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Wenn man von einem glücklichen Zusammentreffen von persönlichen und historischen Hochzeiten sprechen kann, dann sicherlich der in der Pariser Rue de l’Odéon zwischen den beiden Weltkriegen. Zwei Buchhandlungen, Adrienne Monniers „La Maison des Amis des Livres“ und Sylvia Beachs „Shakespeare and Company“, wurden zum Zentrum der literarischen Avantgarde; die erste mit französischem Schwerpunkt, die zweite mit anglo-amerikanischem. Rainer Erd hat den Schauplatz besichtigt.
Die beiden Buchhandlungen in der Pariser Rue de l’Odéon lagen keine zehn Meter auseinander. Wenn Adrienne Monnier aus ihrem La Maison des Amis des Livres in der Nr. 7 zu dem gegenüberliegende Haus Nr. 12 ging, war sie in Sylvia Beach’s Shakespeare and Company. Zwei von Frauen geführte Buchhandlungen direkt gegenüber liegend. Zwei Konkurrentinnen um die Gunst von Buchliebhabern in derselben Straße, nicht einmal durch entfernte Blicke getrennt? Das kann man sich in Zeiten schwindender Bücherkäufe nur schwer vorstellen.
Doch wir sind nicht im Jahr 2026, sondern in den Zwanziger-/Dreißigerjahren in Paris, in denen sich die Stadt zur ersten Adresse für Kunst-, Musik- und Bücherliebhaber entwickelt hatte. Da waren Buchläden nicht nur Örtlichkeiten für die Ansicht und den Erwerb von Büchern, sondern auch Treffpunkte für Künstler und ihre Anhänger. Man traf sich wie in einem Café oder Salon, um Neuerscheinungen und Klassiker zu studieren und um – wenn man Glück hatte – diejenigen zu sehen, die die Bücher schrieben und produzierten. Buchhandlungen waren zu dieser Zeit in Paris Lokalitäten kulturinteressierter Personen.
Dass die beiden Buchhandlungen in der Rue de l’Odéon zwanzig Jahre lang gegenüberliegend von 1921 bis 1941 existierten (La Maison des Amis des Livres wurde 1915, Shakespeare and Company 1921 eröffnet), hatte aber noch einen anderen Grund: Die beiden Betreiberinnen waren ein Liebespaar. Die Pariserin Adrienne Monnier (geb. 1892) und die aus Baltimore stammende Amerikanerin Sylvia Beach (geb. 1887) begegneten sich an einem kalten, stürmischen Tag des Jahres 1917 erstmals in dem Laden von Adrienne Monnier, als die ein Jahr zuvor in Paris angekommene 30-jährige Sylvia Beach, deren Einreisedokument sie als Journalistin auswies, auf der Suche nach einer literarischen Zeitschrift war und dabei den kleinen Laden in der Rue de l’Odéon 7 entdeckte. Es dauerte nicht lange, da wurde aus der anfänglichen Begeisterung füreinander eine große Liebe, die zwar abkühlte und sich veränderte, als eine dritte Frau ins Spiel kam, aber 36 Jahre bis zum Freitod von Adrienne Monnier (1955) dauerte.

Die Buchhandlung von Adrienne Monnier war ab Beginn der Zwanzigerjahre zum Treffpunkt der Pariser Literaturszene geworden, in der Schriftsteller wie Guillaume Apollinaire, Louis Aragon, André Breton, Paul Valéry und selbst Jean Cocteau, der Liebling der Salons des Rive droite, verkehrten. Daneben gaben sich Dadaisten, Surrealisten und Symbolisten in der Buchhandlung die Klinke in die Hand. Adrienne Monnier verstand es, mit den unterschiedlichsten Schriftstellern und Künstlern Kontakte zu knüpfen und zu pflegen. Selbst verfeindeten Personen wie Andrè Gide und Paul Claudel gab sie das Gefühl zumindest in ihrem Buchladen ein gemeinsames Zuhause zu haben.
Das Maison des Amis des Livres war nicht nur eine Art Salon für Lesungen und Gesprächsrunden, sondern auch für Erstaufführungen musikalischer Werke wie das von Erik Satie am 21. März 1919, als der Komponist höchstpersönlich am Klavier saß, Jean Cocteau in das Werk einführte und Georges Braque, Andre Gide, Pablo Picasso, Igor Strawinsky und Paul Valéry im Publikum saßen. Neben der Fülle von Veranstaltungen bot die Buchhandlung eine Leihbücherei an, zu deren Kunden die junge Simone de Beauvoir gehörte. Das intellektuelle Paris der Zwanziger-/Dreißigerjahre verkehrte bei Adrienne Monnier.
