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Marli Feldvoß über Nagisa Ōshimas und seinen Film IM REICH DER SINNE

Vor fünfzig Jahren machte der Film „Im Reich der Sinne“ von Nagisa Ōshima Furore, denn darin wurde entgrenzende Sexualität thematisiert. War das Kunst, war das Pornografie? Oder gar beides? Von der Filmbewertungsstelle erhielt er seinerzeit das Prädikat „besonders wertvoll“. Wenn jetzt anlässlich des Jubiläums des Films eine neu restaurierte 4K-Version des Meisterwerks von Regisseur Nagisa Ōshima in die Kinos kommt, stellt sich die Frage neu. Marli Feldvoß hat sich in ihrem Essay gründlich mit Ōshimas Sinnenreich befasst.
Kunst und Pornographie sind verfeindete Geschwister, ihre Beziehungen sind spannungsgeladen, polarisiert. Man kann sie überlisten mit einem gedanklichen Schachzug, wie mit der Erfindung einer gesellschaftlichen Überbaukonstruktion. So, der Gesellschaft flugs das Mäntelchen einer „pornographischen“ Gesellschaft umhängen, um sie als diejenige zu brandmarken, „die in einem solchen Maße von Heuchelei und Verdrängung geprägt ist, dass sie unweigerlich einen Strom von Pornographien hervorbringen muss, die ihr logischer Ausdruck und gleichermaßen ihr vernichtendes demotisches Gegengift sind.“(1) Nur, Kunst und Pornographie kommen sich dadurch nicht näher. Die Pornographie ist und bleibt ein dämonisches Element mit einem krankhaften Zug. Die Verwendung des Begriffs bleibt immer dem Pejorativen verhaftet, und man ist aufgefordert, sich zu entscheiden. Dafür oder dagegen. Geht es darum, über Kunstprodukte zu urteilen, die in den Verdacht der Anrüchigkeit geraten sind, heißt es nur noch: ja oder nein, entweder – oder.
Mit der strengen Trennung von Kunst und Pornographie scheint eine ästhetische Entsprechung gefunden für die Trennung von Geist und Körper. Nur der idealisierte, vergeistigte Körper wird als ästhetischer Körper gedacht, die Niederungen des Fleisches werden dem Obszönen zugeschlagen. Obszön ist alles, was vom Kanon der edlen Empfindungen ausgeschlossen bleibt, ist wie ein Stachel im wohlgeformten, weißen, jungfräulichen Fleisch. Als angebliche Unnatur wird das Obszöne der gesellschaftlich gebändigten Natur als dem Normalen, dem Durchschnittlichen mit Glücksversprechen und sexuellem Wohlbefinden gegenübergestellt. Das so abgespaltene Obszöne bewahrt die sexuelle Existenz vor dem Exzess, vor der Grenzüberschreitung des normalen Gefühls, das vom normierten Sittlichkeitsempfinden gesteuert bleiben soll. Bataille spricht vom so abgewehrten Schrecken, dem verboten bleibenden Sturz ins Ungewisse, der, wäre er zugelassen, Entgrenzung, Auflösung, Dimensionen neuer Erfahrungen eröffnen wurde. Das in der Definition, im Sprachgebrauch niedergelegte Verbot ist ein Denkverbot, das lange vor den Bildern kommt.
Dass es pornographische Kunst nicht geben soll, dafür liefert die Literaturgeschichte genügend Beweise. Grenzfälle sind Bataille und de Sade, die unter Pseudonym veröffentlichten oder Jahrzehnte inhaftiert waren. Gerettet und salonfähig gemacht, auch für den Literaturkanon, hat sie schließlich die „Distanz“ zur eigenen Besessenheit(2), die Einbettung ihres Schrifttums in einen ‚höheren‘ Sinnzusammenhang, in einen theoretischen Diskurs. Ein Vorgang, der mit der geschickten Leugnung des Triebhaften einhergeht.
