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Erik Fosnes Hansens „Momente der Geborgenheit“

Gesehen werden und anderes Höhere

Ewart Reder


Sternenhimmel. Foto: iankelsall1. pixabay

Das Ultimative und andere Superlative lassen keine Luft nach oben und wenig Gutes nach unten. Das höchste der Gefühle aber hat erfahrungsgemäß ein überraschend nahes Verfallsdatum. Der Enthusiasmus hingegen bringt stets aufs Neue Höchstes zur Geltung; und in mildem Licht stellt sich die Frage nach dem noch Höheren nicht, denn der Wunsch nach dem „Verweile doch! Du bist so schön!“ verweigert sich weiteren Steigerungen. Ewart Reder erzählt von einem Buch, das ihm diesen Wunsch gewährte.

 

In meiner Göttinger Studentenzeit besuchte ich oft meinen Großvater, den es am Ende seines Lebens in eine Seniorenresidenz der Stadt verschlagen hatte. Hielt er alle Enkel für Atheisten oder mich im Speziellen? Jedenfalls gab er mir regelmäßig und ungefragt den Rat, ich solle mich im Sommer auf eine Wiese legen und in den Sternenhimmel schauen. Alternativ solle ich Bachs Matthäus-Passion hören, „die Musik – nicht den Text!“  Und dann solle ich ihm noch mal sagen, es gebe nichts Höheres.

Meinen Enkel:innen, falls es die mal geben sollte, wüsste ich einen dritten Rat: Erik Fosnes Hansen lesen, speziell „Momente der Geborgenheit“. Gerade habe ich das Buch zum zweiten Mal gelesen, etwas, das ich so gut wie nie mache, weil großartige Bücher drohend vor mich hintreten, die zu lesen ich in meiner Lebenszeit nicht mehr schaffen werde. Diesmal habe ich es gemacht, weil ein Freund es mir geraten hatte, dessen Rat ich so gut wie immer befolge. Ich hatte ihm lange von dem Buch vorgeschwärmt und dabei einräumen müssen, daß ich es nicht verstanden habe. Der Zusammenhang, den Hansen für seinen Roman, der aus vier Geschichten besteht, als Ganzes proklamiert, war meiner hermeneutischen Bemühung entglitten. Ehrgeiz war es also auch, was mich zum Wiederlesen trieb. Vor allem aber war es die Erinnerung an ein seltenes Lektüreerlebnis: ein Buch zum Niederknien.

Nach diesen knapp sechshundert atemlos durchgelesenen Buchseiten kann zumindest ich nicht mehr bestreiten, dass es etwas Höheres gibt – höher in dem Sinn, dass der rechnende Alltagsverstand nicht mitkommt mit etwas, das mir unleugbar begegnet. Eine Ordnung – wie am Sternenhimmel und in der Bach-Partitur – hat sich gezeigt, die mit keiner Wissenschaft oder Methode herstellbar ist. Vielleicht mit Können? Ohne auf jeden Fall nicht. Aber jedes Können lässt sich erklären, sonst gäbe es das jeweilige Kriterium nicht – und das Höhere entzieht sich auch dieser Erklärung.

