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Rede zum Internationaler Frauentag 2026

Gleichstellung ist eine Daueraufgabe der Demokratie

Tina Zapf-RodríguezBarbara Walzer


Tina Zapf-Rodríguez. Foto: Barbara Walzer

Anlässlich des Internationalen Frauentages nahm Tina Zapf-Rodríguez die bröckelnde Gleichstellung in den Blick. In jüngster Zeit sieht die Frankfurter Dezernentin die Gefährdung bedenklich wachsen. So verzeichne hierzulande etwa die Meldestelle Antifeminismus einen „massiven Anstieg von Vorfällen“, stilisieren rechtsextreme Gruppen Gleichstellung zur Bedrohung. In vielen Ländern der Welt sei „Gender“ ein Kampfbegriff geworden und die Lage von Frauen und queeren Menschen katastrophal. Vor diesem Hintergrund stellte die Stadträtin klar: Gleichstellung „ist eine Daueraufgabe der Demokratie“.


Was verlieren wir, wenn wir Gleichstellungspolitik untergraben? Wir verlieren nicht einfach ein politisches Thema. Wir verlieren nicht ein paar Förderprogramme. Wir verlieren nicht eine Debatte unter vielen. Wir verlieren Substanz. Wir verlieren demokratische Glaubwürdigkeit. Wir verlieren Menschenrechte. Denn Frauenrechte sind Menschenrechte. Und Menschenrechte sind Frauenrechte. So einfach, so klar.

Das war nicht immer so. Dieser Satz war lange keine Selbstverständlichkeit. Als 1865 der „Allgemeine Deutsche Frauenverein“ gegründet wurde, ging es um Bildung, um Zugang, um Würde. Mädchen hatten keinen regulären Zugang zu Gymnasien.
Universitäten blieben Frauen verschlossen. Wer wirtschaftlich unabhängig sein wollte, stieß auf massive strukturelle Barrieren. Um 1900 durften Frauen in Deutschland erstmals regulär studieren, nach jahrzehntelangem Druck der Frauenbewegung. Doch mit dem Inkrafttreten des Bürgerlichen Gesetzbuchs im selben Jahr wurde zugleich ein anderes Leitbild festgeschrieben: die rechtliche Vorrangstellung des Ehemanns. 

1918, vor nunmehr über hundert Jahren, wurde das Frauenwahlrecht eingeführt und 1919 durften Frauen erstmals wählen und gewählt werden. Nicht als Geste des Entgegenkommens, sondern als Ergebnis jahrzehntelanger Kämpfe, denn ohne politische Mitbestimmung blieben alle anderen Rechte prekär. 1949 – 30 Jahre später – wurde im Grundgesetz verankert: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ 

Auch dieser Satz war kein Geschenk. Er wurde gegen erhebliche Widerstände durchgesetzt, maßgeblich durch eine der „Mütter des Grundgesetzes“ Elisabeth Selbert .„Männer und Frauen sind gleichberechtigt.“ Dieser Satz war ein Versprechen, doch selbst danach blieb die juristische und tatsächliche Realität dahinter zurück: Bis in die 1950er Jahre verloren viele Beamtinnen, insbesondere Lehrerinnen, ihre Stelle, wenn sie heirateten. Bis 1958 galt im Bürgerlichen Gesetzbuch das Leitbild der „Hausfrauenehe“ mit dem „Letzt-Entscheidungsrecht“ des Mannes in ehelichen Angelegenheiten. Und noch bis 1977 stand die Erwerbstätigkeit einer Ehefrau unter dem Vorbehalt, dass sie mit ihren „Pflichten in Ehe und Familie“ vereinbar sei.
Faktisch konnte ein Ehemann die Berufstätigkeit seiner Frau unterbinden. Das ist keine archaische, ferne Geschichte. Das sind die Biografien unserer Mütter und Großmütter. Und noch 1994 musste der Verfassungsauftrag präzisiert werden: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“

Nicht: Er könnte.
Nicht: Er sollte.
Er wirkt hin.