Diese Prozedur wiederholt sich beim Umgang mit Filmerzeugnissen. Nach der Reform des Sexualstrafrechts ist zwar das generelle Verbot der Darstellung von „Unzucht“ aufgehoben, stattdessen wird Porno in Kategorien wie hard- und software gehandelt und der Vorführung im chambre séparée empfohlen. Kunstprodukten oder solchen, die es sein oder werden wollen, wird sittsame Abgrenzung angeraten, notfalls mit gerichtlicher Beglaubigung. Drohen die Grenzen überschritten oder gar Elemente der weiterhin verbotenen „harten“ Sorte eingeschmuggelt zu werden, das heißt: Sexualhandlungen mit Kindern, Tieren oder Gewaltanwendung, setzt sich sofort das wachsame öffentliche Auge der Staatsanwaltschaft in Bewegung, wie der juristisch begleitete Werdegang von Ōshimas IM REICH DER SINNE beweist: 1976 beschlagnahmt auf den Berliner Filmfestspielen; im März 1977 von der Großen Strafkammer des Landgerichts Berlin ohne Schnittauflagen freigegeben; nach der Revisionsverhandlung vor dem Bundesgerichtshof Berlin endgültige Freigabe im Januar 1978 ohne Auflagen.
Und warum das ganze Gerangel? Weil die Grenzen sich zu verwischen drohen? Um den Kunstbegriff wie Phönix aus der Asche steigen zu lassen, auch wenn er sich nur noch der negativen Abgrenzung zur Pornographie verdankt, möglicherweise nur durch diese künstlich aufrecht erhaltene Grenze noch mit Präzision formuliert werden kann?
Wie eine Rettungsaktion für die Kunst liest sich diese Urteilsbegründung im Geiste des ‚Wahren, Schönen, Guten‘: der Konzentrierung auf die Geschlechtlichkeit wird eine „bis ins Rituelle formalisierte Schilderung eines Irrwegs“(3) bescheinigt, der Darstellung der sexuellen Vorgänge anreißerische, verherrlichende oder stimulierende Wirkung abgesprochen. Erzählerische Einheit, außersexueller Sinngehalt und die Paarstruktur als auch aus der Literatur bekannte Argumente ergänzen das Plädoyer gegen den pornographischen Charakter des Films.
In Frankreich konnte der Film, nach der Streichung des Pornographieparagraphen 1975 und der Einführung einer ähnlichen Regelung für Pornos wie in der Bundesrepublik, unbehindert im Herbst 1976 in die Kinos kommen. In Japan musste ein Drittel des Filmmaterials aufgrund Art. 21 des Zollrechts (Einfuhrverbot wegen Verstoß gegen die Verfassung) neu gestaltet, das heißt weitgehend abgedeckt werden. Einen Prozess gab es auch dort, allerdings gegen die Verbreitung des Drehbuchs.
Ausgangspunkt und Angelpunkt des von Ōshima selbst gehaltenen Plädoyers ist die Ablehnung der Fragestellung: „Ist es Kunst? Oder ist es Obszönität?“(4), stattdessen die Ausgabe der Parole: „Weshalb ist Obszönität ein Übel?“
Seine Argumentation baut darauf auf, dass es a priori keine Obszönität gäbe, sondern dass sie als ein in erster Linie juristischer Begriff in den Köpfen der Staatsanwaltschaft und der Polizei herumspuke. Es gehe um die Erfindung einer Schuld, der in ein Delikt verwandelten Obszönität (§175 des japanischen Strafgesetzbuchs), und eines Schuldigen, in diesem Falle ihm selbst, wo überhaupt kein Verbrechen vorliege, so dass es sich um falsche Anklage handele. Und im Kern bedeute dieses ‚Delikt‘ „Obszönität“ eigentlich Widerstand gegen die Staatsgewalt. Ōshima geht also über zur Verallgemeinerung und erklärt besagten § 175 zum staatlichen Druckmittel gegen die freie Meinungsäußerung überhaupt, hier eingekleidet in die Form einer restriktiven Sexualpolitik.
