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Shila Balfanz spricht mit drei Iranerinnen, die in Deutschland leben

Als Tochter einer iranischen Mutter ist Shila Balfanz mit persischer Lebensart aufgewachsen, hat iranische Frauen erlebt und ihre Stärke innerhalb und außerhalb der Heimat bewusst wahrgenommen. Inzwischen ist Shila selbst Mutter und beobachtet, wie sehr sich die Spielräume für Begegnung inmitten politischer Verwerfungen und eskalierender Gewalt verändern. Im Gespräch mit drei iranischen Frauen, die seit langem in Deutschland leben, fragt sie nach der ihnen eigenen weiblichen Kraft.
Drei Frauen. Drei Generationen. Drei Leben.
Wenn über den Nahen und Mittleren Osten berichtet wird, geschieht es meist durch eine einzige Linse: die politische. Was dabei verloren geht, sind die Menschen selbst – ihre Geschichten, ihre Tiefe, ihre Freude am Leben. Lange vor dem aktuellen Krieg hörte ich immer wieder Menschen sagen, sie würden nicht in den Iran reisen – wegen der Regierung, wegen der Gefahr, wegen allem, was sie aus den Nachrichten kannten. Ich versuchte ihnen zu erklären: Die Regierung ist das eine. Die Menschen, denen man als Reisender begegnet, sind das andere. Menschen, die einem die Tür sperrangelweit öffnen, obwohl sie einen nicht kennen.
Seit dem 13. Juni 2025, als Israel mit der sogenannten Operation „Rising Lion“ iranische Atomanlagen und Militäreinrichtungen angriff und der Zwölf-Tage-Krieg begann, ist der Iran noch stärker in den Fokus einer politischen Berichterstattung gerückt, die das Land fast ausschließlich als Schauplatz von Konflikten zeigt. Dieser Artikel versucht etwas Anderes. Er rückt drei Frauen in den Vordergrund – nicht als politische Symbole, sondern als Menschen.
Drei Frauen. Drei Generationen. Drei Leben. Was sie verbindet, lässt sich nicht in einer Kategorie fassen. Es ist etwas Älteres als Politik, etwas Beständigeres als Herkunft: das Frausein selbst – als Haltung, als Mut, als stille und manchmal laute Weigerung, sich verbiegen zu lassen.
Ich bin ihnen begegnet.
Grande Dame der iranischen Volksmusik

Ich treffe „die Grande Dame der iranischen Volksmusik“ – Sima Bina – in ihrem Kölner Zuhause. Das Interview findet auf Farsi statt. Sima Bina trägt grün. Es erinnert mich an Wachstum, an Hoffnung – und an den Widerstand einer ganzen Generation. Wenngleich Sima Bina nie politisch war und es auch heute nicht ist. Ihre Arme umschließen mich, bevor ein Wort fällt. Wir haben uns über zwanzig Jahre nicht gesehen. Und doch hat sie mich begleitet – durch meine Kindheit, durch mein Werden zur Frau. Sie ist für mich ein Vorbild in Anmut, Haltung und Hingabe. Ich trug sie mit mir, ob sie es wollte oder nicht.
Sima Bina ist 81 Jahre alt. Sie selbst sieht sich nicht als Feministin – und doch war sie oft die einzige Frau auf der Bühne, inmitten männlicher Musiker. Ihr ist es stets von Bedeutung, keine Trennung zwischen den Geschlechtern zu vollziehen: „Das eine ist das Nötige für den Mann, das andere das Nötige der Schöpfung für die Frau. So habe ich immer gedacht." Sie ist Sängerin, Komponistin, Forscherin und Mutter – und all das mit derselben Hingabe.
Als die Revolution kommt, erkennt sie, dass ihr Frausein zu einer Mauer geworden ist, die ihr den Zugang zu künstlerischer Arbeit versperrt. Ihr Gesang ist verboten. Das bringt sie auf eine Idee: „Ich werde die den Frauen vorbehaltenen Gesänge in den unterschiedlichen Regionen suchen und sammeln. Das ist ein Vorwand – die Frauenstimme war von Anfang an für Mütter da. Über 15 Jahre trägt Sima Schlaf- und Wiegenlieder zusammen (Lalaei, Iranian Lullabies). Später wird sie diese Sammlung publizieren, in Farsi und auf Englisch. „Der Mensch“, sagt sie, „kommt auf Ideen genau dort, wo er Verbote hat.“ Das Werk entsteht und wächst in ihr – getragen von der Vision, dass es eines Tages den Müttern im Iran gehören wird. Es wird nicht verbreitet, wie sie es sich erhofft hatte. Und doch ist es da: ein stilles Juwel der iranischen Volksmusik.