Dieser Satz ist Verpflichtung. Und doch sprach bereits Elisabeth Selbert von einem „Verfassungsbruch in Permanenz“, weil Norm und Realität auseinanderklaffen. Und heute, 2026, müssen wir feststellen: Diese Lücke – dieser „Verfassungsbruch in Permanenz“ – besteht weiterhin. Ja, wir haben Fortschritte erreicht: 
Mit der Ratifizierung der Istanbul-Konvention hat Deutschland sich völkerrechtlich verpflichtet, Gewalt gegen Frauen systematisch zu bekämpfen.
Die Reform des Sexualstrafrechts 2016 hat klargestellt: „Nein heißt Nein.“ Das Gewalthilfegesetz von 2025 schafft erstmals einen bundesweiten Rechtsanspruch auf Schutz und Beratung für gewaltbetroffene Frauen und Kinder. Gehsteigbelästigungen direkt vor Beratungsstellen sind verboten. 
Frauenquoten in Aufsichtsräten und Vorständen haben gläserne Decken sichtbar gemacht – und erste, kleine Risse hineingeschlagen. Das sind Erfolge. Aber sie sind nicht das Ende des Weges. Die Lücken bestehen weiterhin. Der tatsächliche Anspruch auf einen Frauenhausplatz wird erst 2032 einklagbar sein, während Schutz heute gebraucht wird. 

Beratungsstellen arbeiten vielerorts am Limit. Präventionsprogramme und Täterarbeit sind häufig projektfinanziert, als sei die Bekämpfung von Gewalt ein zeitlich begrenztes Experiment.
 
Digitale Gewalt, von Deepfakes bis zu organisierten Hasskampagnen, wächst schneller, als unser Rechtssystem reagieren kann. Gleichzeitig steigt der organisierte Antifeminismus.  Die Meldestelle Antifeminismus verzeichnete 2024 einen massiven Anstieg von Vorfällen: Politikerinnen werden bedroht. Queere Veranstaltungen müssen geschützt werden. Rechtsextreme Gruppen stilisieren Gleichstellung zur Bedrohung. Das sind keine Randphänomene.
Das ist eine gesellschaftliche Verschiebung. Wir erleben im Jahr 2026, wie brüchig Errungenschaften sein können. Wir erleben eine Zeit, in der das, was über Jahrzehnte mühsam erkämpft wurde, wieder zur Disposition gestellt wird. Nicht immer frontal. Oft in Nebensätzen. In Haushaltskürzungen. In rhetorischen Verschiebungen. In scheinbar technischen Reformen. 
Weltweit sehen wir, wie autoritäre Bewegungen Frauenrechte zurückdrängen. In Afghanistan dürfen Mädchen seit 2021 keine weiterführenden Schulen besuchen. Öffentliche Räume sind stark reglementiert, Mädchen müssen sich verschleiern und schweigen. Im Iran riskieren Frauen weiterhin ihr Leben, wenn sie gegen staatlich verordnete Unterdrückung aufstehen. Und wenn diesem Krieg jetzt überhaupt etwas abzugewinnen ist, dann dass hoffentlich die vielen mutigen iranischen Frauen anschließend ein Leben in mehr Freiheit und Würde führen können.
 
In El Salvador sitzen Frauen im Gefängnis, weil sie Fehlgeburten erlitten haben – kriminalisiert durch ein radikales Abtreibungsverbot. In Mexiko verschwinden täglich Frauen; Femizide sind dort eine erschütternde Alltagsrealität. In Teilen Afrikas – etwa in Somalia oder im Südsudan – sind Mädchen weiterhin massiv von weiblicher Genitalverstümmelung bedroht.
Uganda verabschiedete 2023 eines der weltweit schärfsten Anti-LGBTQ+-Gesetze – mit drastischen Strafen für queere Menschen und ihre Unterstützer:innen. Die Türkei ist 2021 aus der Istanbul-Konvention ausgestiegen. Andere Staaten diskutieren den Rückzug unter dem Vorwand von „Familienwerten“. Was für ein Armutszeugnis für eine Gesellschaft. In den USA wurden reproduktive Rechte auf Bundesebene zurückgedreht, Bundesstaaten kriminalisieren wieder medizinische Versorgung. 

Diese Beispiele zeigen: Frauenrechte sind weltweit fragile Errungenschaften. Was wir in Jahrzehnten erkämpft haben, kann in kürzester Zeit wieder bedroht sein. Und wir sehen, wie politische Führungsfiguren Gleichstellungspolitik nicht nur ablehnen, sondern aktiv als Feindbild aufbauen: Diversität wird dort nicht als demokratische Stärke begriffen, sondern als Gefahr. „Gender“ wird zum Kampfbegriff stilisiert. Diese Strategie ist klar: Wer Gleichstellung diskreditiert, delegitimiert auch diejenigen, die sie einfordern. Doch wir dürfen uns nichts vormachen: Diese Dynamiken machen nicht an Landesgrenzen halt. Antifeminismus ist kein Meinungsspektrum – es ist eine Strategie und greift auch hier um sich. 

