MenuMENU

zurück

Jürgen Habermas

Ein Philosoph und Gesellschaftstheoretiker mit weltbürgerlicher Vision

Rolf Wiggershaus


Jürgen Habermas 2019 Foto: Alexander Paul Englert

Am 14. März 2026 starb der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas im Alter von 96 Jahren. Thomas Assheuer schrieb in seinem Nachruf in der ZEIT: Der junge Habermas „schrieb unverschämt selbstbewusst, in einem kühlen sonoren Sound und mit seltener intellektueller Brillanz.“ Mit seinem Selbstbewusstsein hat der Gelehrte nicht nur in öffentlichen Debatten Stellung bezogen, sondern auch die Publikationen aus seinem Interessenbereich sondiert und bewertet. Was aber sein eigenes Anliegen war, beschreibt in bester Kenntnis der ‚Frankfurter Schule‘ und ihrer Ideengeschichte, Rolf Wiggershaus.

 

Als Jürgen Habermas 60 wurde, gratulierte ihm Ralf Dahrendorf in der Zeitschrift „Merkur“ mit einem Beitrag, dessen Titel „Zeitgenosse Habermas“ hieß und der nach der Darlegung von mancherlei Differenzen mit den Worten schloss: „lieber Freund und Zeitgenosse Habermas!“ Ein Beispiel für glückende und beglückende Kommunikation zwischen zwei in demselben Jahr 1929 geborenen Repräsentanten eines Neubeginns der Soziologie in Westdeutschland, die beide früh zu öffentlichen Intellektuellen wurden.

Unabhängig voneinander waren sie Mitte der 1950er Jahre als Assistenten an das aus dem US-Exil zurückgekehrte Frankfurter Institut für Sozialforschung gekommen. Ihre Erfahrungen dort hätten nicht unterschiedlicher sein können. Dahrendorf kam als Assistent von Max Horkheimer und kehrte dem Institut nach kurzer Zeit den Rücken. Habermas kam als Assistent von Theodor W. Adorno und blieb, bis Ende der 1950er Jahre Horkheimer auch ihm die weitere Mitarbeit verleidete. „Dennoch“, so Dahrendorf, erstaunt über Habermas‘ weitere Karriere, „ist er immer wieder nach Frankfurt zurückgekehrt.“

In den 1960er Jahren war Habermas, seit 1964 in Frankfurt Professor für Philosophie und Soziologie, der engagierteste Diskussionspartner der Studenten- und Protestbewegung, die in Frankfurt am Main ihr theoretisches Zentrum hatte. Zusammen mit den Frankfurter Kollegen Erhard Denninger, Ludwig von Friedeburg und Rudolf Wiethölter war er Protagonist der Hessischen Hochschulreform. Er arbeitete u.a. eng mit dem von Alexander Mitscherlich geleiteten Frankfurter Sigmund-Freud-Institut und dem die intellektuelle Öffentlichkeit immer stärker prägenden Suhrkamp-Verlag zusammen.

Die auf das krisenreiche Jahrzehnt als Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialwissenschaft in Starnberg folgende letzte Frankfurter Periode von 1983 bis 1994, nun als Professor für Philosophie, bezeichnete Habermas einmal als seine „glücklichste Zeit“. Allerdings kam es in ihr nicht zu der Zusammenarbeit mit Soziologen und Politologen, auf die er gehofft hatte.

Während der letzten Jahre am Max-Planck-Institut entstand die zweibändige „Theorie des kommunikativen Handelns“. Als sie 1981 erschien, präsentierte die Zeitschrift „Ästhetik und Kommunikation“ ein Gespräch mit Habermas dazu unter dem Titel „Dialektik der Rationalisierung“. Als das für ihn seit langem zentrale Problem formulierte Habermas „eine Theorie der Moderne, der Pathologien der Moderne, unter dem Gesichtspunkt der Verwirklichung, der deformierenden Verwirklichung der Vernunft in der Geschichte“. Adornos und Horkheimers trotz deren mehrfacher Fortsetzungsversuche Fragment gebliebene „Dialektik der Aufklärung“ bildete dabei für ihn einen Bezugspunkt, den es ernst zu nehmen galt und auf den er immer wieder zurückkam. Allerdings sah er anders als deren Autoren in einer möglichen Versöhnung mit Natur „auf dem Niveau der entwickelten Gesellschaft“ keine vielversprechende Perspektive für eine Weiterentwicklung kritischer Theorie. Doch so relevant, vielfältig und inspirierend Habermas‘ Bezugnahmen auf andere Philosophen, Soziologen, Politologen und Zeitgenossen auch waren und wurden – stets ging es bei der weiteren Entwicklung seiner Zeitdiagnose und Gesellschaftstheorie immer wieder auch um die Klärung des Verhältnisses zur „Dialektik der Aufklärung“.

