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Goethe und der französische Bildhauer Pierre Jean David d’Angers Frankfurt am Main

Großartig / Kurios / International


Pierre Jean David d'Angers, Goethe-Büste (nach dem Tonmodell von 1829), 1977, Gipsabguss Freies Deutsches Hochstift / Frankfurter Goethe-Museum, Foto: David Hall

Pierre Jean David d’Angers (1788 – 1856) besuchte vom 21. August bis zum 9. September 1829 Weimar, um Johann Wolfgang von Goethe zu bitten, eine Kolossalbüste von ihm ausführen zu dürfen. Ihre Gespräche über Literatur und Kunst sowie deren Entwicklung in Frankreich überzeugten den Dichter und Staatsmann.

 

Goethe saß dem Bildhauer in mehrere Sitzungen Model und berichtete Adele Schopenhauer in einem Brief über die Entstehung: „Ich sehe eine ungeheure Masse Thon […] aufgethürmt und, zu meiner nicht geringen Verwunderung, mein Bildniß in colossalen Verhältnissen heraussteigen. Glücklicherweise gelingt es ihm […] dem Werke natürliches Ansehen zu geben“. Laut Eckermann kommentierte Goethe das fertige Tonmodel 1829 bei einem Treffen mit der Großherzogin Maria Pawlowna und seinem Kunstagenten Johann Heinrich Meyer nach genauer Betrachtung mit „Kurios! Kurios!“. Das Modell wurde nach Frankreich geschickt, um es in Marmor zu übertragen. Goethe war unsicher und bat daher im April 1830 die in Paris lebende Gräfin Chassepot, sich im Atelier David d’Angers ein Urteil zu bilden. Sie sah die Büste erst in der öffentlichen Ausstellung in Paris und schrieb Goethe Ende Mai 1831: „Die Ähnlichkeit ist sehr groß; ich habe in dieser Abbildung die schönen, edlen Züge meines unvergesslichen Freundes wiedergefunden.” Die Marmorbüste wurde am 28. August 1831 zu Goethes 82. Geburtstagsfeier öffentlich mit Chorgesang in der Großherzoglichen Bibliothek enthüllt – Goethe war selbst nicht anwesend. Der Oberbibliothekar Friedrich Riemer hielt die Rede und beschloss: „Lassen Sie uns nun zur Betrachtung des Kunstwerks selbst übergehen, das an überraschender Neuheit, eigenthümlicher Grossartigkeit […] nicht leicht etwas Aehnliches antreffen möchte.“ 1831 bekräftigte Goethe in einem Dankesbrief an David d’Angers den internationalen Freundschaftsbund, indem er die Büste programmatisch „ein Zeugnis des Wohlwollens eines unmittelbaren Geistesverwandten, als ein Beweis der Auflösung strenger Nationalgränzen“ nannte. Die Kolossalbüste sorgte über Weimar hinaus für viel Gesprächsstoff. 1832 analysierte Johann Heinrich Meyer die Marmorfassung kunsthistorisch in der kunstkritischen und kulturpolitischen Zeitschrift ‚Ueber Kunst und Alterthum‘ und betonte Unterschiede im nationalen Geschmack. Er war der Ansicht, „daß alle auf gewöhnlich deutsche Weise Gebildeten, sich schwerlich ganz mit dem Werk [...] befreunden können“. Bis heute prägt die Büste David d’Angers das Goethe-Bild in Frankreich maßgeblich. 2015 gelangte aus dem Nachlass des amerikanischen Literaturwissenschaftlers und Goethe-Forschers Peter Boerner (1926 – 2015) ein Konvolut von 20 Kunstwerken in den Besitz der Kunstsammlungen, darunter ein Abguss der Goethe-Büste von David d’Angers. Boerner war dem Freien Deutschen Hochstift und seinem früheren Direktor Ernst Beutler (1885 – 1960) freundschaftlich eng verbunden. Die von Lisa von der Höh kuratierte Studioausstellung erzählt von der Entstehung der monumentalen Goethe-Büste David d’Angers, ihrer internationalen Wirkung und Rezeption mit all ihren Kuriositäten.

Durch Porträtmedaillons von David d’Angers aus Goethes Besitz, Briefen, Graphiken und Gemälden wird die gegenseitige Wertschätzung und internationale Freundschaft während Goethes letzten Lebensjahren dargelegt. Goethe erkannte eine Geistesverwandtschaft mit dem französischen Bildhauer David d’Angers in ihrem gemeinsamen Verständnis von Kunst als Mittel der Verständigung. Trotz ihrer Unterschiede sollten sich Menschen über nationale Grenzen hinweg freundschaftlich begegnen und ihre Verschiedenheit anerkennen. Durch die ausgestellten Exponate zeigt sich, wie die unterschiedlichsten Personenkonstellationen ineinandergreifen und die Schönen Künste interdisziplinär gleichberechtigt wirken, ganz zum Beweis der von Goethe bekräftigten Auflösung strenger Nationalgrenzen.

Die Ausstellung ist Peter Boerner zu seinem 100. Geburtstag gewidmet.

Anlässlich zur Ausstellungeröffnung wird am Donnerstag, 12. März, 19 Uhr, die Ausstellungskuratorin Lisa von der Höh in der Reihe ‚Verweile doch!‘ die Ausstellung vorstellen.

 

 

 

Deutsches Romantik-Museum

Großer Hirschgraben 23-25
60311 Frankfurt am Main

12.03. – 14.05.2026

Erstellungsdatum: 02.03.2026