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Axel Dielmanns Kunsterzählung „Triz. Baumchronist“

Eine Wohnung – drei Welten

Ewart Reder


Antike Masken. Foto: Bernd Leukert

Es ist schwer genug, sich mit gewöhnlichen Mitmenschen zu verständigen. Wie soll das aber mit Autisten gehen, die eine besondere Wahrnehmung haben, deren Konsequenzen für uns andere kaum zu begreifen sind? Wie kann man da Kontakt aufnehmen oder gar sich austauschen? Axel Dielmann erzählt in seinem Buch „Triz. Baumchronist“ von einem Ehepaar, das einen Zugang zu seinem Sohn sucht. Ewart Reder hat sich eingelesen.

 

Autismus als Thema hat Konjunktur. Nachdem die Betroffenen lange als bedauernswerte Kranke betrachtet wurden, haben Fachleute wie Oliver Sacks oder Brit Wilczek und noch mehr Betroffene wie Temple Grandin oder Peter Schmidt ein breites Interesse geweckt daran, wie Autisten die Welt sehen. Klar wurde: Ihr Blick ist nicht defizitär oder falsch, sondern anders. Die Literatur weiß das schon länger, spätestens seit Herman Melvilles „Bartleby der Schreiber“, den man heute als Geschichte eines Autisten liest. Geschrieben aus der Perspektive eines ‚normalen‘, eines neurotypischen Ich-Erzählers führt Melvilles Story eindrucksvoll vor, wie beziehungsorientiert Autisten sind oder sein können. Allerdings hinterlässt die beschriebene Beziehung kaum Spuren in der Art des Erzählers, zu denken und zu erzählen.

Das Gegenteil gilt für Axel Dielmanns Kunsterzählung „Triz. Baumchronist“, in deren Mittelpunkt ein siebenjähriger autistischer Junge und sein Vater stehen. Ihre Beziehung ist von einer Intensität, die in realen Familien selten sein dürfte, erst recht zwischen einem Autisten und seinem neurotypischen Vater. Dieser erzählt vom Alltag in der Familie ebenso wie von gemeinsamen Schlüsselerlebnissen in Verbindung mit Kunst auf eine Weise, die dem Erleben des Kindes keine Norm, keinen analytischen Erwachsenenverstand gegenüberstellt. Antrieb des Erzählens wie des erzählten Erlebens ist ein vorbehaltloses Interesse daran, was in dem Jungen vorgeht. Dies und die verschiedenen Wege, auf denen der Junge sein Innenleben mit dem Vater teilt, haben faszinierende Auswirkungen auf dessen Erzählweise und damit auf die Machart des Buchs.

Triz, oder Patrizio, fällt es schwer, sich die Wohnung vorzustellen, in der er lebt. Woran liegt das? will Tom, sein Vater, wissen und fragt immer wieder, was genau Triz von der Wohnung mitkriegt, wo genau am Ende das Problem entsteht. Gemeinsam finden sie heraus, dass Triz einzelne Zimmer wahrnimmt, dazu einzelne Tätigkeiten, die die Eltern in den verschiedenen Zimmern ausführen. Der Zusammenhang, nach dem er sucht, ergibt sich für Triz nur auf dem Treppenabsatz, einer Art Kreuzungspunkt der Wohnung und der darin sich vollziehenden Handlungen. „Das Abstrakte und Kategorielle“ schreibt der Neurologe Oliver Sacks, „ist für Autisten nicht von Interesse – ihr Augenmerk gilt ausschließlich dem Konkreten, dem Besonderen, dem Einzigarten.“ Bei Triz ist es komplizierter. Einen Zusammenhang herzustellen zwischen Einzelbeobachtungen, Grundfigur des kategoriellen Denkens, ist das, was er versucht, allerdings auf seine Art. Die zu verstehen versucht wiederum der Vater. „Daß er mit seiner Art von Sicht aufs Ganze, denke ich, etwas wie Überblick lieber überspringt, Grundriß oder Schema nicht nötig, ach nein, eher hinderlich ist im Fluß seines Sehens.“

Die Versuche des Vaters, sich mit der Welt des Kindes zu verbinden sind einfallsreich, praktisch und von Respekt geprägt. Trotz seiner Bedenken animiert er Triz dazu, einen Grundriss der Wohnung zu zeichnen, akzeptiert aber augenblicklich, dass der Sohn etwas Anderes aufs Papier bannt. Was könnte das sein? Triz drückt das Blatt an sein Fenster und bemalt es mit Formen, die an Bäume erinnern – die Baumreihe vor dem Fenster. Später wird er das Blatt umdrehen. Sein Bild den Bäumen zeigen, mutmaßt der Vater. Im Verlauf der Erzählung stellt sich heraus, dass Triz auf einem Spaziergang entlang der Bäume ergriffen war davon, wie diese sich im Wind bewegten, ergriffen bleibt seitdem vom geheimen Leben dieser Bäume, ihrem Hinübergehen vom hellen Tag ins Nachtdunkel etwa. Wer könnte behaupten, der Junge würde nicht in Zusammenhängen leben und denken? Temple Grandin fällt einem ein, mit deren Schriften sich Axel Dielmann beschäftigt hat, die aus fotografisch genauen Bildern technischer Apparate mittels Neukomposition eine Entladerampe für Viehtransporter entwickelte – alles im Kopf. Nein, im Herzen. Der entscheidende Faktor bei der Entwicklung war Grandins profunde Kenntnis der Tiere, um die es ging, ihrer Bedürfnisse und Verhaltensweisen. Ein lebendiger Zusammenhang!

