MenuMENU

zurück

Hindemiths „Cardillac“ in Zürich

Ein Mörder wird zum Helden

Andrea Richter


Cardillac. Die Dame: Dorottya Láng. Foto: Monika Rittershaus

Paul Hindemiths Oper „Cardillac“ wurde 1926 uraufgeführt. Dieses selten aufgeführte Werk in den Spielplan 2026 des Opernhauses Zürich hundert Jahre danach aufzunehmen, passt also gut. Und es wirkt heute noch in seiner Musikalität ungeheuer modern, geradezu aktuell, weil es kaum fassbare Widersprüche in sich vereint. Geradeso, wie wir die Welt derzeit erleben. Dirigent Fabio Luisi setzte mit dem Zürcher Ensemble inkohärent scheinende Einzelteile so zusammen, dass ein kunstvoll ausbalanciertes Ganzes entstand, geeignet, den frühen und den späten Hindemith miteinander zu versöhnen, fand Andrea Richter, die die Premiere besuchte.

 

Der Vorhang öffnet sich zu den ersten, sehr bestimmten Dreivierteltakten der Bläser im Vorspiel, und zu sehen ist eine zweigeschossige Luxus-Shopping-Mall. Der ungarische Film- Theater- und Opern-Regisseur Kornél Mundruczó, sein neuester Film wird auf der gerade laufenden diesjährigen Berlinale gezeigt, hat also die Handlung in der Zürcher Produktion vom Paris des Louis XIV ins heutige Irgendwo des Konsums verlegt. Im Erdgeschoss das Luxus-Juweliergeschäft mit dem großen „C“. Es gehört dem Goldschmied Cardillac, der seinen fantastischen Schmuck in der Auslage zeigt. Langsam füllt sich die Halle mit Menschen und es mag Zufall sein oder nicht: Sie ähneln in ihren Aufmachungen verblüffend denjenigen, die in der Zürcher Bahnhofstraße unterwegs sind: mit gelabelten Klamotten, gelabelten Einkaufstüten, Gold, Edelsteinen an den Hälsen und/oder Uhren an den Handgelenken, so teuer, dass man sich davon Mittel- bis Oberklasse-Autos kaufen könnte, Bling-Bling vom Feinsten, wer Geld hat, zeigt es unverblümt. Unter den Bühnen-Konsumenten scheint eine Schreckensmeldung die Runde zu machen: „Mörder, Mörder…“ ruft der Chor. Denn in der Stadt hat offensichtlich der Mörder wieder zugeschlagen. Tumult, es bilden sich zwei Gruppen, die sich gegenseitig bezichtigen, dass unter ihnen der Mörder zu finden sei. Polizei (Brent Michael Smith, Bariton) eilt herbei. Festgenommen und abgeführt wird ein plötzlich auftauchender Halbstarker. Unklar, ob er des Mordes verdächtigt wird oder einfach nur ein störendes Element in dieser Luxus-Umgebung ist. Jedenfalls wird Ordnung hergestellt. Dann erscheint ein Mann auf der Galerie, mit lässiger, langer, schwarzer Lederjacke, einem gelben Tennis-Hemd, schwarzer Bundfaltenhose, unauffälligem Gold-Schmuck. Alle Aufmerksamkeit wendet sich ihm zu. Er fährt mit dem gläsernen Aufzug hinunter, wird umringt, ist offensichtlich ein Star und nimmt seine Berühmtheit für selbstverständlich: Leutselige Grüße und Selfies: Der berühmte Goldschmied Cardillac himself.


Cardillac. Cardillac: Gábor Bretz, Der Kavalier: Sebastian Kohlhepp. Foto: Monika Rittershaus

 

Im 2. Akt besticht zunächst ein Saxophon-Solo (großartig gespielt), das der Arie Cardillacs „Mag Sonne leuchten…“ (Gábor Bretz, Bassbariton) vorgeschaltet ist. Er sitzt nun in seiner Werkstatt hinter dem Geschäft, besingt Gold und seine Arbeit mit ihm so, als handele es sich um die Beziehung zu einem geliebten Menschen, säuft und geht auch mal zur Toilette. Der Goldhändler (Stanislav Vorobyov) bittet ihn, neues Gold zu begutachten. Wortreich preist auch er Cardillacs Kunst, insgeheim glaubt er jedoch, dass der geniale Meister mit dem „Teufel im Bund“ steht. Dass Cardillac ein charismatischer Typ ist, steht längst außer Zweifel. Vor allem seine Tochter (Anett Fritsch, Sopran) ist ihm verfallen und kann sich – zu kammermusikalischen Klängen von Geige, Oboe und Flöte – nicht überwinden, endgültig mit ihrem Geliebten (Michael Laurenz, Tenor) zu fliehen. In einem faszinierenden Duett, das in Form einer Fuge angelegt ist, gesteht die Tochter dem Vater ihre Liebe zum „Fremden“, was Cardillac jedoch wenig interessiert, denn er liebt nur sein Gold und seinen Schmuck. Das macht er auch dem jungen Offizier klar, der für die Geliebte das schönste Stück kaufen möchte. Beide singen in diesem Duett von Liebe, nur dass der Eine Goldschmuck meint, der Andere einen Menschen. Es klingt ziemlich pervers, gerade, weil alles so gut zu einander passt. Cardillac warnt ihn, er nimmt es trotzdem, zahlt und geht. Das, was wir ahnten, passiert nun: Cardillac zieht sich seine weiße Mörder-Kleidung plus Maske an.

