Interview mit hr-Musikchef Michael Traub
Das hr-Sinfonieorchester betreibt seit 2012 einen YouTube-Kanal. Er hat sich seitdem zum weltweit erfolgreichsten nicht kommerziellen Kanal für klassische Musik mit über 900 Videos, 520.000 Abonnent:innen, 37,5 Millionen Stunden Wiedergabezeit und insgesamt über 210 Millionen Abrufen entwickelt. Andrea Richter sprach mit dem hr-Musikchef und Orchestermanager Michael Traub.
Andrea Richter: Ist der YouTube Kanal hr-Sinfonieorchester wirklich der erfolgreichste nicht kommerzielle Klassikkanal weltweit?
Michael Traub: Das ist tatsächlich so, sogar mit weitem Abstand. Wir haben im Moment über 4 Millionen Abrufe monatlich und damit ungefähr doppelt so viele wie der nächste Anbieter. Und vor allem haben wir sehr hohe Verweildauern. Denn es ist ja auch immer die Frage, ob sich ein Nutzer nur ein paar Sekunden lang halten lässt oder eben länger wie in unserem Fall. Daraus schließen wir, dass sich viele Profi-Musiker und Studierende unsere Videos anschauen, um zu lernen.
Was hat das Orchester konkret davon?
Unser Bekanntheitsgrad ist sehr hoch. Ich merke, dass uns das bei der Künstlerakquise ganz generell hilft, und dadurch bekommen wir Künstler:innen beispielsweise auch zu den kleineren Sendesaal-Konzerten im Hessischen Rundfunk, die wir normalerweise nicht bekommen würden. Oft sagen uns Dirigent:innen: „Ich kenne die Musiker schon, weil ich mir eure Videos anschaue.“ Die Besucherzahlen von Live-Konzerten ändern sich dadurch allerdings nicht. Denn es handelt sich um sehr unterschiedliche Gruppen: Das Live-Konzert spricht andere Leute an. Ich habe aber schon gehört, dass Menschen, die eine bestimmte Altersgrenze erreicht haben und nicht mehr so beweglich sind, sich unsere Konzerte bei YouTube anhören. Aber das sind Einzelfälle.
Ist ein solcher Kanal ein „Must-have“ für ein Orchester?
Das ist schwer zu beantworten. Wenn man heute erst damit anfängt, wird es sehr schwierig sein, sich zu etablieren. Solche Streams kosten Geld, sind mit Aufwand verbunden und man muss sehr viel Content (Videos) anbieten, damit man überhaupt bemerkt wird. Denn das YouTube-System ist sozusagen sehr kapitalistisch: Wer mehr hat, bekommt mehr. Der Algorithmus funktioniert so, dass das Angebot, das oft angeklickt wird, im Ranking nach oben steigt. Ruft man zum Beispiel die 3. Sinfonie (Eroica) von Beethoven ohne weitere Zusatzangaben auf, so erscheint im YouTube-Angebotsranking der Stream unseres Orchesters unter den ersten, und zwar mit einem gewaltigen Klick-Abstand zu den nächsten. Wenn man heute mit ähnlich kuratiertem Content wie unserem neu mit wenig Content startet, ist es vermutlich sehr schwer nach „oben“ zukommen.
Hätte der Kanal ohne die staatliche Förderung des Orchesters (und damit des Kanals) ins Leben gerufen und am Leben erhalten werden können?
Zunächst einmal: Wir erhalten keine staatliche Förderung! Wir finanzieren uns über den Rundfunkbeitrag und müssen uns gut überlegen, wie wir das Budget verwenden. Das geht öffentlich finanzierten Orchestern wie den vielen Staatsorchester in Deutschland genauso. Man muss sich eben entscheiden, ob man das Geld für einen Kanal ausgeben will oder nicht, und wir haben uns vor etlichen Jahren dafür entschieden. Natürlich haben wir auch Ressourcen und Knowhow im Haus, was uns die Entscheidung erleichterte. Mittlerweile entscheiden wir vorab, welche Projekte wir im Video produzieren wollen, beispielsweise eine Beethoven Sinfonie. Die zeichnen wir dann auch nur ein einziges Mal auf, selbst wenn sie öfter live gespielt wird. So bekommen wir zwar Mehrfach-Ton, weil das beim Rundfunk so üblich ist und dieser durch Zusammenschnitte leicht bearbeitet werden kann, aber keine Mehrfach-Bilder, weil nicht mehrere Aufnahmen existieren. Es ist also ziemlich pur, was wir dem Zuschauer anbieten. Und wir haben ein Verfahren entwickelt, um mit wenig Personal in der Bildproduktion auszukommen. Sprich: Es gibt zusätzlich einen Regisseur und eine/n Aufnahmeleiter/in. Das sind oft freie Mitarbeiter:innen.
