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Martin Lüdke über Shakespeares „Viel Lärm um Nichts“ in der Frankfurter Inszenierung von Tina Lanik

Eine schwankende Sache

Martin Lüdke


„Viel Lärm um nichts“ von William Shakespeare, Sebastian Kuschmann, André Meyer. Foto: Jessica Schäfer

Die kriegerische Auseinandersetzung ist zu Ende, die Eheschließungen schließen sich an. Shakespeare bietet drei Varianten geplanter, hintertriebener, nicht gewollter und doch gewollter Paarungen an – Grundlage so vieler Komödien der letzten Jahrhunderte. „Viel Lärm um nichts“ wird gerne gegeben und besucht; und doch: endlich mal wieder in Frankfurt. Martin Lüdke hat die Premiere besucht und war angenehm überrascht.

 

Es war die letzte Premiere in dieser Spielzeit. Und der erste Hochsommertag mitten im Mai. Das Publikum entsprechend ‚aufgeräumt.‘ Und dazu: Shakespeare. Endlich mal wieder. Neu und schlüssig übersetzt von Marius von Mayenburg. Überflüssig ergänzt von Lisa Wentz. Unnötig feministisch auf Vordermann gebracht. Und trotzdem gelungen. Straff, einfallsreich, schlüssig inszeniert. Und buchstäblich in einen passenden Rahmen gesetzt von Stefan Hageneier (Bühne & Kostüm). Und erst am Ende, mit einigen Kratzgeräuschen angereichert. Man steht, nach gerade mal zwei Stunden, verblüfft vor der Tatsache: Man liebt sich. Man liebt sich nicht. Man liebt. Und alles ist vorbei. Eine Komödie, die eigentlich gar nicht so komisch ist, die von der Sprache lebt, und von dem Frankfurter Ensemble bis auf den überflüssigen „Monolog“ beeindruckend über die Rampe gebracht wurde.

 

I

Der englische Originaltitel „Much Ado About Nothing“, 1599 in London uraufgeführt, ist von unseren Star-Romantikern August-Wilhelm Schlegel und Ludwig Tieck mit „Lärm“ weißgott nicht schlecht, wenn auch etwas frei übersetzt. Denn die eine Seite vom Lärm, das evtl. störende Geräusch, ist doch eng mit der anderen, die sich an gewaltsame Aktivität bis zum Aufruhr anlehnt, ziemlich eng verknüpft. Mein Oxford Dictionary übersetzt „ado“ eher schlicht mit „Aufhebens“. Die Lücke, die hier sichtbar wird, böte den Raum für mögliche Aktualisierungen. Ein differenziert feinfühliges Herangehen vorausgesetzt. Marius von Mayenburgs neue Übersetzung bietet dazu die besten Voraussetzungen. Sie ist, wie man da so schön sagt, behutsam modernisiert, deutlich entschlackt, aber vor allem in allen entscheidenden Fragen eng an der Vorlage orientiert. Diese Vor-Lage wurde von Stefan Hagemeier, durch seinen Guck-Kasten im Großformat, energetisch umgesetzt. (Fast) Alles, was wir sehen, ist in (s)einen Rahmen gesetzt, der nach vorne offen bleibt, und so den Akteuren erlaubt, gelegentlich herauszutreten und ganz vorne an der Rampe zu agieren. Zack. Und es ist dunkel. Zack. Der Raum wird wieder hell. Schlagartig. Immer. Im Hintergrund, grüne Wiese, zwei Bäume, mit weit ausgreifenden Ästen. An einem Ast hängt sogar eine Schaukel. Im Raum davor auf der linken Seite eine Art großer, geschwungener Theke. Da wird gekocht, gemixt, getrunken. Zack. Dunkel. Und wieder ein Szenenwechsel.


