MenuMENU

zurück

Über Gustav Klimts Bildnis des Fräulein Lieser

Durch die Hintertür als echt beglaubigt

Rolf Schönlau


Gustav Klimt (1862-1918): Fräulein Lieser (Gemälde 1917, Ausschnitt). Foto: wikimedia commons

Am 22. Februar 2024 kündigte das Wiener Auktionshaus „im Kinsky“ eine „grandiose Wiederentdeckung“ für die Versteigerung drei Tage später an. Es handelte sich um das Bildnis des Fräulein Lieser, gemalt von Gustav Klimt. Nicht nur dieses Bild hat seine geheimnisvolle Geschichte; auch die Umstände seiner Entstehung sowie die Identität der Porträtierten geben Rätsel auf, die sich wohl nie so ganz aufklären lassen. Rolf Schönlau berichtet von Fräulein Lieser in Öl.

 

Dass eine Ermittlungsakte auch immer als Blaupause gelesen werden kann, Aufklärung als Handlungsanleitung dient, leuchtet unmittelbar ein. Ob nun als Mittel zur Fehlervermeidung oder als konkretes Beispiel, aus dem allgemeine Schlüsse zu ziehen sind, das Studium früherer, auch misslungener Versuche ist unverzichtbar für Planung und Skizzierung eines Coups. Die theoretische Vorarbeit speist sich aus derselben Antriebskraft wie jede andere technische oder literarische Erfindung.

Im hier durchdeklinierten Fall geht es um ein nicht ganz vollendetes Gemälde von Gustav Klimt, das nach dem Tod des Malers im Februar 1918 spurlos aus seinem Atelier verschwunden sein soll. In Klimts Notizbuch sind für April und Mai 1917 Einträge für neun Porträtsitzungen eines Fräulein Lieser und Vermerke über zwei diesbezügliche Anzahlungen zu finden. Induktionsschluss: Man kombiniere das Phantomwerk eines berühmten Malers mit dessen Aufzeichnungen, um einen Notnamen zu gewinnen. Dieser sollte möglichst eingängig sein und idealerweise Assoziationen zu einem allgemein bekannten Werk der Kunstgeschichte wecken. (Es schadet nicht, wenn es sich dabei um ein weltberühmtes Gemälde handelt.)

Natürlich bedarf es einer beglaubigten Bildquelle, um das scheinbar verloren gegangene Werk identifizieren zu können. Zwei auf 1917 datierte Bleistiftzeichnungen Klimts, die zweifelsfrei als Vorstudien für das Bildnis Fräulein Lieser anzusehen sind, leisten hier ideale Dienste. Nicht minder das in Werkverzeichnissen und Katalogen abgebildete Negativ eines Schwarz-Weiß-Fotos, aufgefunden in einem Kuvert, versehen mit dem Vermerk: „1925 im Besitz von Frau Lieser, IV. Argentinierstr. 20“ – die Wiener Adresse der im Holocaust ermordeten Henriette „Lilly“ Lieser, Mäzenin von Alban Berg und Arnold Schönberg.

Merke: Prominente Namen im Umkreis einer ehemaligen Eigentümerin nobilitieren das Werk. Die Verknüpfung mit einem Holocaustopfer ruft zwar das Thema Raubkunst auf den Plan und damit die Frage nach der Provenienz, doch wenn, wie im aktuellen Beispiel, mit den möglichen Erbberechtigten eine Einigung bezüglich etwaiger Restitutionsansprüche im Sinne der Washington Principles erzielt wird, ist die Vorgehensweise nicht nur mustergültig, sondern wirkt auch zurück auf die Authentizität eines Gemäldes, dessen Existenz nur aus Vorstudien und Ablichtung abzuleiten ist: Das Bildnis Fräulein Lieser wird von der versammelten Nachkommenschaft des Modells quasi durch die Hintertür als echt beglaubigt.

Erstellungsdatum: 07.05.2026