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Margarete Berghoff über die Ausstellung „The World Through AI“

Die Aussicht, Personalkosten zu sparen, bewirkt, dass 0 und 1 zum A und O erhoben wird und Wundergläubigkeit fröhliche Urständ feiert. Wer aber sieht, dass KI, wie fast jede technische Errungenschaft, zum Nutzen oder eben zum Schaden der Menschen verwendet werden kann, behält auch die Akteure hinter der synthetischen Enzyklopädie im Auge. Die Ausstellung „The World Through AI“ der Frankfurter Dondorf-Druckerei stellt verschiedene Aspekte der sogenannten Künstlichen Intelligenz vor. Margarete Berghoff hat sie besucht.
Finstere Aussichten? Pflichtprogramm für KI-Spezialisten und Laien. Antonio Somaini und Katharina Dohm kuratierten diese besondere Ausstellung gemeinsam mit dem Museum „Jeu de Paume“ in Paris.
Die Welt durch AI sehen und wahrnehmen. Was macht das mit dem Einzelnen, was macht das mit der Gesellschaft? Ist die AI eine Bedrohung? Was braucht die AI um mehr positive und demokratische Einflüsse auf unsere Welt zu generieren?
Schon 1955 wurde der Begriff KI „Künstliche Intelligenz“ im englischen AI „Artificial Intelligence“ geprägt. Bis heute hat sich diese Idee zu einem weltweit anerkannten System entwickelt, das mit Hilfe von Algorithmen viele Anwendungen automatisch ausführen kann. Eine umstrittene Technologie, die Einfluss und Macht ermöglicht.
Der Wirbel um AI lässt uns nicht ruhig schlafen. Was kommt da auf uns zu? Ist doch alles gar nicht so schlimm. Die AI schenkt uns doch noch mehr Möglichkeiten, noch mehr Freiheit. Die AI macht uns arbeitslos. Die AI zerstört Demokratie. Die AI unterstützt die Wissenschaft und ist nützlich. Die AI fördert Kriminalität. Einmal erfunden, ist sie wie ein Geist, den wir nicht mehr loswerden.
Die Ausstellung „The World Through AI“, in der historischen Dondorf-Druckerei, räumt auf mit dem Unwissen über „Künstliche Intelligenz“ und rüttelt ordentlich auf. Spielerisch vermittelt, aber auch zum Teil hammerhart, präsentiert sie in vielen kleinen, in sich abgeschlossenen Räumen, dass heutige Wissen über AI. Die sonst eher im Verborgenen sich befindenden und abstrakten Vorstellungen über AI bekommen hier eine sinnlich erfahrbare und ästhetische Gestalt.

Jeder Raum überrascht uns mit den vielen Facetten der AI. Die von 30 Künstler:innen beeindruckend und intelligent gestalteten Werke schockieren zum Teil in ihrer Direktheit und Erfahrbarkeit. Die AI rückt uns näher, ist kein Phantom mehr. Wir müssen uns mit ihr auseinandersetzen. Der Besucher wechselt zwischen Neugierde, Verwunderung, Gänsehaut, Angst und Fluchtimpulsen.
Die Ausstellung stellt Verbindungen her zwischen frühen historischen Erfindungen, wie z. B. die des Buchdrucks und der heutigen Künstlichen Intelligenz. Schon im 17. Jahrhundert wurden Automaten gebaut, arbeitete man an roboterartigen Maschinen. Es war ein langer Weg zur KI, ein Traum, der jetzt endlich Wirklichkeit geworden ist.
Bild Generator, ChatGPT, Analytische KI, Dall-E, CLIP, viele Bereiche der AI sind in den Exponaten künstlerisch thematisiert. Die Aussagen und Inhalte werden sachlich informierend und aufklärend dargestellt. Die Besucher:innen können sich ihre eigene Meinung bilden.
Im Raum 1 geht es um die Speicherung von Daten und Informationen. Wie kann eine Zivilisation die Informationen von der sie abhängt speichern, ordnen und abrufen? In den Anden wurden von den Inkas Baumwoll-Schnüre mit Knoten versehen, um Volkszählungen, Abgaben und Kalenderberechnungen zu speichern. Heute geschieht das durch den Fluss von Elektronen durch Silizium, einem Wunder gleich, einem Naturgesetz folgend. Beides sind Lösungen für das gleiche Problem, aber mit unterschiedlichen Folgen.

Im Raum 3 ist Gesichts- und Emotionserkennung Thema. Die problematische Annahme, dass im Gesichtsausdruck Charakter, Emotionen und soziale Identität erkennbar sind, hat eine lange Tradition. Von der kriminologischen Physiognomie Cesare Lombrosos und Alphonse Bertillons bis zur Rassenphysiognomik von Hans Günther und Ludwig Ferdinand Claus. Wer möchte, kann hier in einem Überwachungsvideo sein eigenes Gesicht beurteilen lassen. Wer Brille trägt, gilt als intellektuell. Alter bedeutet bei Frauen, Oma sein. Eine Dritte Vermutung: eine Person, die nach einer kriminellen Tat flüchtet. Woran hat die AI das nur erkannt? Hieran zeigt sich das Potenzial der manipulativen Überwachung durch den Staat mit Hilfe von AI.
So immateriell uns die AI erscheint, so sehr benötigt sie ganz handfeste Materie, um zu existieren. Riesige Rechenzentren, um zu funktionieren. Physische Bauten, die Tag und Nacht summen und Unmengen an Energie und Wasser verbrauchen. Der Begriff „Cloud“, täuscht uns. Ein Rechenzentrum hat nichts mit einer Wolke zu tun. Können wir diese Massen an Energie in der Zukunft sicherstellen?
So wie die Sprache der Menschheit, die frühe Bildersprache und später die Schriftsprache eine geistige und intellektuelle Entwicklung des Menschen in Gang gesetzt haben, so setzt die AI diesen Prozess fort. Was macht die AI mit uns? In welche Richtung wird sich der menschliche Geist mit AI entwickeln? Ist sie nur ein Hilfsmittel, eine Maschine, um das Leben des Menschen weiter zu optimieren? Oder wird sie einen eher destruktiven Einfluss auf den einzelnen Menschen und auf ganze Gesellschaften haben? Eine Fortsetzung der historischen Macht- und Gewaltherrschaften? Also nichts wirklich Neues, nur ein schönes neues Kleid, dass uns blendet?
Raum 6 macht deutlich, dass hinter jeder Maschine ein Mensch steht. Besonders im globalen Süden, wo Energie preiswert ist, arbeiten Millionen Arbeitskräfte für Tech-Unternehmen. Besonders Frauen finden hier schlecht bezahlte Arbeit. Ein Blick in die Vergangenheit von 1770 erinnert an den „Mechanical Turk“, ein Schachspielautomat, der gegen hohe Persönlichkeiten wie Napoleon spielte. Es handelte sich aber um Betrug, im Automaten saß ein Mensch.