Drei Länder, drei Umgangsformen mit einem Film, dessen ausgesprochenes Ziel es war, alle bisherigen Schranken der Darstellung, alle Tabus zu durchbrechen, Pornokino zu machen von A – Z, wie Ōshima selbst sagt.(5) Was für ihn ein Akt der Selbstbefreiung war, ein Versuch, „Träume und Realität zu vermischen“, wird in der Rezeption wieder sorgfältig entmischt, auf der juristischen wie auch auf der Seite der Kritiker. Alle haben es darauf angelegt, das Kunstwerk zu retten und auch Ōshima selbst bezweifelt, sein Ziel erreicht zu haben, nämlich doch nicht zur Obszönität gelangt zu sein.
Aber noch einmal zurück zu der Formulierung „Erfindung“. Es geht ja nicht nur um die Erfindung einer repressiven gesetzlichen Maßnahme, das ist nur der Sekundärvorgang, sondern um die Erfindung einer Suggestion, um das Verbot, das Tabu und die dadurch ausgelöste Phantasietätigkeit als eigentliches Wesen der Pornographie. Über die Darstellung allein zur Überwindung des Prinzips „obszön“ zu gelangen, also auch zu einer Versöhnung von Kunst und Pornographie, bleibt ein frommer Wunsch, einfältiges Wunschdenken eines Filmemachers wie Ōshima, der für sich aus der konkreten Arbeit eine solche Erfahrung ableiten mag, darin aber einer Avantgarde zugeschlagen werden muss.
Susan Sontag findet für die immer wieder in Bewegung geratenden, sich verströmenden und wieder eingedämmten Entgrenzungsphantasien in der Kunst eine abschließende Bemerkung: „Das Verlangen des Menschen nach Überschreitung des ‚Persönlichen‘ ist nicht weniger stark als sein Verlangen, Person, Individuum zu sein. Diesem Verlangen jedoch kommt unsere Gesellschaft nur wenig entgegen. Sie hält vorwiegend dämonisierende Vokabulare bereit, wo es darum geht, dieses Verlangen zu umschreiben und Denk- und Verhaltensschemata zu entwerfen. Sie lässt uns allein die Wahl zwischen Vokabularen des Denkens und Handelns, die nicht nur auf eine Überschreitung der Grenzen des Ich hinauslaufen, sondern auf eine Zerstörung des Ich.“(6)
„Es gibt kein besseres Mittel, sich mit dem Tod vertraut zu machen, als ihn mit der Vorstellung einer Ausschweifung zu verbinden“.
Marquis de Sade (7)
„Sada und Kichi auf immer vereint“ sagen die blutroten Schriftzeichen, auf die Brust eines Toten geschrieben. Das Liebespaar liegt friedlich beieinander, Sada im festlichen weißen Kimono. Der Höhepunkt eines Liebesfestes, das eine Grenze überschritten und die Verlängerung in den Tod angetreten hat. Das wie ein Dokument festgehaltene letzte Bild und die dazu gehörende Geschichte haben ihr Vorbild in der Realität, einem Ereignis aus dem Jahr 1936, als besagte Sada vier Tage lang mit den abgeschnittenen Geschlechtsteilen ihres Geliebten durch Tokio irrte und mit ihrer glücklichen Ausstrahlung den Passanten auffiel, Sada ist seitdem eine populäre Figur in Japan, der voll Verständnis und Mitgefühl begegnet wird.

Der japanische Titel des Films heißt AI NO CORRIDA, Corrida der Liebe, und damit ist gleich gesagt, worum es sich eigentlich dreht - der westliche Titel IM REICH DER SINNE ist eine Anlehnung an das Japan-Buch von Roland Barthes Im Reich der Zeichen. Die Corrida ist ein Kampf um den Tod, nicht ums Leben. Aber die Rollen sind vertauscht. Der in der Vorstellung männlich besetzte Torero ist eine Frau, das Opfer ist der Mann. Aber dieser Rollentausch ist keine Vorgabe, er ist wesentlicher Bestandteil der Filmerzählung.
Sada und Kichi lernen sich bei einem Streit der Geishas kennen. Er ist der Besitzer des Teehauses, in dem Sada seit kurzem arbeitet. Bei ihrer ersten Begegnung tritt er mit einer Tiermaske auf, kommt vielleicht gerade von einem Fest. Souverän nimmt er ihr das vorgehaltene Messer aus der Hand und macht eine zweideutige Bemerkung. Sada hatte ihn schon vorher zusammen mit seiner Frau bei dem allmorgendlichen Verkehr durch einen Türspalt beobachtet.