„Musik kann nicht zum Stillstand gebracht werden, Musik kennt keine Grenzen“ – das erkennt sie in einer Zeit, in der ihr Gesang verboten ist. Die Musik gibt ihr die Willenskraft und legt in ihr die Bereitschaft frei, ein Risiko einzugehen. Sie will die Grenzen ihres Landes überschreiten – und diese Musik, die vom iranischen Volk stammt, mit den Menschen in Verbindung bringen. Aber sie will auch in den Iran zurückkehren können – in ihre Heimat, zu dem Ursprung ihrer Musik. Sie findet Wege: zeigt sehr viel Rücksicht – geht nicht auf Partys, gibt nicht viele Interviews, trägt auf ihren Konzerten Folklore-Kleidung, die die Wurzeln des iranischen Volkes ehrt. So kümmert sich niemand um sie, wenn sie nach einem Konzert in den Iran zurückkehrt.
Auf die Frage, wann sie sich am freisten und sichersten fühlt, gibt es nur eine Antwort: „Wenn ich für die Menschen singe. Oft hatte ich vor Auftritten massive Probleme hinter den Kulissen. Aber wenn ich auf die Bühne komme, ist das mein Rettungsboot. Dort spüre ich eine Freiheit, bei der sich meine Flügel entfalten. Das ist mein Moment der Freiheit, der Ort meiner Stärke. Ich betrete einen Raum, den ich für mich selbst freundlich gestaltet habe.“
Momente der Freiheit

Auch Mohanna, 36 Jahre alt, kennt Verbote – aus einer anderen Generation, einer anderen Lebensrealität, und doch aus demselben Land. Mit fünf Jahren, also etwa zehn Jahre nach Beginn der islamischen Revolution im Iran, sitzt sie im Kindergarten und fragt sich, warum sie ein Kopftuch tragen muss, ihr ein Jahr jüngerer Bruder aber nicht. Sie fragt ihre Mutter. Die hat keine Antwort. „Sie wissen auch keine Antwort für uns“, sagt sie. „Vielleicht verstehst du es, wenn du älter bist.“ Mohanna versteht es nie. Sie will die Regeln brechen – weil sie keinen Grund dafür finden kann. Also tut sie es: legt das Kopftuch auf die Schulter statt auf den Kopf, läuft zu den Jungs auf den Spielplatz, obwohl es verboten ist. Immer wieder wird sie über die Lautsprecher zum Schuldirektor gerufen.
Jahre später, mit Anfang zwanzig, als Studentin der chemischen Verfahrenstechnik, baut sie ein Team auf, leitet monatelange Forschungsarbeit, führt ihr Team zu den Finalrunden eines internationalen Wettbewerbs – und wird am Ende nicht nach Australien gelassen. „Du bist ein Mädchen. Und du bist ledig.“ Das sagt der Direktor. Die beiden Männer, die sie selbst ins Team geholt hatte – für Aufgaben wie Einkäufe erledigen – fahren an ihrer Stelle.
Was hat ihr das Patriarchat gegeben? „Meinen Mut. Meine Stärke. Das Wissen darüber, was mein Recht ist – und wie ich es einfordere.“
Mohanna findet ihre Freiheit nicht auf einer Bühne. Sie findet sie in der Stille nach einer Scheidung. „In dem Moment, in dem er sagte: ‚Ich will nicht, dass du arbeiten gehst' – da sagte ich: Es reicht.“ Danach weiß sie: Ich kann so leben, wie ich will.
Mohanna lebt heute in Deutschland. Wenn sie gefragt wird, ob sie sich hier zuhause fühlt, antwortet sie ehrlich: „Wenn ich in den Iran zurückgehe, sehe ich mich nicht als Iranerin. Wenn ich nach Deutschland zurückkomme, fühle ich mich nicht als Deutsche.“ Kein Land gehört ihr ganz. Und doch – oder vielleicht genau deshalb – sagt sie über Frauen, nicht nur iranische Frauen: „Sie können Grenzen verschieben. Immer. Nicht nur um zu überleben, sondern um zu wachsen.“
Zwischen den Welten

Auch Mahvash kennt dieses Dazwischen – nicht als Schmerz, sondern als Zustand, den sie gelernt hat zu navigieren. Sie ist Zoroastrierin und wuchs als Teil einer religiösen Minderheit im Iran auf. „Ich lebe in drei Welten", sagt sie. „In einer, in der ich eine Minderheit bin. In einer, die ich verlassen habe, und in einer, in der ich versuche, anzukommen. Irgendwo dazwischen weiß ich: Ein Stück von mir ist zurückgeblieben.“ Als Studentin der Elektrotechnik saß sie als einzige Frau in einem großen Hörsaal. Nicht unsichtbar – im Gegenteil. Sie stand auf, ging zur Tafel, zeigte dem Dozenten, wie man die Aufgabe kürzer löst. Im Raum entstand Begeisterung. Ihrer Tochter hat sie davon nicht viel erzählt. Sie wollte nicht, dass sie den von Männern gefüllten Raum als Grenze für sich wahrnimmt.