Zum einen gibt es in jeder der vier Geschichten, die an unterschiedlichen Orten zu durch Jahrhunderte voneinander getrennten Zeiten spielen, mindestens ein übernatürliches Ereignis. In der ersten Geschichte ist es die Rettung einer jungen Frau aus der Attacke eines Bienenvolkes, das außer Kontrolle gerät auch für den erfahrenen Imker, der der Rettung immerhin assistiert. An mehrere Leuchturmwärtertüren klopft es vernehmlich in der zweiten Geschichte, die rund um einige bei Gotland postierte Leuchttürme spielt, in einem Moment, in dem einer der Leuchtturmwärter das Unglück noch hätte verhindern können, das sich dann doch ereignet. Aber niemand hat geklopft. Die dritte Geschichte spielt in Rom zur Zeit der Renaissance. Da entwickelt ein Marienbild über Nacht eine Heilkraft, die außer Scharen von Nebenfiguren auch den Protagonisten erfasst und seine Biographie in eine neue Bahn lenkt. Die Schlussgeschichte handelt von einem Bergbauingenieur, der aus einem Schacht, in den er gestürzt ist, durch Notrufe gerettet wird, die keiner von denen, die am Ende das Rettungswerk tun, getätigt haben will. Verteilt auf sechshundert handlungspralle Seiten ist das nicht viel. Aber eben mehr, als jede rein vernünftige Geschichte bieten würde – mehr Realismus. Jede:r mag mal an die drei oder vier rational unerklärlichen Fügungen denken, die auch ihr oder sein Leben aufweist. Gerade, dass es so wenige sind, ist der Stachel – und die Entsprechung zu Hansens Roman.

Zum Anderen erzählen die vier Geschichten jeweils von einem Können, das als solches kaum erklärt werden kann und das ganz und gar unerklärliche Resultate zeitigt. Der Imker, der im Hauptberuf Unternehmenslenker war, entwickelt im Alter für seine Bienen Leidenschaft und Verständnis in einer Weise, die jeder bewundern muss, dem es einer wie Hansen erzählt. Der Assistent des Leuchtturmwärters, den alle wegen seiner gebrochenen Stimme und seiner eingezogenen Persönlichkeit nur bemitleiden, repariert ohne jeden Beistand der einschlägigen Technik eine Orgel und hat am Ende „der Insel ihre Stimme wiedergegeben“. In der Renaissancegeschichte ist es passender Weise die Malerei, die der Autor als ein Universum stupenden Könnens schildert – erst vonseiten der Realisten und ihrer Mäzene, später dann, quasi durch ein Schlüsselloch von ihnen beobachtet, aufseiten der verachteten Goldgrundmalerei des ausgehenden Mittelalters. Die Schlussgeschichte thematisiert den Rationalismus der Ingenieurwissenschaften, lässt ihn seine Punkte machen gegen Gewohnheit und Religion. Besonders raffiniert geht Hansen in der dritten Geschichte vor. Das heilkräftige Bild lasst sein Stifter, ein agnostischer Lebemann, aus der Kirche entfernen und in einer Art Laboratorium untersuchen im Sinne von dekonstruieren. Dabei zeigt sich, was die alte Maltechnik, der man sich in der künstlerischen und gesellschaftlichen Elite überlegen wähnt, an Aufwand, Kenntnis und Fertigkeiten tatsächlich umfasste.

Wer nach Einwänden gegen den Roman sucht, könnte hier ansetzen. Ist Können am Ende nur ein Mittel der sozialen Distanzierung? Beruht eben darauf auch die ‚übernatürliche‘ Wirkung, die den Ergebnissen zugeschrieben wird? Und weiter, wie sieht es in einem solchen Setting mit den Möglichkeiten der Frauen aus? Warum werden sie in dem Roman nur gerettet, zu Erbinnen eingesetzt, geliebt, geheiratet, geschwängert, nach ihrem Tod betrauert und – das auf jeden Fall hinreißend – als höhere Wesen idealisiert? Und wo wir schon beim Bezweifeln sind: Wie fair ist es von dem Roman, den Teufel, der tatsächlich einmal auftritt, nichts anderes tun zu lassen als Mädchen und Jungs zu homosexuellen Handlungen zu verführen, in deren Folge die Beteiligten ihr Leben ruinieren und auf schreckliche Weisen umkommen?

