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Felix Philipp Ingold über Ernst Bloch als Schriftsteller

Gegen den Strich

Felix Philipp Ingold


Ernst Bloch 1956. Foto: Deutsches Bundesarchiv. wikimedia commons

Seine Stimme, die mit polemischem Donnergrollen und appellativer Emphase seine Sätze und Setzungen intonierte, gab eine Ahnung von dem, was man von ihm zu lesen bekam. Ernst Bloch war als Redner eine Autorität, als Schriftsteller nicht weniger eigenmächtig. Felix Philipp Ingold ist seinem Unbehagen bei der Lektüre seines Vorbilds Bloch nachgegangen und ist auf Sprachgestalt als Personifikation gestoßen.

 

Gegenüber Ernst Bloch hatte ich schon immer und habe ich weiterhin – bei allem Respekt – mancherlei Vorbehalte. Stets war ich irritiert von seinem Anspruch auf „geistige Führerschaft”, seinem klassenkämpferischen Pathos, seiner sturen Rechtfertigung des stalinistischen Staatsterrors wie auch von seinen bedenkenlosen (oder unbedachten?) Bücklingen vor der DDR- und SED-Führung, deren Protektion er allzu lang und noch so gern sich hat gefallen lassen.

Wenn ich dennoch bei Ernst Bloch geblieben bin und sein Fortschreiben vom Geist der Utopie (1918) bis hin zum späten Experimentum mundi (1975) mit anhaltender Faszination begleitet habe, so deshalb, weil mir der Philosoph als Schriftsteller – unabhängig von seinen autoritativen Lehrsätzen und Verdikten – früh zum Wegweiser, sogar zum Vorbild geworden ist.

Vorbildlich fand ich weder seine Person, noch sein Denken, vielmehr (ausschliesslich) seine unverwechselbare, zwischen Erzählung, Poesie und Aphoristik oszillierende Schreibbewegung. Nach wie vor gilt meine Bewunderung der Kühnheit, wenn nicht Dreistigkeit, mit der er sprachliche Konventionen (Grammatik, Syntax) wie auch Logik und Kausalität missachtet, um stattdessen unerwartete Formulierungen zu bewerkstelligen, die als solche überzeugen, etwa durch ihre rhythmische oder assonantische Ausarbeitung, also nicht primär durch eine wie auch immer intendierte Aussage.

Was man Bloch diesbezüglich vorwerfen könnte (und auch verschiedentlich vorgeworfen hat), gerade eben seinen überanstrengten, mehr auf unmittelbare Wirkung denn auf Verständlichkeit angelegten Personalstil, das ist’s, was ich an seinen Texten besonders schätze. Denn auch erschwertes Verstehen, auch abstruse, paradoxale oder schlicht bedeutungsleere Formulierungen haben, meine ich, eine eigene Qualität, indem sie nämlich den Leser, die Leserin dazu veranlassen, aber auch dazu befreien, die fehlende oder nicht erschließbare Bedeutung wie in einem „schwierigen” Gedicht durch individuelle Assoziationen zu kompensieren.

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Bloch selbst hat diesen produktiven Einbezug der Leserschaft bei einem seiner letzten Interviews recht unbedarft bestätigt mit den Worten: „Meine Philosophie ist eine Nes[café]-Philosophie, es braucht nur noch heißes Wasser draufgegossen zu werden, dann wird ein Kaffee draus, der sich gewaschen hat!“ Lektüre ist mithin als Aufguss gefragt, der den jeweils vorliegenden hochkonzentrierten Stoff überhaupt erst geniessbar macht und zum Duften bringt.

Beispielshalber führe ich aus dem frühen Geist der Utopie ein paar derartige Wortkonzentrate an: „Noch ist hierzu alles frühe daran. Aber es träumt und brütet darüber, anders zu sprechen.” – „Man steht dauernd aussen, die sonderbare Sekunde will sich von hier aus nicht erhellen lassen.” – „Die großen Ichs sind unvergleichlich und wahrhaft zu anderem als der technischen Schnur geboren.” – „Ich suche, wenn ich zuhöre, inhaltlich reicher und vermehrter zu werden.” – „Wir sind ichhafter geworden, fühlender, ungenauer formend, weiter ‘räumlich’ dahinter gehend, das Selbst steigt auf.” Oder aus dem Spätwerk „Atheismus im Christentum”: „Derart kommt man hier um dasjenige, was gar nicht hinterm Ofen sitzt, nicht herum. Eben das Murren mit Suchen ist in der Schrift, ist selbst dem bloss ehrlichen Leser nicht unterschlagbar, nicht einmal (was besser klingt) überschlagbar.” – „Wir selber gingen noch nirgends aus uns heraus und sind da. Sind an uns noch dunkel nicht nur wegen des zu nahen, zu unmittelbaren Jetzt und Hier, worin wir wie alles stehen.” – „Wer nur leidet, steht von daher allein nicht leicht auf. Es sei denn, er geht gegen den Druck an, der nicht bloss seelisch lastet.” Usf.

