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Im vergangenen Jahr wäre der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch hundert Jahre alt geworden. In Mainz, Köln, München und auch in der Schweiz wurde er aus diesem Anlass eingehend gewürdigt, die niederrheinische Region Moers rief ein ganzes Gedenkjahr aus. Der Autor und Hüsch-Biograf Gerd Laudert schätzt den „philosophisch-literarischen Kabarettisten“ sehr und bescheinigt ihm, mit seinen acht Bände umfassenden „politischen, poetischen und undogmatisch-christlichen Texten ein Werk von erstaunlicher Aktualität hinterlassen“ zu haben.
Der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, der auch Liedermacher, Rundfunkmoderator, Autor und Schauspieler war, brachte als Vertreter eines dezidiert literarisch-philosophischen Kabaretts von 1947 bis 2000 mehr als siebzig Programme auf die Bühne. In diesen verband er Humor mit Gesellschaftskritik, Poesie, niederrheinischer Mentalität und mit einem undogmatischen christlichen Glauben.
Seine Kindheit am Niederrhein war überschattet von Schicksalsschlägen: eine angeborene Fußfehlstellung machte langwierige Behandlungen notwendig, die Mutter starb früh. Doch weckte und schärfte die Bewegungseinschränkung die kindliche Fantasie und den genauen Blick auf den von Hüsch zeitlebens als „typisch niederrheinisch“ erlebten Familienkosmos: der war kleinbürgerlich, etwas verschroben, aber immer warmherzig.
Nach Schulbesuch und Notabitur 1943 (der Kriegsdienst blieb ihm erspart) verschlug es Hüsch an die Universität nach Mainz, wo er kaum studierte, vielmehr seiner schon früh erwachten, durch einen Besuch des Düsseldorfer Kom(m)ödchen beflügelten und nun von studentischen Mitstreitern erneut befeuerten Kabarettbegeisterung nachgehen konnte. Schon bald trat er als ein ebenso skurril wie mutig agierender Chansonier auf: „Ich bin ja so unmuskulös“.
Nach Heirat und Familiengründung 1951 – Ehefrau Marianne wird als „Frieda“ Hüschs erste Kunstfigur –, nach Auftritten als Schauspieler der Mainzer Zimmerspiele und neben der zum Broterwerb begonnenen Rundfunkarbeit beim SWR gründet und leitet Hüsch ab 1956 das literarische Ensemble-Kabarett „arche nova“. Dabei ist er, erstmals explizit mit dem Tonspiel „Carmina Urana. Vier Gesänge gegen die Bombe“, auch ein politisch engagierter Künstler, ein bekennender Antifaschist und Pazifist, und er wird dies zeitlebens bleiben.
Ab 1962 tritt er vorwiegend als Solokabarettist mit eigenen Programmen auf, anfangs vor kleinem Publikum. Das Mainzer Unterhaus wird in den späten 1960ern zu seiner Hausbühne, die Philicorda-Orgel für Jahrzehnte zu seinem Markenzeichen. Der künstlerische Durchbruch gelingt Hüsch in den 1970er Jahren, nach einem von ihm fast traumatisch erlebten Eklat 1968 bei einem Songfestival auf Burg Waldeck im Hunsrück, wo er von linken Dogmatikern von der Bühne gebuht und (so seine Wahrnehmung) „ideologisch hingerichtet“ wurde.
Die auf das Waldeck-Trauma folgende künstlerische und menschliche Krise (Hüsch tritt in der BRD zunächst nicht mehr auf, lebt und arbeitet für längere Zeit mit einer neuen Partnerin in der Schweiz zusammen) leitet eine Neuorientierung ein: Neben vielfältigen beruflichen Aktivitäten (TV- und Rundfunkarbeit, langjährige Moderation des „Gesellschaftsabends“ im Saarländischen Rundfunk, Tourneen mit Kollegen, spezielle „Hagenbuch“- und Niederrhein-Programme) entwickelt und verwirklicht Hüsch in den 1970er und 80er Jahren mit sorgfältig inszenierten Programmen - „Enthauptungen“ (1970-72), „Das neue Programm“ (ab 1980), vor allem mit „Und sie bewegt mich doch“ (ab 1984) - sein unverwechselbar literarisches, philosophisches bzw. mit Hüschs eigenen Worten „existenzielles“ Kabarett: Die Abkehr von jeglicher Ideologie und Tagespolitik verstärkt sich noch, Aktualität besitzt für ihn einzig der Mensch. Hüsch steht für Toleranz und Menschenliebe; er bringt sein Publikum zum Lachen und zum Nachdenken, indem er Kleinbürger- und Spießertum entlarvt und durch Übertreibung karikiert, ohne Menschen bloßzustellen.

