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Marli Feldvoß im Gespräch mit Paul Schrader zu seinem Film „Der Gejagte“

Evolutionärer Anachronismus

Marli Feldvoß


Paul Schrader beim International Film Festival (TIFF) 2024 in Toronto, Canada. Wikimedia Commons

In dem Film Der Gejagte steht ein tödlich endender Vater-Sohn-Konflikt im Mittelpunkt. Regisseur Paul Schrader versteht die Leinwandfassung von Russell Banks Roman jedoch nicht als gewalttätigen Film. Wie er 1997 im Interview mit Marli Feldvoß erklärt, interessierten ihn vielmehr die psychologischen Hintergründe. Banks sei es um den Kampf gegen männliche Gewalt gegangen und „ich wollte die Stimme des Autors unbedingt erhalten.“ Anlässlich seines 80. Geburtstags erinnert Marli Feldvoß mit ihrem Beitrag an einen Mann, der vor vier Jahren bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt.


Herr Schrader, Sie haben den Ruf, schwierige Filme zu machen. Trotzdem gelingt es Ihnen, jedes Jahr einen Film zu drehen. Wie machen Sie das?

In diesem Fall hat es fünf oder sechs Jahre gedauert. Ich hatte die Rechte gekauft, schrieb das Drehbuch, gab es Nick Nolte, und Nick wollte den Film unbedingt machen. Aber ich bekam das Geld nicht zusammen, und Nick bestand auf seiner vollen Gage. Die Jahre vergingen. Nick kam immer wieder damit an und fragte, wann wir es nun machen, aber die Antwort war: Kein Geld. Bis er auf die Idee kam: Und wenn ich praktisch für umsonst arbeite? Das war die Lösung. Eigentlich hat Nick die ganze Produktion kontrolliert. Er kannte diese Figur bis ins Letzte. Irgendetwas an dieser  Geschichte muss ihn ganz tief berührt haben.

Der Originaltitel heißt „Affliction“ (Leiden). Es geht, wie immer bei Ihnen, um menschliche Verstrickung, um Gewalt und Entfremdung. Aber es fehlen die verführerischen glatten Bilder, es ist ein sehr dunkler, roher, winterlicher Film geworden.

Es ist ein Film über Menschen, die in der Kälte leben, deren Lebensvorstellungen davon geformt sind. Sie wagen sich hinaus in die Helligkeit und in die Kälte und kehren dann wieder zurück ins Dunkel, wie Höhlenmenschen. Es ist draußen so weiß, dass man im ganzen Film kein Gras oder Schmutz sieht. Ich bin in einem solchen Klima aufgewachsen, aber es ist die Welt von Russell Banks. Nicht ich hatte den alkoholkranken Vater, sondern er. Vergessen Sie nicht, dass ich von einem hervorragenden Roman ausgegangen bin; ich wollte die Stimme des Autors unbedingt erhalten. Es ist sein Kampf gegen diese Art von Männlichkeit, gegen männliche Gewalt, das ist sein großes Thema.

Aber es gibt auch eine gute Portion Schrader im Film. Gleich am Anfang sieht man den Polizisten Whitehouse im roten Overall und in Christuspose auf der Straße stehen.

Das wurde mir schon nach der ersten Vorführung gesagt. Oh, shit! Er spielt doch nur den Verkehrspolizisten, er hält für die Schulkinder den Verkehr auf! Und er trägt nur seine Berufskleidung! Und ich habe extra eine Textpassage eingefügt, um davon abzulenken. Ich wollte diesen Eindruck auf jeden Fall verhindern.

Aber Ihre Filme sind doch voller christlicher Motive.

Deshalb versuche ich ja, es zu vermeiden. Aber die Leute lesen es einfach wieder hinein.
 

Als Frau habe ich es mit diesem Film sehr schwer. Es ist ein Männerfilm mit einem tödlichen Vater-Sohn-Konflikt.

Erstellungsdatum: 26.08.2026