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Als Kind überlebte Péter Nádas mit seiner jüdischen Familie den Holocaust in der Illegalität, später machte er sich als Schriftsteller und Fotograf einen Namen. Ende August ist er in seiner ungarischen Heimat verstorben. Marli Feldvoß hatte ihn 1999 auf der Frankfurter Buchmesse getroffen, wo er ihr das leitende Motiv seines Schaffens erklärte. Er habe zwei Diktaturen erlebt – eine faschistische, danach eine kommunistische – die bestrebt waren, Illusionen zu erzeugen. Beim Schreiben habe er zeitlebens „alles daran gesetzt diese verfälschten Bilder zurechtzuschieben“. Beim Fotografieren sei er dagegen „liebevoll, fast sentimental“ gewesen.
„Es gibt eine Art von Schreiben, die vom Sehen nicht viel weiß. Es gibt Schriftsteller, die eher Denkende sind, es gibt Schriftsteller, die eher Fühlende sind und die sehen weniger. Aber ich bin nicht sicher, ob sie vielleicht nicht wahrnehmen, was sie sehen, aber sie sehen genauso viel. Selbst das Erleben eines Anderen, eines anderen Menschen, oder sogar ein Gefühl geht nicht ohne Sehen. Es wird nicht bewusst, aber durch die Fotografie wird das Sehen bewusst, in gewissen Fällen. Bei mir war das der Fall, dass es mir bewusst wurde, wie wichtig mir selbst das Licht ist, nicht der Gegenstand. Es gibt wiederum Fotografen oder Filmemacher, für die Gestalt, der Gegenstand, wichtig ist. Und es gibt andere, für Brassai ist das Licht wichtig, für Robert Capa ist das Ereignis wichtig. Mir ist das Licht wichtig. Etwas Licht, um Charaktere zu zeichnen, Stimmungen zu zeichnen, von einem Augenblick zum andern etwas zu verändern. Das ist mir wichtig.“
Ich sagen und mit vielen Stimmen, aber nicht unbedingt über sich selber sprechen, das ist seit seinem Epochenroman „Buch der Erinnerung“ zum Stilmerkmal des Péter Nádas geworden. Mit dem wunderbaren Fotoband Etwas Licht nimmt Nádas alle vorsorglich getroffenen Maßnahmen zur Verhüllung der eigenen Person wieder zurück und beginnt ohne Umschweife von sich selbst zu erzählen, unterstreicht sein Anliegen noch mit dem vorangestellten Bildnis des zarten jungen Mannes, der er mit sechzehn war - ein Selbstporträt des frischgebackenen Fotolehrlings, der vielleicht seine erste Spiegelreflexkamera in Händen hält. Aber er schaut uns nicht an. Sein Blick konzentriert sich auf den Sucher der Kamera und damit auf sein eigenes Spiegelbild. Eine Reise nach innen, eine Reise durch den Spiegel zu den vier Gesichtern des Péter Nádas scheint dieses traumverlorene Foto anzukündigen, das den Fotografen von vornherein mit dem Schriftsteller versöhnt.
Nur „etwas Licht", Seitenlicht, fällt auf den Jüngling, genug, um das Unfertige, noch Konturenlose, Verletzliche hervorzuheben. Verständlich, dass Péter Nádas im Getriebe der Frankfurter Buchmesse zuerst mit der Beleuchtung hart ins Gericht geht.
„Wir sitzen jetzt im Neonlicht. Wir erkennen einander überhaupt nicht. Wir sehen zwei uninteressante Flächen statt unseres Gesichts, die voll von unnötigen Schatten sind. Im Gegenlicht zeigt sich ein Gesicht viel besser, im Licht, das die Züge berührt, auszeichnet, mitformt. Diese städtischen Generallichter, diese allgemeine Beleuchtung macht den Individualismus kaputt. Unsere Individualität geht davon zugrunde. Unsere Individualität entsteht im Park, in schlecht beleuchteten Zimmern, in kleinen Lokalen, wo vielleicht eine Kerze brennt, wo wir unser Gegenüber, unsere Geliebte von Augenblick zu Augenblick von einer anderen Seite sehen. In einem Neonlicht sehen wir gleichmäßig dasselbe. Null. Dieselbe vernichtete Individualität. Ich bin ein Verrückter, ich bin auch gewissermaßen leidenschaftlich in dieser Sache. Ich meide diese Art von Lichter. Die zeigen eine Art Realität, die Realität der mehrmals modernisierten Welt, aber sind unfähig, gerade unsere Individualität zu zeigen.“
„Schwarz von schwarz unterscheiden" – das fotografische Credo des Péter Nádas steht als ein Motto gleichberechtigt neben dem Selbstporträt – kein modisches Zugeständnis des ewig Unmodernen – sondern eine Seh- und auch Leseanleitung für die eingestreuten, meist anekdotischen Texte. Das Biografische soll sich den Platz mit einer Ästhetik, mit einer 'fotografischen Poetik', teilen, mit einem Credo, das der Schwarzweißfotografie und ihrem Reichtum an Schatten und Grautönen huldigt, das ihn, im übrigen, auch mit dem großen ungarischen Fotografen André Kertész und dessen Wahlverwandtem Brassaï verbindet – was er wohl weiß, aber nicht sagt.
Péter Nádas, zunächst als Fotoreporter, dann als Journalist bei einer Provinzzeitung tätig, hat sein Leben lang fotografiert. Die großenteils zum ersten Mal zu Papier gebrachten Fotos von 1958 bis 1998 sind vielleicht auch eine Art Familienalbum von einem, der früh seine Eltern verloren, sich aber auch vom kommunistischen Familienhintergrund losgesagt hat. Nur das Verlobungsfoto der Urgroßeltern von 1863 , den politisch „unbefleckten“ Ahnen, darf ein reales Stück „Vorgeschichte“ erzählen. Das patriotisch gestimmte Bild legt auch die Reiseroute fest, die Péter Nádas mit diesem Buch durch sein Leben entwirft.