Das „Ästhetik und Kommunikation“-Gespräch veranlasste Habermas, einen Horizont dessen zu entwerfen, was ihn inspirierte. „Ich habe ein Gedankenmotiv und eine grundlegende Intuition. Diese geht übrigens auf religiöse Traditionen […] zurück […]. Der motivbildende Gedanke ist die Versöhnung der mit sich selber zerfallenden Moderne, die Vorstellung also, daß man ohne Preisgabe der Differenzierungen, die die Moderne sowohl im kulturellen wie im sozialen und ökonomischen Bereich möglich gemacht haben, Formen des Zusammenlebens findet, worin wirkliche Autonomie und Abhängigkeit in ein befriedetes Verhältnis treten. […] Diese Intuition stammt aus den Bereich des Umgangs mit anderen; sie zielt auf Erfahrungen einer unversehrten Intersubjektivität, fragiler als alles, was bisher die Geschichte an Kommunikationsstrukturen aus sich hervorgetrieben hat – […] Wo immer diese Vorstellungen auftauchen, ob bei Adorno, wenn er Eichendorff zitiert, beim Schelling der ‚Weltalter‘, beim jungen Hegel, oder bei Jakob Böhme, sind immer Vorstellungen von geglückter Kommunikation […] – all diese Bilder von Schutz, Exponiertheit und Widerstand steigen aus einem Erfahrungshorizont des, um es mit Brecht zu sagen, freundlichen Zusammenlebens auf. Diese Freundlichkeit schließt nicht etwa den Konflikt aus, sondern was sie meint, sind die humanen Formen, in denen man Konflikte überleben kann.“

Habermas wollte das im Rahmen des Wissenschaftssystems thematisieren und artikulieren, wollte nicht Wahrheiten an den Wissenschaften vorbei produzieren und auf höhere Einsichten setzen wie beispielsweise Heidegger mit einem Andenken ans Sein oder Adorno mit einem Eingedenken der gequälten Natur. Allerdings war er sich nicht sicher, ob sich das, was er wirklich wollte und was intuitiv seine Arbeit leitete, in den wesentlichen Elementen im Rahmen des Wissenschaftssystems artikulieren lasse. So verwundert es nicht, dass er bei seinen Analysen und Diagnosen gelegentlich aufs Neue auf Ansichten Adornos zu sprechen kam. Das geschah zum Beispiel anlässlich von Adornos 100. Geburtstag mit dem Beitrag „,Ich selber bin ja ein Stück Natur‘ – Adorno über die Naturverflochtenheit der Vernunft“, in dem Habermas vor dem aktuellem Hintergrund beschleunigter Fortschritte in Biowissenschaften, Gentechnologie und KI und den damit verbundenen Disputen über Determinismus und Freiheit dem Grundgedanken der „Dialektik der Aufklärung“ eine überraschende Aktualität verlieh.

Bei Habermas klang vieles nüchterner als bei Adorno und für viele sicherlich adornofern. Doch wenn man sich auf das ganze Spektrum seiner Themen und der Formen ihrer Präsentation einlässt und auf die von ihm immer wieder neu thematisierte Bezugnahme auf die Autoren der „Dialektik der Aufklärung“, dann wird deutlich, auch ihn inspirierte eine überschwängliche Vision: die einer sozialstaatlichen und ökologischen Zähmung des Kapitalismus in den Dimensionen einer Weltgesellschaft.

Jürgen Habermas verkörperte auf eine so glanzvolle wie bescheidene Art politisches Engagement, intellektuelle Schärfe und persönliche Zugewandtheit. Er hoffte wie einst Kant, die Menschheit werde zur Fähigkeit reifen, Konflikte so zu bewältigen, dass sie sie überleben könnte.

Erstellungsdatum: 19.03.2026