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Eran Rolnik über die gegenwärtige politische Situation in Israel

Wem die Emanzipation zu anstrengend ist und wer stattdessen die Erfüllung politischer Wünsche in die Hände eines Führers legt, macht sich damit von ihm abhängig. Dass dieser – so viel weiß man immerhin – seine Entscheidungen im eigenen Interesse fällt, das nicht das der Geführten sein muss, gehört zu den offenen Widersprüchen gesellschaftlicher Selbstorganisation. Eran Rolnik hat die Abhängigkeit der israelischen Gesellschaft vom Sinnen, Trachten und Handeln ihres Ministerpräsidenten analysiert und empfiehlt ihr, sich davon zu befreien.
Israels Gesellschaft schwankt zwischen dem narzisstischen Pakt mit der Macht und der Melancholie ihrer Gegner. Beide sind dieselbe Weigerung: zu trauern und ohne Retter auszukommen. Eine psychoanalytische Anatomie der Netanjahu-Jahre – und der bevorstehenden Wahl.
Die gegenwärtigen militärischen und politischen Manöver Benjamin Netanjahus lassen sich als der Versuch lesen, die Spuren eines historischen Scheiterns zu verwischen: das Vexierbild, dessen Täuschung aufgeflogen ist, sucht keinen Ausweg in die Zukunft, sondern die Verschiebung der politischen Tagesordnung vom palästinensischen Problem zum iranischen Atomprogramm. Ich möchte diese Linie nach innen verlängern: vom apokalyptischen Kalkül eines Ministerpräsidenten, der mit seiner Verleugnung des Konflikts von 1967 sein Volk und die Juden der Diaspora in die existenziellen Ängste von 1948 zurückgeworfen hat, zur psychopolitischen Struktur darunter – und von dort zu der Herausforderung, die die bevorstehende Wahl stellt.
Der Psychoanalytiker Herbert Rosenfeld hat in seiner Arbeit mit Patienten von narzisstischer Persönlichkeitsorganisation beschrieben, was sich in einer Seele abspielt, die von destruktivem Narzissmus beherrscht wird. Die destruktiven Anteile des Selbst organisieren sich bei ihnen zu einer Art innerer Bande, die sich der Persönlichkeit bemächtigt. Die Macht dieser Bande beruht darauf, dass sie abwechselnd zwei Rollen spielt. Zunächst verführt sie: Sie wendet sich an den abhängigen, bedürftigen Anteil und verspricht ihm Überlegenheit – schließ dich uns an, und du wirst unbesiegbar sein. Hat das Ich sich erst in ihre Hände gegeben, tritt sie in der Rolle des Paten auf, der Schutzgeld eintreibt, und brandmarkt jede aufrichtige Bitte um Hilfe von außen als Verrat.
Die Parallele zum nationalen Geschehen drängt sich auf. Die beiden Rollen der Bande sind genau die beiden Phasen, die die israelische Gesellschaft in den Jahren von Netanjahus Herrschaft durchlaufen hat.
In der ersten Phase kam die Verführung. Die Israelis wurden eingeladen, sich der Fantasie grenzenloser Stärke anzuschließen, die eine Verleugnung der elementarsten Tatsachen ihrer Existenz erlaubt: ein Staat, der niemandem Rechenschaft schuldet – nicht einem Gericht, nicht den Verbündeten, nicht internationalen Normen und mitunter auch nicht den Fakten. Wer irgendeine Grenze erwähnte – ein Richter, ein Journalist, ein Offizier oder ein gewissenhafter Staatsdiener –, wurde als Agent des „Deep State“ oder als Defätist markiert, der das große Versprechen sabotieren wolle. Der Justizputsch sollte nicht nur den Griff der Bande nach der Macht festigen, sondern auch ihre Herrschaft über das verzerrte Weltbild der Israelis befestigen.