Es geht ins Landesinnere, in die Dörfer, zur Landbevölkerung, zu den einfachen Menschen, zu den Ausgegrenzten, den Opfern, zu den zutraulichen Gesichtern der Waisenkinder, zu den absichtslosen Porträts der Freunde – Gesichter, die den Berufsfotografen eigentlich beleidigen. Denn Nádas verweigert das Erlernte, den Auftrag zum Retuschieren, das die Fälschung dem wahrhaften fehlerhaften Gesicht vorzieht.
„Ich bin ein Sieb, wenn ich einen anderen Menschen fotografiere. Ich lasse nur durch dieses Sieb den Anderen sehen. Und Fotografen, die versuchen, sich selbst auszusieben oder auszumerzen aus dem Bild, die sind die subjektivsten, weil dann eine Form bleibt oder eine Verformung wie bei der grossen amerikanischen Fotografin Diane Arbus. Das ist alles verformt, ohne Anteilnahme, ohne meine Solidarität. Etwas ist geblieben aus der gefälschten Fotografie, dass ich die Gesichter nicht häßlicher machen möchte, als sie sind. Das Gesicht ist häßlich, das menschliche Gesicht. Ein Katzengesicht ist viel ausgeglichener, von der Form her. Ein Hundegesicht ist wiederum häßlich. Eine Eule, wunderbar, eine vollendete Form. Wir sind nicht vollendet, und auch in unserem Gesicht sind wir nicht vollendet. Aber ich möchte das nicht häßlicher machen als es ist, sondern möchte etwas durch mein Sieb, durch meine Auffassungsmöglichkeit und Technik zeigen, was ich für wichtig halte oder was ich für beeindruckend halte, was ich für positiv halte, was ich liebe. Man sieht auf meinen Gesichtern, dass sie mit mir ein sehr intimes Verhältnis haben und dieses Positive in einem Gesicht kann nur durch Liebe entstehen.“
Seit Anfang der siebziger Jahre, spätestens in Berlin auf dem Jüdischen Friedhof am Senefelder Platz, versiegen die Porträts. Apathische Betriebsamkeit prägt die Bilder aus Budapest, wo wiederum Kinder, motorisch behinderte Kinder im Mittelpunkt stehen - eine Stadt und ihre Bewohner in Wartehaltung. Für Nádas ist es die Zeit des Schreibverbots, die seinen ersten großen Roman „Ende eines Familienromans" fünf Jahre lang, bis 1977, in die Regale verbannte. Auf dem vergessenen Jüdischen Friedhof im Berliner Osten türmt sich der Sperrmüll auf gestürzten Grabplatten. Im Westen, wo Nádas zehn Jahre später, Anfang der achtziger Jahre, DAAD-Stipendiat war, spielt der stillgelegte Bahnhof Grunewald deutsch-jüdische Geschichte. Von hier aus wurden die Berliner Juden verschleppt. Auch hier herrscht immer noch Krieg. Erst am heutigen Wohnort in Gombosszeg schließt sich der Kreis. Grotesk klingt der letzte Text über die wunderlichen Kommunikationsstrukturen der Dorfbewohner, aus einer eigentlich schon untergegangenen Welt, die schon in das Reich der Mythen eingegangen ist. Noch sechsunddreißig Seelen zählt der Ort. Zurück bleiben die Kreuze, die verlassenen rissigen Lehmhäuser und der wilde Birnbaum in Nádas' Garten, der über hundert Jahre alt sein mag. Ein Lebensbaum. Plötzlich erscheint der Lebenskampf des Péter Nádas mit seinen Verschattungen, seinen Krisen wie ein ferner Alptraum. Hier endet eine Wunschbiografie. Hier erscheinen die Missverständnisse zwischen Ost und West gegenstandslos, hier wird eine Literatur obsolet, die aus diesem „wechselseitigen Unverständnis", aus der Arbeit an der Desillusionierung Berechtigung und Auftrag bezieht.
„Wir sprechen zwei verschiedene Sprachen. Ich komme aus zwei Diktaturen und zu Illusionen habe ich ein ganz anderes Verhältnis als Sie. Ich kenne Ihr Verhältnis dazu, soziologisch, welches Verhältnis dazu man in einer Demokratie hat und welches in einer Diktatur. Das sind gegensätzliche Sachen. Das ist nicht das gleiche. Und es handelte sich in Ungarn, in Ostdeutschland, in Polen und allen diesen europäischen Ländern nicht nur um eine Diktatur, sondern um zwei nacheinander, eine faschistische, danach eine kommunistische. Und diese Diktaturen waren bestrebt, Illusionen zu erzeugen, und mein ganzes Leben war daran gesetzt, diese erzeugten verfälschten Bilder zurechtzuschieben. Ich musste hinter die Illusionen gehen und nichts verbergen, sondern gerade das Verborgene offen legen. Und das ist mein Schreiben. Nicht mein Fotografieren. Ich fotografiere auf eine ganz andere Weise. Beim Schreiben bin ich nicht liebevoll, beim Fotografieren bin ich liebevoll, fast sentimental.“
Erstveröffentlichung: BR 2 Kultur 2000

Etwas Licht
Fotoband von Péter Nádas
Übersetzt von Zsuzsanna Gahse
288 Seiten,
Steidl Verlag 1999
ISBN 978-3-88243-647-1
Nur noch antiquarisch zu erhalten.
Erstellungsdatum: 01.09.2026