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Andrea von Treuenfeld versammelt in ihrem Buch Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober Stimmen von Israelis, die über ihr Leben in Berlin vor und nach dem 7. Oktober 2023 berichten. Die zwischen 1970 und 1990 Geborenen schildern ihre Motive für den Neuanfang in Deutschland sowie die Zäsur durch die jüngsten Ereignisse. Ein Auszug erzählt die Geschichte von Ruthe Zuntz, die in den 1990er-Jahren nach Berlin zog und dort durch den Besuch ihres Vaters erneut mit der Holocaust-Vergangenheit ihrer Familie konfrontiert wird. Riccarda Gleichauf hat das Buch gelesen.
Immer wieder wird die Autorin Andrea von Treuenfeld bei Lesungen aus ihren Büchern, die sich u.a. mit jüdischem Leben in Deutschland beschäftigen, nach dem Phänomen „Israelis in Berlin“ befragt. Das Publikum möchte wissen, ob sie mit der Vergangenheit abgeschlossen haben. Die Antwort der Autorin ist ein klares: „Nein“. In dem im Neofelis-Verlag erschienenen Sammelband Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober, sprechen und reflektieren Israelis über ihre Motive für einen Neuanfang in der deutschen Hauptstadt. In den Erzählungen löst der normale Alltag anfängliche Fremdheitserfahrungen ab, der durch die Ereignisse am 7. Oktober 2023 eine jähe Zäsur erhält. Die Interviewten, die unterschiedlichen Berufsgruppen angehören und alle zwischen 1970 und 1990 geboren wurden, berichten über das „Davor“ und das „Danach“ dieses Einschnitts. Neben den jüdischen Stimmen lässt von Treuenfeld zusätzlich palästinensische – muslimisch wie griechisch-orthodoxe – Personen, wie etwa den Publizisten Ahmad Mansour, zu Wort kommen. Denn auch sie sind Israelis und stehen für die Vielfalt der Sprechenden in der beeindruckenden Anthologie.
Wer schon einmal auf dem alten jüdischen Friedhof in Frankfurt spazieren gegangen ist, hat die Grabsteine mit Namen Zuntz vielleicht bemerkt, die von deren 500-jähriger (Frankfurter) Familiengeschichte erzählen. Der hier veröffentlichte Textauszug eröffnet den Leser:innen einen berührenden Einblick in die jahrhundertealte Geschichte der Familie Zuntz. Ruthe Zuntz, die Fotografin und Tochter des Holocaustüberlebenden Shimon Zuntz, berichtet darin, unter welchen Umständen sie in den 1990er Jahren von Israel nach Berlin gekommen ist. Ein Besuch ihres Vaters im neuen Leben seiner Tochter konfrontiert diese unweigerlich mit der schmerzhaften Holocaust-Vergangenheit der Familie, in der ein Koffer mit der Aufschrift des Großvaters, Karl Zuntz, eine wichtige Rolle spielt:
Ruthe Zuntz
Meine Geschichte fängt 1488 in einem Ort am Rhein an, Zuntz, und geht bis 1939. Ich bin die 16. Generation einer deutschen Familie. Mein Vater Shimon ist als zehnjähriges Kind 1939 mit seinem drei Jahre jüngeren Bruder auf einem Kindertransport aus Deutschland nach Palästina geflüchtet. Sie sind die einzigen Überlebenden der siebenköpfigen Familie. Und als ich zur Welt gekommen bin, hat er nur Hebräisch mit mir gesprochen, kein Wort auf Deutsch.
Meine Mutter stammt aus Tunesien, also bin ich ein richtiger aschkenasisch-sephardischer Mischling, was damals unüblich war. Sie liebte das Kochen und mein Vater war sehr intellektuell. Wäre die Situation anders gewesen, wäre er Geschichtsprofessor geworden. Aber er kam nach Israel, als das Land noch kein Land war, und hat als Farmer gearbeitet und einen Kibbuz mitgegründet, aus dem meine Eltern mit meinen Brüdern nach Haifa gezogen sind, kurz bevor ich geboren wurde. Ich bin nach meiner deutschen Großmutter benannt und in einem relativ patriotischen Haus aufgewachsen: Überlebende des Holocaust – und Israel ist das Land, für das man kämpft, das man schützt.
