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Martin Lüdke über Ulrich Rasches Inzenierung von Kleists „Prinz von Homburg“ am Düsseldorfer Schauspielhaus

Die preußischen Herrscher wollten von dem Stück, das Kleist ihnen zur Widmung antrug, nichts wissen. Die Größe, die der Kurfürst bei Kleist demonstriert, nämlich Gnade vor Recht ergehen zu lassen, die ging ihnen damals ab. Kleist hat die Uraufführung seines Stückes nicht mehr erlebt. Und den Triumphzug über die deutschen Bühnen bis heute hatte er sich wohl nicht einmal träumen lassen. Der Regisseur Ulrich Rasche hat am Düsseldorfer Schauspielhaus eine Deutung vorgelegt, die man keineswegs unterschreiben muss. Aber seine Inszenierung ist buchstäblich umwerfend. Eine Reise wert, meint Martin Lüdke.
Wumm. Wumm. Wumm. Wumm. Dann wieder: Wumm. Wumm. Wumm. Gute drei von den dreieinhalb Stunden der Spielzeit, dröhnend, laut, wummert es, stellenweise auch zu laut. Schlachtenlärm? Wir sind im Krieg der Preußen gegen die Schweden.
Damit ist auch der Rhythmus vorgegeben. Die Truppe setzt sich Schritt um Schritt in Bewegung, langsam, fast bedächtig. Um auf der Stelle zu treten. Gleichzeitig um zu marschieren. Oder auch nur, um in Bewegung zu bleiben. Alle. Und es geht auch voran. Und wie!
In dieser Monotonie liegt eine Dynamik. Dazu die Sprechweise. Die Schauspieler werden zu Sprechern. Sie spielen nicht. Sie deklamieren den Text. Kleists Text. Nicht nur Wort für Wort, sondern fast schon Silbe um Silbe. Deshalb wird in den dreieinhalb Stunden kein einziges Wort verschenkt, nichts gesprochen, was man nicht verstehen könnte. Deshalb gewinnen die Wörter, ja genauer noch: deshalb gewinnt die Sprache eine Intensität, die auf den deutschen Bühnen gegenwärtig ihresgleichen sucht. (Die ich nur von den großen Alten, mit anderen Mitteln, noch in vager Erinnerung habe: Fritz Kortner, Gustav Gründgens, Ernst Deutsch, und später von Peter Stein mit Bruno Ganz und Otto Sander.)

Und wieder: Wumm. Wumm. Wumm. Dunkle Bühne (die ebenfalls Ulrich Rasche selbst entworfen hat). Einfachste Mittel. Nur die vielleicht drei/vier Meter langen Leuchtstäbe, die sich von Oben auf die Bühne senken, etwa zwanzig, dreißig dieser Stangen, die einer eigenen Choreographie folgen, mal einen, mal zwei größere Kreise formen, mal als Halbkreise eine Art imaginärer Schranke bilden, zeitweise sich heben oder senken und erst am Ende ganz verschwinden, um einer riesigen, dunklen Fläche, vor dem weiten, auch dunklen Horizont Platz zu machen. Ein Bild der Unendlichkeit entwerfen. Ein einfacheres, regelrecht schlichteres Bühnenbild ist schwer vorstellbar. Und ein eindrucksvolleres auch nicht. Der Aufwand ist gering. Die Wirkung enorm.
Wumm. Wumm. Wumm. Wumm (dafür steht: Andrea Belfi, Komposition und Eletronics). Das gesamte Personal steht auf drei, sich gegeneinander drehenden Scheiben. Wer stehen bleiben will, muss sich also bewegen.