„Viel Lärm um nichts“, Ute Venjakob (Frauenchor), Annie Nowak, Nina Wolf, Eva Maria Nikolaus. Foto: Jessica Schäfer

 

II

Erster Akt. Erste Szene. Die drei Frauen, die, wie von Shakespeare vorgesehen, die Handlung tragen. Hero, die tragische Heldin des Ganzen, erst umworben, dann verschmäht und endlich doch noch unter die Haube gebracht. Nina Wolf gelingt es, in allen dieser drei Phasen, die sie durchläuft, die mittlere sogar buchstäblich, in einem ordentlichen Tempo immer an dem Rand der Bühne entlang bis zur (tatsächlichen) Erschöpfung und darum ihrem vermeintlichen Tod, das verliebte Mädchen, das tödlich gekränkte Geschöpf und schließlich auch die sowohl rehabilitierte wie auch selbstbewusste junge Frau zu präsentieren. Dagegen steht Beatrice, wunderbar kratzbürstig, frech, ja provokant von Annie Nowak präsentiert. Am Ende kommt zwar auch sie unter die Haube, was wir zwar noch hören, aber nicht mehr sehen können. Dennoch bleibt sie sich treu. Eva Maria Nikolaus hat als Margaret die leichteste Aufgabe. Sie dient als Vermittlerin, in all den Streitfragen und Problemen. (Bei ihr sollte, siehe oben, die Emanzipation anfangen.)


„Viel Lärm um nichts“, Arash Nayebbandi, Miguel Klein Medina, Sebastian Kuschmann. Foto: Jessica Schäfer

 

III

Der Krieg ist zu Ende. Die Soldaten, also Don Pedro, Benedikt und Claudio, kehren siegreich nach Hause, das heißt an den Hof von Leonato, nach Messina zurück. Auch Don Juan ist zurück, nur hatte er auf der Seite der Verlierer gekämpft. Man vergnügt sich. Beatrice, die, wie man es vormals nannte, über ein lockeres Mundwerk verfügt und sich schon vorweg pointierte Wortgefechte mit Margaret geliefert hatte, legt sich jetzt vorzugsweise mit Benedikt an. Claudio wiederum gesteht Benedikt seine Liebe zu Hero. Nach ihrer Verleumdung, hinter der Don Juan steckt, rennt sie sich geradezu die Seele aus dem Leib, bis sie, wie schon gesagt zum Glück nur vermeintlich tot umfällt und dadurch den Gang der Handlung (mit Hilfe des eher weniger frommen als kaltschnäuzig/cleveren Pastors, Michael Schütz, der in dieser kleinen Rolle aber groß rauskommt) enorm beschleunigt und zu dem Ende bringt, das leider in der von Lisa Wentz ergänzten Fassung noch nicht das Ende ist. Es ist vor allem Beatrice zu verdanken, dass die Verleumdung von Hero als solche erkannt wird. Ihr gelingt es, Benedikt zu überzeugen, dass er jetzt selbst eingreifen muss, um die Wahrheit ans Licht zu bringen. Sie wird also, schon bei Shakespeare, als starke Frau präsentiert, und bedarf deshalb auch keiner gut gemeinten feministischen Nachhilfe.


„Viel Lärm um nichts“, Michael Schütz, André Meyer, Eva Maria Nikolaus, Sebastian Kuschmann, Sebastian Reiß, Miguel Klein Medina. Foto: Jessica Schäfer

 

IV

Hero gilt als tot. Claudio, ihr Bräutigam, hat sich, ohne die Anschuldigungen gegen seine Braut auch nur einen Augenblick lang anzuzweifeln, als feiges Weich-Ei erwiesen. Er steht nun, klar gesagt, ziemlich blöd da. Shakespeare hat daran keinen Zweifel gelassen. Auch hier wieder: wozu noch Nachhilfe. Bräutigam und Vater haben versagt. Als Bräutigam. Und als Vater. Basta. Nur so richtig kapiert haben es die beiden wohl doch noch nicht:

Claudio: Wir haben dich überall gesucht. Wir haben nämlich eine erstklassige Depression und hätten gerne, dass du sie verjagst.