Ich war in einer ganz besonderen Schule, in der ich auch in Fashion Design und Kunstgeschichte Abitur machen konnte. Schon damals, als wir in der Klasse Fotos angeschaut haben von Rembrandt, Leonardo da Vinci, habe ich überlegt, wie toll muss es sein, wenn man in Europa zur Schule oder zur Uni geht, dann guckt man nicht in die Bücher, sondern steht mit dem Lehrer in einem Museum und sieht sich die Originale von Rembrandt und Leonardo da Vinci an. Wenn ich älter bin, dachte ich, ziehe ich nach Italien und studiere da Kunst.
Aber erstmal ging ich zum Militär. Damals haben 90 Prozent der Frauen dort Kaffee gekocht, die waren noch nicht so involviert wie heute. Ich wollte aber etwas Bedeutungsvolleres machen und war in einer Education Unit. Soldaten kamen für eine Woche zu unserer Basis, und wir trainierten sie, Menschlichkeit zu bewahren: Auch wenn sie den fünften Stein abbekommen und denken, das nervt, und nach der Waffe greifen, dass sie das auf keinen Fall tun sollen. Weil es nicht Armee gegen Armee ist, sondern das ist Zivilbevölkerung. Aber auch wenn ich zur Armee gehen musste, weil es Pflicht war, habe ich einen Weg gefunden, mich aktiv für den Frieden einzusetzen.
Vorher war ich noch eine Weile in dem christlichen Dorf Nes Ammim, das sich für die Idee der Wiedergutmachung einsetzt. Damals waren ganz viele deutsche und holländische Familien und Volontäre da und haben in der Landwirtschaft gearbeitet. Es war das erste Mal, dass ich junge Deutsche traf, und ich verliebte mich in einen von denen – 1988 ein Tabu. Deshalb bin ich zu meinem Vater gegangen und habe gesagt: „Ich verliebe mich gerade in einen deutschen Mann – ist das in Ordnung für dich?“ Und er hat gesagt: „Das ist mir egal. Du bist ein Teenager und morgen verliebst du dich in jemand anderes.“ War dann aber doch eine große Liebe. Er blieb länger in Israel und kam immer wieder in seinen Semesterferien. Und als meine Militärzeit vorbei war, bin ich nach Berlin gezogen. Ich war vorher schon mal hier gewesen, obwohl ich eigentlich als Soldatin das Land nicht verlassen durfte. Aber wenn man sagte, dass man eventuell heiraten und die Familie kennenlernen will, dann konnte man einen Monat Urlaub bekommen. Wir waren in seinem Dorf bei Hamburg und noch ein paar Tage in Berlin. Es war alles ganz kurz, die Reise nach Deutschland – von Haifa mit dem Schiff – hat länger gedauert als der Aufenthalt.
Man hat die Geschichte gesehen in dieser Stadt, damals war es noch Ost-West, Zeit des Mauerfalls. Ich war völlig begeistert von diesem „Alles ist alt“. Und Berlin war sowieso skurril. Überall Bars, überall Partys. Es war immer Krawall, extrem anarchistische Stadt. Unsere erste Wohnung im Ostteil musste man mit Kohleofen heizen, und um Haare zu waschen, das Wasser erhitzen. Ich dachte, ich bin in ein Dritte-Welt-Land gekommen. Aber es war aufregend.
Durch meinen Vater hatte ich zwar einen deutschen Pass, konnte aber kein einziges Wort. Mit meinem Freund habe ich Englisch und ein bisschen Hebräisch gesprochen und dann zwei Kurse gemacht. Damals waren noch keine Israelis hier. Es gab nur einige jüdische Leute, die vielleicht zurückgekommen waren nach dem Holocaust und hier Kinder bekommen hatten, also die nächste Generation. Als ich dann an der Uni studierte, hatte ich das Gefühl, es ist sehr in, einen jüdischen Freund, eine jüdische Freundin zu haben. Anfangs war da allerdings eine andere interessante Spannung: Meine Klasse war der erste Jahrgang, in dem 50 Prozent der Leute aus dem Osten und 50 Prozent aus dem Westen kamen – und es ging dauernd darum, woher man kam. […]
Als mein Vater das erste Mal nach Deutschland kam, hat er gedacht, er besucht seine Tochter. Erst als er hier war, wurde ihm klar, er besucht seine ursprüngliche Heimat. Das war ein sehr emotionaler Besuch mit vielen Tränen. Wir sind auch nach Frankfurt gefahren und bei jeder Person, die wir gesehen haben, hatten wir den gleichen Gedanken: Was hat er, was hat sie gemacht? Ich spreche von der Zeit vor 30 Jahren. Da war ein Großteil der Nazis noch am Leben.
