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Cornelia Wegerhoff lenkt den Blick auf sudanesische Kunst und Literatur

„Sudan – neu erzählt“: Mit einem vielseitigen Veranstaltungsformat rückt der Verein „Afrikanische Perspektiven“ die Vielfalt sudanesischer Kunst und Literatur in den Mittelpunkt. So öffnet sich ein anderer Blick auf das von Krieg und Flucht gezeichnete Land. Es sind Geschichten von Menschen, in denen sich die tausend Gesichter des Sudans spiegeln. Cornelia Wegerhoff war bei den Veranstaltungen in Münster dabei und hat mit den Künstlerinnen Ola Hassanein und Amna Elhassan gesprochen.
Ein „flüsternder“ Damm, der das Wasser des Blauen Nil in die richtige Bahn leitet und gleichzeitig Gebete zu wispern scheint. Ein berührendes Telefonat mit „Haboba“, der Oma, die erzählt, wie sie schon einmal einen Krieg durchleiden musste. Als Ola Hassanein und Amna Elhassan auf Einladung des Vereins „Afrikanische Perspektiven“ in Münster über ihre künstlerischen Werke sprechen, sind auch die sudanesischen Großmütter der beiden präsent – in Gedanken.
Ola Hassanein hat in ihrer Installation, die auch schon auf der Architekturbiennale in Venedig zu sehen war, das überflutete Lehmhaus ihrer Großmutter nachgebildet – Ergebnis einer ökologischen Katastrophe, wie sie erklärt. Die menschliche Katastrophe, in die der Krieg den Sudan gestürzt hat, spiegelt sich in Amna Elhassans finsteren Zeichnungen wider. Eine ist sogar von ihren eigenen Blutstropfen übersät, denn Habobas Trauma ist jetzt auch das der Enkelin. Seit April 2023 herrscht im Sudan wieder Krieg, sind laut Angaben der Vereinten Nationen (Stand Juni 2026) rund 4,2 Millionen Sudanes*innen über die Grenzen geflohen, viele weitere im eigenen Land vertrieben. Das Flüchtlingshilfswerk UNHCR beschreibt die Situation als aktuell größte humanitäre Katastrophe weltweit.
„Und trotzdem erhält der Sudan zu wenig Aufmerksamkeit“, stellt Anna Stelthove-Fend im Namen der „Afrikanische Perspektiven“ fest. Außerdem zeigten die seltenen Bilder und Berichte in Variationen „das immer Gleiche“: Krieg und Tod, Flucht und Leid, Armut und Zerstörung. Diese beschränkte Perspektive liefere jedoch nur einen Ausschnitt der Realität, ausgeblendet blieben „Geschichten von Menschen, die in den Wirren ihren Weg suchen.“
Im Mai und Juni stellten die „Afrikanischen Perspektiven“ deshalb genau diese Geschichten in den Mittelpunkt: Im Rahmen eines besonderen Veranstaltungsprojektes „Sudan – neu erzählt“. Der Titel war abgeleitet von „Sudan Retold“, dem englischsprachigen Titel der Kunstbücher, die beim ersten Event im Mai vorgestellt wurden. Ola Hassanein und Amna Elhassan haben mit insgesamt 40 anderen sudanesischen Kulturtätige an den beiden Bänden mitgewirkt. Darin zu sehen: Bunte Comics, Fotografien, die die „Tausend Gesichter des Sudan“ zeigen, beeindruckende Gemälde, Gedichte und Geschichten. Mitherausgeberin Larissa-Diana Fuhrmann, ebenfalls zu Gast in Münster, erläuterte, wie das Projekt im Rahmen von Workshops in Khartoum entstanden ist und damit das erste Kunstbuch „über die Geschichte und die Zukunft des Sudan“.

