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Toussaint Louverture und die Haitianische Revolution

Ein General kämpft gegen die Sklaverei

Andrea Pollmeier


Toussaint Louverture. Illustration: Raguel Roumer

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit – das sollte nach der Französischen Revolution nicht nur in Frankreich gelten, sondern auch in Kolonien wie Saint Domingue, dem heutigen Haiti. Dort kämpfte Toussaint Louverture als General der französischen Armee für die Durchsetzung dieser Ziele. Der britische Historiker Sudhir Hazareesingh hat in einer preisgekrönten wissenschaftlichen Studie das Wirken Toussaints erforscht und den Blick auf den General, der den weltweit ersten Unabhängigkeitskampf von Sklaven gegen die Kolonialherrschaft erfolgreich angeführt hat, von vielschichtigen stereotypen Klischees befreit. Andrea Pollmeier hat das Buch gelesen.

 

Wer die weltweit wichtigsten Befreiungskämpfer in der Geschichte der Menschheit sucht, wird an Toussaint Louverture nicht vorbeikommen. Sein Name, im deutschsprachigen Raum noch wenig bekannt, markiert den entscheidenden Wendepunkt im Kampf gegen Sklaverei und für die Gleichstellung von Schwarzen Menschen. Ihm gelang es als Anführer befreiter Sklaven in der französischen Kolonie Saint Domingue, sich Napoleons Truppen erfolgreich zu widersetzen und langfristig eine Wiedereinführung der Sklaverei zu verhindern.

Mit der Publikation von Sudhir Hazareesinghs preisgekrönter Biografie „Black Spartacus. Das große Leben des Toussaint Louverture“ hat der Beck Verlag nun die gegenwärtig umfassendste historische Studie über das Handeln und Denken dieses Kämpfers hiesigen Lesern zugänglich gemacht. Dies geschieht in einer Phase, in der die Black-Lives-Matter-Bewegung von den USA aus nach Europa wirkt und erkennbar gemacht hat, wie dringend Toussaints Ringen um Gleichstellung aller Menschen bis heute geblieben ist. Die mit dem Wolfson-Preis 2021 für das beste historische Buch des Jahres ausgezeichnete wissenschaftliche Studie ermöglicht es, die weltumspannende Relevanz von Toussaints Wirken auf der Basis tiefer Quellenrecherche zu erfassen. Es entsteht das Porträt eines Gouverneurs und Rebellenführers, der die Freiheitsideale der Französischen Revolution für alle Menschen innerhalb ihres lokalen Rahmens realisieren wollte. So entstand das Ideal eines – wie Hazareesingh es nennt – „kreolischen Republikanismus“, der europäische, afrikanische und indigene Elemente miteinander vereint hat. Vor dem Hintergrund dieser Überzeugungen, die Toussaint in einer von ihm für die Kolonie Saint Domingue ausgearbeiteten Verfassung 1801 verankert hat, entstand in der damals reichsten französischen Kolonie der Welt erstmals erfolgreicher Widerstand gegen den Jahrhunderte dauernden Sklavenhandel. Das sichtbar gewordene Wissen über Toussaints Denken und Handeln macht es möglich, dieses „Als Inspiration für unsere Zeit“ – so die Überschrift des Epilogs – zu nutzen.

Schon Toussaints biografische Eckdaten sind einzigartig. Als Kind von Versklavten, die aus dem heutigen Benin in die französische Kolonie verschleppt worden waren, ist es Toussaint nach seiner Freigabe aus der Sklaverei gelungen, innerhalb der französischen Armee zum General aufzusteigen und, nach dem Sieg der République über das Ancien Régime, zum Gouverneur der französischen Kolonie Saint Domingue ernannt zu werden.

Zuvor bereits hatte ihn der damalige Gouverneur der Kolonie, Etienne Laveaux, öffentlich den „schwarzen Spartacus“ genannt und ihn als einen für die Rechte seines Volkes kämpfenden Retter eingestuft. Dieser Moment, der 1796 in Haut-du-Cap, im Norden des heutigen Haiti stattfand, werde, so Hazareesingh, von Historikern heute als Wendepunkt betrachtet, an dem das Ende der „weißen Herrschaft“ in dieser Kolonie und – so darf man ergänzen – später auch des Kolonialsystems eingeleitet wurde. Protokolle solcher Reden, tausende Briefe und bislang ungesichtetes Archivmaterial bilden die Basis für Hazareesinghs Studie, die bestehende kontroverse Urteile über den haitianischen Nationalhelden korrigieren und seine welthistorische Bedeutung festschreiben.