Benedikt: Kann ich dir kurz was ins Ohr sagen? (Beiseite zu Claudio) Du bist ein Arschloch. Ich will Genugtuung, sonst verkündige ich überall, dass du ein Feigling bist. Du hast eine unschuldige Frau ermordet und ihr Tod soll schwer auf dich fallen. (Und zu Don Pedro) Mein Herr, ich danken Ihnen, dass Sie so oft großzügig zu mir waren. Ich muss Ihnen die Gefolgschaft aufkündigen. Ihr Bruder, der Bastard, ist aus Messina geflohen. Sie haben zusammen eine süße und unschuldige junge Frau ermordet. Was dieses Milchgesicht betrifft, wir werden uns treffen.

Ausgerechnet Benedikt, der anfangs durch seine großspurigen Sprüche auffiel, hat hier die Kehrtwendung bewirkt. Arash Nayebbandi zeigt regelrecht den Prozess, den er durchläuft, um selbst erst einmal diese Kehrtwendung zu vollziehen. Er zeigt die Zweifel. Das Zögern. Zeigt diesen Ruck, der durch ihn geht. Und zeigt, dass der, der er war, der vollmundige Macho, nie ganz verschwinden wird und er sich doch entscheidend verändern kann. Am Ende wird, nicht wie sonst üblich, geheiratet, sondern, wie eingangs schon erwähnt, erst noch einmal abgerechnet. Und dann kommen Beatrice und Benedikt auch wieder ins Spiel: Sie fragt ihn, und er fragt sie, wie es um die Liebe steht. Beide drucksen wunderbar herum und wissen doch, dass sie jeweils das wollen, was auch der andere will. Doch bevor sie heiraten, werden sie erst einmal tanzen. Keine schlechte Lösung.


„Viel Lärm um nichts“, Ensemble und Frauenchor. Foto: Jessica Schäfer

 

V

Es wird (mir) immer ein Rätsel bleiben, weshalb Originale anders, meistens weniger altern, als ihre Übersetzungen. Marius von Mayenburg ist dafür wieder ein guter Beleg. Schlegel/Tieck wirkt heute leider doch stark angestaubt. Mayenburgs Fassung überzeugt (mich) voll und ganz. Sie präsentiert in unserer Sprache den Geist der Geschichte. Und Beatrice liefert das passende Schlusswort dazu:

Der Mensch ist eine schwankende Sache, das ist mein Fazit.

Denn zuvor hatte sie nämlich verkündet:

Ich hör mir lieber an, wie ein Hund eine Krähe ankläfft, als einen Mann, der mir ewige Liebe schwört.

So ändern sich die Zeiten.

Der Beifall war ordentlich, aber nicht überschäumend.

 

P.S.: Das Programmheft, in dunkles Lila gehüllt, mit hellroter Schrift versehen, lässt einige Fragen offen, zum Beispiel nach der Schreibweise des angeführten Personals. Kaum zu entziffern.

 

Viel Lärm um nichts
von William Shakespeare / Regie: Tina Lanik

 

Besetzung:
 
Regie: Tina Lanik
Bühne & Kostüme: Stefan Hageneier 
Dramaturgie: Alexander Leiffheidt 
Licht: Marcel Heyde
 
Don Pedro/Don John: Sebastian Kuschmann 
Benedikt: Arash Nayebbandi
Claudio: Miguel Klein Medina
Boracchio: Andre Meyer
Loenato: Sebastian Reiß
Pater Francis: Michael Schütz
Beatrice: Annie Nowak
Hero: Nina Wolf
Margarete: Eva Maria Nikolaus
 
Weitere Aufführungen:
28.05.2026; 
08., 17., 21., 26.06.2026, jeweils 19.30 Uhr

Schauspiel Frankfurt

Erstellungsdatum: 28.05.2026