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Ursula Grünenwald über die 61. Kunstbiennale in Venedig

Die Biennale von Venedig ist eine der größten Plattformen für Gegenwartskunst weltweit. Ursula Grünenwald hat sie besucht und als ein wiederkehrendes Motiv die Frage nach einem gelingenden Zusammenleben auf dem Planeten Erde ermittelt. Die Figur des Gartens nehmen viele Künstler:innen zum Ausgangspunkt, um sich mit den gravierenden klimatischen Veränderungen der Gegenwart auseinanderzusetzen. Die Autorin stellt das Klanggartenprojekt „The Ear is the Eye of the Soul“ sowie Arbeiten von Wangechi Mutu, Sara Flores und Bracha Lichtenberg Ettinger vor.
Die Godmother of Punk steht im Altarraum der ehemaligen Kirche Santa Maria Ausiliatrice und singt von Freiheit: Patti Smith, die an dem diesjährigen Beitrag des Vatikans zur Biennale „The Ear is the Eye of the Soul“ mitgewirkt hat, ist zu Eröffnung gekommen. Mit der ihr eigenen freundlichen Souveränität bedankt sie sich bei dem aus Rom angereisten höchsten Kulturbeauftragten des Vatikan und dem dreiköpfigen Kuratoren(sic!)team um Hans Ulrich Obrist für die Einladung. Die Szene ist anrührend und absurd zugleich, weil sie das darüber hängende Altarbild spiegelt: Wie die mild lächelnde Maria von den streng blickenden Aposteln flankiert wird, ist auch die US-amerikanische Lyrikerin die einzige Frau auf der Bühne, umringt von Männern in Amt und Würden. Auch der Bürgermeister der Stadt und der Biennalepräsident Pietrangelo Buttafuoco haben sich eingefunden. Letzterer nutzt die Gelegenheit für einen Schulterschluss mit Rom, war er doch wegen der Einladung Russlands trotz des fortwährenden Krieges gegen die Ukraine weltweit in die Kritik geraten. In seiner Eröffnungsrede zitiert der rechtsgerichtete Buttafuoco den Papst und schwärmt von der friedenstiftenden Rolle der Kunst. Kunst zu instrumentalisieren, kann herrlich schiefgehen.

Das Projekt „The Ear is the Eye of the Soul“ nimmt das Wirken der mittelalterlichen Klerikerin Hildegard von Bingen und ihren Begriff der alles durchdringenden Viridität, der Grünkraft, zum Ausgangspunkt, um eine an das Göttliche rückgebundene harmonische Welt zu feiern. Das Projekt bespielt zwei Standorte: Die in Renovierung befindlichen Räume von Santa Maria Ausiliatrice sind dem Beitrag des im März 2026 verstorbenen Filmemachers und Schriftstellers Alexander Kluge gewidmet, auf den auch der Titel des Vatikanbeitrags zurückgeht. In Venedig weitet Kluge seine um 2023 begonnene Auseinandersetzung mit KI-generierten Bildern auf die Mystik der Kirchenfrau aus. In der für sein Spätwerk charakteristischen assoziativ-experimentellen Art erzeugt er aus den Visionen der Benediktinerin farbenreiche Kompositionen. Die Film- und Bildinstallation mit ihren 12 Stationen, die auf Baugerüsten und losen Blättern angebracht ist, ist das letzte Werk Kluges.

Die Ausstellung setzt sich in der malerischen Gartenanlage der Carmelitani Scalzi, der barfüßigen Karmeliterinnen, fort, die unmittelbar neben dem betriebsamen Hauptbahnhof Venedigs liegt und von hohen Klostermauern abgeschirmt wird. Zwanzig internationale Künstler*innen, darunter Patti Smith, Jim Jarmusch und Brian Eno haben Klangarbeiten zu dem „Giardino Mistico“ beigesteuert, die beim Umherschlendern über Kopfhörer erklingen. Man kann eintauchen in die Ruhe und Abgeschiedenheit des Gartens und die Namen der Nutzpflanzen und Heilkräuter studieren, die die Nonnen dort seit dem 17. Jahrhundert anbauen. Man kann sich aber auch fragen, wo denn diese Frauen sind, ohne deren sorgfältige Pflege alles zuwuchern und im Sommer vertrocknen würde. Sind sie gefragt worden, ob ihnen die vielen Gäste recht sind? Wie partizipativ gestaltet eigentlich der Vatikan, der nicht eben durch flache Hierarchien und Gleichberechtigung auffällt, interne Diskussionen über Kunst und Freiheit? Ein Garten kann ein zauberhafter Ort sein – Kluge hat in einem anderen Zusammenhang vom „hortus amoenus“ gesprochen, einem Ort, der alle Sinne erfüllt – es ist aber auch ein sorgsam komponiertes Gefüge, das von Disziplin und Regeleinhaltung lebt. Ja, es ist eine schöne Idee, in angenehmer Umgebung über sich selbst, die Natur und vielleicht sogar über die aus den Fugen geratene Welt nachzudenken, genauso wichtig ist es allerdings, Verantwortlichkeiten für den Zustand der Erde und ungleiche ökonomische Bedingungen zu benennen.