Die AI ist eine Erfindung, die aus heutiger Sicht eine der einschneidendsten, in die Zukunft weisenden Veränderungen darstellt. Die KI arbeitet selbstständig und automatisch. Einmal programmiert, führt sie ein Eigenleben. Sie hat einen großen Einfluss auf Prozesse der Entscheidungsfindung, auf Vorhersagen, Klassifizierungen, Erkennung, Wissenschaft und militärische Aktivitäten. Und damit auf geistige Strömungen und Glaubensinhalte. Sie durchdringt schon heute viele richtungsweisende Entscheidungen in Kultur, Wirtschaft und Politik. Fehlprogrammierungen der AI vervielfältigen sich. Fakes und Deepfakes verbreiten sich und wirken meinungsbildend. Manipulation ganzer Gesellschaften sind mit KI möglich geworden.
Der Menschenverstand ist fragwürdig geworden, AI weiß es besser, ist ein Reservoir an Wissen, an Schnelligkeit dem menschlichen Geist angeblich überlegen. Was geschieht, wenn der Mensch all sein Wissen in die AI eingebracht hat? Wenn er hündisch der AI folgt und nicht mehr selbstständig denkt? Das Denken vielleicht sogar weitgehend aufgibt? Nur noch der AI Fragen stellt, anstatt sich selbst. Kann die AI Fortschritt in die richtige Richtung generieren? Zum Wohl der Menschheit? Oder wiederholt sie eventuell die alten Fehler?
Die ethischen Programmierungen, die auffällig einstudierte Höflichkeit und überspitzte Einfühlsamkeit wirken einschmeichelnd und manipulativ. Sie können zwischenmenschliche Entwicklungsprozesse nicht ersetzen. Doch die Sehnsucht des Menschen danach, bedingungslos verstanden zu werden, begünstigt Plattformen mit virtuellen Partnerangeboten.
Noch steckt die KI in den späten Kinderschuhen. Die Ausmaße ihrer Macht werden befürchtet, sind aber noch nicht in der Tiefe ganz kalkulierbar. Schon heute ist klar, die AI kann unterstützend und positiv genutzt werden, wenn sie als solche gesehen und angewendet wird. Forschung, Wissenschaft, Medizin sind Bereiche, die von der AI im positiven Sinn profitieren können.

Leider sind die destruktiven, kriminellen und manipulativen Anwendungsbereiche wesentlich mehr. Man spricht u.a. von Halluzinationen, wenn die AI nicht die gewünschten Antworten gibt. Dabei handelt es sich um bewusst programmierte Fehlfunktionen, die den Nutzer irritieren, psychisch manipulieren sollen. Gesetze für den Umgang und die Nutzung der AI sind dringend notwendig. Ihre Einführung gestaltet sich aber schwierig aufgrund unterschiedlicher Interessen einiger Länder und gezielter Lobbyarbeit der Tech-Unternehmen.
USA und China sind führend und Konkurrenten in der Entwicklung von KI.
Dieser Wettlauf der Rivalen verdeutlicht, dass es hier um Weltmacht und wirtschaftliche Interessen geht. Gleichheit und Frieden wird die KI wohl schwerlich stiften können.
Die alte Dondorf Druckerei, die schon lange abgerissen werden sollte, hat endlich eine neue Bedeutung erhalten. Sie ist ein Ersatzmuseum für die Zeit der Renovierung der „Schirn“ geworden. Ganz konträr zu dem modernen Museums-Tempel. Der Backsteinbau aus dem 19. Jahrhundert atmet eine Atmosphäre von „Work in Progress“. Alle Ausstellungen, die dort gezeigt wurden, waren „Highlights“. Man darf sich auf Leonor Fini freuen, eine der großen Malerinnen des Surrealismus, der nun endlich eine erste Ausstellung in Deutschland gewidmet wird. Es bleibt zu hoffen, dass die Dondorf Druckerei auch in der Zukunft für die Kultur genutzt werden wird.
Eine sehenswerte informative Ausstellung, die viele Aspekte der KI deutlich macht. Fast scheint es, dass die KI eine logische Entwicklung auf dem Boden der Vergangenheit der Menschheit ist. Ein übergroßes Gehirn, das uns in vielen Aspekten helfen kann, wenn es richtig eingesetzt wird. Das uns schaden kann, wenn wir versäumen, die destruktiven Potentiale früh genug zu beherrschen.
Erstellungsdatum: 19.06.2026