Waren es vor wiegend französische Schriftsteller und Künstler, die auf der linken Seite im Maison des Amis des Livres zusammentrafen, so wurde Shakespeare and Company auf der gegenüberliegenden Seite bald zu einem Treffpunkt, der aus den USA desillusioniert nach Paris gekommenen amerikanischen Schriftsteller und Künstler eine Heimat bot. Zu den Personen der „Lost Generation“, die bei Sylvia Beach verkehrten, gehörten amerikanischen Schriftsteller wie Ernest Hemingway, F. Scott und Zelda Fitzgerald, T.S. Elliot und Ezra Pound, der Ire James Joyce und später auch Pariser Künstler.
Das ist die Ausgangslage, von der der Literaturwissenschaftler und Schriftsteller Uwe Neumahr, der mit einem Buch über „Das Schloss der Schriftsteller und Reporter beim Nürnberger Prozess“ bekannt geworden ist, die Geschichte der beiden Buchhandlungen geschrieben hat - von ihrer Gründung 1915/1921, über die turbulenten Zwanzigerjahre („année folles“) bis zur Besetzung von Paris 1940 – 1944, die 1941 zur zwangsweisen Schließung von Shakespeare and Company durch die Nazis führte. Adrienne Monnier beendete ihre Arbeit als Buchhändlerin 1951 aus gesundheitlichen und wirtschaftlichen Gründen. Die heutige Buchhandlung Shakespeare and Company in der Rue de la Bûcherie ist keine Nachfolgerin von Sylvia Beach, sondern eine Neugründung von George Whitman (1951). Sylvia Beach hatte die von den Nazis geschlossene Buchhandlung nach dem Krieg nicht wieder eröffnet, blieb aber in Beziehung zu Adrienne Monnier.
Im Zentrum des Buchs stehen die Zwanziger- bis Vierzigerjahre. Das erste Jahrzehnt war von künstlerischen und finanziellen Höheflügen in beiden Buchhandlungen geprägt. In den Dreißigerjahren kam es - durch die Weltwirtschaftskrise und den beginnenden Faschismus bedingt - zu Käuferrückgängen und in den Jahren ab der Okkupation von Paris durch die Deutschen (1940) zur Schließung der einen (Shakespeare and Company) und zu drastischen Veränderungen der anderen.
Das Buch von Neumahr spielt auf zwei Zeitebenen, die am Schluss zusammengeführt werden. Der erste Handlungsstrang verfolgt die Gründung der beiden Buchhandlungen und ihre Glanzzeiten in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Auf der zweiten Zeitebene befindet sich der Leser in den Jahren ab 1939, in denen die eine Buchhandlung von den Nazis geschlossen und die andere zunehmend zu einem Ort der Unterstützung für Flüchtlinge und Verfolgte wurde. Das Jahr 1943 führt beide Zeitstränge zusammen. Das Buch endet mit der Befreiung des Maison des Amis des Livres durch den amerikanischen Schriftsteller und selbst ernannten Soldaten Ernest Hemingway (offiziell war er Kriegsreporter für das Magazin „Collier’s“). Sylvia Beach schrieb später in ihren Lebenserinnerungen: „Hemingway befreit die Rue de l’Odéon“. Was sie nicht mehr schrieb: gleich darauf fuhr er in das Hotel Ritz am Place Vendôme, stürmte den berühmten Weinkeller und bediente sich ausgiebig an den dortigen Spirituosen. Hemingway eben.

Die Glanzzeit der beiden Buchhandlungen waren die Zwanzigerjahre. Adrienne Monnier hatte bereits seit 1915 erfolgreich um das intellektuelle Paris geworben und damit Erfolg. Sylvia Beachs sechs Jahre später gestartete Buchhandlung kam gerade zur rechten Zeit, um den aus den USA nach Paris fliehenden Schriftsteller und Künstlern angesichts einer als Mechanisierung des Lebens empfundenen Zeit und des Verbots von Alkohol (Prohibition) eine attraktive Alternative zu bieten. Paris war in diesen Jahren der Sehnsuchtsort für berühmte Amerikaner wie John Dos Passos, Sherwood Anderson, Ezra Pound, E.E. Cummings, Georg Gershwin („An American in Paris“) und natürlich Ernest Hemingway. Im „kunst- und alkoholfreundlichen Paris“ konnte sie das ausleben, was ihnen ihre immer prüder werdende Heimat zunehmend versagte. Während die Jahre 1920 bis 1933 in den USA Jahre des offiziellen Alkoholverbots waren, knallten in Pariser Cafés und Restaurants die Champagnerkorken. Ein günstiger Wechselkurs des Dollars erlaubte zudem auch denen ein genussreiches Leben, die (noch) nicht über umfangreiche Einkommen verfügten. Und wenn einer der Künstler knapp bei Kasse war, Sylvia Beach wusste immer jemanden, der aushelfen konnte. Was wäre zu dieser Zeit Hemingway ohne Sylvia Beach gewesen.
