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Marli Feldvoß im Gespräch mit Paul Schrader zu seinem Film „Der Gejagte“

In dem Film Der Gejagte steht ein tödlich endender Vater-Sohn-Konflikt im Mittelpunkt. Regisseur Paul Schrader versteht die Leinwandfassung von Russell Banks Roman jedoch nicht als gewalttätigen Film. Wie er 1997 im Interview mit Marli Feldvoß erklärt, interessierten ihn vielmehr die psychologischen Hintergründe. Banks sei es um den Kampf gegen männliche Gewalt gegangen und „ich wollte die Stimme des Autors unbedingt erhalten.“ Anlässlich seines 80. Geburtstags erinnert Marli Feldvoß mit ihrem Beitrag an einen Mann, der vor vier Jahren bei den Filmfestspielen in Venedig den Goldenen Löwen für sein Lebenswerk erhielt.
Herr Schrader, Sie haben den Ruf, schwierige Filme zu machen. Trotzdem gelingt es Ihnen, jedes Jahr einen Film zu drehen. Wie machen Sie das?
In diesem Fall hat es fünf oder sechs Jahre gedauert. Ich hatte die Rechte gekauft, schrieb das Drehbuch, gab es Nick Nolte, und Nick wollte den Film unbedingt machen. Aber ich bekam das Geld nicht zusammen, und Nick bestand auf seiner vollen Gage. Die Jahre vergingen. Nick kam immer wieder damit an und fragte, wann wir es nun machen, aber die Antwort war: Kein Geld. Bis er auf die Idee kam: Und wenn ich praktisch für umsonst arbeite? Das war die Lösung. Eigentlich hat Nick die ganze Produktion kontrolliert. Er kannte diese Figur bis ins Letzte. Irgendetwas an dieser Geschichte muss ihn ganz tief berührt haben.
Der Originaltitel heißt „Affliction“ (Leiden). Es geht, wie immer bei Ihnen, um menschliche Verstrickung, um Gewalt und Entfremdung. Aber es fehlen die verführerischen glatten Bilder, es ist ein sehr dunkler, roher, winterlicher Film geworden.
Es ist ein Film über Menschen, die in der Kälte leben, deren Lebensvorstellungen davon geformt sind. Sie wagen sich hinaus in die Helligkeit und in die Kälte und kehren dann wieder zurück ins Dunkel, wie Höhlenmenschen. Es ist draußen so weiß, dass man im ganzen Film kein Gras oder Schmutz sieht. Ich bin in einem solchen Klima aufgewachsen, aber es ist die Welt von Russell Banks. Nicht ich hatte den alkoholkranken Vater, sondern er. Vergessen Sie nicht, dass ich von einem hervorragenden Roman ausgegangen bin; ich wollte die Stimme des Autors unbedingt erhalten. Es ist sein Kampf gegen diese Art von Männlichkeit, gegen männliche Gewalt, das ist sein großes Thema.
Aber es gibt auch eine gute Portion Schrader im Film. Gleich am Anfang sieht man den Polizisten Whitehouse im roten Overall und in Christuspose auf der Straße stehen.
Das wurde mir schon nach der ersten Vorführung gesagt. Oh, shit! Er spielt doch nur den Verkehrspolizisten, er hält für die Schulkinder den Verkehr auf! Und er trägt nur seine Berufskleidung! Und ich habe extra eine Textpassage eingefügt, um davon abzulenken. Ich wollte diesen Eindruck auf jeden Fall verhindern.
Aber Ihre Filme sind doch voller christlicher Motive.
Deshalb versuche ich ja, es zu vermeiden. Aber die Leute lesen es einfach wieder hinein.
Als Frau habe ich es mit diesem Film sehr schwer. Es ist ein Männerfilm mit einem tödlichen Vater-Sohn-Konflikt.

