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Martin Lüdke über Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ am Schauspiel Frankfurt

Was passiert, wenn ein Mensch alles verliert, was ihm Sicherheit gibt? Hans Falladas „Kleiner Mann – was nun?“ erzählt vom sozialen Abstieg einer jungen Familie in Zeiten der Wirtschaftskrise. Fast hundert Jahre später präsentiert Luise Voigt bravourös ihre eigene Bearbeitung von Hans Falladas großem Roman. Zwischen Tanz, Gesang und bitterer Realität entsteht ein Abend von beklemmender Aktualität. Denn die Frage, was geschieht, wenn die Sicherheit verschwindet, ist heute so brisant wie damals. Martin Lüdke hat die Aufführung im Schauspiel Frankfurt gesehen.
In einem Brief an seinen Verleger Ernst Rowohlt beschrieb 1932 Hans Fallada seinen Roman mit den folgenden Worten: „Ehe und Wehe von Johannes Pinneberg, Angestellter, bekommt eine Stellung, wird endgültig arbeitslos. Einer von sechs Millionen, ein Garnichts, und was der Garnichts fühlt, denkt und erlebt.“ Soweit so gut und alles richtig. Vergessen hat der Autor nur sein „Lämmchen“, das Energiezentrum des Stücks, sicher eine der interessanten Frauen aus der Literaturgeschichte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, erst Freundin, dann Ehegattin von Pinneberg, und eben Mutter seines Sohnes, des „Murkel“. Eine Heldin des Alltags. Denn auch um die geht es.

Wir sind zurzeit Zeuge einer ganz erstaunlichen Regeneration des Fallada‘schen Werkes, schrieb der Theaterkritiker und einstige Feuilletonchef der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Günter Rühle, und zwar am 13. August 1981. Damals hatte auch Peter Zadek mit seiner Theaterfassung des Romans am Bochumer Theater viel, sogar sehr viel Aufmerksamkeit gefunden. Auch er hatte das Ganze mit Tanz- und Gesangseinlagen als Revue präsentiert.
In der FAZ vom 26. Oktober 2026 berichtete die Zeitung von einer Premiere in Stuttgart. Nur wenige Tage später, am 30. Oktober 2026, präsentierte Luise Voigt ihre Frankfurter Fassung von Falladas Roman. Er spielt im Wesentlichen in der Szenerie eines modernen, großstädtischen Neubauviertels, mit großen Plätzen, hohen Wohn-, vielleicht auch Bürohäusern. (Ich musste da immer an Marzahn in Berlin denken.) Das imposante Bühnenbild hat Natascha von Steiger entworfen. Und durch den dreistündigen Abend führt uns, auch entsprechend als Conferencier ausgewiesen, Matthias Redlhammer.

Dank solcher neuen Inszenierungen können wir also wieder, fast ein halbes Jahrhundert nach Rühles Diagnose, von einer „erstaunlichen Regeneration“ sprechen.
Pinneberg: Das ist unmöglich! Wir haben so aufgepasst. Ganz unmöglich ist das. Sag doch selbst Lämmchen.
Lämmchen: Junge! Junge! (Pinnebergs Hand auf Lämmchens Bauch).
Pinneberg: (Seine Lippe zittert.) Ich verdiene im Monat hundertachtzig Mark! (Versucht zu lächeln) Jaja. Du bist ein Trumpfass, Lämmchen, du stichst alles. (…)
Lämmchen: Ja?
Pinneberg: Emma Mörschel! Wie, wenn wir uns heiraten würden.
Lämmchen: O Gott! Junge, wenn du das tätest -
Er tut es. Doch mit dem, keineswegs aber durch das ungeplante Kind, beginnt der soziale Abstieg der Angestellten-Familie Pinneberg. Das Geld ist knapp, von Anfang an. Und es wird immer knapper. In einer grandiosen Szene lässt sich Pinneberg hinreißen, eine Frisierkommode, die sie sich bei Gott nicht leisten können, für sein Lämmchen zu kaufen. Auf ihrem Weg nach unten, in den sozialen Abstieg, ist das verrückte Möbelstück noch eine Zeit lang dabei.
Waren es seinerzeit, zu Beginn der dreißiger Jahre des 20. Jahrhunderts, die immer deutlicher werdenden Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise, so darf man heute, angesichts schwacher Wirtschaftsdaten, struktureller Krisen in wesentlichen Industriezweigen, den noch nicht überschaubaren Auswirkungen der künstlichen Intelligenz, doch mindestens von einer spannenden Entwicklung sprechen.