Die Bekanntschaft verwandelt sich schnell in eine sexuelle Obsession. Er arrangiert zunächst ihre Zusammenkünfte und genießt die zunehmende Hingabe der Frau, behält aber eine gewisse Distanz. Sada hingegen verliert sich bald in den orgastischen Begegnungen, fordert den alleinigen Besitzanspruch. In der Vorstellung seiner Frau und der ständig anwesenden Bediensteten wird sie zu seiner Hure, aus der Perspektive des Films gesehen, lässt sich Kichi immer mehr auf Sada ein, überlässt ihr schließlich die Führungsrolle. Das geht bis zum Einverständnis, dass sie ihn töten dürfe, wenn er wieder zu seiner Frau zurückkehre. Der weitere Verlauf ist ganz ihren nie endenwollenden Lustgefühlen anvertraut, ihren wie besessen formulierten Forderungen auf jederzeitige Verfügbarkeit des Geliebten.
Der Eskalation eines Liebesverhältnisses steht nichts mehr im Wege. Nur von kurzen Ausflügen in die Außenwelt unterbrochen, seien es gemeinsame kleine Ausgänge in die Umgebung oder Sadas Besuche bei ihrem alten Kunden in der Stadt, um Geld zu verdienen, leben die beiden in der Abgeschlossenheit wechselnder Hotelzimmer eine Liebe, die in dieser Ausschließlichkeit in den Exzess treibt, in immer neue genusssteigernde Liebespraktiken verfällt.
Die lange Schlusssequenz ist ein Spiel zwischen Leben und Tod. Sie würgt ihn mit ihrem Gürtel und erfüllt ihm den Wunsch, nicht mehr aufzuhören. Ein Requiem von gurgelnden Tönen, vermischt mit lustvollem Stöhnen, ein fremdartiges, irgendwie feierliches Lautgemälde geht der Totenstille voraus. Ein gemeinsamer Wunsch ist erfüllt.
Ōshima sieht Sada und Kichi als Überlebende einer Tradition, die seit der Modernisierung Japans mit der Meiji Restauration im 19. Jahrhundert und der damaligen Einführung der Monogamie weitgehend verlorengegangen ist: eine Liebeskunst, die bis ins 10. Jahrhundert zur Geschichte des Prinzen Ghenji zurückreicht, mit der die Idee des „koshokou“, das „lieben und zu genießen wissen“, begründet wurde. Ablauf und Inszenierung dieser Liebe zum Tode erinnern aber auch stark an europäische Vorbilder, vor allem an Georges Batailles erotische Utopien. Seine Geschichte des Auges scheint hier in visualisierter Form aufzuerstehen. Bataille erzählt eine Geschichte, die vielleicht gar keine ist, eher eine episodenhafte, von erotischer Energie angetriebene Phantasmagorie sexueller Obsessionen, die immer wieder um ein Strukturelement kreisen: das Auge und seine Metamorphosen. Das Auge wird sonst meist als zwar unverzichtbares, aber doch nebensächliches Organ des Voyeurs abgetan. Bataille geht mit seiner literarischen Phantasie weiter, er entdeckt die Gemeinsamkeit zwischen Auge und Ei, die identische Form des dottergefüllten Eies und des pupillezentrierten Auges. Durch diese Analogiebildung setzt er den Sehenden und das Gesehene in eins. Der Blick und die Schau-Lust haben zusammengefunden, um sich bis in die Unendlichkeit zu verströmen, auch die Destruktivität nicht zu scheuen. Grausamkeiten, wie die stufenweise vorbereitete Zerstörung des Auges, meinen nichts anderes als die Auflösung des Lebens, das ganz in den Dienst der erotischen Triebkraft gestellt, sich nur noch in der Grenzenlosigkeit zu verschwenden sucht.
