit der Dichtung – wegen der vielen neuen Einbrüche des Dystopischen verdunkelt („die Terroristen in der Tiefe der Wolken nehmen die Perücken ab“, S. 103). Das klingt noch harmlos, aber die Apokalypse droht längst. Das Weltbild hat den geordneten Rahmen verloren. Zukünftig herrscht keine Ruhe, sondern Unruhe. Alle Fluchtwege, selbst das Dichten, werden hinfällig. Das gefällt auch dem Dichter nicht, der in „einer Sprache auf Leben und Tod“ den Wirrnissen trotzen und dem dystopischen Untergang letztendlich doch etwas entgegensetzen möchte.

Ouyang Jianghe 
English made in China 
Lange und längere Gedichte
Aus dem Chinesischen, kommentiert und eingeleitet von Wolfgang Kubin 
189 S., geb.
ISBN 9783991141433
Bacopa Verlag, Schiedlberg/Österreich 2026 
  
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Erstellungsdatum: 01.11.2026