Doch los geht es ganz idyllisch und ziemlich träumerisch. Im Garten von Fehrbellin. Der Prinz, erschöpft von seinen tagelangen Einsätzen, träumt. Und die Schlossgesellschaft betrachtet ihn beim Träumen, darunter der Kurfürst und dessen Nichte, Prinzessin Natalie von Oranien, die Braut des Prinzen. Dabei verliert die Prinzessin einen Handschuh, den der Prinz aufhebt und später, ziemlich irritiert, in den Händen hält, was unter anderem dazu führt, dass er bei der Befehlsausgabe mehr bei seinen Träumereien als bei der Sache ist. Der Befehl lautet eindeutig:
„Vom Platz nicht, der mir angewiesen weichen“.
Dieser Befehl lässt keinen Zweifel aufkommen. Nur was dann später in der Schlacht passiert, lässt ebenfalls keinerlei Zweifel zu. Ein Angriffsbefehl. Der Oberst Kottwitz erinnert seinen Prinzen an die gestrige Befehlsausgabe.
„Des Herren Durchlaucht, bei der Parole gestern, Befahl, daß wir auf Order warten sollen.“
Der Prinz von Homburg urteilt, angesichts der Sachlage, aber anders:
„Auf Ord’r! Ei, Kottwitz! Reitest du so langsam? Hast du sie noch vom Herzen nicht empfangen?“
Die vernünftige „Order“. So führt der Prinz seine Truppen eigenmächtig in den Kampf und zum Sieg. Doch der ändert nichts daran: Befehlsverweigerung. Die ist, ebenfalls eindeutig, mit der Todesstrafe sanktioniert.

Rasches Inszenierung setzt, und das absolut, nicht auf die verschiedenen Charaktere, die sich auf der Bühne darstellen, der eine hüstelnd, mit brüchiger Stimme, der andere, wie wir uns den ‚preußischen‘ Soldaten vorstellen, im zackig scharfen Kommando-Ton. Rasche lässt vielmehr die Sprache sprechen. Also Kleist. Wie gesagt: Wort für Wort, Silbe um Silbe. Obwohl alle in der gleichen Weise den Text präsentieren, nämlich im Wortsinn monoton, sei es der Prinz (André Kaczmarczyk), oder die Prinzessin (Lucia Kotocova), sei es Kottwitz, der Oberst, ein Preuße aus dem Bilderbuch, es entsteht eine verblüffende Wirkung. In der Sprache präsentieren sich die Charaktere. Genauer noch: Die Sprache selbst präsentiert die individuellen Charaktere. Eben: Kleist. (Und bei Rusche kommt hinzu: die einzelnen Darsteller treten zurück. Das Ensemble rückt nach vorn.)
Und immer, wer auch spricht, im Hintergrund, laut genug: Wumm. Wumm. Wumm. Wumm. Und immer, wer auch spricht, laut genug, jede Silbe deutlich zu vernehmen:
Kottwitz:
„Auf deine Kappe nimms. Ich folge dir.“
Prinz von Homburg:
„Ich nehms auf meine Kappe. Folgt mir, Brüder.“
So führt der Prinz seine Truppen eigenmächtig in den Kampf und - zum Sieg. Aber es bleibt, Sieg hin, Sieg her, die Befehlsverweigerung. Eindeutig sanktioniert mit der Todesstrafe.
Und immer wieder, wer auch spricht, weiter im Hintergrund: Wumm. Wumm. Wumm. Wumm. Nicht nur die Truppe ist immer in Bewegung. Alle sind es. Schritt um Schritt setzend, um nicht zurückzufallen. Am Hof. Ebenso im Feld. Und wer immer da geht, wer immer da spricht, ist, man kann es nicht oft genug sagen, klar und deutlich zu hören. Jede Silbe. Jedes Wort.
Das Drama nähert sich seinem Höhepunkt. Der Prinz wird nach seinem grandiosen Sieg, und trotz seines Sieges, wegen Befehlsverweigerung festgenommen und anschließend zum Tode verurteilt. Angesichts seines drohenden Todes wird nun der starke Krieger schwach und bettelt regelrecht um sein Leben. Obwohl er weiß:
„Das Kriegsrecht mußte auf den Tod erkennen. So lautet das Gesetz, nach dem es richtet“.
Das Gesetz, schön und gut, er zittert um sein Leben. Er lamentiert, geradezu weinerlich:
„O Freund! Hilf, rette mich, ich bin verloren.“ (…) „Gott des Himmels! Seit ich mein Grab sah, will ich nichts als leben, und frage nichts mehr, ob es rühmlich sei.“

