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Frauen in Indien (II)

Eine starke, helfende Hand

Clair Lüdenbach


Junge Frau in Amber Fort von Jaipur, Indien. Foto: Alexander Paul Englert

Brahma ist in der hinduistischen Mythologie der Schöpfergott. Seine Schöpfung, Tochter und Gattin, Sarasvati, ist eine der populärsten Göttinnen. Sie ist weibliche Kraft (Shakti) und Logos zugleich: Göttin des Lernens, der Sprache, der Wissenschaften, der Künste, der Dichtung, der Literatur, der Schrift, der Weisheit, des Tanzes, des Gesanges und der Musik. Von der Verehrung, die ihr zuteil wird, können die Menschen weiblichen Geschlechts dort nur träumen. Clair Lüdenbach hat im zweiten Teil ihres Berichts „Frauen in Indien“ ihre Eindrücke festgehalten.

 

Viele Mädchen der indischen Oberschicht gehen aufs College, tanzen bis zum Umfallen in den Diskos der Millionenstädte, etwa 15% haben einen Freund, und einige pfeifen sogar auf die Jungfräulichkeit. Die Mädchen sind attraktiv, aufgeklärt, intelligent, erfolgreich im Beruf und aus wohlhabendem Haus. Aber wenn sie heiraten wollen, dann verlassen sich die meisten, wie Generationen von Frauen vor ihnen, auf die Erfahrung der Eltern.

In den Wochendausgaben der überregionalen Zeitungen steht dann:

Hoch angesehener Vegetarier, Antialkoholiker, Brahmanenverbindung gesucht für 29/158, Klosterschülerin, promovierte Universitäts-Assistentin, für baldige Heirat.

Nur wenige Wochen später kann das Geschäft perfekt sein. Dazu gehört vor allem die Höhe des Brautgelds in Form von: Bargeld, Goldschmuck, Auto, Kühlschrank, Vespa, Eigentumswohnung, Studiengeld des Bräutigams im Ausland, Umzug des Paares ins Ausland. Der Phantasie und der Habgier der Eltern des Mannes sind keine Grenzen gesetzt. Und weil man seine Tochter möglichst in höhere Kreise verheiraten möchte, verschulden sich die Brauteltern für die nächsten Jahrzehnte oder holen den Verlust bei der Heirat des Sohnes wieder zurück. In manchen entlegenen Regionen Indiens werden die Mädchen schon als Kinder verheiratet. „In unseren alten, religiösen Texten in Indien war festgelegt, dass ein Mädchen noch vor der Pubertät verheiratet werden sollte. Damals standen die Eltern unter enormem Druck, wenn ihre Tochter vor dem Einsetzen der Periode noch nicht verheiratet war. Diese Familie wurde gemieden, exkommuniziert, und deshalb musste das Mädchen irgendwie verheiratet werden. Denn ein Mädchen kann vor Erreichen der Pubertät nicht schwanger werden. Wenn also das Mädchen verheiratet ist, lastet auf den Eltern nicht der Druck, den Nachweis der Jungfernschaft erbringen zu müssen. Furchtbar, aber man glaubte daran“, so berichtet die Journalistin und Frauenrechtlerin Moitri Chatterjee.


Ein junges Paar in Amber Fort, Jaipur, beim herstellen eines „Pre Wedding Videos“. Diese werden in Indien gerne an geschichtsträchtigen Orten gemacht und am Hochzeitsabend gezeigt. Foto: Alexander Paul Englert

 

Das Dowry-System – wie man die Brautgeldtradition nennt – war auch eine Entschädigung für den Ausschluss aus der Erbfolge. Die Frau ist schon bei ihrer Geburt der Besitz eines anderen, deshalb legte man nicht allzuviel Wert auf die teure Bürde. Daß Mädchen nach der Geburt ermordet werden, hat in Indien eine lange Tradition. Wer es sich leisten kann, läßt heute das Geschlecht am Anfang der Schwangerschaft bestimmen und treibt dann ab, falls es ein unerwünschtes Mädchen ist. Daß Frauen nach der Hochzeit mißhandelt, vergewaltigt und häufig getötet oder in den Tod getrieben werden, ist ein Phänomen der Moderne. Auf diese Weise sollen zusätzliche Konsumgüter erpresst werden, oder man tötet, um noch einmal heiraten zu können. Den Reichen und beruflich Unabhängigen kann das so leicht nicht passieren, aber zu dieser Schicht gehört nur ein Bruchteil der vielen hundert Millionen Frauen. Es geschieht vor allem in der unteren Mittelschicht, die in der Anonymität der Großstädte leben und am Wohlstand der anderen teilhaben möchten. Aber es passiert auch auf dem Land, und es trifft sogar wohlhabende Frauen, erzählte die verstorbene Moitri Chatterjee.

