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Achim Heidenreich über Henzes Oratorium „Floß der Medusa”: dennoch zu pessimistisch für die „DDR“-Kulturkommunisten

Ging tatsächlich ‘rüber

Achim Heidenreich


Hans Werner Henze in der Bochumer Jahrhunderthalle 2008. Foto: EytanPessen. wikimedia commons

Hans Werner Henze, der gerade seinen hundertsten Geburtstag hätte feiern können, wenn er nicht im Jahre 2012 gestorben wäre, hat eine zeitlang gerne mit Sprüchen provoziert wie: „Ich bin Kommunist. Und meine Musik soll der Arbeiterklasse zum Sieg verhelfen.“ – Was jeder und jedem, die oder der Augen und Ohren hatte, als ein absurder Widerspruch erscheinen musste. Achim Heidenreich hat in den Akten der Akademie der Künste einen Vorgang gefunden, der die doppelte Havarie von Henzes Oratorium „Floß der Medusa“ in Ost und West belegt.

 

Die Musik Hans Werner Henzes für sein 1968 in Hamburg, nein, nicht uraufgeführtes, sondern vom NDR wegen ideologisch motivierter Tumulte in der Aufführungshalle von „Planten un Blomen“ statt live nur als Aufnahme der vom Komponisten geleiteten Generalprobe urgesendetes Skandal-Oratorium „Das Floß der Medusa“ ist sicher nicht das, was ihm mancher politisierte Materialfetischist der Neuen Musik dieser Zeit vorwarf: einfach nur schön und daher irgendwie „fascho“. Laut Wilhelm Busch ist schön ja, was gefällt, betrifft also den persönlichen Geschmack, über den sich bekanntlich nicht streiten lässt, der zu dieser Zeit aber a priori unter Verdacht stand, auch unter der Abendrobe des Premierenabopublikums den Muff der tausend Jahre weiterhin aufzutragen. Schön ist aber auch, wie Hans-Georg Gadamer weiß, was seine Betrachtung intendiert, also alle Kunst, sonst wäre sie keine. Schön gefällig aber ist Henzes Schauerkantate über das Absaufenlassen der Unterdrückten durch die Herrschenden am allerwenigsten.

Was der damals nicht minder links politisierte Henze auf das mit deklamatorisch lutherisch-fichtenadeligem Badesalz aus Peter Weiss’ „Marat“-Wannenblues reichlich aromatisierte Libretto des Hemingway-Übersetzers und ehemaligem Intendanten des Hamburger Funkhauses Ernst Schnabel nach der wahren Geschichte der 1816 untergegangenen Französischen Fregatte „Medusa“ klanglich vom Stapel ließ, klingt auch in heutigen Ohren mit seinen musikgeschichtlich echoartigen Bernd-Alois-Zimmermann-Clustern aus dessen „Soldaten“ und vorausnehmenden Nono-Kantilenen in höchster Lage der viel späteren „Prometeo“-Komposition zunächst einmal: verständlich, dem Hörer zugewandt und dadurch – gewissermaßen als allzeitbereiter Faktor des Fortschritts – direkt nachvollziehbar. Wegen dieser vermeintlichen Verständlichkeit seiner Klangrede und dem entsprechenden politisch-humanistischen Programm wurde Henze noch im selben Jahr 1968 in die Akademie der Künste der „DDR“ als „korrespondierendes Mitglied“ aufgenommen, Kommunist Nono war schon seit 1965 drin.

In Henzes Ostzuwendung steckte eine gehörige Portion Trotz und Traurigkeit: Aus der Akademie der Künste West war er wegen der Aufnahmeverweigerung in die West-Akademie der politischen Häftlinge Mikis Theodorakis in Griechenland und dem aus der Bundesrepublik entführten Isang Yun nach Süd-Korea unter Protest ausgetreten. Akademie-West-Präsident Boris Blacher meinte damals, die Akademie müsste politische Neutralität wahren. Get together: In die Akademie der Künste Ost wurde Blacher sodann auch als „korrespondierendes Mitglied“ seit 1970 geführt.

Nach der im Wortsinn verkrachten Uraufführung des Che Guevara gewidmeten „Medusa“-Oratoriums in der Bundesrepublik hätte die „DDR“ mit einer tatsächlichen Uraufführung dem Klassenfeind auf der anderen Seite des sogenannten imperialistischen Schutzwalls , also der Bundesrepublik Deutschland, die rote Fahne deutlicher nicht zeigen können: Henze ist unser! So war es auch von der Sektion Musik der Akademie der Künste Ost für 1969 mit der Staatskapelle Dresden geplant. Henze sollte und wollte selbst dirigieren. Das „Staatliche Komitee für Rundfunk beim Ministerrat der DDR“ ließ das „Floß“ jedoch auf dem Trockenen liegen und entschied sich dagegen. Der kryptisch formulierte Ablehnungsgrund kann nur so verstanden werden: Fast alle Schiffbrüchigen – Achtung: Geschichtssubjekte – auf dem Floß kämen ums Leben; die Herrschenden in den seetüchtigen Rettungsbooten würden jedoch einer wohlfeilen Zukunft entgegenrudern. Das sei kein Kommunismus und außerdem wären die musikalischen Mittel dann doch zu modernistisch. Vier Tage noch vor der Absage hatte Komponist und Funktionär Kurt Schwaen aus der Sektion-Musik der Ost-Akademie Henze telegrafisch noch Hoffnung auf die eigentliche Uraufführung in Dresden gemacht. Vielleicht war dies, dialektisch verstanden, schon die Absage und damit eine metaphorische Einsicht in die Notwendigkeit. DDR-Akademiepräsident Konrad Wolf, Bruder von Geheimdienstchef Markus Wolf, bot Henze brieflich eine persönliche Aussprache über die Ablehnungsgründe an und legte Wert auf die Feststellung, dass die Akademie in diesem Fall machtlos gewesen sei. Da hatte die Geschichtsdynamik dann doch keine solche mehr für Henze übrig gehabt. Hoffen wir, dass das Ganze immerhin konstruktiv gemeint war. Freundschaft!

Erstellungsdatum: 29.07.2026