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Zum 80. Geburtstag von Susan Sarandon. Ein Porträt von Marli Feldvoß

Susan Sarandon hat Frauen gespielt, die sich nicht mit den ihnen zugedachten Rollen abfinden: selbstbewusst, verletzlich, eigensinnig und immer ein wenig unbequem. Von der verführerischen Sally in „Atlantic City“ bis zur Louise in „Thelma und Louise“ und zur Schwester Helen in „Dead Man Walking“ verkörpert sie Figuren, die Widerstand leisten – gegen Männer, gegen Erwartungen und nicht zuletzt gegen die Regeln Hollywoods. Zu ihrem 80. Geburtstag erinnert Marli Feldvoß an eine Schauspielerin, die sich nie auf Männerfantasien reduzieren ließ.
In „Thelma und Louise“ (Regie: Ridley Scott, 1991) bringt Susan Sarandon als Louise, den Finger bereits am Abzug, einen bis heute gültigen Satz auf den Punkt: „Wenn eine Frau schreit und weint, dann hat sie keinen Spaß.“
So mancher Kritiker-Kollege träumt noch heute von dem Mädchen mit den Zitronenhälften, das sich, am Fenster gegenüber, selbstverloren die nackte Haut mit Zitronensaft einreibt. Ein Bild für die Filmgeschichte. Die rotgelockte Susan Sarandon alias Sally, die Abenteurerin. Geschickt verbindet Louis Malle den Zuschauerblick mit dem sehnsüchtigen Blick des alternden Gangsters Lou, gespielt von Burt Lancaster, der die Begehrte tatsächlich erobern wird, für eine Nacht. Dann aber verlässt Sally ihn wieder und lässt seine prall gefüllte Brieftasche mitgehen. Burt Lancaster soll es nicht gefallen haben, dass Sally ihn aus freien Stücken sitzenlässt; er wollte ihr den Laufpass geben. Aber Susan Sarandon sträubte sich gegen die Objektrolle; sie war immer mehr als eine Männerphantasie.
Sally in „Atlantic City“ war eine der ersten selbstbewussten Frauenfiguren in Susan Sarandons Rollenrepertoire, wenn sie auch damals, 1980, so etwas wie ein Sexsymbol war und vom „Playboy“ wegen ihrer schönen Brüste gefeiert wurde. Susan Sarandon erhielt für die Rolle der Sally ihre erste Oscar-Nominierung und stand als nicht mehr ganz junger Nachwuchsstar in einer Reihe mit Meryl Streep und Katharine Hepburn. Nicht schlecht für den Anfang. Inzwischen gehört Susan Sarandon, die zufällig bei der Schauspielerei landete, weil sie mit 20 den Schauspieler Chris Sarandon heiratete, zur Riege der großen amerikanischen Stars, dreht jährlich einen Film und hat scheinbar mühelos die kritische Altersgrenze jenseits der vierzig überwunden. Ist sie die berühmte Ausnahme von der Regel?
Susan Sarandon: „Ich gelte in Amerika als eine europäische Schauspielerin. Vielleicht heißt das, dass ich vor allem Filme drehe, die kein Geld einspielen, intelligente Filme, in denen es nicht so viele Explosionen gibt. Ich werde als jemand gesehen, die außerhalb des großen amerikanischen Bildes steht. „Der Klient“ war nicht gerade ein Kassenknüller. Ich habe nichts gegen große Filme, aber ich glaube, dass es außerhalb Amerikas vielleicht mehr Interesse an kleinen Filmen gibt, die von den Schauspielern leben. Wir dachten auch, dass „Dead Man Walking“ nur auf Video herauskommt. Wir ahnten nicht, dass wir das Geld zusammenkriegen würden für einen Film über einen Schwerverbrecher und eine Nonne, mit dem Wörtchen „Tod“ im Titel. Wir haben die amerikanischen Zuschauer falsch eingeschätzt. Die Leute hatten nichts gegen einen schwierigen Film. Viele haben den Film gesehen, er ist ganz gut gelaufen für einen Film über eine Nonne und einen Verbrecher.
Susan Sarandon hat ihren Oscar für die Rolle der Sister Helen Préjean endlich gekriegt in einem Film, den sie unbedingt machen wollte, den sie ihrem Lebensgefährten Tim Robbins zur Verfilmung ans Herz gelegt hatte, in dem sie, als wahre Dienerin Jesu, ungeschminkt auftritt und quasi ein Plädoyer gegen die in Amerika derzeit wieder heftig diskutierte Todesstrafe hält – eine Rolle, die man in Amerika normalerweise als Karrierekiller ansehen würde.
Louis Malle hat einmal über Susan Sarandon gesagt, dass sie eine Person sei, die Unsicherheit, Risiko und Instabilität brauche, dass sie durch kalkulierten Starruhm unfrei werde. Vielleicht liegt darin das Geheimnis, dass sich die linksintellektuelle eigensinnige Schauspielerin trotz alledem mit ungewöhnlichen starken Frauenrollen durchsetzen konnte.
