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Diskursethik versus Metaphysik: eine Debatte

Ein unlösbares Problem

Peter Kern


Was sind die letzten Ursachen und Prinzipien der Welt? (Flammarions Holzstich, 1888)

„Ich bin alt, aber nicht fromm geworden“, soll Jürgen Habermas geäußert haben. Sein Diskurs über Glauben und Wissen, auf den wir in TEXTOR noch zurückkommen werden, war aber für ihn auch eine Geschichte der Philosophie. Dass der 2011 verstorbene Philosoph und Kenner der Scholastik, Karl Heinz Haag, ihm zustimmte und ihm doch in vielem widersprach, bringt Peter Kern in Anschlag: eine Debatte zweier toter Philosophen.

 

Im Vorwort seines letzten Buchs schrieb Habermas über das Dasein eines emeritierten Professors, dem die Gesprächspartner abgehen, was sich nicht als bloß kontingente Bemerkung über die Einsamkeit nach dem Berufsleben liest. Die Bemerkung steht im Kontext der von Habermas stets mitverhandelten Frage: Wozu noch Philosophie? Die heute erfolgreiche ist gehobene Ratgeberliteratur (Glück. Alles, was Sie darüber wissen müssen) und ihre Urheber gleichen den Influencern. Habermas dagegen hat zeitlebens moralisch-praktische Fragen verhandelt. Kritische Philosophie hat keine Zukunft, wenn sich kein Adressat mehr für sie findet; das war seine Sorge.

Am kommunikationsfreudigen (bis rauflustigen) Habermas hat es nicht gelegen, dass kein Dialog zwischen politisch Handelnden und dem Theoretiker des kommunikativen Handelns zustande kam. Zwar hat man ihn zu Zeiten von Rot-Grün anerkennend den „Staatsphilosophen“ genannt, so Joschka Fischer, und ihn an den hohen politischen Feiertagen immer mal wieder einen Festvortrag halten lassen. Den Werkeltag bestritten die Grünen und die Sozialdemokraten aber ohne theoretische Orientierung. Dass die gegenwärtige Regierung Bedarf an intellektueller Debatte anmeldet, kann man wahrlich nicht sagen. Merz hat Habermas gerade als ein „Leuchtfeuer in tosender See“ gepriesen. Die Phrase ist Ausdruck der völligen Distanz zu der „analytischen Schärfe“ eines Intellektuellen, die man pflichtgemäß lobt und von der man gar nichts wissen will.

Der politische Diskurs mit dem Diskurstheoretiker fiel zuverlässig aus – zum Schaden der an der fortschreitenden Demokratisierung arbeitenden Kräfte. Bei den Konservativen stand der „einzige deutsche Philosoph von Weltrang“, wie er in ihrer Presse eben gefeiert wurde, heftig unter Beschuss, vor allem bei den Jungkonservativen, die ihn hassten, seit er sie als solche etikettierte. Wer einmal seine berufliche Zukunft als Festangestellter der FAZ sah, musste über Habermas ablästern, sonst wurde es nichts. Der Weltgeist schreibt ironische Randglossen: Das Feuilleton dieser Zeitung hat über den Verstorbenen nun so geschrieben, als sei er einer der Ihren gewesen. Ist man tot, kann man sich nicht mehr wehren.

Habermas war ein Theoretiker, dessen politische Interventionen allen Einreden zum Trotz kaum auf Gegenliebe trafen und der sich daher mit dem akademischen Geschäft begnügen musste. Habermas erwähnt in seinem letzten Buch das Flaschenpostmotiv der kritischen Theorie. Aber er hat doch die kritische auf das Niveau einer traditionellen Theorie heruntergeschraubt, wussten einmal seine Kritiker. Dieser Anwurf war so redundant, wie es die ewige Versicherung des Kritisierten war, er habe der kritischen Theorie mit ihrer hypertrophen Vernunftkritik eine Grundlegung geliefert, damit es mit ihr überhaupt weitergehen könne. Auch Adorno und Horkheimer sahen ihre kritische in eine traditionelle Theorie rückverwandelt; das Verschwinden des Adressaten, das Fehlen einer revolutionären Organisation mache aus ihr eine politisch abstinente, gleichsam stoische Philosophie. Horkheimers Formulierung „wir sind die Stoa, weil es keine Partei gibt“, festgehalten in den internen Diskussionsprotokollen des Instituts für Sozialforschung.(1)