Natalie bittet den Kurfürsten um Gnade und der schiebt gleichsam den Schwarzen Peter vorsichtig weiter. Er schreibt eine Begnadigung, die allerdings an eine Bedingung gebunden ist. Der Prinz muss das Todesurteil als „ungerecht“ empfinden. Und in diesem Moment kommt beim Prinzen endlich wieder der Preuße durch. Trotz der flehentlichen Bitten von Natalie verweigert sich jetzt der Prinz. Er kennt das Gesetzt und jetzt akzeptiert er es auch. Er nimmt das Todesurteil an und er wird, das Erschießungskommando ist bereits aufmarschiert, seine Meinung nicht mehr ändern. Er geht aus eigenem Willen in den Tod. Mit verbundenen Augen steht der Prinz dann vermeintlich vor seinem Ende:
„Nun, o Unsterblichkeit, bist du ganz mein! Du strahlst mir durch die Binde meiner Augen.“
Doch statt des Todeskommandos steht eine Schar freudig erregter Freunde samt seiner Braut Natalie um ihn herum. Und er fragt:
„Nein, sagt! Ist es ein Traum.“
Hier setzt nun Rasches (Um-)Deutung an. Durch die Tatsache, dass der Prinz sein Urteil akzeptiert, seinem Tod ins Auge gesehen hat, spalte er sich gleichsam auf. Auf der Bühne stehen deshalb jetzt zwei Prinzen, der Träumer und der Krieger. Beide mit nacktem Oberkörper. Und des Prinzen andere Hälfte antwortet auf die Frage:
„Ein Traum, was sonst.“

Rasches Inszenierung läuft damit auf die Deutung hinaus, dass sich der „Prinz von Homburg“ dadurch, dass er seine Verfehlung eingesteht, damit sein Todesurteil akzeptiert, dass er sogar sein eigenes Grab bereits gesehen hat, quasi aufspalten müsse – in den Träumer und in den Krieger und darum nie wieder ein ganzer Mensch sein könne. Folgerichtig bringt Rasche deshalb die beiden Prinzen auf die Bühne. Zwei entblößte Männer. Aber eben auch: beide beides. Träumer und Krieger. Diese Deutung überzeugt trotz ihrer Schlichtheit nicht. Denn nicht nur Goethes „Faust“ ließ“ zwei Seelen“ in seiner Brust schlagen und die Rollentheorie der späteren Soziologie hat sich noch weit stärkere Turbulenzen gestattet. Sei’s drum. Rasches Inszenierung ist eine Wucht. Man kann sie nicht genug preisen und feiern.
Das Wumm. Wumm. Wumm. Das hallt noch lange nach. Wie der Guide Michelin einst mit seinen Sternen warb: „eine Reise wert“. Das ist dieser „Prinz von Homburg“ allemal. Ohne Zusatzkosten.
Wumm. Wumm. Wumm. Wumm.

PRINZ FRIEDRICH VON HOMBURG
Ein Schauspiel
von Heinrich von Kleist
Regie Ulrich Rasche
BESETZUNG
Friedrich Wilhelm, Kurfürst von Brandenburg Patrycia Ziolkowska
Prinzessin Natalie von Oranien Lucia Kotikova
Feldmarschall Dörfling Yannik Stöbener
Prinz Friedrich Arthur von Homburg André Kaczmarczyk
Obrist Kottwitz Christoph Luser
Graf Truchß Theo Thun
Graf Hohenzollern Patrick Güldenberg
Hennings Wael Kreiker
Rittmeister von der Golz Carlos Motolese-Trausan
Graf Reuß Florian Kreßer
Rittmeister Stranz Leo Domogalski
Der tote Prinz Yannik Stöbener
Live-Musik Andrea Belfi / Vincent Wikström, Salome Amend / Rie Watanabe, Guido Kohn / Nathan Bontrager
Regie und Bühne Ulrich Rasche
Mitarbeit Regie David Moser
Mitarbeit Bühne Lukas Kötz
Kostüm Angelos Mentis
Komposition und Electronics Andrea Belfi
Musikalische Assistenz Vincent Wikström
Sounddesign Leopold Stoffels
Körperarbeit Yannik Stöbener
Dramaturgie Sebastian Huber
Weitere Aufführungen:
SO 04.10.
19:00 – 22:30
SA 17.10.
19:00 – 22:30
SO 18.10.
16:00 – 19:30
SO 08.11.
18:00 – 21:30
SA 14.11.
19:00 – 22:30
Erstellungsdatum: 02.10.2026