Menschen, meint Bataille, leben nur durch den „Exzess“. So auch Sada: „Wenn man alles spüren will, muss man bis zum Exzess gehen.“ Keine zufällige Koinzidenz, sondern Einklang in einer Vorstellung von Erotik, die sich immer im Verlangen nach der verbotenen Tat verzehrt und nur im Überschreiten die eigentliche Erfüllung erfährt. Transzendenz heißt hier: der Faszination des Todes nachgeben.
Ōshima lässt von Anfang an keinen Zweifel an seinem Vorhaben, das in konsequenten Steigerungen durchgeführt wird. Es bricht kein Unheil herein, das nicht von Anfang an vorbereitet wäre. Wie bei Bataille wird ein Szenarium entwickelt, das langsam in den Exzess treibt. Die Hinweise sind überdeutlich, sie sind in sichtbare Zeichen gefasst: das menschliche Auge und das gegenständliche Messer. Beide treten in eine symbolische Zwiesprache, die schon in den ersten Bildern die Auflösung vorwegnimmt: das Messer im Hals der eifersüchtig beneideten Ehefrau. Der hier noch phantasierte Blutstrom soll später seinen Weg in die Filmrealität finden.
Aber noch einmal von vorn: In einer Art Prolog begegnen sich Sada und ein alter Mann auf der Straße. Sie, eine wunderschöne junge Frau, Inbegriff des sexuellen Begehrens, er, ein verbrauchter Mann, den die Kinder wie ein sterbendes Tier belästigen. Sexualität und Tod sind in diese Szene eingeschrieben. Der Zufall führt sie zusammen, aber diese Linie wird weitergeführt. Auch Sada und Kichi treffen zufällig aufeinander. Ihr leichtfertiger Umgang mit dem Messer bewirkt sein Eingreifen und damit ihre Bekanntschaft. Seine Bemerkung an dieser Stelle: „Deine Hände sind für etwas Besseres gemacht, als ein Messer zu halten.“, zielt ebenfalls auf die gedachte Zusammengehörigkeit der beiden Elemente Sexualität und Tod. Kichi weiß noch nichts davon, aber er wird diese Bedeutung durch die Tiefe der Leidenschaft kennenlernen. Er wird eines Tages wollen, daß diese Hand, die immer wieder drohend das Messer erhebt, ihm den Tod gibt.
So wie das Messer Zeichen der Gegenwart des Todes bleibt, beweisen die Augen der ständig anwesenden Zuschauer beim Liebesakt die Gegenwart der Lust. Diese Figuren und ihre Blicke sind keine Voyeure, sondern Teilhaber, Multiplikatoren, in denen die Lust noch einmal gespiegelt wird, die auch luststeigernd eingreifen. Sie sind Stellvertreter der imaginären Präsenz des Auges, das sich in der Bestürzung, der heimlichen Erregung, der merklichen körperlichen Spannungszustände, ausgelöst durch die Lust der andern, seinen Ausdruck sucht.
Diese Augen sehen nur das Eine, sie verwandeln das Leben in eine sexuelle Wunsch-Topographie. Hier regiert die Ausschließlichkeit des „erotischen Imperativs“(8), der im Universum der pornographischen Phantasie mit Absolutheitsanspruch auftritt. Was an gesellschaftlicher Außenwelt erscheint, wie zum Beispiel die vielzitierte Szene des an Kichi vorbeidefilierenden Militärs, dient nur der Inszenierung der Ausgrenzung: Hier wird sein abgewandter Blick gezeigt, seine Zugehörigkeit zu einer anderen Welt. Auch die allgemeine Einbeziehung von Umwelt in den kurzen Zwischenszenen, etwa die nachts angepöbelte Frau oder die Entblößung Sadas vor dem Kneipenwirt, heißt nur Hereinnahme von stimulierenden ausgewählten Bruchstücken. Es gibt keine Außenkontakte, die sich mit einer anderen als einer erotischen Qualität in die Geschichte drängen.