Und dann kam der 7. Oktober. Die Fantasie zerschellte an der Wand der Wirklichkeit, und die Bande wechselte die Rolle. Nun verspricht sie nicht mehr Stärke, sondern Schutz. Netanjahu stellt sich hin und sagt: Um euch herum sind nur Feinde und Gefahren, und selbst die, die ihr für Verbündete hieltet, erweisen sich als geknicktes Rohr, auf das man sich nicht stützen kann – und nur ich weiß euch zu schützen.
Das ist der Kern des Paradoxes. Die Schwäche, an deren Erzeugung er selbst beteiligt war, wird zu seinem wichtigsten politischen Kapital. Je ängstlicher die Öffentlichkeit, desto größer dem Anschein nach das Bedürfnis nach dem, der ihre Rettung verspricht.
Hier muss die Diagnose ergänzt werden. Die Zerstörungslust eines Anführers, der die Wirklichkeit sich von allen Seiten her zusammenziehen sieht, erklärt die Anziehungskraft, die Netanjahu auf breite Schichten ausübt, nicht hinreichend – auch nicht in seiner gegenwärtigen Gestalt, in der sein Scheitern weithin nachhallt.
Neben der Zerstörungslust wirken zwei weitere Kräfte – Kräfte, die nicht das Zwei-Rollen-Schema selbst erklären, sondern warum gerade die zweite Rolle, das Versprechen des Schutzes, nach dem 7. Oktober so wirksam verfangen konnte. Die eine ist die Faszination durch einen gewissenlosen Führer – jene urtümliche menschliche Anziehung zum Übermenschen, der an keine moralischen Hemmungen gebunden ist. Die andere ist die Angst vor dem Zusammenbruch, der mit dem Eingeständnis des Unheils einherginge, das er über sein Volk gebracht hat. Große Teile der Öffentlichkeit, mitunter auch seine schärfsten Gegner, sehen in Netanjahu weiterhin eine außergewöhnliche Gestalt: einen klugen, erfahrenen Mann, dessen Hemmungslosigkeit sich gerade als Kraftquelle für besonders schwere Zeiten darstellt.
Das ist der tiefste Erfolg der inneren Bande – nicht nur die Treue ihrer Anhänger zu gewinnen, sondern die Vorstellungskraft und die politischen Horizonte der ganzen Gesellschaft zu erobern.
Im Zentrum des destruktiven Narzissmus steht also nicht nur eine List, sondern eine Anziehung zum Untergang selbst – eine Anziehung, von der Rosenfeld gezeigt hat, wie sie sich in die Sprache der Widerstandskraft und der Stärke verkleidet, bis sich der Lebenstrieb nicht mehr vom Todestrieb unterscheiden lässt. Diese Mischung ist in der israelischen Gesellschaft und Kultur heute deutlich zu erkennen. Das ist die wirkliche Gefahr in diesem Augenblick. Eine in die Enge getriebene Organisation zieht sich nicht still zurück; sie will ihre ganze Umgebung mit sich nehmen. Diese Funktion könnte in Netanjahus Versuchen, sich dem Recht zu entziehen und die Stunde der Entscheidung hinauszuzögern, noch eine zentrale Rolle spielen, wenn er erneut versucht, uns alle – Anhänger wie Gegner – in einen Strudel zu reißen, der die Spuren verschlingt.
Doch Rosenfeld hat auch den Weg nach draußen aufgezeigt. Die Genesung beginnt nicht mit einem stärkeren Anführer, sondern mit Entwöhnung: wenn das Ich das Bündnis aufkündigt, das es mit den destruktiven Anteilen in sich geschlossen hat, und sich wieder auf gute, wirkliche Objekte zu stützen beginnt – auf Institutionen, auf Grenzen, auf Verhältnisse des Vertrauens und auf die Anerkennung der Grenzen der Macht.