Für den „Poeten unter den Kabarettisten“ zählt weniger das Argument als vielmehr die Bewegung, die emotionale Erschütterung, die Poesie auslösen kann. Hüsch will nicht (politisch) erziehen, sondern durch genaue Alltagsbeobachtung das Politische im Privaten sichtbar machen. Und er bekennt sich zu einer in Künstlerkreisen umstrittenen Forderung: Kunst muss (auch) helfen
Hüschs literarische Vorbilder sind neben Barock-Lyrikern wie Andreas Gryphius und Johann Christian Günther u.a. Gotthold Ephraim Lessing und Heinrich Heine, sind Frühexpressionisten wie Ernst Toller und Klabund, Autoren wie Kurt Tucholsky, Bertolt Brecht und Gottfried Benn; Hüschs skurrile „Hagenbuch-Texte“ sind von Thomas Bernhard beeinflusst.
Nach dem frühen Tod Mariannes 1985 und - wenig später - nach einem ihn tief bewegenden Erlebnis auf dem Ev. Kirchentag verlässt Hüsch seine langjährige Wahlheimat Mainz. In Köln lernt er seine zweite Ehefrau kennen, verfasst seine Autobiografie („Du kommst auch drin vor. Gedankengänge eines fahrenden Poeten“) und einen weiteren Bestseller mit auf eine sehr undogmatische Weise religiös-christlichen Texten. Auch auf der Bühne lässt er, zur Verwunderung vieler Kollegen, zunehmend mehr christliche, dabei durchaus auch kirchenkritische Texte einfließen („Gott ist aus der Kirche ausgetreten“), ohne jemals seine politischen Grundüberzeugungen aufzugeben, so in „Das Phänomen“, einer Warnung vor dem sich schon früh und unerkannt entwickelnden Faschismus.
Hüschs Bühnenauftritte nehmen in den 1990er Jahren verstärkt den Charakter von Lesungen an; die legendäre Orgel verstummt auf der Bühne mehr und mehr.

Seine Abschiedstournee 1999/2000 nach einer schweren, nicht vollständig überwundenen Krebserkrankung zeigt noch einmal die große Wertschätzung, die Hüsch genießt: In der Szene gilt er als unbestrittener Altmeister des literarischen Kabaretts; am Niederrhein besitzt der einst als Nestbeschmutzer beargwöhnte Hüsch heute Kultstatus. Innerhalb der evangelischen Kirche wird er gar als „eine prägende Gestalt des Protestantismus in Deutschland nach 1945“ gewürdigt; manche sagen: vereinnahmt.
Man wird für Hüsch schwerlich einen Nachfolger finden, dafür war er zu produktiv, zu vielseitig und künstlerisch singulär. Zwar wirkt der Mann an der Orgel heute wie aus der Zeit gefallen. Doch wird Hüsch in der Kabarett- und Liedermacher-Szene zu Recht hochgeschätzt, für viele war er Mentor und Vorbild: Als Kollegen und zeitweise Bühnenpartner schätzten ihn Dieter Hildebrandt, Dieter Süverkrüp, Christoph Stählin, Hannes Wader und Reinhard Mey. Mentor und Vorbild war er u.a. für Helmut Ruge und Konstantin Wecker. Franz Hohler und Wendelin Haverkamp gehörten ebenso wie der Grafiker Jürgen Pankarz zu seinen engeren Freunden und Weggefährten. Künstlerisch beeinflusst wurden von Hüsch u.a. Jürgen Becker, Erwin Grosche, Dieter Nuhr, Lars Reichow und Mathias Richling, ebenso jüngere Kollegen wie Matthias Brodowy und Kai Magnus Sting.
Dem dienstältesten Nachkriegskabarettisten hat man in Mainz nahe Unterhaus und Kabarettarchiv einen „Stern der Satire“ gewidmet, in Moers eine lebensgroße Bronzeskulptur und ein Ehrengrab. Als ebenso beständig und nachhaltig könnten sich acht voluminöse - zwischen 2015 und 2018 erschienene Bände - der Edition diá erweisen: Hanns Dieter Hüsch, das literarische Werk.
Helmut Lotz (Hrsg.), Hanns Dieter Hüsch. Das literarische Werk, 8 Bände 2015-2018
Malte Leyhausen (Hrsg.), Hanns Dieter Hüsch zum 100. Geburtstag. Erinnerungen von Freunden und Bewunderern, 2025
Gerd Laudert, Der fahrende Poet. Hanns Dieter Hüsch (1925-2005), 2022
Gerd Laudert, Artikel über Hanns Dieter Hüsch im biografischen Lexikon Neue Deutsche Biografie Online 2026: https://www.deutsche-biographie.de/118953869.html#dbocontent
Erstellungsdatum: 02.03.2026