Susan Sarandon: „Ironischerweise werden meine Rollen in den letzten zehn Jahren immer als starke Frauenrollen angesehen. Nur, wenn ich sie spiele, kommen sie mir sehr verletzlich vor. Es sind Frauen, die am Ende etwas Großartiges vollbringen, aber sie müssen dafür viele Opfer bringen. Sei es, dass sie ihren Freund verlassen oder sogar sterben müssen. Ich interessiere mich nicht wegen ihrer Stärken für sie, sondern wegen ihrer Schwächen. Deshalb gefiel mir die Geschichte von Schwester Helen so gut, weil sie so viele Fehler gemacht hat. Es ist total langweilig, jemanden zu spielen, der perfekt ist."

Susan Sarandon ist Expertin in Sachen Mensch. Sie kennt sich aus in Fastfoodläden und Imbissstuben. Bedient hat sie zuerst in „Atlantic City“ an der Austerntheke eines Spielcasinos, dann wieder in „White Palace“, auf Deutsch „Frühstück bei ihr“ oder im Frauen-Roadmovie „Thelma und Louise“. Als Kellnerin hat sie schnell einen Fluch auf der Zunge, aber stets das Herz auf den rechten Fleck. Sie war immer eine gestandene Frau mit Vergangenheit. Vielleicht macht es ihr dieses Rollenbild leichter, auf der Leinwand zu altern, vielleicht nimmt man ihr deshalb nicht einmal einen Mord übel. Lange vor der Rolle der Louise, die unter einem Vergewaltigungstrauma leidet, spielte sie Anfang der achtziger Jahre auf der Bühne in New York die Marjorie in „Extremities“, jenem heftig diskutierten und hochgelobten Stück, in dem eine vergewaltigte Frau an ihrem Peiniger Rache nimmt. Aber solche offen feministisch engagierten Rollen wurden im Kino der achtziger Jahre immer seltener. Erst in den letzten Jahren scheint sich wieder eine Wende im mainstream-Kino anzubahnen. Aber Sarandons Rollen haben sich verändert. Als Anwältin verteidigt sie in „Der Klient“ ein unschuldiges Kind, das von der Mafia gejagt wird, als hingebungsvolle Mutter opfert sie sich für ihren todkranken Sohn in „Lorenzos Öl“, als Nonne hat Susan Sarandon schließlich jeglichen Sexappeal eingebüßt. Wenn man sie danach fragt, ob es heute in Hollywood wieder mehr interessante Rollen für Frauen in ihrem Alter und für ihr Rollenfach gebe, antwortet sie eher ausweichend.
Susan Sarandon: „Ich bekomme viele Rollenangebote, und viele sind einfach schlecht. Viele sind einfach schlecht geschrieben, auch wenn ein paar gute Ideen dabei sind. Mir scheint, dass heute in Hollywood keiner mehr liest. Auf ein Drehbuch legt man heute keinen Wert mehr. Heute fängt man oft genug an zu drehen und schreibt dann hinterher das Drehbuch. Ich habe das ein paarmal mitgemacht, es ist wirklich sehr schwierig. Ich finde, es gibt heute auch für Männer keine guten Rollen mehr. Und ganz sicher auch nicht für Frauen. Aber wissen Sie, ich will gar nicht so viel arbeiten. Mir ist das eigentlich ganz recht. Ich lege den Leuten immer nur Hindernisse in den Weg. Und wenn es jemandem gelingt, diese Hindernisse zu überwinden, dann mache ich den Film. Dadurch entsteht ein Ausleseprinzip, das 99% des Marktangebots von vornherein ausschließt. Ich habe eine Familie, und ich habe ein Leben, und ich habe keine Lust, einen Film nach dem andern zu drehen, und ich möchte mich auch nicht wiederholen. Es gibt manchmal tolle Rollen und sehr schlechte Drehbücher, aber so etwas kann man einfach nicht drehen. Ich habe da eine Reihe von Hauptrollen mit intelligenten Frauenfiguren vor Augen, aber der Plot ist einfach haarsträubend, das sind lächerliche Filme."
Susan Sarandon träumt heute von einer romantic comedy, einer Liebesgeschichte, die noch Sinn macht, die noch an den Traum von der großen Liebe glaubt. Ein solches Sozialmärchen war „Ein Frühstück bei ihr“ unter der Regie des Mexikaners Luis Mandoki. Susan Sarandon als etwas verschlampte Kellnerin Nora, die den fast zwanzig Jahre jüngeren Werbepromoter Max zufällig kennenlernt und verführt. Hier konnte Susan Sarandon alle Facetten ihres Könnens ausspielen. Die zierliche, alterslos wirkende Schauspielerin mit den eindrucksvollen bernsteinfarbenen Augen und dem kastanienbraunen Haar war leidenschaftliche Geliebte und ältere Freundin zugleich, sexuell aufregend und mütterlich besorgt, wenn auch auf eine schnoddrige unterkühlte Art, eine Frau mit Vergangenheit, verletzlich und zugleich umwerfend komisch. Warum es für solche Frauen heute so wenig Rollen gibt, erklärt Susan Sarandon auf die ihr eigene Art:
Susan Sarandon: „Ich glaube, die achten heute nur darauf, wieviel Geld deine Filme einspielen und entscheiden dann, ob sie dir eine Rolle geben. Das hat überhaupt nichts mit Talent zu tun. Sie machen erst das Plakat, und dann machen sie den Film. Ernsthaft, so läuft das heute."
Das Gespräch mit Susan Sarandon fand auf dem Münchner Filmfest 1997 statt.
Erstveröffentlichung: Radiosendung HR 2 Filmjournal 12.8.1997.
Erstellungsdatum: 05.10.2026