Kann der Kanal Sprungbrett für eine größere Künstler:innen-Karriere sein?
Das würde ich schon sagen. Nehmen wir beispielsweise den Dirigenten Klaus Mäkelä. Er wäre ganz sicher allein wegen seiner großen Begabung seinen Weg gegangen. Aber er war schon im Jahr 2019 als 23-Jähriger bei uns und dirigierte die 7. Sinfonie von Schostakowitsch. Dieser YouTube-Stream hatte bereits nach einem Monat 100.000 Abrufe, und so hat das vermutlich seine Weltkarriere beschleunigt.
Die abrufstärksten Länder außer Deutschland sind die USA, Japan, Südkorea, Türkei und andere europäische Länder. Wie erklären Sie sich das dortige besondere Interesse?
Grob gesagt sind beispielsweise die USA riesengroß, verfügen aber über sehr wenige hochprofessionelle Orchester. Um Live-Angebote zu hören, muss man anders als in Deutschland sehr weit fahren. Deshalb ist der Trend ins Netz zusammen mit der hohen Technikaffinität in Amerika und auch Asien besonders hoch. Das hat uns sicherlich sehr in die Hände gespielt. Die Türkei ist so gut vertreten, weil wir den türkischen Komponisten und Pianisten Fazil Say in der Saison 2012/13 als Artist in Residence hatten. Allein sein Say: Black Earth hat 10 Millionen Aufrufe.
Wird Ihr Orchester in diese Länder auch besonders oft zu Gast-Konzerten eingeladen?
Nein, das würde ich nicht sagen. Denn das, was sich im Digitalen und im Live-Bereich abspielt, sind wie gesagt zwei unterschiedliche Welten.
Kommen über diesen YouTube-Weg auch Menschen erstmalig mit klassischer Musik in Berührung oder ist Ihre Zielgruppe doch eher die/der klassisch Interessierte/r?
Unser Kanal ist ja kein Kanal für klassische Musik im Allgemeinen, sondern ein Orchester-Kanal. Wir haben dabei keine besondere Zielgruppe, sondern präsentieren einfach unser sehr breit aufgestelltes Repertoire. Ob jemand dadurch erstmalig mit klassischer Musik in Berührung kommt, können wir nicht auswerten. Aber wir haben durchaus schon Anfragen von Schülern aus den USA gehabt, die unsere Videos für eine Schulaufgabe nutzen wollten.
Sehen Sie das Orchester als einen deutschen Kultur-Exporteur?
Auf jeden Fall. Wir betrachten uns durchaus als Kultur-Botschafter für Deutschland, Hessen und Frankfurt. Nicht ohne Grund führt unser YouTube-Kanal neben hr-Sinfonieorchester auch unsere internationale Bezeichnung Frankfurt Radio Symphony. Und wir bemerken das auch an den immer zahlreicher und globaler werdenden Anfragen für Nutzungsrechte unserer Orchesteraufführungen. Das reicht vom US-amerikanischen Independent-Film bis zur Weltausstellung in Osaka.
In den kommenden Jahren sind angesichts der nationalen und internationalen Probleme große Einsparungen im gesamten deutschen Kultursektor zu erwarten. Glauben Sie, dass der Kanal das Orchester zumindest etwas davor schützen kann?
Vermutlich nicht. Ich glaube, dass jede Kulturinstitution Wege finden muss, wie sie sich halten kann. Der Weg der Nutzer:innen geht hin zum Internet, das bedeutet eine stärkere on-demand Nutzung, wann und wo man möchte. Das ist ein enormer Transformationsprozess, für den wir mit dem erfolgreichen YouTube-Kanal gut aufgestellt sind. Das hat uns stark gemacht. Gleichzeitig gibt es eine starke Tendenz hin zum Live-Erlebnis. Wie wir als Orchester zukünftig aufgestellt sein werden, kann ich aber zum heutigen Zeitpunkt nicht beantworten.
https://www.youtube.com/@hrSinfonieorchester
Erstellungsdatum: 12.03.2025