Man mag diese und sehr viele ähnliche Sätze von Bloch originell, wenigstens interessant finden und nach deren womöglich verborgener Bedeutung fragen; man kann sie aber auch für inhaltsleeres Wortgeklingel halten oder (wie der Autor selbst in seinem Essay über Die modernen Philosophen, 1918, es formuliert hat:) für „gehaltloses Schönschreibenwollen”. Schönes Schreiben, schöne Literatur hat Bloch stets von sich gewiesen zu Gunsten einer bewusst gebrochenen, sprunghaften Schreibbewegung, welche jeder „wohlarrondierten Stilistik” à la Thomas Mann zuwiderläuft, dafür aber der Gebrochenheit und Sprunghaftigkeit der modernen Welt adäquat ist als eine „sprechend-versucherische Satzweise in unnormiertem Schrifttum”.

Natürlich kann sich Blochs didaktischer Impetus nicht allein mit provokanter (nach eigenem Bekunden: „querer”) sprachlicher Originalität behaupten, um die gewünschte Resonanz zu gewinnen. Würde er seine formal ingeniösen, dabei jedoch hermetischen Kern- und Leitsätze einfach aneinanderreihen, wäre daraus sicherlich keine Lehre herzuleiten, eher schon eine Leseerfahrung, wie man sie aus „dunkler” Lyrik gewinnt. Also muss er seine abgehobenen Statements so in seine Schriften einbetten, dass sie die argumentative Gedankenführung nicht nachhaltig stören, sondern lediglich sie akzentuieren, ähnlich wie Synkopen in einer musikalischen Phrase. Deshalb trennt (und ergänzt) er sie denn auch durch lange Passagen in Form eigenständiger Aufsätze, Essays, Resümees und zahlreicher Exkurse, die sich der Lektüre leichter erschliessen, ohne allerdings „dies Brechende” gänzlich zu begradigen, das für seinen Satzbau so kennzeichnend ist.

Eben diese Durchmischung diskursiver Prosa mit poetisch anmutenden Einsprengseln macht die Besonderheit der Bloch’schen Rhetorik aus. Dass und wie er diese widerspenstische Rhetorik während Jahrzehnten durchgehalten (genauer: durchgezogen) hat, ist durch seine 17-bändige Werkausgabe eindrücklich belegt – von den „Spuren“ (1930) und der Erbschaft dieser Zeit (1935) bis zu den späten Verfremdungen (1965/1968) hat er seine Schreibarbeit fast unverändert ins Werk gesetzt.

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Anlässlich der erweiterten Neuausgabe von Ernst Blochs Spuren (1959) ist Theodor W. Adorno in einem freundschaftlich intonierten, unterschwellig aber polemischen Essay vorrangig auf die Stilfrage eingegangen, ohne allerdings zu einem klaren Fazit zu kommen. Bloch wird hier vorgeführt als ein moderner Märchenonkel mit einer „Neigung zur Kolportage”, als ein Denker, der lieber fabuliert als dass er argumentiert oder interpretiert, der auch lieber das „Einverständnis mit dem Unteren”, dem „stofflich Ungeformten” sucht als mit der philosophischen Hochkultur und ihren weithin beglaubigten – angeblichen – Wahrheiten.

            Adornos wortreicher Rezensionsessay ist, genau genommen, eine üble Kollegenschelte: „Der Fluss erzählenden Denkens strömt mit allem, das er mitführt, menschenfängerisch übers Argument hinweg, ein Philosophieren, in dem in gewissem Sinn gar nicht gedacht wird; erminent gescheit, gar nicht scharfsinnig nach Schulgebrauch.” – An dieser wie an manch anderer Stelle verfällt Adorno seinerseits, unverkennbar, in die stets originell sein wollende Ausdrucksweise seines philosophischen Sparringpartners. Tatsächlich besteht der Grossteil seiner Besprechung aus Zitaten und deren Paraphrasierung – die Spuren werden gleichsam ex negativo fortgeschrieben, und in der Fortschrift perpetuiert sich auch ihr Stil.

            Wie ein Stimmenimitator verbreitet sich Adorno über Ernst Bloch (den er im übrigen andernorts explizit verrissen hat), und er tut’s so täuschend ähnlich, dass die Stimme des Besprechenden von der des Besprochenen kaum noch zu unterscheiden ist. Man lese: „Kultur ist dieser Philosophie zu wenig, aber zuweilen ist sie weniger als jene und kippt aus den Pantinen.” – „Blochs naive Philosophie wählt das Inkognito des Schwadroneurs, des Wirtshausspielers mit falschen Bässen, der, arm, verkannt, den Staunenden, die ihm das Glas Bier bezahlen, weismacht, eigentlich wäre er der Paderewski.” Und noch: „Die Farbe, die Bloch meint, wird Grau als Totale.”

