Am 2. April 2025 vor 300 Jahren wurde Giacomo Casanova geboren. Dass er zu einer prominenten Figur des 18. Jahrhunderts wurde, dafür hat er selbst gesorgt. Aus den vielen Facetten seines Lebens wurden aber immer nur wenige verbreitet, so dass jeweils ein verzerrtes, vergröbertes Bild von ihm existiert. Tatsächlich war er ein mannigfaltig talentierter Mann, der mit heute unvorstellbaren Methoden versuchte, seine Existenz und sein Leben zu retten. Nach einer kurzen biografischen Skizze eine Erinnerung an Lasse Hallströms „Casanova“-Film von Marli Feldvoß.
Der Mann ist im Allgemeinen durch die Vielzahl seiner sexuellen Kontakte mit Damen aller Stände bekannt. Das hat er vor allem den Kompilationen zu verdanken, die des Verkaufsgewinns wegen aus der vielbändigen Histoire de ma vie die herausgepickten „Stellen“ anboten. Giacomo Girolamo Casanova war ein Tausendsassa, viele Personen in einer, ein widersprüchlicher Charakter. Allein die schiere Fülle seiner Tätigkeiten ist staunenswert. Er war, so liest man, promovierter Jurist, Schriftsteller, Bibliothekar, Dichter, Philosoph, Übersetzer, Chemiker, Alchemist, Mathematiker, Historiker, Diplomat, Glücksspieler, Geheimagent, Freimaurer und Abenteurer. Nebenbei trat er auch als Violinist, Kleriker und Lotterieunternehmer auf, machte sich als Theaterleiter und begehrter Konversationspartner in den Salons und Höfen Europas, aber auch durch Skandale und Duelle bekannt. Soweit man weiß, wurde er acht Mal eingekerkert, etwa zehn Mal des Landes verwiesen, war nie verheiratet, hatte über ein Dutzend Kinder und elf Mal eine Geschlechtskrankheit, Hämorrhoiden und schrieb Tausende von Briefen.
Er kam aus einer Schauspielerfamilie, war also nicht begütert. Sein Leben lang hat er, mit mehr oder weniger Erfolg, auf legale Weise oder auch nicht, sein aufwändiges Leben finanzieren müssen. Er betrog und verprügelte Betrüger; er war ein rationaler Aufklärer, aber auch abergläubisch, er verachtete den adeligen Standesdünkel und hielt sich des Vorteils wegen bei den Oberhäuptern von Staat und Kirche auf. Er war so häufig auf der Flucht, dass man daraus ein eigenes Flüchtlingsleben zusammenstellen könnte. Sein Entweichen aus den Bleikammern des venezianischen Dogenpalastes beschrieb er so attraktiv, dass es wohl in ganz Europa verbreitet wurde. Er hielt sein Leben in Notizbüchern fest, aus denen er schließlich seine schwindelerregende Biografie gestaltete. Außerordentlich belesen beklagte er sich über die Mittelmäßigkeit der etablierten Philosophie:
„Einige Geistesgrößen sorgten dafür, sie wieder emporzuheben: Bacon, Descartes, Newton, Locke zeigten uns, wie groß unsere Unwissenheit gerade dort war, wo wir zu wissen glaubten, und wieviel uns noch herauszufinden bleibt. Sie lehrten uns zugleich den rechten Weg, der zu den uns noch fehlenden Erkenntnissen führt, den sowohl der Erfahrung, als auch der Achtsamkeit, daraus richtige Schlüsse zu ziehen. Sie lösten uns aus den Ketten der Autorität, die unser Denken seit so vielen Jahrhunderten gefesselt hielten. Obgleich zur wahren Philosophie zurückgekehrt, sind wir noch sehr weit davon entfernt, sie wieder mit ihrer alten Würde bekleidet zu haben.“ (Über die Philosophie und die Philosophen) Das Leben des Giacomo Casanova, aus dem man heute über Jahre laufende TV-Serien gestalten könnte, endete in Armut. Er fand eine Anstellung als Bibliothekar im nordböhmischen Schloß Dux, wo er auch, 73 Jahre alt, starb.
Einer unübersehbare Zahl an literarischen Veröffentlichungen über die Figur Casanova folgten Verarbeitungen des Stoffes auch in anderen Künsten, vor allem in Dokudramen, TV-Serien und Spielfilmen.(-ert.)
Wer war Casanova? Die Frage hat sich bisher so nicht gestellt. Schon die Memoiren des Abenteurers und Frauenhelden geben ausreichend Auskunft über den labyrinthischen Lebenslauf des Rechtsgelehrten, Paradeoffiziers, Theatergeigers und von der Inquisition quer durch Europa Verfolgten, als deren Geheimagent er sich zuletzt verdingte. Die Karten werden von Lasse Hallström neu gemischt mit deutlicher Absage an Fellinis hassgeliebte Sexmaschine in langen Unterhosen, die ihre Kopulationskünste am liebsten an einer mechanischen Puppe erprobte. Trotzdem bestach bei Fellini das unübersehbar tragische, noch autobiografisch unterfütterte Moment: die Projektion der eigenen Ängste und Obsessionen ins libertine vorrevolutionäre achtzehnte Jahrhundert. Sein Casanova war Demontage eines Mythos, doch nicht ohne Empathie für das Schicksal eines Triebcharakters.
Und nun – nach der Idee von Drehbuchautorin Kimberly Simi – Commedia dell'arte, Verwechslungskomödie, Schelmenstück, Casanova im Glück? Casanova nicht mehr von Fellinis hochartifizieller Bühnenmaschinerie gerüttelt und geschüttelt, sondern naturalistisch über Venedigs Wasserstraßen und Dächer gejagt, ein junger Mann wie von heute, gar verliebt? Ein Schürzenjäger, der seine Meisterin findet – Casanova verkehrt? Die ganz neue Spezies von Frau in Casanovas Entourage mischt sich nicht nur in Männerkleidern und Schnurrbart unters gelehrte Männervolk, um lauthals die Frauenfrage zu stellen, sie zeigt dem entflammten Verführer auch noch die kalte Schulter.
Moderne Ungleichzeitigkeit im höfischen Gewand, vortrefflich versteckt hinter den Maskenspielen des ewigen venezianischen Karnevals – hier lieben eigentlich alle die Falschen und kriegen dann doch die Richtigen. Warum nicht. Nur, die nicht enden wollenden Turbulenzen – eine waghalsige Verfolgungsjagd à la Hitchcock bringt den Film sofort auf Touren –, haben einen Haken, und das sind die Hauptdarsteller selbst. Dem als Cowboy in Ang Lees „Brokeback Mountain“ so überzeugenden Heath Ledger glaubt man zwar die Stunts über Dächer und Kronleuchter, weniger den charismatischen Verführer oder Liebeskranken, und auch Francesca Bruni alias Sienna Miller fehlt das auftrumpfende Feuer der feministischen Kombattantin. Richtig komisch sind nur Jeremy Irons als ewig zu spät kommender Bischof Pucci und Oliver Platt als wohlbeleibter Bräutigam, dem das Streckbett sicher nicht geschadet hat.
Der Beitrag ist zuerst am 10.Februar 2006 in der NZZ erschienen.
Erstellungsdatum: 01.04.2025