Als Habermas 1981 sein Hauptwerk vorlegte, ließen die beiden Bände das Wort Anschlussfähigkeit zum stehenden Ausdruck werden. Der Anschluss an empirische soziologische Studien und die analytische Philosophie waren gemeint, ein theoretisches Geschäft also. Dass er keine eingreifende, politisch-praktische, keine kritische Theorie mehr liefere, warf man Habermas damals vor, als trage er mit Schuld daran, dass sich die 68er Bewegung erst dogmatisiert und dann völlig verkrümelt hatte. Er konterte diesen Vorwurf ganz selbstbewusst: Als unorthodoxer Historischer Materialist verhelfe er der in Resignation und Dogmatismus abgerutschten Neuen Linken zu einer mit den Verhältnissen al pari stehenden Gesellschaftstheorie.

Der Theorie des kommunikativen Handelns folgte eine Vielzahl von Publikationen des mit einer unglaublichen Produktivität gesegneten Autors, die um das nachmetaphysische Denken kreisen und von seinem Hauptwerk angestoßen sind. Noch sein letztes Buch sollte ursprünglich Zur Genealogie nachmetaphysischen Denkens heißen. Dieses Denken laufe auf seine eigene Philosophie hinaus, so Habermas. Der folgende Text unternimmt den Versuch einer Kritik der Diskursethik aus dem Geist der gescholtenen Metaphysik. Metaphysik zeuge nach ihrer Abdankung von einem Denkgestus, der keine prinzipiell widerlegbaren Geltungsansprüche erhebe, sondern ewige Wahrheit dekretiere, so Habermas. Der halb vergessene, da medienstrategisch völlig unbedarfte Karl Heinz Haag war das Gegenteil eines geistigen Sehers, und elitäre Selbstinszenierung war ihm wesensfremd. Mit ihm soll gezeigt werden, dass die Sprache auf eine Ontologie verweist, die ihr die Diskurstheorie gerade bestreitet.(2)

Eine imaginäre Haag-Habermas-Debatte also. Ist so eine Debatte mehr als ein innerakademischer Streit? Dem Autor will es so scheinen. Er verweist auf das Selbstverständnis der kritischen Theorie, der die Arbeit an der Theorie als praktisch-kritische Tätigkeit gilt. Sie dient dem Interesse der Individuen an ihrer Emanzipation. Die die bestehenden Verhältnisse mit Aussicht auf Erfolg verändern wollen, sind auf eine Theorie angewiesen, der Wahrheit zukommt. Ohne solche Wahrheit bleiben die politisch Handelnden desorientiert, und der Misserfolg ist vorgezeichnet. Die von ihm entwickelte Diskursethik sei es, welche zu orientieren vermag, sagt Habermas. Die Frage, ob dieser Geltungsanspruch einzulösen ist, ist demnach keine bloß akademische.

Um den Zusammenhang kurz zu skizzieren, aus dem die Diskursethik hervorgegangen ist: Habermas greift die Vernunftkritik auf, wie sie die Dialektik der Aufklärung formuliert. Der klassische Text gibt Vernunft und instrumentelle Rationalität als identisch aus. Die fortschreitende Naturbeherrschung zeitigt demnach ein ironisches Resultat. Die Gesellschaftsmitglieder, deren technisches Knowhow im geschichtlichen Verlauf immer mehr anwachse, würden im industriellen Prozess zur Naturkraft verdummt und zum Mittel degradiert. Der Fortschritt in der Beherrschung der Natur komme ihnen nicht zugute, wie es die Aufklärung seit ihren Anfängen versprochen habe. Stattdessen fänden sie sich in der babylonischen Gefangenschaft der den Produktionsapparat besitzenden Klasse wieder. Ihrer Verdinglichung wegen müssten sie sich verhärten. Die Beherrschung der äußeren Natur und die Beherrschung der inneren entsprächen sich.