Grundproblem der Vater-Sohn-Beziehung und damit Voraussetzung des Textes ist das Fehlen eines vorgegeben Kommunikationskanals. Triz und Tom suchen, jeder auf seine Weise, nach Gelegenheiten für den anderen, sich mitzuteilen. Nie ist vorher klar, wie die Mitteilung aussehen wird. Ein Diskurs kommt als Möglichkeit zum Austausch nicht in Frage, wie auch jede direkte Aufforderung zur Mitteilung ins Leere geht. Überraschend initiiert Kunst eine Verständigung, als Vater und Sohn in Zwickau vor einem Foto stehen, das Max Pechstein dabei zeigt, wie er seinen Sohn Mäki malt. Der Verlag hat dankenswerter Weise das Foto sowohl auf dem Umschlag als auch im Text abgedruckt. Der Leser betrachtet es – und erlebt die seitenlange Szene im Museum, als würden ihm die Augen geöffnet für das Bild, das er erst am Ende scharf sieht. Wieder ist es die wagemutige, radikal eigensinnige Schreibweise des Autors, durch die Einblicke in die Welt eines autistischen Menschen und zugleich neuartige Leseerlebnisse möglich werden. Eine Kostprobe:

„Ziemlich dämlich mein Versuch, dezidiert nach dem Blick von Pechstein zu fragen: ‚Gefällt es dir, wie der Pechstein Mäki anschaut?‘ Es schien keine Kategorie zu sein für Triz. ‚Was meinst du: Er konzentriert sich sehr auf Mäki. Oder?‘

‚Nicht sehr.‘

Hör dir das an, jetzt war ich raus aus meinem Dreieck. Nicht sehr. ‚Nein?‘

Es kam jedoch kein Nicken von Triz, mit dem die Sache erledigt gewesen wäre. (…)

Wir hatten das Foto von Max und Max weiter angeschaut. Vater und Sohn, die Indianerverkleidung, keine Regung von Triz dazu, kitschig, klischeehaft im Gegensatz zu den Sammlungsobjekten von ‚Naturvölkern‘ und afrikanischer Kunst und Volkskunst, auch das haben wir gelesen, habe es vorgelesen, daß die Pechsteins eine reichhaltige Sammlung von ethnographischen Objekten zusammengetragen hatten, oder auch erst nachher im Katalog gefunden, Kultgegenstände, Masken, Federschmuck, wie der da, siehst du? (…) Der aber wie die Faschingskostüme meiner eigenen Kindheit aussah, die ich Triz nicht werde vermitteln können, wie es aussieht, nachgemacht, zurechtgeschneidert. Die haben dem Jungen doch wohl kein echtes indianisches Ornat zum Spielen gegeben, oder etwa doch? Ich überlegte, Triz nach dem Federschmuck von Mäki zu fragen, schaute ihn aber, mach‘ das nicht, lass‘ das, nur kurz an.“ Vom Vater gefordert sind tastendes Ausprobieren, beharrliche Skepsis sich selbst gegenüber und ein noch beharrlicheres Rechnen mit dem ephemeren Gelingen von Verständigung.

Für das Setting unverzichtbar ist die dritte Figur, Calla, Triz’ Mutter und Toms Frau oder Geliebte. Die Konversation zwischen ihr und Tom scheint ‚geölt‘ von Zuneigung und der gemeinsamen Verantwortung für ein Kind. Dabei brauchen die beiden, nicht weniger als Tom und Triz, zu ihren Interaktionen Glück und Hellwachheit. Das holprige Deutsch der Südamerikanerin Calla und Toms sprunghafte Sprech- und Handlungsweise tollen bisweilen umeinander wie junge Hunde, was heißt: Da ist Leben, da ist Beziehung. Unterschiedlichkeit trennt die Liebesleute so wenig, wie sie zwischen Autisten und Neurotypischen ein Problem darstellt. Jeder, nicht nur der Autist, kommt aus seiner eigenen Welt, wenn er in meiner Welt auftaucht, lerne ich. In die Welt eines Autisten führt wie in die jedes beliebigen Menschen nur eine furchtlose, empathische und erwartungsvolle Expedition. Dielmanns Literatur macht es vor mit den Mitteln raffinierten und hoch vergnüglichen Erzählens. Die bildende Kunst, Thema des Autors seit Jahr und Tag, ist in unvergesslichen Szenen das Medium von Begegnungen, die der kunstlosen ‚Direktheit‘ versagt bleiben. Wie nötig kann ein Buch sein! Wer „Triz. Baumchronist“ nicht kennt, weiß womöglich nicht einmal, was ihm abgeht. Es ist zu haben – in einem avancierten Stück Literatur.

 

Axel Dielmann
Triz. Baumchronist
Eine Kunst-Erzählung
90 S., geb.
ISBN: 978-3-96258-156-5
PalmArtPress, Berlin 2023
 
 
 
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Erstellungsdatum: 12.02.2025