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Pariser Geschichten

Ernest Hemingway befreit die Rue de l‘Odéon

Rainer Erd


12, Rue de l'Odeon 2004. Foto: Andreas Praefcke.

Wenn man von einem glücklichen Zusammentreffen von persönlichen und historischen Hochzeiten sprechen kann, dann sicherlich der in der Pariser Rue de l’Odéon zwischen den beiden Weltkriegen. Zwei Buchhandlungen, Adrienne Monniers „La Maison des Amis des Livres“ und Sylvia Beachs „Shakespeare and Company“, wurden zum Zentrum der literarischen Avantgarde; die erste mit französischem Schwerpunkt, die zweite mit anglo-amerikanischem. Rainer Erd hat den Schauplatz besichtigt.

 

Die beiden Buchhandlungen in der Pariser Rue de l’Odéon lagen keine zehn Meter auseinander. Wenn Adrienne Monnier aus ihrem La Maison des Amis des Livres in der Nr. 7 zu dem gegenüberliegende Haus Nr. 12 ging, war sie in Sylvia Beach’s Shakespeare and Company. Zwei von Frauen geführte Buchhandlungen direkt gegenüber liegend. Zwei Konkurrentinnen um die Gunst von Buchliebhabern in derselben Straße, nicht einmal durch entfernte Blicke getrennt? Das kann man sich in Zeiten schwindender Bücherkäufe nur schwer vorstellen.

Doch wir sind nicht im Jahr 2026, sondern in den Zwanziger-/Dreißigerjahren in Paris, in denen sich die Stadt zur ersten Adresse für Kunst-, Musik- und Bücherliebhaber entwickelt hatte. Da waren Buchläden nicht nur Örtlichkeiten für die Ansicht und den Erwerb von Büchern, sondern auch Treffpunkte für Künstler und ihre Anhänger. Man traf sich wie in einem Café oder Salon, um Neuerscheinungen und Klassiker zu studieren und um – wenn man Glück hatte – diejenigen zu sehen, die die Bücher schrieben und produzierten. Buchhandlungen waren zu dieser Zeit in Paris Lokalitäten kulturinteressierter Personen.

Dass die beiden Buchhandlungen in der Rue de l’Odéon zwanzig Jahre lang gegenüberliegend von 1921 bis 1941 existierten (La Maison des Amis des Livres wurde 1915, Shakespeare and Company 1921 eröffnet), hatte aber noch einen anderen Grund: Die beiden Betreiberinnen waren ein Liebespaar. Die Pariserin Adrienne Monnier (geb. 1892) und die aus Baltimore stammende Amerikanerin Sylvia Beach (geb. 1887) begegneten sich an einem kalten, stürmischen Tag des Jahres 1917 erstmals in dem Laden von Adrienne Monnier, als die ein Jahr zuvor in Paris angekommene 30-jährige Sylvia Beach, deren Einreisedokument sie als Journalistin auswies, auf der Suche nach einer literarischen Zeitschrift war und dabei den kleinen Laden in der Rue de l’Odéon 7 entdeckte. Es dauerte nicht lange, da wurde aus der anfänglichen Begeisterung füreinander eine große Liebe, die zwar abkühlte und sich veränderte, als eine dritte Frau ins Spiel kam, aber 36 Jahre bis zum Freitod von Adrienne Monnier (1955) dauerte.

Uwe Neumahr
Die Buchhandlung der Exilanten
Paris 1940: Zuflucht und Widerstand
320 S., geb.
ISBN: 978-3-406-84494-2
C. H. Beck Verlag, München 2026
 
 
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Erstellungsdatum: 26.03.2026