Der 3. Akt beginnt mit fröhlichem Jazz aus dem Bühnen-Off, Leute in der Mall mit Champagner-Gläsern in den Händen, ausgesprochen entspannte Stimmung, man sieht den weißen Mann herumschleichen, bis er plötzlich auf den Offizier einsticht. Dieser, nur leicht verletzt, erkennt Cardillac zwar, lässt ihn aber fliehen, behauptet sogar, er habe den Goldhändler gesehen und lässt diesen festnehmen. Das Luxus-Volk ist erleichtert, dass nicht ihr Idol Cardillac in die Morde verwickelt ist. Die Tochter begreift aber langsam, welch wahnsinniges Monster ihr Vater ist. Und der gesteht in einem eindrücklichen Choral-Dialog mit dem Chor die Morde, rechtfertigt sich aber damit, dass ein echter Künstler sich nicht von der eigenen Kunst trennen könne und dürfe. Das ihn eben noch bewundernde Volk ersticht ihn zu geradezu apokalyptisch anmutender Rhythmus-Musik, weil sie Angst haben, selbst seine Opfer zu werden, da schließlich jeder etwas von ihm erworben oder geschenkt bekommen hat. Die Tochter und der Offizier tun nun etwas sehr Erstaunliches: Sie stecken den Toten in eine der Oscar-Statuette Hollywoods stark ähnelnde Gold-Rüstung, stellen ihn im Brunnen als Statue auf und der Offizier erklärt ihn … zum Helden und Sieger! Ihn, den Mörder! Ein Marketing-Trick! Denn anschließend verkaufen sie seinen gesamten Schmuck, werden noch reicher. Die Leute umkreisen die Statue zu dunklen Requiem-Choral-Gesängen, die jeder großen Messe in einem Dom Konkurrenz machen können, bis schließlich das Werk unter dem Klang weniger Instrumente langsam und mit einem leisen Schlussakkord verebbt. Das Fazit des Regisseurs: So kann ein Mörder im kollektiven Gedächtnis zum Helden uminterpretiert werden. Wenn das nicht aktuell ist!


Cardillac. Die Dame: Dorottya Láng, Der Führer der Prévôte: Brent Michael Smith, Chor der Opern Zürich, Statistenverein am Opernhaus Zürich. Foto: Monika Rittershaus

 

Hindemith, der in Hanau in eine Arbeiterfamilie geboren wurde, wuchs ab 1905 in Frankfurt auf und besuchte ab 1909 das Hoch‘sche Konservatorium, wo er Violine, Bratsche und Komposition studierte, war 1915-1923 Konzertmeister der Frankfurter Oper. Um sein Streichquartett op.16 bei den 1921 gegründeten Donaueschinger Musiktagen zu präsentieren, hatte sich kurz zuvor in Frankfurt das Amar-Quartett gegründet, in dem Hindemith die Bratsche spielte und das sich auch anderen zeitgenössischen Komponisten verschrieb. In den Folgejahren avancierte er zu einem der erfolgreichsten Komponisten und Musiker seiner Generation, galt aber dem traditionellen Konzert- und Opernpublikum als „Bürgerschreck“. 1927 wurde er Professor für Komposition an der Berliner Hochschule für Musik. Er war jemand, der mit den Sujets seiner frühen Opern-Einakter extrem provozierte und dessen Kompositionen jede Einbettung in eine Stilrichtung verweigerten. Er tat das, was viele Künstler:innen während der Zeit der Weimarer Republik taten: Er experimentierte. Dabei erteilte er sowohl der A- Tonalität als auch der Zwölftonmusik eine Absage und entwickelte vielmehr eine Art Multitonalität.

