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Helmut Ortner über den Erfolg der AfD und das Beschweigen der Wirklichkeit

Gefährliche Ignoranz

Helmut Ortner


Edvard Munch. Der Schrei. Wikimedia Commons

Warum nur erinnern die Reaktionen auf das Vorgehen der AfD an Max Frischs „Biedermann und die Brandstifter“? Darin heißt es: „Aber die beste und sicherste Tarnung ist immer noch die blanke und nackte Wahrheit. Die glaubt niemand.“ Sie steht aber im 100-Tage-Sofortprogramm der völkischen Partei. Und nach den 100 Tagen wird die Auflösung demokratischer Grundsätze weitergehen. Helmut Ortner weist darauf hin, dass die AfD in Sachsen-Anhalt erstmals an die Regierung kommen kann. Was sie plant, verändert nicht nur das Bundesland.

 

Die AfD eilt von Erfolg zu Erfolg. In Sachsen-Anhalt rechnen die Rechtsextremen siegesgewiss damit, nach der Landtagswahl am 6. September ohne lästige Koalitionsverhandlungen die alleinige Macht zu übernehmen. Ihr Spitzenkandidat, der 35jährige Ulrich Siegmund, ein smarter Typ mit solider rechtsextremistischer Gesinnung, will der erste AfD-Ministerpräsident in Deutschland werden – und seine Chancen stehen gut. Bei der jüngsten Umfrage kommt seine Partei in Sachsen-Anhalt auf 41 Prozent. Auf dem Parteitag in Magdeburg verkündet er: „Wir sind die Zukunft“. Er macht keinen Hehl daraus, sich nicht aufhalten zu lassen.

In einem 100-Tage-Sofortprogramm für Sachsen-Anhalt macht seine Partei „Nägel mit Köpfen“: Rundfunkverträge sollen kündigt werden, mehr Mi­gran­tIn­nen abgeschoben und dafür zusätzliche Abschiebehaftplätze und ein spezieller „Arbeitsstab“ geschaffen werden. Die Regenbogenflagge an öffentlichen Gebäuden wird verboten, dafür die Deutschlandfahne in Schulen gehisst und zu Schulfesten soll die Nationalhymne gesungen werden. Vereine und Organisationen, die sich um Demokratiebildung kümmern, will man loswerden, (… diesen „NGO-Sumpf!“), die Landeszentrale für Politische Bildung soll einem „Institut für Patriotismus“ weichen. Auch eine PR-Kampagne unter dem Motto #deutschdenken! ist geplant. „Wir wollen unser altes sicheres Deutschland zurück!“ heißt es zusammengefasst im Wahl-Programm. Auch das Führungspersonal in Behörden und Ministerien soll ausgetauscht werden, widerständige Staatsdiener will man gefügig machen, indem ihnen unbequeme Posten androht oder eine Versetzung fern des Wohnorts. Die Botschaft ist klar: Wir übernehmen das Land – jetzt wird durchregiert!

Was tun? Die Partei, die alles, was die gegenwärtige politische kulturelle Identität unserer Republik ausmacht und zusammenhält, mit allen Mitteln bekämpft, rüttelt offen an den Grundlagen unserer Demokratie – radikal und strategisch. Ihre Radikalisierung kann man an provokativen Formulierungen und fragwürdigen Positionen festmachen. Ihre Dynamik, der schier unaufhaltsame Drang zur Zuspitzung und Verschärfung, bestimmt mittlerweile die politische Tonalität in unserem Land. Die AfD plant ein anderes Deutschland. Nehmen wir Abschied von der Demokratie und merken es nicht?

Der CDU, der SPD, den Grünen und den Linken jedenfalls fällt zu all dem wenig ein. Öffentliche Debatten über die drohende Machtübernahme finden kaum statt – zumindest nicht hör- und sichtbar. Es herrscht kollektives Beschweigen. Die etablierten Parteien wollen das Thema flach halten. Man wolle der AfD keinen Auftrieb geben, am besten „klein-ignorieren“. Ist es politische Dummheit oder demokratische Feigheit? In jedem Fall eine gefährliche Ignoranz.

Man möchte ihnen in Erinnerung rufen: Der Erfolg der AfD ist auch das Ergebnis permanenter Unterlassungen – die auf ihr Konto gehen. Ob beim Thema Migration und Integration, Bildung und Bürokratie, Rente und Pflege, Klima oder Verkehr – zu viele Versäumnisse und Vertröstungen, zu wenig politischer Wille und verlässliche Klarheit. Selten hat die Politik dem Volk so wenig Ehrlichkeit zugemutet, wie in diesen Zeiten. Die AfD wird nicht mehr aus Protest, sondern aus Überzeugung gewählt. Ein deutlicher Beleg dafür, dass viele Menschen den regierenden Parteien die Lösung dieser Problemfelder nicht mehr zutrauen – sich abwenden, weil sie ihnen nicht mehr vertrauen, deutlicher – ihnen misstrauen. Vielleicht sind es die kleinen Parteien in Sachsen-Anhalt, die laut Umfragen an der Fünfprozenthürde kratzen, die es durch ihren Sprung ins Parlament schaffen, eine AfD-Mehrheit zu verhindern. Noch besteht ein Rest an Hoffnung.

Und was das Wahl-Volk betrifft: Nein, nicht alle, die die AfD wählen, sind Nazis, aber sie müssen sich vorwerfen lassen, rechtsradikale und rechtsextremistische Politiker mit weitreichenden parlamentarischen Legitimationen und Eingriffsmöglichkeiten auszustatten. Wer Demokratie-Feinden seine Stimme gibt, der sollte wissen, wen er wählt. Wir sollten sie ausdrücklich in Mithaftung nehmen. Ausreden gibt es nicht.

 

 

 

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Von Helmut Ortner erschien zuletzt:
GNADENLOS DEUTSCH
Täter, Helfer, Zuschauer – und die Entsorgung der NS-Zeit
Alibri Verlag

 

Erstellungsdatum: 22.07.2026