Diese und weitere Formulierungen Adornos könnten, unverändert, auch von Ernst Bloch sein, der ihn stilistisch offenkundig „angesteckt” hat. Aber eben dieses Ansteckungspotential ist für Bloch insgesamt charakteristisch – nicht immer sind seine vielfach gebrochenen Sätze nachvollziehbar, nicht immer kann er damit überzeugen, anregend ist er allemal. Hier wie dort bestätigt sich (so Adorno:) der „Primat des Ausdrucks über die Signifikation”.

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Um nun nochmals auf Blochs Originaltexte zurückzukommen, ziehe ich die Spuren, zudem die Erbschaft dieser Zeit als Zitatvorlagen heran (die beiden von mir bevorzugten Bände), mit denen sich der Autor wohl nicht als ein besonders starker Philosoph, sicherlich aber als einer der stärksten Schriftsteller der deutschen Moderne ausweist. In diesen disparaten Textgefügen aus den 1930er Jahren finden sich häufiger als anderswo bei Bloch Einzelsätze wie auch ganze Abschnitte von der genannten sperrigen Art, attraktiv in ihrem „Ausdruck”, befremdlich, weil schwer zu fassen in ihrer „Signifikation”.

            Nur ein paar wenige von sehr vielen exemplarischen Passagen will ich hier anführen, um dies noch einmal zu konkretisieren; aus Spuren: „Das ungekochte Leben (so wie der Freund den Hund auf dem Platz und den langsamen Bettler sah) wurde nie erreicht, auch im Süden nicht oder bei den Urvölkern.” – „Was für eine tiefe Vogelstrausspolitik, aber immer eben, immer erst diese ist der Orgasmus, der die Augen mit Lust blockiert.” – „Zwölf Jahre machen unruhig, männlich, damit ebenso nüchterner.” Usf.

Aus Erbschaft unserer Zeit: „Sieht man zurück, so gingen drei Züge im Jetzt quer. Sie tragen frühe, wenigstens frühere Fahnen und Zeichen, solche, die widersprechen.” – „Keiner aber lebt sich ein. Je weiter vorn im Neuen, desto kahler. Die Wand im Zimmer sieht grau oder gelblich aus wie die Strasse, und der Boden ist sie.” – „Seit die Klingel an der Tür rostet, blickt der Krämer besonders blau.” – „Da findet auch Fades sich leicht zueinander. Es schreibt für unwache Leute in der Art, wie diese sich wünschen.” Usf.

Solche Extrakte gemahnen eher an Unsinnsdichtung denn an philosophische Propositionen. Erkenntnisgewinn bieten sie nicht, dafür jedoch einprägsame, meist schräge oder auch gänzlich absurde Bilder, die beim Lesen aufscheinen wie im Traum, und wie Träume verfliegen sie wieder: Der Text nicht als rekapitulierbare Aussage, vielmehr als klangliche und visuelle Sensation, Lektüre sodann primär als sinnliche Erfahrung.

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Wohlverstanden: Es gibt bei Bloch auch andere, gängiger formulierte, besser verständliche, stilistisch dennoch unverkennbare Sätze, die auf Hunderten von Seiten beharrlich (bald kritisch, bald missionarisch) belehren, die aber stets auch, durch polemische oder ironische Intermezzi, zur Unterhaltung, wenn nicht zum Tratsch neigen.

Das Prinzip Hoffnung, Blochs kontrovers diskutiertes Opus magnum (entstanden 1938-1947, Erstausgabe 1954), kommt auf rund 1600 Druckseiten weitgehend ohne sprachkünstlerische Volten aus, behauptet sich jedoch als ein hin- und mitreissendes Erzählwerk, das alle Epochen, alle Kulturen, alle Mythen, alle Religionen, alle Philosophien zitathaft Revue passieren lässt – eine hektische Panoramafahrt durch menschliche Gedanken-, Glaubens- und Phantasiewelten, intellektuell und literarisch hochkarätige Prosa, äusserst faktenreich, dabei spannend zu lesen, insgesamt eine Art belletristisches Lehrbuch, das meines Erachtens in der neueren deutschen Literaturgeschichte gleichrangig neben – oder zwischen – so unterschiedlichen Meisterwerken wie Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz und Thomas Manns Zauberberg bestehen kann.

            Der einst gern zitierte Buffon’sche Merksatz, wonach der Stil der Mensch sei (beziehungsweise sein sollte: „le style, c’est l’homme même”), hat heute, da ein fahriger, nun auch von der KI kolportierter Epochenstil die internationale Literaturproduktion beherrscht, keine Geltung mehr. Auf Ernst Bloch trifft der Spruch vollumfänglich zu – Grund genug, diesen Autor zumindest pro memoria erneut zu lesen. Gerade das Beste liegt ja immer ganz nah, auch wenn man es vergessen hat und nicht mehr danach sucht.


Erstellungsdatum: 11.08.2026