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Zum 80. Geburtstag von Susan Sarandon. Ein Porträt von Marli Feldvoß

Ein Bild für die Filmgeschichte

Marli Feldvoß


Susan Sarandon 2026 Foto: Wikimedia Commons

Susan Sarandon hat Frauen gespielt, die sich nicht mit den ihnen zugedachten Rollen abfinden: selbstbewusst, verletzlich, eigensinnig und immer ein wenig unbequem. Von der verführerischen Sally in „Atlantic City“ bis zur Louise in „Thelma und Louise“ und zur Schwester Helen in „Dead Man Walking“ verkörpert sie Figuren, die Widerstand leisten – gegen Männer, gegen Erwartungen und nicht zuletzt gegen die Regeln Hollywoods. Zu ihrem 80. Geburtstag erinnert Marli Feldvoß an eine Schauspielerin, die sich nie auf Männerfantasien reduzieren ließ. 

 

 

In „Thelma und Louise“ (Regie: Ridley Scott, 1991) bringt Susan Sarandon als Louise, den Finger bereits am Abzug, einen bis heute gültigen Satz auf den Punkt: „Wenn eine Frau schreit und weint, dann hat sie keinen Spaß.“ 

So mancher Kritiker-Kollege träumt noch heute von dem Mädchen mit den Zitronenhälften, das sich, am Fenster gegenüber, selbstverloren die nackte Haut mit Zitronensaft einreibt. Ein Bild für die Filmgeschichte. Die rotgelockte Susan Sarandon alias Sally, die Abenteurerin. Geschickt verbindet Louis Malle den Zuschauerblick mit dem sehnsüchtigen Blick des alternden Gangsters Lou, gespielt von Burt Lancaster, der die Begehrte tatsächlich erobern wird, für eine Nacht. Dann aber verlässt Sally ihn wieder und lässt seine prall gefüllte Brieftasche mitgehen. Burt Lancaster soll es nicht gefallen haben, dass Sally ihn aus freien Stücken sitzenlässt; er wollte ihr den Laufpass geben. Aber Susan Sarandon sträubte sich gegen die Objektrolle; sie war immer mehr als eine Männerphantasie.

Sally in „Atlantic City“ war eine der ersten selbstbewussten Frauenfiguren in Susan Sarandons Rollenrepertoire, wenn sie auch damals, 1980, so etwas wie ein Sexsymbol war und vom „Playboy“ wegen ihrer schönen Brüste gefeiert wurde. Susan Sarandon erhielt für die Rolle der Sally ihre erste Oscar-Nominierung und stand als nicht mehr ganz junger Nachwuchsstar  in einer Reihe mit Meryl Streep und Katharine Hepburn. Nicht schlecht für den Anfang. Inzwischen gehört Susan Sarandon, die zufällig bei der Schauspielerei landete, weil sie mit 20 den Schauspieler Chris Sarandon heiratete, zur Riege der großen amerikanischen Stars, dreht jährlich einen Film und hat scheinbar mühelos die kritische Altersgrenze jenseits der vierzig überwunden. Ist sie die berühmte Ausnahme von der Regel?

Susan Sarandon: „Ich gelte in Amerika als eine europäische Schauspielerin. Vielleicht heißt das, dass ich vor allem Filme drehe, die kein Geld einspielen, intelligente Filme, in denen es nicht so viele Explosionen gibt. Ich werde als jemand gesehen, die außerhalb des großen amerikanischen Bildes steht. „Der Klient“ war nicht gerade ein Kassenknüller. Ich habe nichts gegen große Filme, aber ich glaube, dass es außerhalb Amerikas vielleicht mehr Interesse an kleinen Filmen gibt, die von den Schauspielern leben. Wir dachten auch, dass „Dead Man Walking“ nur auf Video herauskommt. Wir ahnten nicht, dass wir das Geld zusammenkriegen würden für einen Film über einen Schwerverbrecher und eine Nonne, mit dem Wörtchen „Tod“ im Titel. Wir haben die amerikanischen Zuschauer falsch eingeschätzt. Die Leute hatten nichts gegen einen schwierigen Film. Viele haben den Film gesehen, er ist ganz gut gelaufen für einen Film über eine Nonne und einen Verbrecher.

Susan Sarandon hat ihren Oscar für die Rolle der Sister Helen Préjean endlich gekriegt in einem Film, den sie unbedingt machen wollte, den sie ihrem Lebensgefährten Tim Robbins zur Verfilmung ans Herz gelegt hatte, in dem sie, als wahre Dienerin Jesu, ungeschminkt auftritt und quasi ein Plädoyer gegen die in Amerika derzeit wieder heftig diskutierte Todesstrafe hält – eine Rolle, die man in Amerika normalerweise als Karrierekiller ansehen würde.
Louis Malle hat einmal über Susan Sarandon gesagt, dass sie eine Person sei, die Unsicherheit, Risiko und Instabilität brauche, dass sie durch kalkulierten Starruhm unfrei werde. Vielleicht liegt darin das Geheimnis, dass sich die linksintellektuelle eigensinnige Schauspielerin trotz alledem mit ungewöhnlichen starken Frauenrollen durchsetzen konnte.

Susan Sarandon: „Ironischerweise werden meine Rollen in den letzten zehn Jahren immer als starke Frauenrollen angesehen. Nur, wenn ich sie spiele, kommen sie mir sehr verletzlich vor. Es sind Frauen, die am Ende etwas Großartiges vollbringen, aber sie müssen dafür viele Opfer bringen. Sei es, dass sie ihren Freund verlassen oder sogar sterben müssen. Ich interessiere mich nicht wegen ihrer Stärken für sie, sondern wegen ihrer Schwächen. Deshalb gefiel mir die Geschichte von Schwester Helen so gut, weil sie so viele Fehler gemacht hat. Es ist total langweilig, jemanden zu spielen, der perfekt ist."

Erstellungsdatum: 05.10.2026