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Claus Leggewies Gedanken nach dem Kinobesuch „Vaterland“ und einer Landtagswahl

Fremd im eigenen Land

Claus Leggewie


Filmplakat „Vaterland“ von Paweł Pawlikowski 2026. (Ausschnitt)

Ob er mit Arturo Ui eine reale Person meinte, hat Bertolt Brecht wohlweislich nicht bekannt. Doch 1941 war das ohnehin nicht von Interesse. Dem Publikum mit einer gewissen Lesekompetenz war ja nicht entgangen, dass es um den „aufhaltsamen Aufstieg des Arturo Ui“ ging, also etwas, was man hätte verhindern können. Als im Sommer 1949 Thomas und Erika Mann Deutschland besuchten, was der Film „Vaterland“ thematisiert, sahen sie, dass man die Katastrophe nicht hatte verhindern wollen. Claus Leggewie, der aus dem Kino kam, findet sich im Ergebnis einer Landtagswahl wieder. „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch!“

 

Er fühle sich fremd im eigenen Land, klagte Franz Schönhuber, der Chef der deutschen Republikaner gerne. Das war das Mantra der bereits 1990 am „Stadtbild“ Leidenden, die es auch im reichen München gab, aber vor allem auch ein verquerer Ausdruck der angeblichen Verfemung, die der BR-Moderator nach der Veröffentlichung seines autobiografischen Buches „Ich war dabei“ (der Waffen-SS) erfahren hatte. Das reicht in die AfD-Dystopie in Ostdeutschland, in der sich persönliche, teils völlig private Enttäuschungen bei wohlständigen Menschen in unanständige Abschiebe- und Diskriminierungsfantasien in Wahlzetteln, Wut- und Hassreden oder auch im Hitler-Gruß und per Faustschlag äußern. Auch wo gar keine Migranten als Sündenböcke zu sehen sind, blüht das Pathos der Überfremdung. Die Wahnidee des „Großen Bevölkerungsaustauschs“ trat ihren Siegeszug aus dem Hirn eines marginalen Schöngeistes in Köpfe und Herzen eines Drittels und mehr der heutigen amerikanischen und europäischen Bevölkerungen an. Mit dem schnoddrigen „on n’est plus chez soi“ kann Marine Le Pen im vierten Anlauf in den Elysée-Palast einziehen.

Fremd im einstmals eigenen Land fühlte sich offensichtlich (und in Paweł Pawlikowskis großartigem Film „Vaterland“ eindrücklich in Erinnerung gerufen) der aus dem US-Exil zurück-, aber nie heimgekehrte Thomas Mann, dem – ähnlich wie Marlene Dietrich und vielen anderen – das rüde Verdikt des Vaterlandsverräters entgegenschlug. Er weiß genau, wer ihm da die Goethe-Preise verleiht, doch hält er zäh fest an seiner Idee eines qua Goethe und die Literatur besseren Deutschland, woran (nur im Film, nicht in Wirklichkeit) die widerwillig mitgereiste und genauer hinsehende Tochter Erika nicht glauben will, und schon gar nicht Sohn Klaus, der nicht weiß, wie und in welcher Sprache er weiterschreiben sollte und seinem Leben ein Ende gesetzt hat. Gerade jüdische Exilanten ereilte diese Zurückweisung, und sie fühlten sich zu Recht fremd im eigenen Land. Thomas Mann, auch in McCarthys USA fremd geworden, wich bekanntlich nach Zürich aus.

Leute wie er, die von Los Angeles aus den Sieg über den Nationalsozialismus und den Aufbau der Demokratie propagierten, ermutigten die in Trümmer und Traumata Hineingeborenen. (Eine späte persönliche Erfahrung: Ergriffen durfte ich als Fellow an Manns Schreibtisch in Pacific Palisades Platz nehmen, um achtzig Jahre später in dem vom Thomas Mann House veranstalteten Programm 55 Voices for Democracy zu demokratischer Courage gegen die autokratische Wiederkehr aufzurufen). 2021 war ich noch einigermaßen sicher, der Aufstieg der AfD sei aufhaltsam – auch Donald Trump wurde damals nicht wiedergewählt. Und Schönhubers REPs waren genauso in der Versenkung verschwunden wie die NPD; in deren Schmiss-verziertes Gesicht (Adolf von Thaddens) ich 1966 bei meiner ersten Demo gegen rechts schaute, als ich mich ihm in einem Gerangel plötzlich gegenübersah. Und mir schwor: Die schon wieder? Niemals!

Viele meiner Generation blieben auf Distanz zum Vaterland, andere freundeten sich mit ihm an, da es eindeutig vom Reich in die Republik übergegangen war und eine erfreuliche „Fundamentalliberalisierung“ (Jürgen Habermas) durchmachte. Es ließ sich in diesem Land nicht nur gut leben, sondern auch politisch so frei agieren, wie nie zuvor in deutschen Landen. Aus Linksradikalen wurden Linksliberale, einige konnten selbst mit Heiner Geißler. Oder Dolf Sternberger, vom dem der „Verfassungspatriotismus“ stammt, der einem nationale Töne erspart und dank der postnationalen Pointe im Grundgesetz die Öffnung nach Europa beinhaltete. Alles schien also, als hätten sich die bei Manns Rückkehr noch verpönten Anstrengungen der West-Alliierten für eine gründliche Entnazifizierung und bodenständige Demokratisierung gelohnt und als wehe der euro-föderale Geist des Manifests von Ventotene durchs Land, das vier versprengte Widerstandskämpfer um Altiero Spinelli auf Mussolinis Gefangeneninsel verfasst hatten.