Die erotische Allmacht sucht ihre Bilder und inszeniert sich in zwanzig verschiedenen, mit feinem ästhetischen Gespür ausgestatteten Liebesräumen oder in der orgastischen Schnittdramaturgie, die ganz dem auf- und abschwellenden Lustgefühl verpflichtet bleibt. Die Bewegungen der sich aufschiebenden Türen sind wie das Aufreißen überraschter, neugieriger oder schreiender Augen. Wie mit einem Bann belegt, liegt das Auge in dem flachen asiatischen Gesicht Sadas, wie in ein in die Enge getriebenes Tier oder einfach wie ein Loch, mitten im Gesicht, das Loch, durch das alles hindurchgeht, Leben und Tod, eine Öffnung wie eine Scheide für das wartende Messer. In dieser Isolierung, nur noch Form, erinnert es an die Bataillesche Phantasie. Aber auch das Ei selbst wird einmal Gegenstand des Liebesspiels. Mit seiner Doppeldeutigkeit als Sehkörper scheint es in die Frau einzudringen, als wolle es erfahren, was der Frauenkörper ewig verbirgt, das unsichtbare Geschlecht erkunden, sich ihm vertraut und damit gleich machen.
So betrachtet, drängt sich die Überlegung auf, ob diese Darstellungen nicht doch ausschließlich von pornographischen Phantasien diktiert sind. Das nicht, um ein Ausgrenzungsmanöver einzuleiten, sondern um die Möglichkeit einer anderen Weitsicht einzuräumen, eine dem Eros untergeordneten, die anderen Gesetzen gehorcht. Hier regieren nicht die Marktgesetze und kapitalistischen Verwertungsprinzipien auf dem schnellen Umschlagplatz „Sexualität“, sondern der nutzlose Primat des Eros, in den die Todessehnsucht als Vorlust der Erfüllung eingeschrieben ist.
Die gezeigte Entwicklung einer Beziehung zwischen Sada und Kichi soll nicht in Ehe oder Fortpflanzung münden, sondern ist der Erprobung der Ausschweifung, der Steigerung des Lustgewinns, ganz im Sinne de Sades gewidmet, einem Streben nach dem Höhepunkt des Lebens in der Vereinigung, die nur im Tod zur Vollendung gelangt – auch eine durchaus gängige alte japanische Vorstellung. „Die Wand, die das Leben vom Tode trennt, scheint uns nicht so dick zu sein wie einem Menschen aus dem Abendland", zitiert Chris Marker in seinem Dokumentarfilm SANS SOLEIL.
Diese Ideen treffen sich mit den philosophischen Ausführungen über den Eros von Bataille. Seine erotische Utopie führt in die Welt einer mystischen Erfahrung, wo die Kontinuität des Seins durch das Verlassen der individuellen Isolierung und des Objekt-Denkens hergestellt wird. Das bedeutet ein gesellschaftliches Gegenmodell, wo das Prinzip der Verschwendung des eigenen Lebens gilt, mit dem erst die eigentliche Unabhängigkeit oder Souveränität erlangt werden kann.(9) Das heißt auch Loslösung von der Vernunft und ihren verwertbaren Zielen, ein verflüssigtes Modell, das dem Körper die Struktur eines Glaskörpers mit einer durchsichtigen klaren Gestalt verleiht und ihn der Erdenschwere enthebt. Diese erotische Utopie zieht sich durch Ōshimas gesamtes Werk, hat jedoch in der Geschichte von Sada und Kichi ihren vorläufigen Höhepunkt erreicht. Die auf den ersten Blick so enge und ausweglose Geschichte der beiden gewinnt ihren Glanz durch die Universalität, die weiter greift als der bei Ōshima sonst so deutliche dialektische Bezug zwischen Individuum und Gesellschaft.
Sein Weg der Freiheit habe sich verbreitert, meint Ōshima, weil er sich aus der Enge der politischen Einkreisung gelöst habe und mit Herstellung eines pornographischen Films, der Arbeit an diesem Film, eine persönliche Befreiung erlebt habe.

Ōshima hat sich als ‚zorniger junger Mann‘ einmal geschworen, nie alt zu werden, zumindest nicht in dem Sinne, sich in den trägen Gewohnheiten eines gesetzten Arrivierten einzurichten. In einem 1969 veröffentlichten Aufsatz hat er, in Erläuterung dazu, seinen Begriff von Jugend formuliert: als eine sich in immer wiederkehrenden Ansätzen ein Leben lang erneuernde Wiedergeburt, von außen und innen diktiert.