Als er hier war, guckte er in ein Telefonbuch – alle, die so heißen wie ich, sind Familie – und hat einen der Zuntz angerufen. Der kam zu uns und brachte einen Brief mit, den er geschrieben hatte an den, der die Familie erforscht. Darin stand, dass er bei einer Fahrt nach Auschwitz in dem Raum, wo die Koffer lagen, einen gesehen hatte, auf dem stand „Karl Zuntz“. Das ist mein Opa. Es gibt auch ein Buch, das heißt Der Koffer des Karl Zuntz. Fünf Jahrhunderte einer jüdischen Familie.(1) Mein Vater hat sehr geweint. Er war eigentlich der Typ, der immer Witze erzählte und ganz viel gesungen hat. Und da habe ich zum ersten Mal verstanden, dass er sein ganzes Leben lang nie die Hoffnung verloren hat, eines Tages seine Familie wiederzusehen. Er wusste nicht, was mit ihr passiert war. Nach dem Zweiten Weltkrieg hat er versucht, durch das Rote Kreuz seine Familie zu finden. Hat sie nicht gefunden, aber beim ersten Besuch bei seiner Tochter erfährt er, dass sein Vater in Auschwitz umgebracht wurde. Das war eine sehr emotionale Situation. Wir sind sofort nach Auschwitz gefahren. Der Koffer war nicht da, aber dort haben sie uns ein Dokument gegeben, auf dem stand, dass mein Großvater in Auschwitz getötet worden war. 2010 haben wir in Frankfurt Stolpersteine für die ganz Familie verlegt, und dabei waren 30 Familienmitglieder – außer mir und meiner Tochter alle aus Israel. Eine ganze Woche waren sie da, und wir sind zu allen bedeutungsvollen Orten gefahren. Auch zu der Großmarkthalle, von der mein Großvater nach Theresienstadt deportiert wurde.
Ich hatte eine sehr tolle Beziehung zu meinem Vater, er war mein bester Freund. Er hat mir über 500 Briefe geschrieben, 200 von 1991–99 mit der Hand und dann bis 2008 über 300 mit dem Computer. Seine ganze Lebensgeschichte. Er hatte ein phänomenales Gedächtnis, konnte sich an Werke von Schiller und Goethe erinnern, an Gedichte, die seine Mutter ihm beigebracht hatte, an seine Lehrer, an Straßennamen. Jeder Brief ging in die Vergangenheit, aber auch in die jetzige Zeit. Ich habe sie alle aufgehoben. Als er 2022 starb, habe ich beschlossen, sie als Buch zu veröffentlichen.
Zu der Zeit hat mich auch ein Journalist ein halbes Jahr begleitet und interviewt und daraus eine sehr schöne Radiosendung gemacht über meine Familie, in der es verschiedene VIPs gab. Wie den Gründer der Wissenschaft des Judentums, Leopold Zunz. Er war befreundet mit Heinrich Heine und hat in Berlin gelebt, sein Grab ist auf dem Friedhof Schönhauser Allee. Oder Nathan Zuntz, Doktor der Physiologie und Mitbegründer der Luftfahrtmedizin. Rachel Zuntz hat 1837 eines der ersten deutschen Kaffeeunternehmen aufgebaut. In diesen 500 Jahren gibt es viele Leute, die wirklich bedeutend waren, weil sie mit ihrem Wissen die Geschichte nachhaltig geprägt haben. Wir haben ein Buch über alle Familienmitglieder, wann und wo sie geboren und gestorben sind oder ermordet wurden, auf Deutsch und auf Hebräisch. Ein Familienmitglied hat dafür, als es noch kein Internet gab, Briefe an alle Forschungsinstitute und an Friedhöfe geschrieben; recherchiert und recherchiert und die ganzen Informationen zusammengestellt – von 1488 bis 1988. In Frankfurt bin ich mit einem Historiker über den alten wunderschönen Jüdischen Friedhof gegangen, mitten in der Stadt, und da sind über 50 Grabsteine der Familie Zuntz. Es war wirklich eine riesengroße Familie. Da erst habe ich verstanden, was alles verloren ist durch den Holocaust.