Einen konfrontativeren Ton schlägt die 1972 geborene kenianische Künstlerin Wangechi Mutu in ihrer Rauminstallation „The End, Where All began, EdEN“ im Hauptpavillon der Giardini an. Mutu, die in den USA studiert hat, lebt in New York und Nairobi. In ihrem dreiminütigen wandeinnehmenden Animationsfilm „Mumbi“ spricht sie vom Verrat der Menschen an der Natur, der sie ihre Existenz verdanken. Der melancholisch gestimmte Film, der wegen seiner reduzierten Bildsprache fesselt, zeigt die scherenschnittartigen Umrisse einer liegenden Frauenfigur vor einem weiten Himmel. Sie ist die weibliche Personifikation des traditionell männlich gedachten Schöpfergottes am Mount Kenya. Mutu übersetzt den Schöpfungsmythos ihrer Heimatregion in eine ökofeministische Erzählung, die die Menschen an ihre Respektlosigkeit gegenüber „Mutter Erde“ erinnert.
In der Mitte des Raumes wölbt sich ist eine dreifache braune Kuppel auf, die einen schwangerschaftsförmigen Kugelbauch und weibliche Brüste nachbildet. Daneben sind weitere Objekte zu sehen, darunter „Sweeper“, ein kreisförmig rotierender, Tee- und Kaffeepulver bewegender Besenarm, der an die Sandarbeiten Günther Ueckers erinnert, sowie eine sich hoch aufrichtende Schlangenfigur aus schwarzen Kugeln. Die kreative Wucht Mutus beeindruckt und korrespondiert mit der farbenstarken und materialbetonten Fülle des Hauptpavillons, den die im Mai 2026 überraschend verstorbene künstlerische Leiterin Koyo Kouoh noch selbst konzipiert hat. Von Kouoh stammt auch das Motto der diesjährigen Biennale „In Minor Keys“, das dazu aufruft, innezuhalten, Zwischentöne wahrzunehmen und marginalisierte Stimmen zu Wort kommen zu lassen.
Doch wie umgehen mit Mutus ökofeministischer Erzählung und anderen spirituellen Ansätzen einer ökologisch engagierten Gegenwartskunst? Anders als in der Politik bilden ästhetisch-spirituelle Positionen eine wichtige Gegenstimme in einer Welt multipler Krisen: Sie schaffen alternative Weltsichten und öffnen Horizonte, weil sie dazu herausfordern, über das als möglich Definierte hinauszudenken.