Der Beginn seiner ersten Jugend, das war für ihn am 15.8.1945, dem Tag der bedingungslosen Kapitulation Japans, eine Jugend, die mit einer Niederlage begann – Ōshima war fünfzehn Jahre alt. Diese Niederlage sollte nicht die einzige bleiben. Seine Geschichte, am umfassendsten widergespiegelt in der Figur des vaterlosen Masuo in der ZEREMONIE über den Zeitraum von 1946 bis zur Drehzeit 1971, ließe sich auch als eine Abfolge von Niederlagen, Enttäuschungen beschreiben. Einschneidende politische Ereignisse wie der Generalstreik von 1947, die Erneuerung des Japanisch-Amerikanischen Sicherheitspakts von 1959, die größte Massenbewegung in der japanischen Nachkriegsgeschichte, dann 1968, auch für Japans Linke die letzte breite politische Bewegung – das waren prägende Daten für den außerparteilich engagierten Linken Ōshima, der nach dem Jurastudium zunächst bei einer der fünf großen japanischen Filmgesellschaften, der Shochiku, anfing, dann aber bald selbständig arbeitete.

Diese Erfahrungen haben die Basis bereitet für die Formulierung eines radikalen ästhetischen Programms, für das Ōshima als Herausgeber einer Filmzeitschrift, als Filmkritiker und Theoretiker einen publizistischen Rahmen schuf. Als Godard des japanischen Films, Anführer der japanischen ‚Nouvelle vague‘, erklärte er den filmischen Traditionen wie dem Traditionsbewusstsein Japans überhaupt den Krieg. Hinweggefegt wurden die wehmütigen rückwärtsgewandten Blicke Ozus oder Mizoguchis und mit ihrer Mischung aus Opferbereitschaft und Schuldzuschreibung verantwortlich gemacht für die Weiterführung der Einübung feudaler Geisteshaltung. Ōshima forderte und behauptete eine neue Subjektivität und daraus resultierend den persönlichen Autorenfilm wie die Notwendigkeit eines fühlbaren Spannungsverhältnisses zur gesellschaftlichen Gegenwart.
Der Anspruch des kompromisslosen Modernisten sollte zur Schocktherapie werden für japanische, aber auch westliche Sehgewohnheiten. Irritierend, abrupt, gewalttätig setzt er seine Bilder gegen die sorgfältig kadrierten und auf Distanz bedachten der japanischen Klassiker. Extreme Nahaufnahmen, ungewöhnliche Perspektiven und eigenwillig heftige Kamerabewegungen zerstören das sonst nach universeller Harmonie strebende geschlossene japanische Weltbild.
Die formalistische Beharrlichkeit, auf Innovation, Schock und Experiment eingeschworen, verselbständigt sich jedoch nie gegenüber inhaltlichen Fragestellungen. Ōshima bleibt immer der Auseinandersetzung mit Japan, der nationalen Identität verpflichtet. Das heutige Japan ist der Kern, das eigentliche Subjekt aller Filme. In die Figuren eingelassen ist immer auch eine symbolische Dimension, die Rückkoppelung an die Befindlichkeit eines Landes, dessen Weg zur Demokratisierung durch festgefügte hierarchische und feudale Strukturen behindert wird. Angelpunkt der Auseinandersetzung ist meist die konservative Familie als Garant des Fortbestands eines normierten Mikrokosmos. Die Protagonisten sind Außenseiter, Aussteiger, Protestfiguren – potentielle Opfer – die für die Befreiung des Individuums und der Individualität stehen. So sind, vor allem in den frühen Filmen, häufig Kinder und Jugendliche die Betrogenen dieser Gesellschaft.
Beispiele: EINE STADT VOLLER LIEBE UND HOFFNUNG (1959), GRAUSAME GESCHICHTEN DER JUGEND (1960), NACHT UND NEBEL ÜBER JAPAN (1960), TOD DURCH ERHÄNGEN (1968), DER JUNGE (1969).