Auch Peter Zadek hatte vor einem knappen halben Jahrhundert das große Drama der kleinen Familie in eine Revue mit Tanz- und Gesangseinlagen integriert. Ähnlich geht jetzt Luise Voigt vor. Auch sie lässt hüpfen und springen, tanzen und singen. In der Revue wird das Drama gleichsam eingebettet. Nicht entschärft, aber doch in bestimmter Weise entdramatisiert. (Nebenbei: es wird viel gesungen, eher selten auch gut.)
Warum? Von Dramatik kann ohnehin nicht die Rede sein. Es geht halt nur bergab, stetig den Bach runter. Es passiert kein Unfall. Es gibt kein Unglück. Nur eine schleichende, stille, aber echte Katastrophe. Von Beruf, gar Berufung kann überhaupt nicht die Rede sein. Es geht nur darum, Arbeit zu haben, Arbeit zu behalten, und den Angestellten fehlt dazu noch das Klassenbewusstsein. In einer ebenso grandiosen wie grotesken Szene gehen die Eltern vom Lämmchen, echte Proletarier, mit echtem Stolz auf ihren Stand (und echten Schwellköpfen auf projizierten Bildern) so richtig ins Gericht mit dem Schwiegersohn, dem Angestellten. Dieser Zwischenzustand, einst von Siegfried Kracauer erstmals genau beschrieben, trifft auf den Hohn der Arbeiter, die wissen, was sie sind.
Pinneberg, treffsicher, durchwegs überzeugend dargestellt von Arash Nayebbandi, verliert zunehmend seine Sicherheit(en).
Das macht die Berliner Luft, Luft, Luft
mit ihrem holden Duft, Duft, Duft
wo nur selten was verpufft, pufft, pufft
in die Luft, Luft, Luft

Am Ende sitzt er, weit genug entfernt von der Schrebergartenhütte, um nicht bemerkt zu werden, allein an der Rampe, stiert vor sich hin und kämpft vergeblich gegen seine Empfindungen an. Auf dem Heimweg hatte ein Polizist in ihm das wehrlose Opfer erkannt und ihn mit sadistischer Freude gezwungen, mit einem Bein auf dem Bürgersteig, mit dem anderen auf der Straße zu laufen. Es heißt ja schließlich „Bürgersteig“. Der Polizist hatte gesehen, dass der ehemalige Angestellte seinen Status offenbar verloren hatte. Er sah ihm den Arbeitslosen an und schikanierte ihn entsprechend. Solche Demütigung macht Pinneberg schwer zu schaffen. Er wagt sich kaum noch nach Hause. Besser gesagt: Er hätte sie nicht ertragen können, wenn da nicht Lämmchen, seine kleine, zierliche Frau, gewesen wäre. Nina Wolf demonstriert wunderbar eine Stärke, die von innen herauskommt. Sie ist sich ihrer selbst sicher. Sie bleibt, was immer auch geschieht, unbeirrbar in der Liebe zu ihrem gebeutelten Mann. Lämmchen sitzt mit ihrem Quasi-Schwiegervater vor ihrer Laube. Die beiden warten auf ihren Mann, der längst zu Hause sein sollte. Dieser Jachmann, der eben aus dem Knast kommt, ein ganzes Jahr dort abgesessen hat, bleibt, obwohl ganz schön gebeutelt, ungebrochen. Michael Schütz gibt dieser Figur in all ihrer Zwielichtigkeit und kumpelhaften Jovialität eine überzeugende Glaubwürdigkeit.
Falladas Roman ist nun fast hundert Jahre alt und wirkt doch, gerade in dieser kondensierten, auf die markanten Stufen des sozialen Abstiegs konzentrierten Fassung erschreckend aktuell. Wilhelm Genazino hatte das Personal von Fallada einmal als „Helden des Scheiterns“ bezeichnet. Da mag, das ganze Werk betrachtet, etwas dran sein. Auf „Kleiner Mann – was nun?“ trifft das aber nicht zu. Denn Lämmchen und Pinneberg sind nicht gescheitert. Sie sind Opfer, immer erkennbar als Opfer der Verhältnisse. Es geht, das wird sehr deutlich, bei Fallada im Roman, und hier in der überzeugenden Bühnenfassung von Luise Voigt, um die Auswirkungen einer ökonomischen Krise, die jenseits individueller Zuständigkeiten liegt. Lämmchen, so wie sie sich verhält, ahnt ersichtlich, was hier gespielt wird.
Und wie es gespielt wird, Grund genug, sich die Sache anzusehen. Hinzu kommt, dass sich hier ein Blick in die Zukunft eröffnet. Der Revue-Charakter will und kann darüber nicht hinwegtäuschen. Schon lange werden die Gräber mit Blumen geschmückt.
Langer, kräftiger, verdienter Beifall.