2/ Nicht, dass ich mich nun fremd fühle in meinem Land. Aber das Grundvertrauen ist geschwunden, dass meine Landsleute „nie wieder“ einem Scharlatan wie Ulrich Siegmund hinterherlaufen würden. Mehr als vier von zehn Ostdeutschen und mutmaßlich ein knappes Drittel der Westdeutschen sind bereit, AfD zu wählen, als vermeintlich besorgte Bürger trotz besseren Wissens mit dem „Argument“, dass sich „doch mal was ändern muss“. Das trauen sie ausgerechnet Leuten zu, die Viktor Orbán nacheifern, Wladimir Putin unterstützen und bei allen Amerika-Vorbehalten Trump und Vance folgen, die dem Großen Austausch einen Riegel vorschieben wollen.

Diesem Milieu gegenüber fühle ich mich wieder so fremd wie in den späten Fünfzigerjahren und frühen Sechzigerjahren. Ich habe wieder die autoritären Parolen meines Volkschullehrers und die späteren Hasstiraden meines Biologielehrers im Ohr. Und erinnere mich an die Verachtung der Polizisten und Passanten für „Langhaarige“, die man wohl zu vergasen vergessen habe. Im Ohr habe ich auch die gehässigen Lachsalven der Männerbünde, erinnere noch den Schmerz von Cousinen und Freundinnen, wenn die Mütter ihr Freiheitsstreben bremsten. Und ich fühle noch die spießbürgerliche Aversion gegen immer noch „entartete Kunst“ und die Invektiven gegen SchriftstellerInnen wie Ingeborg Bachmann („hysterisch“), Günter Grass („schweinisch“), Alfred Andersch („Deserteur“). Und die kaum verhohlene Aversion gegen eine Kiosk-Betreiberin an der Ecke, die mutmaßlich „eine Jüdin“ war.

Der Verdacht fehlender „Aufarbeitung der Vergangenheit“ (Adorno) und Demokratiefähigkeit veranlasste die Amerikaner, dem Institut für Sozialforschung einen Untersuchungsauftrag für ein von Adorno, Horkheimer und Friedrich Pollack geleitetes „Gruppenexperiment“ zu erteilen. Es zeugte, wie stark die Tiefenschichten des Judenhasses und die autoritären Grundeinstellungen fortlebten – so dass die schockierenden Ergebnisse lange unveröffentlicht blieben.

3/ Kommt das jetzt alles wieder? Oder besser: War es jemals weg? Hat der berüchtigte 20 Prozent-Sockel harter oder latenter autoritärer Einstellungen die Fundamentalliberalisierung überdauert und schlicht ausgesessen? Zerbröselt die Zustimmung zur Demokratie, wenn Wohlstand und Sicherheit fraglich werden, sind dann namentlich bei jungen Männern wieder Strongmen gefragt, flankiert von der unflätig daherredenden Alice? Triggert die Wahnfantasie nationaler Reinheit durch Remigration eine flächendeckende kulturelle Regression gegen uns „deutschsprechende Amerikaner“ (Björn Höcke)? Kehren Machos und Tradwifes aus der „guten alten BRD“ (nochmal O-Ton Höcke) zurück? Werden trotz annähernd vierzig Grad Sommerhitze Natur- und Klimaschutz zum Anathema? Alte Frage: Will the Center hold?

Dagegen hilft nicht die übliche Schelte des Patriotismus, sondern – mehr davon. Wie wohltuend war der Erstauftritt meines Ko-Herausgebers Meron Mendel im altgedienten Kreis der „Blätter“-Redaktion, als er diesen Gedanken formulierte und im nächsten Heft publizierte! War das kein Zugeständnis an die „Rechten“? Ich glaube vielmehr, dass unter eben diesen Superpatrioten die potenziellen Vaterlandsverräter zu finden sind, denen mit Tino Chrupalla zum Aggressor und Völkermörder Putin nur einfällt: „Mir hat er nichts getan“.

Und es mangelt an Vaterlandsliebe, wenn linke und rechte Angehörige der GenZ prinzipiell ablehnen, gegebenenfalls für ihr Land zu kämpfen, weil dieses ja auch für sie nichts getan habe. Dann lieber auswandern (übrigens wohin?). Sie haben recht: Die Wehrpflicht ist weder demokratisch besprochen noch gerecht auf die Schultern der älteren Generationen verteilt worden, die sich auch um Katastrophenschutz und Kriegsfähigkeit kümmern müssen. Aber die Zeit billigen Appeasements ist vorbei. Heißer Krieg und Klimawandel bringen die Zeitenwende. Nun wirklich.

Aber man darf weder resignieren noch Auswanderungsdestinationen durchgehen, sondern kühl standhalten und nötigenfalls Widerstand leisten.

 

 

Erstellungsdatum: 15.09.2026