Eine andere, eine sich entziehende Welt zeigt der peruanische Beitrag in den Arsenale „From Other Worlds“ mit den Textilarbeiten von Sara Flores, einer Angehörigen der indigenen Shipibo-Konibo-Gemeinschaft. Abstraktion, Symmetrie und Wiederholung bestimmen ihr Werk.
Labyrinthförmig verlaufende lineare Strukturen ziehen sich als feines Netz über die großformatigen Stoffflächen aus unbehandelter Baumwolle. Die aus Pflanzenfarben bestehenden zartbraunen Linien verdichten sich auf der Bildfläche zu breitrandigen geometrischen Formationen, die über antennenähnliche Ausläufer zueinander in Beziehung treten. Die Mitglieder der Shipibo-Konibo verzieren mit diesen Mustern Kleidungsstücke und Alltagsgegenstände. Sara Flores hat die traditionellen Muster als Jugendliche erlernt und entwickelt sie seitdem in ihren Gemälden und Stoffskulpturen weiter. Längst werden ihre Arbeiten in renommierten Ausstellungshäusern weltweit gezeigt.
Westliche Betrachter*innen können sich in der Harmonie dieser Strukturen verlieren, die – obwohl sie sich einer dem Minimalismus verwandten Formensprache bedienen – kein starres geometrisches Regelwerk erzeugen. Diese Arbeiten entsprechen in idealer Weise dem diesjährigen Motto der Biennale: nicht nur ihrer zarten Ästhetik wegen, sondern auch weil sie eine Lebensweise sichtbar machen, die sich grundlegend von der der Industrienationen unterscheidet.
Flores‘ textile Werke geben ihre Bedeutung nicht preis. Zwar ist nachzulesen, dass die linearen Fomen das Weltbild der Shipibo-Konibo widerspiegeln, deren Leben ganz auf die Gezeiten der sie umgebenden Natur am Ucayali, einem Nebenfluss des Amazons, abgestimmt ist. Doch auch wenn wir die Rechtecke, Rauten und Pfeile wie ein fremdes Alphabet erlernen würden, bleibt die Wahrscheinlichkeit groß, dass wir sie nie ganz begreifen können, weil wir nicht ansatzweise so mit der Natur verwoben leben, wie die Menschen am Ucayali. Dabei spielt sich ihre Existenz nicht in idyllischer Abgeschiedenheit ab, vielmehr ist ihr Lebensraum von Überschwemmungen infolge des Klimawandels und von Holzschlag für den internationalen Rohstoffmarkt bedroht.
Die Komplexität der Welt, in der Geschichte und Gegenwart einander überlappen, zeigt Bracha Lichtenberg Ettingers poetische Rauminstallation „The Room is shared“. Die Installation, die die Künstlerin zusammen mit der ehemaligen Documenta-Leiterin Carolyn Christov-Bakargiev eingerichtet hat, war nur wenige Tage als Side Event der Biennale im Hotel Metropole zu sehen, in dem Sigmund Freud an seiner wegweisenden Schrift „Traumdeutung“ gearbeitet hat.
Die von Bracha – so ihr Künstlername – großzügig im ganzen Raum verteilten Distelblüten und Venusmuscheln umspielen ihre Skizzenbücher und Publikationen ebenso wie die daneben platzierten Schriften Freuds. Die weiblich konnotierten Accessoires besetzen nicht nur den Denkraum des ersten Psychoanalytikers, sie unterstreichen ebenso charmant wie unmissverständlich Brachas eigene, international rezipierte Position eines „matrixialen Raumes“. Der Konzeption eines autonomen, auf sich selbst zurückgeworfenen Subjekts setzt die 1948 in Tel Aviv geborene Psychiaterin und Psychoanalytikerin die Vorstellung einer relationalen Subjektivität entgegen.

Das malerische Werk Brachas umfasst kleinformatige Gemälde in zarten Rot-, Weiß-, Violett- und Blautönen. Die Künstlerin arbeitet stets mehrere Jahre an den figurenreichen Bildern, denen sie wiederholt Motive historischer Fotografien der Shoa zugrundelegt. Ihre aus lasierend aufgetragenen Farbschichten emportauchenden Frauenfiguren wirken wie Wesen aus ferner Vergangenheit, die nicht zur Ruhe kommen können – wie auch, sind viele dieser jüdischen Frauen mit ihren Kindern den deutschen Massenerschießungen zum Opfer gefallen. Im beigefarben tapezierten Hotelraum waren sieben Bilder aus unterschiedlichen Werkgruppen neben der neuen Videoarbeit „Waterdreaming“ von 2025 zu sehen. Das kunstvoll arrangierte Tableau in Venedig nahm virtuos das Biennalemotto „Minor Keys“ auf und führte vor Augen, dass Kunst auch in leisen Tönen politisch wirksam werden kann.
Im Wissen um menschliche Grausamkeit und die Brüchigkeit von Werten versteht Bracha ihr theoretisches und ästhetisches Werk als eine Aufforderung, eine empathische Sicht auf die Welt zu entwickeln und diese als geteilten Lebensraum zu begreifen. In ihrem 2025 publizierten Text „Gebärender Engel des Fürtragens“ schreibt sie von der „Notwendigkeit, dem Anderen und der Welt so zu begegnen, als seien sie untrennbar mit einem selbst verbunden“.
Großausstellungen stehen in der Kritik, weil sie die Hierarchien der globalen Kunstwelt festigen und Ressourcen verbrauchen, und doch sind sie von unschätzbarem Wert, weil sie eine Plattform bieten, auf der über Werte und Weltsichten gestritten werden kann. Die besondere Stärke der 61. Kunstbiennale liegt in dem Nebeneinander von poetischen und politisch engagierten Positionen sowie der hohen Anzahl von Künstler*innen aus nicht-westlichen Ländern.
Wie von Koyo Kouoh gewünscht laden viele Beiträge dazu ein, innezuhalten und andere Perspektiven zuzulassen. Die von der feministischen Punkband Pussy Riot organisierten Proteste gegen Russlands Präsenz bilden einen notwendigen Kontrapunkt: Sie erinnern daran, dass wir keinesfalls einem idealisierenden planetarischen „Wir“ aufsitzen, sondern reale Machtverhältnisse benennen und Verantwortung übernehmen sollten. – Erst dann wird das Potential von Kunst in der Gegenwart ausgeschöpft.
BIENNALE ARTE 2026 noch bis zum 22.11.2026
Erstellungsdatum: 19.09.2026