In Abwendung vor allem von der Hochromantik eines Richard Wagner, in der Gefühle im Mittelpunkt von Handlung und Musik stehen, strebte Hindemith an, keine Emotionen zu komponieren, was dem Stil die Bezeichnung „Neue Sachlichkeit“ einbrachte und die gerne mit Stilzitaten und Kompositionstechniken aus dem Barock arbeitete. „Cardillac“, Hindemiths erste abendfüllende Oper, trägt diesem Ansinnen weitgehend Rechnung: Die Oper ist nicht etwa durchkomponiert, sondern besteht aus 18 eigenständigen Nummern, so wie es im Barock üblich war. Handlung und Musik scheinen über große Strecken wenig miteinander zu tun zu haben, die Musik bleibt eigenständig und damit insofern verwirrend, da man ja auf der Bühne gleichzeitig eine ganz bestimmte Handlung erlebt. Gleichzeitig ist sie nicht so fremd oder verfremdend, dass sie das Geschehen stören würde, dass man sich entscheiden müsste, entweder dem einen oder dem anderen die volle Aufmerksamkeit widmen zu müssen. Und auch in Sachen Gefühle lässt Hindemith einen in der Oper doch nicht ganz im Stich, wie die Arie der Dame im 1. Akt bewiesen hat.

Nach 1933 wurde Hindemiths Kunst als „entartet“ bezeichnet, er, der laut Goebbels „atonale Geräuschemacher“, durfte weder mehr aufgeführt noch im Rundfunk gesendet werden. Er verlor seine Hochschulprofessur und ging 1938 ins Exil, zunächst in die Schweiz und 1940 in die USA, wo er eine Professur für Musiktheorie an der Yale-University übernahm. 1946 erhielt er die amerikanische Staatsbürgerschaft. 1951 wurde auch ein Lehrstuhl an der Universität Zürich für ihn eingerichtet, 1953 zog er ganz nach Blonay am Genfer See. Im November 1963 erkrankte er schwer und ließ sich nach Frankfurt ins Krankenhaus bringen, wo er bald darauf verstarb.

Zu diesem Zeitpunkt, genauer gesagt seit dem Ende des 2. Weltkrieges, hatte er sich längst von seiner frühen, „revolutionären“ Art des Komponierens verabschiedet, verachtete sie gar. Ähnlich wie Richard Strauss, der nach Salome (1905) und Elektra (1909) den für damalige Verhältnisse strikt modernen Kompositions-Weg wieder verließ, was ihm von Musik-Neuerern Kritik einbrachte, vom Publikum aber dankend angenommen wurde. Anders als Hindemith distanzierte er sich allerdings nie davon, arbeitete die Opern nie um, sah diese Phase vielmehr als wichtigen Schritt für seine Gesamtentwicklung als Komponist. Hindemith hingegen verfasste eine zweite, „geglättete“, smoothere Fassung von „Cardillac“, die 1952 in Zürich erstmals aufgeführt wurde, sich aber langfristig nicht durchsetzen konnte. Wenn überhaupt, kommt heute die Ur-Fassung auf die Bühnen, so auch in Zürich 2026. Und die hat mich beeindruckt, sowohl grundsätzlich wegen der Komposition als auch speziell wegen der hohen Qualität ihrer musikalischen Darbietung, orchestral wie stimmlich. Kam mir der Regie-Einfall mit der Luxus-Shopping-Mall zunächst ziemlich platt vor, konnte er mich am Ende mit der Idee der Umdeutung des einfach nur wahnsinnigen Mörders in einen Helden durch das einfache Aufstellen eines Denkmals doch überzeugen, weil es in mehrfacher Hinsicht den oft zweifelhaften Umgang mit Fakten illustriert.

 

 

Cardillac. Cardillac: Gábor Bretz. Foto: Monika Rittershaus

 

Cardillac
Oper in drei Akten
Musik: Paul Hindemith (1895-1963)

Text: Ferdinand Lion nach E.T.A. Hoffmann (1. Fassung)
Uraufführung am 9. November 1926, Semperoper Dresden
 
Musikalische Leitung:
Fabio Luisi
 
Inszenierung:
Kornél Mundruczó
 
Ausstattung:
Monika Korpa
 
Choreinstudierung:
Klaas-Jan de Groot
 
Lichtgestaltung:
Elfried Roller
 
Dramaturgie:
Kathrin Brunner, Kata Wéber
 
Der Goldschmied Cardillac:
Gábor Bretz
 
Die Tochter:
Anett Fritsch
 
Der Offizier:
Michael Laurenz
 
Der Goldhändler:
Stanislav Vorobyov
 
Der Kavalier:
Sebastian Kohlhepp
 
Die Dame:
Dorottya Láng
 
Der Führer der Prévôte:
Brent Michael Smith
 
Der König (stumme Rolle):
Stanislav Hnat
 
Chor der Oper Zürich
Orchester der Oper Zürich
Statistenverein am Opernhaus Zürich
 
 
Weitere Vorstellungen: 21., 25. Februar, 1., 6. und 10. März 2026
im Opernhaus Zürich

Erstellungsdatum: 19.02.2026