Es ist Literatur, lautet das wichtigste Gegenargument. Da darf alles sein. Gerade das, was anders ist, als man es kennt, macht Spaß im Sinne von Licht im Kopf, ölt die Synapsen. Die vom Teufel Verführten haben jedenfalls keine Freiheit mehr, ihrem Trieb zu widerstehen – was den Heteros in der entsprechenden Geschichte genauso mitleidlos vom Autor nachgewiesen wird. Die Frauen blieben – und bleiben oft noch – außen vor in der Begabtenolympiade. Von ihnen gab und gibt es entsprechend Anderes zu erzählen, oftmals Wichtigeres. Ansonsten ist der Mensch – nach Antigone das Ungeheuerlichste, von dem gesprochen werden kann – so besonders auch dessentwegen, was ihm einfällt und bei radikaler Bemühung mitunter gelingt.

Männliche Überlegenheit ist auf jeden Fall nichts, wovon der Roman erzählen würde. Die Protagonisten sind Außenseiter, oft Verachtete oder Geächtete und immer Exzentriker. Und Frauen sind durchweg die noch Exzentrischeren. Der von allen gehasste Familien- und Firmenpatriarch wird überraschend von seiner Großnichte besucht – und an Sperrigkeit alsbald übertroffen. Der Assistent und Orgelrestaurator wird zum einzigen Vertrauten der Leuchtturmwärterstochter, einer pubertierenden Epileptikerin, deren wahres Zuhause die wilden Gehölze und der Sturmwind der Insel sind. Das Marienbild wurde, wie sich erweist, nach dem Modell einer geistig behinderten, nicht sprechenden, in einer Waldhöhle lebenden jungen Frau geschaffen, die sich ihre Sexualpartner nimmt, wann und wo sie will, und tut, was immer ihr einfällt. Da geht sie hin, die Herrlichkeit des menschlichen Könnens in diesem Roman, der dasselbe aufrichtig gefeiert und großmeisterlich dargestellt hat. „Das Höhere“ selbst ist es nicht. Es kann einen in die Nähe bringen, und nichts anderes tut dieser gegenwärtig kaum mit einem anderen vergleichbare Roman.

Auch die Wunder sind nicht „das Höhere“. Mehr Bedeutung als sie tragen auf jeden Fall zwischenmenschliche Ereignisse. Dabei geht der Blick jeweils tief in die Figur hinein, der die Erzählung folgt, und weit in die Sphäre hinauf, die sich der Figur durch die Begegnung mit einer anderen Figur öffnet. Die Großnichte wurde nie gesehen von ihrer Familie, der bärbeißige Greis jedoch erreicht sie, mit seiner Aggression wie mit seiner verstohlenen Zärtlichkeit. Der Assistent hat niemanden, der ihn mag, als das einsame Mädchen, das folgerichtig exklusiv von dem Geheimnis erfährt, das durch einen Schicksalsschlag in ihm verkapselt wurde und sich unerkannt herausarbeitet aus ihm bis zu einem weiteren Schicksalsschlag. Niemand hätte vermutet, dass der sprachbehinderte und sozialphobische Mann in seiner Jugend ein hoffnungsvolles Gesangstalent war. Niemand wusste von seiner Musikalität bis zu dem Sonntag, an dem nach vielen Jahren zum ersten Mal die Orgel erklingt und man erfährt, wer sie reparierte. (Dann ereignet sich das Unglück und wie der Assistent dabei agiert, gehört zu den geheimnisvollsten Stellen des Romans. An einer Deutung versuche ich mich hier nicht, um die Einladung möglichst groß zu halten: Dieses Buch muss man gelesen haben. Was ich hier schreibe, sind keinesfalls mehr als Andeutungen von einem Erlebnis, das jede und jeden überraschen wird.) Die junge Wilde, die auf der Staffelei zur Gottesmutter wird, erfährt unter den Augen des Malers ihre Initiation in den Kreis der Menschen. Mit Pygmalion hat das nichts zu tun, sondern mit dem menschlichen Urbedürfnis, angesehen zu werden. Genauso wenig legt das Erlebnis die Frau fest, nach den Erwartungen ihres ‚Entdeckers‘ zu handeln, was sie auch nicht tun wird.