Vielmehr hat sie ihr gezeigt, dass sie ihren Platz einnehmen kann – egal, wie viele andere dort sitzen mögen. Gesehen zu werden, sagt Mahvash, bedeutet: sich nicht erklären zu müssen. Wenn sie sagt „Ich komme aus dem Iran“, sieht sie oft Begeisterung in den Gesichtern. Und dann gibt es auch andere Momente – mit Menschen, die Iran nur aus den Medien kennen, die das Land mit der Politik gleichsetzen. „In ihren Gesichtern verändert sich dann etwas. Ein kurzes Zögern. Eine Distanz. Manchmal entsteht danach kein weiteres Gespräch mehr.“ Genau in diesem Moment, sagt sie, zeige sich, wie schnell sich eine Verbindung entfalten oder verschließen kann. Auf die Frage, was sie den Frauen im Iran heute sagen würde, antwortet Mahvash ohne Zögern: „Ich habe nicht das Gefühl, dass ich ihnen etwas sagen müsste. Ich glaube, sie können mir viel mehr sagen als ich ihnen.“
Vielleicht ist das auch Sima Binas tiefer Wunsch – nicht zu sagen, sondern zu geben. Ihr Werk umfasst Wiegenlieder aus kurdischen, luri, khorasanischen und anderen Regionen – es spiegelt die kulturelle Vielfalt des Irans wider und hat die Grenzen des Landes längst überschritten. Und doch wartet es noch darauf, die Menschen zu erreichen, für die es bestimmt war. Egal, worüber sie spricht – ob über Verbote, über Musik, über das Fernweh ihrer Heimat, über die Frauen und Kinder Irans – ihre Güte und Wärme sind stets präsent. Das Licht überwiegt immer – auch wenn sie die Lieder singt, die sie im Iran gelernt hat, und dabei tief in sich Wehmut über das spürt, was dort verstummt ist. Ihr großer Wunsch gilt den Kindern und jenen, die einen musikalisch-künstlerischen Weg weitergehen möchten: dass sie Ermutigung erhalten, sich diese Welt selbst aufbauen zu können. Für Sima Bina bedeutet das Leben, „in der eigenen Muschel eine Perle zu formen.“ Sie wünscht den Kindern Irans, dass die Perlen, die in ihrer eigenen Muschel geformt werden, eines Tages das Meer erreichen können.
Am Ende unseres Gesprächs sagt sie es zugleich zart und mit einer Bestimmtheit: „Wir wollen Freiheit. Das Volk hat sein Leben gegeben. Unser Land wurde in Geiselhaft genommen, seine Kultur, all seine Möglichkeiten. Iran ist zu einem großen Gefängnis geworden. Aber Iran, mit seiner reichen Kultur und seinen edlen, talentierten Menschen – wird sich letztlich erheben. Es geht vorüber.“
Es geht vorüber. Was bleibt, wächst von innen. Stärke, die nicht verliehen wurde, sondern erwachsen ist. Hingabe als Einlassen auf das Leben – nicht trotz seiner Widersprüche, sondern mitten in ihnen. Töchter einer Kultur, die älter ist als die Verbote, die man ihr auferlegt hat. Einer Kultur, die in der Poesie lebt, in der Musik, in der Herzlichkeit – und in Frauen, die wissen, was sie wollen.
Sima Bina wurde 1945 in Khorasan geboren und lebt heute in Köln. Sie wurde von Meistern der traditionellen iranischen Musik wie Ahmad Bina, Maaroufi und Zarrin Panjeh ausgebildet und begann ihre Karriere am iranischen Radio. Sie bereiste den Iran und sammelte lokale Lieder und Melodien, die sie künstlerisch bearbeitete und seit den 1990er Jahren auch auf internationalen Bühnen aufführt. Besonders bekannt ist ihre umfangreiche Forschungsarbeit zu den Wiegenliedern iranischer Mütter, die unter dem Titel "Flowers of the Desert" auf Farsi und in Englisch erschienen ist.
Mohanna Hosseini wurde 1990 im Iran geboren. Sie studierte Chemie- und Verfahrenstechnik — ihren Bachelor absolvierte sie im Iran, ihren Master an der Universität Bologna in Italien. Anschließend kam sie nach Deutschland, wo sie sowohl ihren Doktortitel als auch ihr Postdoktorat am Karlsruher Institut für Technologie erwarb. Sie lebt und forscht in Deutschland.
Mahvash Bakhtiari wurde im Iran geboren und wuchs als Zoroastrierin auf. Sie studierte Elektrotechnik und Technische Informatik in Deutschland, wo sie bis heute lebt. Eine Frau, die Widerstände nie als Endpunkt betrachtete — sondern als Ausgangspunkt.
Erstellungsdatum: 18.06.2026