Am umfassendsten wird das Thema einer japanischen Sozialisation und die Frage nach den Überlebensmöglichkeiten in der Familiensaga DIE ZEREMONIE (1971) gestellt.
Neben der Ohnmacht der hoffnungslosen Kinder rangiert die Thematik der verhinderten Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung in einer sexualfeindlichen Umwelt. Die Verbindung von Wahnsinn und sexueller Verwirrung bis zum Ausleben eines Begehrens in der Perversion einer kriminellen Handlung ist nicht selten bei Ōshimas ‚Helden‘. In dieser Verklammerung vertritt Ōshima bereits ein explizit sexualpolitisches Konzept, die Vorstufe seines Bekenntnisses zum pornographischen Kino.
Beispiele: JAPANISCHER SOMMER: DOPPELSELBSTMORD UNTER ZWANG (1967), DER BESESSENE IM HELLEN TAGESLICHT, auch: GEWALT AM MITTAG (1966), TAGEBUCH EINES DIEBS in SHINJUKI (1968)
In den späten Filmen der siebziger Jahre wird das Motiv der Freiheit des Individuums im radikal formulierten Anspruch auf sexuelle Selbstbestimmung weitergeführt. IM REICH DER SINNE (1967), die erste Auslandsproduktion auf Anregung des französischen Produzenten Anatole Dauman, ist insofern eine Fortsetzung, aber auch eine Zäsur im Schaffen Ōshimas. Die bisherige enge Anbindung an japanische Fragen wird hier aufgegeben zugunsten einer universelleren Sicht. Zum ersten Mal verlässt Ōshima die Gegenwart und siedelt die eigentlich aus dem Jahr 1936 stammende authentische Geschichte von Sada und Kichi in einem klassischen Dekor an. Auch die folgenden Filme, IM REICH DER LEIDENSCHAFT (1978) sowie MERRY CHRISTMAS MR. LAWRENCE (1983) erfahren eine Verschiebung ins Phantastische, Irreale, arbeiten mit einer hochstilisierten Theatralität und verschiedenen Verfremdungsmitteln, die allerdings auch bereits in früheren Filmen auftauchen.
Ōshima wird weiter seinen Weg gehen, und es wird ein Weg der Freiheit bleiben, auch wenn er seinen nächsten Film mit westlichen Schauspielern dreht, eine Sodomie-Geschichte mit dem Titel MAX, MY LOVE. Die eigene Geschichte wird immer wieder hervorbrechen und sich des Kinos als Medium zur Erforschung des geheimnisvollen Innenlebens bemächtigen, denn, sollten eines Tages alle Geheimnisse dieser Welt gelüftet sein, „das letzte unbekannte Land ist immer noch er selbst“, so Ōshima im Oktober 1974.(10)
Anmerkungen
1) Susan Sontag, Die pornographische Phantasie in: Kunst und Antikunst, Frankfurt 1982, S.51
2) ebd, vgl. S.60
3) vgl. Urteilsbegründung des Landgerichts Berlin vom 17. März 1977
4) Nagisa Ōshima, Text des Plädoyers in: Schriften. Die Ahnung der Freiheit, Berlin 1982, S.167-189
5) Nagisa Ōshima, Das pornographische Kino in: ebd., S.154-166
6) Susan Sontag, ebd., S.84-85
7) Marquis de Sade, zitiert in: Georges Bataille, Der heilige Eros, Frankfurt-Berlin-Wien 1984
8) Susan Sontag, ebd., S.81
9) vgl. auch Theodor W. Adorno, Sexualtabus und Recht heute in: Eingriffe, Neun kritische Modelle, Frankfurt 1980 – Mit der Negation des Ichprinzips vertritt Adorno ähnliche Vorstellungen einer sexuellen Utopie.
10) Nagisa Ōshima, ebd., Es gibt keine Jugend ohne Abenteuer, S. 122
Der Beitrag wurde zuerst in den Arnoldshainer Filmgesprächen, Band 3: „Das verbotene Bild. Tabu und Gesellschaft im Film“ 1986 veröffentlicht.
Erstellungsdatum: 21.06.2026