Finanzielle Hilfe von Sylvia Beach wurde auch James Joyce zuteil, dessen Roman „Ulysses“ in den USA wegen pornografischer Inhalte zunächst nicht erscheinen konnte und bei Shakespeare and Company eine Heimat fand. Das Erscheinen des Skandalromans Anfang 1922 machte Sylvia Beach mit einem Schlag berühmt, James Joyce reich und führte zu Verwerfungen zwischen den beiden.
Mit der weltweiten Wirtschaftskrise 1929 änderte sich die Situation für die beiden Pariser Buchhandlungen. Besonders Sylvia Beachs Shakespeare and Company litt darunter, weil immer weniger anglo-amerikanische Kunden in den Laden kamen. Nach ersten Notverkäufen von Bücher 1935 kamen Freunde von Beach zusammen und entwarfen einen Rettungsplan für die Buchhandlung, die zunächst zu ihrem Erhalt führte. Doch Sylvia Beach konnte nicht beruhigt aufatmen. Ihre Buchhandlung war zwar gerettet, dafür geriet ihre amouröse Beziehung zu Adrienne Monnier in eine schwere Krise, als sie nach einem USA-Aufenthalt nach Paris zurückkehrte und Gisèle Freund in ihre gemeinsame Wohnung eingezogen war. Schon seit einiger Zeit hatte sich eine Liebesbeziehung zwischen Monnier und Freund angebahnt, nun war sie vollzogen worden. Sylvia Beach lebte nun notgedrungen allein. In ihrer späteren Autobiografie schweigt sie sich über diese für sie schwierige Zeit aus und lässt die Beziehung und Freundschaft mit Adrienne Monnier weiterleben.
Die Jahre ab 1939 veränderte die einst erfolgreichen beiden Buchhandlungen. Während Sylvia Beachs immer weniger Bücher verkaufen konnte und schließlich 1941 - angesichts von Drohungen durch die Nazis – Shakespeare and Company für immer schloss, engagierte sich Adrienne Monnet für ihre jüdischen Freunde, die von den Nazis bedroht und verhaftet wurden. Ohne ihre Unterstützung wäre der inhaftierte Walter Benjamin nicht vorzeitig entlassen worden und Arthur Koestler wäre es Ende 1940 nicht gelungen, Paris in Richtung London zu verlassen. Die beiden früheren Zentren Pariser Buchkultur existierten entweder gar nicht mehr oder sie wandelten sich zu Institutionen anti-nationalsozialsozialistischer Unterstützung. Eine Glanzzeit Pariser Intellektualität war beendet. Mit der Flucht von Gisèle Freund im Juni 1940 zunächst nach Südfrankreich und später nach Argentinien endete auch ihre Beziehung zu Adrienne Monnier.
Dagegen fanden die beiden Gründerinnen von Paris‘ berühmtesten Buchhandlungen in den Zwanziger-/Dreißigerjahren wieder zueinander. Sie wohnten zwar nicht mehr zusammen, aber ihre Beziehung entsprach bald der in den Zwanzigerjahren. Mit einem Unterschied: „Ihre emotionale Bindung wurde nun eher der existenzialistischen Definition von Antoine de Saint-Exupéry gerecht, wonach Liebe nicht darin besteht, dass man einander ansieht, sondern dass man gemeinsam in dieselbe Richtung blickt‘“. (247)
Uwe Neumahr hat mit seinem Buch über die beiden Paris Buchhandlungen und ihre Gründerinnen ein wunderbar lesbares Werk veröffentlicht, bislang unbekannte Archivquellen erschlossen und der Kulturgeschichtsschreibung über Paris einen Baustein hinzugefügt, der als sehr empfehlenswert bezeichnet werden muss. Was zuweilen etwas störend ist, sind die häufigen Zeitsprüngen zwischen den Jahrzehnten. Aber die sind ja das methodische Prinzip des Buchs.
Zahlreiche Monografien und Artikel, selbst Romane und Filme haben sich Sylvia Beach, Adrienne Monnier und der kulturellen Blütezeit der Odéonie gewidmet. Sie alle eint, dass sie sich auf die Jahre zwischen den Kriegen konzentrieren, von den années folles, den „verrückten Jahren“ nach dem Ersten Weltkrieg, in denen die Fesseln eines angepassten Lebens gesprengt und queere Lebensformen frei gelebt wurden, bis zur deutschen Besatzung von Paris 1940.

Uwe Neumahr
Die Buchhandlung der Exilanten
Paris 1940: Zuflucht und Widerstand
320 S., geb.
ISBN: 978-3-406-84494-2
C. H. Beck Verlag, München 2026
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Erstellungsdatum: 26.03.2026