Als Gouverneur blieb Toussaint der Französischen Republik gegenüber zunächst loyal. Doch nachdem diese im Auftrag Napoleons Truppen schickte, um 1802 in den Kolonien die Sklaverei wieder einzuführen, leitete er den Widerstand gegen die französische Armee ein. Von eigenen Verbündeten verraten, wurde Toussaint jedoch inhaftiert und nach Fort Joux im Jura verschleppt, wo er 1803 starb. Toussaints Kampf setzte sein Nachfolger Dessaline erfolgreich fort und gründete – in Abwandlung der Verfassung Toussaints – 1804 die von Frankreich unabhängige Republik Haiti. Was damals geschehen war, schien undenkbar: Ehemaligen Sklaven war es ohne Hilfe anderer Großmächte gelungen, die stärkste Armee Europas zu vertreiben und ihre unabhängige Freiheit zu behaupten.

Die Schlüsselphase dieser Jahre hat der in Oxford lehrende, auf die Geschichte Frankreichs spezialisierte Historiker anhand des Archivmaterials in ihren Abläufen bisweilen nahezu tagesgenau analysiert und die damaligen Entscheidungsprozesse der inzwischen zur Legende gewordenen Persönlichkeit nachvollzogen. Sein Werk, das 2020 in England publiziert wurde und durch die genaue Übersetzung von Andreas Nohl nun in deutscher Sprache zugänglich ist, räumt mit zahlreichen Klischees und ideologisch motivierten Fehlbehauptungen auf, die hartnäckig durch die Geschichtsbücher kursieren. Diese spiegeln u.a. die Widerstände wider, die die Gesellschaften der bisherigen Kolonialmächte bis heute bei der Aufarbeitung dieser Phase ihrer Vergangenheit haben.

Hazareesingh, der Felllow der British Academy ist und seit 1990 am Balliol College Oxford lehrt, stammt aus Mauritius. Das Buch „Die Black Jacobins“ von C.L.R. James, das als erste bahnbrechende Studie über die Haitianische Revolution gilt, hat aus heutiger Sicht das Wirken Toussaints noch zu sehr auf den Selbstbehauptungskampf der Schwarzen reduziert. Das Werk habe, so sagte Hazareesingh vor Studenten, in seiner Jugend bereits zu seinen Lieblingsbüchern gezählt. Die später publizierte Toussaint-Biografie des Wissenschaftlers erfolgt nun jedoch aus einer Perspektive, die über reduzierende Vereinnahmung erhaben ist. Als Kenner der französischen Geschichte, der für sein Werk „How the French think“ (2015) den „Grand Prix du Livre d’Idees“ erhielt, beleuchtet Hazareesingh hingegen historische Narrative und nationale Ambivalenzen, die den Stellenwert von Toussaint Louverture und der durch ihn vorangetriebenen Haitianischen Revolution in den Hintergrund gedrängt haben.

So erinnert er an die 1998 erfolgte, späte Aufnahme des französischen Generals in den Pariser Pantheon, wo ein Informationsschild darauf hinweist, dass Toussaint im „Exil“ in Fort Joux gestorben ist. Doch fehle jeder weitere Hinweis, dass Toussaint als französischer Bürger in seiner Heimat inhaftiert worden sei, weil er gegen die Wiedereinführung der Sklaverei in Saint Domingue gekämpft hatte. Offenbar, so interpretiert es Hazareesingh, „scheint es leichter – und weniger schmerzhaft – zu sein, den weißen Abolitionismus zu ehren, als den schwarzen Widerstand gegen die Sklaverei.“ Auch tue sich die bisherige geschichtswissenschaftliche Betrachtung damit schwer, anzuerkennen, dass die Republikaner nach der Französischen Revolution nicht konsequent die Befreiung aus der Sklaverei betrieben haben.

Die von Toussaint angeführte Haitianische Revolution ist dementsprechend gering in Europa oder den USA rezipiert worden. Noch gibt es beispielsweise keinen Film, der diese Revolution beschreibt. Dennoch hat das Leben Toussaints Wirkkraft entfaltet. Seine Kampftaktiken wurden weltweit zum Vorbild für den Widerstand Schwarzer Gemeinschaften, in Literatur, Kunst und Musik ist Toussaint ikonisch präsent. Musiker wie Wyclef Jean oder die Gruppe Santana widmeten ihm Songs, der Künstler Basquiat oder das Künstlerkollektiv Atis Rezistans, das auf der documenta 15 zu sehen gewesen ist, integrieren die Silhouette des revolutionären Anführers in ihr Werk. Hazareesingh geht dieser umfangreichen Rezeption nach und weist Toussaint Louverture nun zudem auf der Basis historischer Quellenanalyse den ihm geschichtswissenschaftlich zugehörigen Platz zu.

 

 

Sudhir Hazareesingh
Black Spartacus 
Das große Leben des Toussaint Louverture
Übersetzung aus dem Englischen: Andreas Nohl
551 S., geb.
ISBN: 978-3-406-78458-3
C.H. Beck, München 2022
 
 
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Erstellungsdatum: 24.03.2025