Und der Zusammenhang? Als der Roman vor über zwanzig Jahren auf Deutsch erschien, führte ich ein Interview mit Erik Fosnes Hansen, bei dem er zwei Dinge behauptete: Die vier Geschichten würden inhaltlich miteinander zusammenhängen. Und diese Tatsache sei für niemanden ein Problem, der den Zusammenhang nicht bemerken würde. Die zweite Behauptung hat sich für mich nach meiner Erstlektüre bestätigt. Die erste Behauptung sehe ich nun ebenfalls als richtig an, ohne sagen zu können, ob ich den ‚richtigen‘ Zusammenhang herstelle. Wie gesagt, das Buch ist Ergebnis höchsten Literaturkönnens. Diesbezüglich verlangt es nach wissenschaftlicher Beschäftigung, nach Untersuchungen, derer ich keine gelesen habe und trotzdem viele und bedeutende noch für ausstehend halten will (absurd, aber auch in der Wissenschaft gibt es das Bauchgefühl). So viel kann ich sagen und sage ich, ohne zu spoilern: Momente eines Geborgenseins, das Menschen inmitten einer brutalen, vom Tod und von menschlicher Grausamkeit bestimmten Welt durch die Begegnung mit anderen Menschen erleben, solche Momente präsentiert jede der Geschichten. Und die Geborgenheit scheint jedes Mal noch von weiter herzurühren, als nur von Menschen, mehr zu umfassen als nur menschliche Interaktion.

Die erste Geschichte rekurriert zudem auf den Wissenschaftsdissidenten Paul Kammerer und sein „Gesetz der Serie“, womit Analogien im Weltgeschehen gemeint sind nebst deren möglicher Bindekraft auch außerhalb des Kausalgesetzes. In der Literatur geht alles, wie gesagt. Sollte ein inhaltlicher Zusammenhang dieser Art intendiert sein, so kämen insbesondere Leuchttürme, Handwerkszeug, Handels- und Reiseaktivitäten als Handlungsklammern in Frage. Außerdem macht der Text an mehreren Stellen die Frage auf, wie Menschen, die miteinander verwandt sind, zu ihrem Verhältnis kommen, welche verschlungenen Wege eine Familiengeschichte nehmen kann. Unter diesem Gesichtspunkt wage ich die These, dass der Assistent außer der Mentor auch der leibliche Vater des Leuchtturmwärtermädchens ist, dass die heimliche Zusammenarbeit mit deren Mutter bei der Orgelreparatur weiter ging als nur bis zum Handwerklichen. Denn in der Tochter lebt für den verhinderten Sänger die Hoffnung, von der er am Ende spricht: dass ein Gesangstalent erblich sein könne. Auf ähnliche Weise mag der wiederholte Schlusshinweis der Rom-Geschichte, dass der Diener des Protagonisten und zugleich zweite Protagonist der Geschichte mit seiner Geliebten nach Norden reise, bedeuten, dass eine schwedisch-norwegische Familie das Gesamtpersonal des Romans stellt und hier einen italienischen Zufluss erhält. Der Firmenpatron und der Ingenieur fügen sich, als Skandinavier, leicht dieser Hypothese, die beziehungsweise deren weitere Details ich ansonsten jeder und jedem zur Prüfung oder Nichtbeachtung überlasse. Nur lesen sollte man das Buch. Doch.

Und fortsetzen sollte es der Autor, wie er vor siebenundzwanzig Jahren ankündigte. Dass er das Niveau des ersten Teils nicht mehr erreichen könne, darf ihn, falls er das denken sollte, nicht bekümmern, da das möglicherweise unmöglich ist.

Erik Fosnes Hansen
Momente der Geborgenheit
Roman
aus dem Norwegischen von Hinrich Schmidt-Henkel
587 S., geb.
ISBN: 9783462028379
Verlag Kiepenheuer und Witsch, Köln 1999 
 
 
 
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Erstellungsdatum: 14.04.2026