Antifeminismus richtet sich nicht nur gegen einzelne Forderungen, sondern gegen das Prinzip der Gleichwertigkeit. Er vereint rechte Parteien, fundamentalistische Gruppen, digitale Männernetzwerke – die sogenannte „Manosphäre“ – und scheinbar harmlose Retro-Trends wie die „Tradwives“, die das Frauenbild der 1950er Jahre romantisieren. Junge Männer werden in sozialen Netzwerken innerhalb von Minuten mit frauenfeindlichen Inhalten konfrontiert. Junge Frauen konsumieren millionenfach Inhalte, die ihnen einreden, ihre höchste Erfüllung liege in der freiwilligen Selbstbeschränkung. 

Gleichzeitig erleben wir reale politische Initiativen: In Sachsen will die AfD kommunale Gleichstellungsbeauftragte abschaffen. Begründung: Bürokratieabbau.
Doch wer Gleichstellungsstrukturen abbaut, baut Schutzmechanismen ab.
Und wer Schutz abbaut, schwächt Demokratie.


BeVocal Choir auf dem Internationalen Frauentag 2026. Foto: Barbara Walzer

 

Und genau hier zeigt sich, warum wir Gleichstellung nie isoliert betrachten dürfen.
Denn Ungleichheit wirkt selten eindimensional. Sie verschränkt sich. Sie verstärkt sich. Sie trifft Menschen unterschiedlich – je nachdem, wer sie sind, woher sie kommen, wie sie gelesen werden.
 
Frauen sind keine homogene Gruppe. Migrantinnen sind häufiger von prekärer Beschäftigung betroffen. Schwarze Frauen erleben rassistische Diskriminierung, bspw. im Gesundheitswesen mit messbaren Folgen für ihre Versorgung. Trans* Personen sind überproportional von Gewalt betroffen. Frauen mit Behinderung erfahren strukturelle Barrieren – in Bildung, auf dem Arbeitsmarkt, im öffentlichen Raum.

Intersektionale Gleichstellungspolitik heißt, diese Überschneidungen ernst zu nehmen – als Kernfrage von Gerechtigkeit. 
Es geht nicht um neue Kategorien, sondern darum, reale Lebenslagen sichtbar zu machen und Gerechtigkeit zu schaffen. Wer Diskriminierung nur eindimensional denkt, übersieht die Menschen, die besonders betroffen sind. 

Und dann ist da noch die ökonomische Dimension… Vor Kurzem diskutierte der Wirtschaftsflügel einer großen deutschen Partei die Abschaffung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit – aha. Sieben von zehn Müttern arbeiten in Teilzeit. Frauen leisten im Durchschnitt mehr Gesamtarbeitsstunden als Männer – wenn unbezahlte Care-Arbeit eingerechnet wird. Super Lifestyle! Wer Teilzeit pauschal diffamiert, blendet fehlende Betreuungsinfrastruktur, ungleiche Verteilung von Sorgearbeit und die strukturelle Unterbewertung sozialer Berufe aus. 

Eine Abschaffung des Rechtsanspruchs würde nicht zu mehr Vollzeit führen.
Sie würde Frauen aus dem Arbeitsmarkt drängen. 
Die Lücken bestehen weiterhin. Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Der Gender Pay Gap in Deutschland liegt weiterhin bei rund 16 Prozent. Doch auch dieser Durchschnittswert verschleiert die mehrdimensionale Realität: Für Frauen mit Migrationshintergrund ist die Lücke noch größer – sie verdienen im Schnitt 24 Prozent weniger als Männer. Bei Frauen mit türkischen oder arabischen Wurzeln steigt der Gap auf bis zu 30 Prozent.
 
Hinzu kommt der Gender Care Gap: Frauen leisten 52 Prozent mehr unbezahlte Sorgearbeit als Männer. Und der Gender Pension Gap? Er liegt bei über 40 Prozent – für Migrantinnen oft noch höher, weil sie häufiger in prekären Beschäftigungsverhältnissen arbeiten oder aufgrund von Care-Arbeit gar keine Rentenansprüche aufbauen können. Diese strukturelle Ungleichheit hat direkte Folgen: Altersarmut ist weiblich – und besonders häufig migrantisch.
 
Das ist keine individuelle Schwäche. Das ist strukturelle Benachteiligung.
Wenn wir intersektionale Gleichstellung untergraben, verlieren wir mehr als Fairness:
wir verlieren wirtschaftliche Resilienz. Wir verlieren Fachkräfte. Wir verlieren Innovationskraft! 
Genau jetzt, wo unsere Gesellschaft vor gewaltigen ökologischen, technischen und geopolitischen Transformationen steht. Künstliche Intelligenz verändert unsere Gesellschaft.