Inhaltlich seien die Werke damals Vorboten des politischen Wandels gewesen, so die Ethnologin, Forscherin am Leibniz-Institut für Friedens- und Konflikforschung in Frankfurt (PRIF). Bereits im Vorfeld der Revolution 2019 sei die Kultur im Land regelrecht aufgeblüht, sei eine vielfältige, kreative Szene entstanden, berichtete Larissa-Diana Fuhrmann. Grund genug, eine Neuauflage von „Sudan Retold“ zu planen, die allerdings erst 2025 auf Arabisch und Englisch erschienen ist (Larissa-Diana Fuhrmann, Khaled Albaih, Suzi Mirghani (Hrsg.), Almas Art Foundation, London). Sie enthält Beiträge von 40 Kulturtätigen – unter anderem von der Künstlerin Rayan El Amry, die Fotos von Müttern und Großmüttern in Gemälde verwandelt oder dem Musiker Sammany Hajo, der sudanesische Klänge mit Hiphop, Jazz und Reggae mischt. Der Kriegsausbruch hatte auch die mitwirkenden Künstler*innen in die Flucht getrieben, verstreute sie in der ganzen Welt.
Ola Hassanein, die schon früher enge Kontakte in die Niederlande hatte, lebt inzwischen ständig in Amsterdam. Sie ist studierte Architektin, genau wie Amna Elhassan, die jetzt in Hamburg wohnt. Die Malerin sorgte in Deutschland erstmals 2022 mit einer Sonderausstellung in der Frankfurter Schirn für Furore. Mit ihren farbenfrohen Porträts sudanesischer Frauen zelebrierte sie deren Stärke und Widerstandsfähigkeit. Das Publikum in Münster begeisterte sich unterdessen für die Frauenpower auf der Bühne. Die Kombination „Kunst und Konflikt“ – für manch einen vielleicht ein Widerspruch, so als sei Kunst nur für gute Zeiten gemacht, zeigte die von Larissa-Diana Fuhrmann beschriebene Wirkkraft. Die Protagonistinnen machten den kreativen Widerstand des Sudan erlebbar.

Ebenso bei der zweiten Veranstaltung im Juni, die sich der Literatur widmete. Der sudanesische Schriftsteller Abdelaziz Baraka Sakin stellte seinen aktuellen Roman „Der Rabe, der mich liebte“ vor (Verlag Klingenberg, Graz, 2024). Mit dabei: Seine Übersetzerin Larissa Bender, die auf Arabisch und Deutsch das Gespräch führte und dem Autor auch spannende Aspekte seiner eigenen Biographie entlockte, und der Schauspieler Stefan Nászay, der auf packende Weise Passagen des Buches zu Gehör brachte.
Und so folgten die Gäste Adam Ingliz, der Hauptfigur des Romans, auf seiner Flucht aus dem Sudan quer durch Europa, auf dem „Ameisenweg“, wie es heißt, einer lebensgefährlichen Route. Das Ziel des hochgebildeten Mannes heißt England, sein Traum ist eine Professur für Sprachwissenschaft in Oxford. Doch sein Weg endet im "Dschungel von Calais". In dem Migrantenlager trifft er auf viele andere Geflüchtete und hört von deren Schicksalen. Warum sein Protagonist Raben füttert, erklärte der Autor Abdelaziz Baraka Sakin selbst: Raben liebten anders als die Tauben die Rebellion und die Weisheit, weil sie klüger seien und einen reineren Geist hätten. Seine Hauptfigur verliert unterdessen den Verstand. Doch so bitter das Drama, das der Schriftsteller beschreibt, so humorvoll satirisch zugleich seine Texte. Immer wieder hält er den Europäer*innen den Spiegel vor, nähert sich den Scheiternden auf warmherzige, liebevolle Weise. Nicht umsonst habe Abdelaziz Baraka Sakin so viele Preise bekommen, lobte Larissa Bender. Sie kenne niemanden, der einen auf so berührende Weise gleichsam zum Lachen und zum Weinen bringe.
Der Autor selbst nutzte die Gelegenheit, um in Münster eindringlich ein „Menschenrecht auf Migration“ zu fordern. Jede und jeder Deutsche könne überall hinreisen und leben, wo er oder sie wolle. Aber Menschen vom Kontinent oder aus Südamerika zum Beispiel könnten dies nicht. Nach den poetischen Eindrücken klare politische Worte von Abdelaziz Baraka Sakin.
Beide Veranstaltungen in Münster wurden eingebettet in sudanesische Musik von Ibrahim Abdulhalim. Er nahm das Publikum rhythmisch mit auf die Reise. Unterstützt mit Fördermitteln von der Stadt Münster und Engagement Global mit den Mitteln des Landes Nordrhein-Westfalen gelang es dem Verein „Afrikanische Perspektiven“ aus einem anderen Blickwinkel auf den Sudan zu schauen - mit Kunst und Literatur.

Sudan Retold
Herausgeberinnen
Larissa Diana Fuhrmann, Khalid Albaih & Suzi Mirghani
336 pgs, 29 x 24 cm, Hardcover
ISBN 978-1-7394063-9-4
Published by Almas Art Foundation 2025

Der Rabe, der mich liebte
Abdelaziz Baraka Sakin
Aus dem Arabischen übersetzt von Larissa Bender
Roman, 136 Seiten
Softcover, 3. Auflage
ISBN 978-3-903284-79-1
Verlag Klingenberg 2024
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Erstellungsdatum: 20.10.2026