Kleiner Mann – was nun?
nach Hans Fallada
Bearbeitung: Luise Voigt
TEAM
Regie: Luise Voigt
Bühne: Natascha von Steiger
Kostüme: Maria Strauch
Choreografie: Minako Seki
Musik & Songs: Björn SC Deigner
Video: Stefan Bischoff
Dramaturgie: Lukas Schmelmer
Licht: Jan Walther
BESETZUNG
Nina Wolf (Emma Mörschel genannt Lämmchen)
Arash Nayebbandi (Johannes Pinneberg)
Matthias Redlhammer (Conférencier / Franz Schlüter)
Katharina Linder (Mia Pinneberg / Schwägerin)
Michael Schütz (Jachmann, Herr und Frau Mörschel, ältere Dame, Passanten)
Stefan Graf (Heilbutt, Mariechen, Seifenfrau, Passanten)
Anna Kubin (Scharrenhöfer, Schulz, Herr Friedrichs, Jänecke, Krankenkassen-Angestellter, Passanten)
Christina Geiße (Kleinholz, Lehmann, Else, Keßler, Emil, Krankenschwester, Schupo)
Tanja Merlin Graf (Lauterbach, Puttbreese, älterer Verkäufer, Passanten, ein Herr)
Asmaa Alasso, Emelie Aschmann, Valentina Ávila Hurtado, David Kwiek, Angelo Berber, Ana Prevoznik, Daiaana Sergucheva, Leonie Wessling (Tänzer:innen)
Premiere 30. Oktober 2026
ca. 2 Stunden 50 Minuten, eine Pause
Termine
Mi. 04.11.2026
19.30–22.20
RESTKARTEN
Sa. 14.11.2026
19.30–22.20
anschl. Publikumsgespräch
TICKETS
Sa. 21.11.2026
19.30–22.20
TICKETS
Do. 26.11.2026
19.30–22.20
Einführung 19.00
TICKETS
Sa. 28.11.2026
19.30–22.20
TICKETS
Mo. 30.11.2026
19.30–22.20
RESTKARTEN
Do. 03.12.2026
19.30–22.20
Einführung 19.00
VORVERKAUF AB 10. NOVEMBER
Do. 10.12.2026
19.30–22.20
VORVERKAUF AB 10. NOVEMBER
Mo. 14.12.2026
19.30–22.20
VORVERKAUF AB 10. NOVEMBER
Fr. 25.12.2026
18.00–20.50
VORVERKAUF AB 10. NOVEMBER
Erstellungsdatum: 04.11.2026