Die Verkehrung von Zweck und Mittel ist also das Thema. Für Adorno und Horkheimer ist die Logik der instrumentellen Vernunft so zwingend wie aussichtslos. Als sie 1944 die Dialektik der Aufklärung institutsintern veröffentlichen, schlug der Nazismus, wie von Goebbels versprochen, die Tür hinter sich so zu, dass die Erde erzitterte. In die kritische Theorie geht diese Erfahrung für immer ein; der Pessimismus wird die beiden Autoren nicht mehr verlassen. Innertheoretisch, so Habermas, stellt diese Erfahrung die Dialektik der Aufklärung vor ein unlösbares Problem; „sie weist der Selbstkritik der Vernunft den Weg zur Wahrheit,“(3) und versperre diesen Weg zugleich. Das Wesen der Aufklärung sei technisches Wissen und mit der Entfaltung dieses Wissens sei eine Welt entstanden, in der die Idee der Wahrheit nicht mehr zugänglich sei. Habermas zitiert Horkheimer: „Gerechtigkeit, Gleichheit, Glück, Toleranz, alle die Begriffe, die…in den vorhergehenden Jahrhunderten der Vernunft innewohnen…haben ihre geistigen Wurzeln verloren…Approbiert durch verehrungswürdige historische Dokumente, mögen sie sich noch eines gewissen Prestiges erfreuen…Nichtsdestoweniger ermangeln sie der Bestätigung durch die Vernunft in ihrem modernen Sinne. Wer kann sagen, daß irgendeines dieser Ideale enger auf Wahrheit bezogen ist als sein Gegenteil?“(4)

Haag merkt hier an: „modern=nom. Sinne.“ Der Verweis auf den Nominalismus wird im Folgenden noch bedeutsam sein. Haag stimmt dem Habermas-Satz zu (ausgedrückt mit der lateinischen Abkürzung ‚dist‘ für ‚distincta‘): „Aufgabe der Kritik ist es, bis ins Denken selbst hinein Herrschaft als unversöhnte Natur zu erkennen. Aber selbst wenn das Denken der Idee der Versöhnung mächtig wäre…wie sollte es diskursiv… die mimetischen Impulse in Einsichten verwandeln, wenn doch Denken stets identifizierendes Denken ist, an Operationen gebunden, die außerhalb der Grenzen der instrumentellen Vernunft keinen angebbaren Sinn haben, zumal heute, wo mit dem Siegeszug der instrumentellen Vernunft die Verdinglichung des Bewußtseins universal geworden zu sein scheint.“(5)

Die Aporie der kritischen Theorie – Habermas formuliert sie, und Haag stimmt ihm bei. Ein paar Seiten weiter heißt es, „daß noch die Kritik der instrumentellen Vernunft dem Modell, dem die instrumentelle Vernunft selber gehorcht, verhaftet bleibt.“(6) Und wieder stimmt Haag zu, aber er notiert dazu: „Das hängt vom Telos der Kritik ab.“ In der Diagnose sind die beiden sich einig, aber ihre Therapie fällt ganz unterschiedlich aus. Das Telos der Kritik bei Habermas ist bekannt: „Die utopische Perspektive von Versöhnung und Freiheit ist in den Bedingungen einer kommunikativen Vergesellschaftung der Individuen angelegt, sie ist in den sprachlichen Reproduktionsmechanismus der Gattung schon eingebaut.“(7)

Erstellungsdatum: 28.03.2026