Aber es wurde immer deutlicher, die Geschichte, meine Recherche, geht um meinen Vater und mich. Und dann hat die Direktorin des Jüdischen Museums in Frankfurt vorgeschlagen, dass wir eine Ausstellung über meine Familie machen. Im September 2025 wird sie eröffnet. Das ist etwas ganz anderes als meine bisherigen Tätigkeiten: Ich bin an den Orten, an denen mein Vater war als Kind. Das ist eine unglaublich intime und emotionale Arbeit.
Ich wurde mit der Zeit mehr und mehr politisch. Ich war immer für Frieden, ich bin für die Zweistaatenlösung. Ich will, dass die Israelis und die Palästinenser in Ruhe nebeneinander leben können. Aber wir haben Extremisten auf beiden Seiten, und es ist nicht so einfach. Deutschland und Frankreich haben auch lange gebraucht, bis sie verstanden haben, Krieg bringt nichts.
Aber schon 2014 war Krieg, Israel hatte Tunnel in Gaza gefunden und bombardiert. Und die Reaktionen hier? Ich ging zu meinem Café gegenüber und wurde ganz komisch angeschaut, als hätte ich entschieden, was in Israel passiert. Man hat angefangen, mit mir zu diskutieren. Ich wurde beschuldigt: „Was macht ihr da?“ Plötzlich war ich Teil der israelischen Regierung.
Nach dem 7. Oktober haben dann viele Israelis ihren Namen bei Uber geändert. Ich nicht. Ich habe keine Angst. Ich spreche Hebräisch auf der Straße. Ab und zu, wenn ich denke, die Situation ist so, dass es besser wäre, dann spreche ich Deutsch. Aber ganz selten. Was mich wirklich beunruhigt, ist, wenn die AfD mehr Stimmen bekommt. Dann ist es Zeit für mich, die Koffer zu packen und zu gehen. Ich weiß noch nicht, wohin. Ich lebe schon so lange in Europa, dass ich daran gewöhnt bin, an einem Ort zu sein, wo nicht viele Grenzen sind. Wo man fahren kann von dem einen Land zu dem nächsten. Das macht was mit einem, die Denkweise wird eine andere. Ich liebe Israel, es ist schon mein Land. Als allererstes bin ich Israelin, dann Berlinerin und gleichermaßen auch Europäerin.
Schon als die Demos für die Demokratie am Brandenburger Tor waren, bin ich aktiv gewesen und wurde irgendwann zu der Hauptfotografin. Ich habe die Bilder nach Tel Aviv geschickt, um zu zeigen: Ihr seid nicht allein. Und als der 7. Oktober passierte, habe ich verstanden, wenn ich die Solidaritätskundgebungen nicht fotografiere und die Fotos verbreite, dann gehen sie unter. Es entstanden unglaubliche Bilder, die in der Presse veröffentlicht wurden, in der israelischen und in der deutschen. Ich bin dabei, wenn es darum geht, die Geschichte zu erzählen von dem, was in Berlin passiert – nämlich Solidarität mit Israel.
Es ist grauenvoll, was am 7. Oktober geschehen ist. Das schlimmste Massaker an Juden seit der Schoah. Die Bilder des Überfalls sind entsetzlich, auch die Bilder von dem Krieg in Gaza. Man zeigt aber nicht, dass es immer noch ganz viele Projekte der gegenseitigen Hilfe gibt. Deshalb habe ich angefangen, diese Projekte in Israel zu porträtieren: das gegenseitige Helfen, jüdisch-jüdisch, israelisch-israelisch, arabisch-israelisch. Wenn man mit diesen optimistischen Bildern arbeitet, dann verbreitet man Funken der Hoffnung.
(1) Marlies Lehmann-Brune: Der Koffer des Karl Zuntz. Fünf Jahrhunderte einer jüdischen Familie. Düsseldorf: Droste 1997.

Andrea von Treuenfeld
Israelis in Berlin nach dem 7. Oktober
204 Seiten
ISBN: 978-3-95808-514-5
Neofelis Verlag, Berlin 2025
Erstellungsdatum: 19.02.2026