Eine Menge Testosteron in dieser Familie. Defoe, Nolte und Coburn. (Lacht !) Und am Schluss sagt Rolfe Whitehouse auch noch: Und die Frauen haben das Unglück, uns lieben zu müssen! (Lacht!) Wir besitzen diese antiken gewalttätigen Gene, die zu uns Männern sagen: geh' hinaus, töte das Wild und bring das Fleisch nach Hause, iss' es und sei stark! Das sind nutzlose Gene, evolutionärer Anachronismus. Aber wir haben sie. Wie sollen wir damit umgehen? Das ist ein beträchtlicher Teil des männlichen Gewaltproblems. Ich glaube nicht, dass ich gewalttätige Filme mache, eher psychologische. Mich interessiert, wie sich das Gesicht der Gewalt auf andere Weise zeigt, das, was Freud die Repräsentation einer Sache durch ihr Gegenteil genannt hat.
Aber haben die Amerikaner nicht ein besonderes Verhältnis zur Gewalt?
Ich bezweifle, dass ausgerechnet die Amerikaner das Copyright auf Gewalt, insbesondere auf männliche Gewalt haben. Die Welt war immer voller Gewalt. Was sich verändert, ist, dass die Gewalt immer weniger funktional ist, immer nutzloser. Genauso ist es mit unserem massiven Zeugungsdrang. Jeder hat ständig Sex im Kopf, aber wir brauchen keinen Nachwuchs mehr. Wir sind genetisch durch eine andere Zeit vorprogrammiert.
Sie gehören zum New Hollywood der siebziger Jahre. Inzwischen ist eine neue Generation herangewachsen. Wo liegen die Unterschiede?
Ich glaube, dass Kunst damals, nicht nur Film, viel funktionaler war. Damals hat man sich Kunst wirklich angeschaut, sie wurde gebraucht, sie half den Menschen bei der Lösung ihrer sozialen Probleme. Heute stellt man an die Kunst keine besonderen Ansprüche. Kunst wird heute als etwas Triviales behandelt, und ich glaube auch, dass die Kunst selbst trivial geworden ist. Es wäre zu einfach, dafür nur Hollywood verantwortlich zu machen. Das Publikum hat auch seinen Anteil. In Hollywood macht man nicht aus Überzeugung oberflächliche Filme, sondern weil die Leute das so wollen. Ich glaube nicht daran, dass man die Ebbe und Flut der Gesellschaft, der Künste und der Bewegungen kontrollieren kann. Wenn die Leute Demokratie wollen, kann man das unterdrücken? Oder Militarismus? Wieweit geht die Kontrolle? Hat Hitler den Nazismus erfunden oder hat er nur etwas zusammengefügt, was schon da war?
Am Beginn Ihrer Karriere haben Sie sich stärker politisch engagiert, zum Beispiel mit dem Gewerkschaftsfilm „Blue Collar“. Was hat sich verändert?
Russell Banks sieht sein Buch selbst als ein altes deutsches Märchen aus dem Schwarzwald. Es hat etwas Archetypisches, Mythisches wie alle Vater-Sohn-Geschichten. Jede Generation erzählt diese Geschichten von neuem, und Russell erzählt sie im Kontext seines Lebens. Es ist sicher archetypischer als ein Film wie „Blue Collar“, aber dahinter stehen doch auch Menschen. Interessant finde ich die Komplexität menschlichen Verhaltens, wie und warum sich Menschen verhalten. Oft gegen ihre eigenen Interessen, oft, indem sie etwas verbergen oder etwas ausdrücken, indem sie etwas ganz anderes tun und dadurch ihr eigentliches Anliegen thematisieren.
Machen Sie deshalb Filme?
Aus dem gleichen Grund, warum ich in Therapie oder in Analyse gehe. Um etwas zu erfahren, nicht nur über mich, sondern darüber wie Menschen handeln, denken und sich verhalten.
(Das Interview wurde 1997 auf den Filmfestspielen in Venedig geführt.)
Erstveröffentlichung: Der Tagesspiegel 12.2.1998
Erstellungsdatum: 26.08.2026