Das ist, so meine ich, das Kriterium, an dem die politischen Alternativen in Israel zu prüfen sind. Nicht, wer den stärksten Schutz verspricht, und auch nicht, wer eine neue mentale Umgehung des palästinensischen Problems verheißt, sondern wer der israelischen Gesellschaft anbietet, sich vom Bedürfnis nach einem Erlöser zu befreien; nicht, wer größere Stärke verspricht, sondern wer bereit ist anzuerkennen, dass eine gesunde Gesellschaft sich nicht auf einen einzigen Menschen stützt, so charismatisch oder integer er auch sein mag.
Die Prüfung ist nicht einfach. Ein beträchtlicher Teil des politischen Systems spricht weiter die Sprache der Macht, der Kontrolle und des effizienteren Managements. Auch wo die Absichten gut und die Werte gänzlich andere sind, bleibt das Grundversprechen ähnlich: Wählt den richtigen Führer, und er wird das Problem schon lösen. Doch die israelische Krise ist zu tief, um durch den Austausch eines Erlösers gegen einen anderen gelöst zu werden.
Das unbewusste Bündnis, das die überwältigende Mehrheit der Israelis mit der „Bande“ geschlossen hat, ist nicht die einzige Gefahr. Vor etwa einem Jahr habe ich in einem Beitrag über das „andere Israel“ auf das andere Gesicht eben dieser Vermeidung hingewiesen – nicht den narzisstischen Pakt mit der Macht, sondern die Melancholie des Gegenlagers. Die israelische Gesellschaft, schrieb ich damals, weigert sich zu trauern. Sie verarbeitet das Versagen des 7. Oktober in militärischen und technischen Begriffen und meidet die moralische Selbstprüfung. Das Lager von Netanjahus Gegnern bietet vielleicht ein Gewissen, doch nicht immer Selbstprüfung und Wandel. Über das Ausmaß der Schädigung Unschuldiger in Gaza, über das Ausmaß der Zerstörung, die Israel weiterhin im Libanon anrichtet, und über die organisierte Zerstörung des palästinensischen Lebensgewebes in den besetzten Gebieten schweigt man auch im Lager des „Nur nicht Bibi“.
Jetzt lässt sich erkennen, dass beide Phänomene eines sind. Das Bündnis mit der inneren Bande und die Weigerung zu trauern sind zwei Modi derselben Vermeidung der Entwöhnung – der schmerzhaften Einsicht, dass es keinen Erlöser gibt und dass wir den Verlust und die Verantwortung selbst tragen müssen. Das „andere Israel“ ist keine Alternative, solange es verzweifelt nach einer „Einigung der Lager“ verlangt, die wie durch Zauberhand alles in den vorigen Zustand zurückversetzt, statt die schwere Arbeit des Abschieds zu leisten.
Und von hier rührt die entscheidende Unterscheidung. Eine wirkliche Alternative ist nicht jene, die verspricht, Israel ohne Netanjahu zu sich selbst zurückzuführen, sondern jene, die bereit ist, das melancholische Gewissen gegen eine jüdisch-arabische politische Kraft einzutauschen, die den Kreis aus Nostalgie und Opferschaft durchbricht und Verantwortung trägt. Die bevorstehende Wahl ist nicht nur eine zwischen Führern oder Parteien, sondern eine zwischen dem Fortbestand der Stützung auf das allmächtige Versprechen – in seinen wechselnden Gestalten auf der Rechten und in der sogenannten liberalen Mitte – und dem schweren Schritt der Entwöhnung von ihm.
Die wahre Frage ist nicht, wer uns aus der Hand der Bande und ihrer Machtfantasien rettet, sondern ob wir wieder eine Gesellschaft werden, die ihre strukturellen Schwächen anerkennt, ihre wirklichen Herausforderungen, die Verantwortung für ihre Gegenwart und ihre Zukunft trägt – und keinen Retter braucht.
Der Beitrag erschien am 22. 06. 2026 bei Haaretz.
Erstellungsdatum: 06.07.2026