Und selbst neue Technologien können bestehende Ungleichheiten verstärken: Künstliche Intelligenz ist nicht neutral. Algorithmen lernen aus Daten, die historische Machtverhältnisse spiegeln. Wenn Führungskräfte überwiegend männlich sind, lernt das System: Führung ist männlich. Wenn Gesichtserkennung dunkle Haut schlechter erkennt, reproduziert sie rassistische Verzerrungen. Automatisierte Bewerbungsprogramme benachteiligen Frauen. Sprachmodelle reagieren auf weibliche Namen anders als auf männliche.
Frauen sind in der Entwicklung dieser Technologien unterrepräsentiert – und die Perspektiven, die in Code übersetzt werden, sind zu einseitig. Das ist der Punkt, an dem der Gender-Data-Gap greift: Systeme lernen aus Daten, die bestehende Ungleichheiten widerspiegeln, und verstärken sie so.

Das ist keine Technikfrage. Es geht um Macht. Wer digitale Räume nicht reguliert, wer Gleichstellung nicht strukturell denkt, schwächt Demokratie und Teilhabe.

Und damit kommen wir nach Frankfurt. Denn all diese globalen Entwicklungen materialisieren sich lokal. Sie betreffen Frauen hier. Frankfurt hat früh gehandelt: In den 1970er Jahren entstand in Frankfurt eine starke Frauenbewegung, aus der zahlreiche Initiativen hervorgingen: Selbsthilfegruppen, Beratungsstellen, Bildungsangebote – und Vereine die Schutzräume für gewaltbetroffene Frauen und Kinder etablierten. Diese Bewegung legte den Grundstein für die städtische Gleichstellungspolitik und zeigte, dass gesellschaftliches Engagement konkrete Veränderungen bewirken kann. 1978 wurde hier das erste Frauenhaus gegründet. 1987 wurde an der Goethe-Uni in Frankfurt der deutschlandweit erste Lehrstuhl für Frauenforschung besetzt. 1989 folgte die Einrichtung des Frauenreferats und des Frauendezernats, um Gleichstellung systematisch in der Stadt zu verankern – ein klares politisches Bekenntnis.
Durch diese Strukturen entstanden konkrete, greifbare Maßnahmen:
•    Es gibt Programme zur beruflichen Förderung von Frauen.
•    Es gibt eine vielfältige migrantische Trägerlandschaft.
•    Schutz- und Beratungsangebote für queere Jugendliche.
•    Netzwerke gegen häusliche Gewalt.
•    Kooperationen zwischen Stadt, Zivilgesellschaft, Justiz und Polizei, 
•    echte greifbare Maßnahmen zur Umsetzung der Istanbul Konvention. 
•    Veranstaltungen zu Equal Pay, zu Finanz-Kompetenz,
•    Sensibilisierungsarbeit und Empowerment. 

Diese Strukturen sind kein Luxus. Sie sind demokratische Infrastruktur. Sie sorgen dafür, 
dass Frauen sich erfolgreich selbstständig machen können und wir gemeinsam die gläserne Decke zerschlagen. Sie sorgen dafür, dass ein queerer Jugendlicher einen sicheren Ort findet;
dass eine Migrantin Zugang zu Beratung erhält; dass Gewalt nicht als Privatsache behandelt wird. Wenn diese Strukturen geschwächt werden, verliert die gesamte Stadt.


Internationaler Frauentag 2026 im Kaisersaal. Foto: Barbara Walzer


Wenn beispielsweise Integrationskurse seitens des Bundes gekürzt werden, verlieren wir nicht nur Sprachvermittlung .Wir verlieren Teilhabe. Wir verlieren Selbstständigkeit. Wir verlieren soziale Stabilität. Denn diese Kürzungen treffen Frauen, treffen Mütter mit Migrationsgeschichte besonders hart. Wenn queere Räume um ihren Fortbestand bangen müssen, dann verlieren wir nicht nur Angebote – wir verlieren Vertrauen in den sozialen Zusammenhalt dieser Stadt. 

Was verlieren wir also, wenn wir Gleichstellung untergraben?

Wir verlieren Sicherheit.
Wir verlieren wirtschaftliche Stärke.
Wir verlieren soziale Kohäsion.
Wir verlieren Demokratie.

Aber vor allem verlieren wir das Versprechen unseres Grundgesetzes.
Und dieses Versprechen gilt. Nicht relativiert. Nicht aufgeschoben. Nicht unter Haushaltsvorbehalt. Sondern jetzt.

Frankfurt hat gezeigt, dass Fortschritt möglich ist.
Deutschland kann zeigen, dass er verteidigt wird.
Europa muss zeigen, dass er nicht verhandelbar ist.
Denn Gleichstellung ist kein Projekt einer Generation.
Sie ist eine Daueraufgabe der Demokratie.

 

 

Erstellungsdatum: 17.03.2026