„Es waren engagierte Frauen, die dieses Problem in den 80er Jahren an die Öffentlichkeit brachten. Kannst Du mir einen Ort in der Welt nennen, wo Frauen verbrannt werden, weil sie nicht genügend Konsumartikel mitbrachten? Weil ein Vater kein Auto bereitstellte, keinen Kühlschrank? Das gibt es nur in Indien. Unsere Polizei ist extrem korrupt. Da hat man das Gefühl, man kann mit einem Mord davonkommen. Von all den Dowrymorden, die stattfinden, werden vielleicht ein oder zwei Prozent der Täter bestraft“.

Wurde ein Fall öffentlich, dann steht zum Beispiel in einer Zeitung:

Eine 30-jährige Hausfrau, Shantala, beging Sonntagnacht Selbstmord, weil sie die Quälereien wegen Dowryforderungen durch ihren Mann und ihre Schwiegermutter nicht mehr ertragen konnte.


Junge Frau in Madurai. Es ist Tradition in Tamil Nadu, dass junge Frauen an Straßenrändern und auf Märkten Blumenkränze herstellen. Foto: Alexander Paul Englert

 

Frauen sind in allen Bereichen des täglichen Lebens vertreten. Vielen geht es, wie Indira Ghandi, vor allem um Macht und Geld. Aber einige der einflussreichen und gebildeten Frauen nutzen ihren gesellschaftlichen Vorteil zum Wohl der Millionen Unterdrückten in Indien. Die Polizeikommissarin Kiran Bedi machte sich bisher in jedem Amt unbeliebt, weil sie besser war als ihre männlichen Vorgänger. Das Amt der Gefängnisleiterin verlor sie, weil sie mit eisernem Besen Missstände beseitigte und ein Straflager in eine moderne Resozialisierungsstätte verwandelte. Sie gehörte in die 2000er Jahre zu den bewundertsten Frauen in Indien. Damals sagte sie mir in einem Interview: „In meiner 25-jährigen Polizeikarriere habe ich alle Institutionen der Männer geleitet. Alle, die manchmal einen Polizeiapparat von 5.000 Männern umfasste und mit nur fünf Frauen. Aber ich schaffte es allein durch mein eigenes Verdienst und nicht durch Gönner oder irgendwelchen Frauenquoten. Indische Politikerinnen erkämpften eine Frauenquote von 33 Prozent in den lokalen Parlamenten. Und die in der Sozialarbeit engagierte Ela Bhatt aus Ahmadabad wurde berühmt, weil sie sich dafür einsetzte, dass die Frauen aus den Dörfern Einfluss und Stärke gewinnen. Mitte der 80er Jahre gründete sie einen Verband selbständiger Frauen – SEWA für Frauen. Daraus wurde eine Frauen-Gewerkschaft, die im Todesjahr von Ela Bhatt 2 Millionen Mitglieder zählte. Und heute sind es 3,2 Millionen Frauen.

Als ich sie zu ihren Beweggründen fragte, weshalb sie sich so für Frauen einsetze, erzählte sie: „Ich empfand, dass Frauen eine starke, helfende Hand brauchten. Die arme Frau als ein Individuum ist nicht stark. Sie braucht organisierte Stärke, deshalb gründeten wir eine Gewerkschaft und Kooperativen.“

Die Juristin Ela Bhatt gründete 1972 eine Bank für Frauen. Es war bei meinem Besuch beeindruckend zu sehen, wie die Landfrauen mit den sonnengegerbten Gesichtern und in den malerischen Trachten ihrer Region stolz über Kredite und Zinsen verhandeln. „In diesem Land gehört die Zukunft den Frauen. Wenn Sie über soziale Veränderungen sprechen, sind darin die Frauen führend. So Gott will, werden diese Veränderungen in einer positiven Weise stattfinden, und das kann nur durch Frauen geschehen. Sie haben es gemacht auf dem Gebiet des Analphabetentums, sie kämpfen gegen die Armut, für Umweltschutz, für Wasser und sanitäre Verbesserungen. Es sind die Armen und die Frauen auf dem Land, die den Weg zu Veränderungen gewiesen haben.“

So Ela Bhatt in einem Gespräch, das ich in Ahmedabad im indischen Bundesstaat Gujarat Ende der 90er Jahre mit ihr führte. Ela Bhatt starb im Jahr 2022 mit fast 90 Jahren. Ihre Banken und Organisationen für Frauen bestehen bis heute. Denn die Vorstellung von der Frau als Ware und Besitz des Mannes hat sich mit dem zunehmenden, wirtschaftlichen Fortschritt vielleicht etwas verschoben, aber für Millionen Frauen und Mädchen ist sie weiterhin Realität.

 

 

Siehe auch:
Clair Lüdenbach „Die Ware Frau“. Frauen in Indien

 

 

Erstellungsdatum: 12.04.2026