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„Es gibt mehr Ding im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumt“. Das galt dem Horatio, nicht der Elisabeth Lenk, die mit den Erfahrungen bei den französischen Surrealisten sich genau dem widmete, was eine Gesellschaft über alles Messbare am Leben hält: die Phantasie, die ins Mögliche spielt. Nun sind die Essays der Philosophin, Literaturwissenschaftlerin und Soziologin in einem Buch erschienen, das Andreas Honneth vorstellt.
Für die Kritischen Schriften von Elisabeth Lenk, die nun bei Matthes & Seitz erschienen sind, hat Rita Bischof, die langjährige Mitarbeiterin und Lebensgefährtin Lenks, sehr verantwortungsvoll und unter Rückstellung eigener Projekte, die diversen, seit 1986, dem Jahr der Publikation von Lenks Essayband Kritische Phantasie, erschienenen Veröffentlichungen gesammelt und in einem Vorwort deren innere Verbindung zum Gesamtwerk Lenks skizziert, indem sie die Themen akzentuiert, dank derer Lenks so heterogene, wie radikal vom Gewohnten dissonierende Essays miteinander kommunizieren. Bischof ist dazu insofern be-rufen, als ihr Interesse für George Bataille und den Surrealismus es war, das sie mit Lenk zusammengebracht hatte.
„Adornos geniale Schülerin“ (Jörg Später) hatte nach dessen Tod, ihrem Aufenthalt in Paris als Mitglied der Surrealisten und dem Abklingen der Revolte von ‘68 mit einer Arbeit über Bretons poetischen Materialismus promoviert, die 1971 bei Rogner & Bernhard mit dem Titel Der springende Narziss erschienen war; ein Titel, dessen dialektisches Denkbild in nuce das enthält, was sich nun im nachhinein als ihr ästhetisches Programm erweist, besagt es doch nichts weniger, als dass jener Narziss – in Lenks eigenwilliger, darin aber gegenüber dem Klischee vom selbstverliebten Narzissten gerade richtigstellender Interpretation des Mythos – er selbst nur dadurch bleiben kann, also im tragischen Augenblick der Selbsterkenntnis des Spiegelbilds im Wasser, „ich bin es ja“, gerade nicht aus Trauer sterben muss, weil er vom erkannten Selbstbild jäh sich abwendet, um der Fixierung auf Identität zu entgehen. Stattdessen sucht er durch seinen Sprung weiterhin das Eigene im Andern zu finden, die Kluft zwischen der Selbstreflexion theoretischer Anschauung und der ästhetischen Praxis zu überbrücken, so wie es dem Künstler André Breton gelungen war, durch seine Manifeste des Surrealismus zur ästhetisch-gesellschaftlichen Orientierung der Gruppe zwischen Kunst und Politik eine Verbindung herzustellen. Genial und singulär an Elisabeth Lenk ist, dass und wie es ihrer widerständigen Subjektivität gelungen ist, sowohl als Mensch wie mit ihrem Werk, diese Zusammengehörigkeit, Interaktion und -dependenz, von Theorie und Praxis zu verkörpern, denn sie hatte erkannt, dass der Surrealismus exakt jene Praxis ist, deren die Kritische Theorie bedarf, wie diese genau jene Theorie ist, auf die surrealistische Praxis ausgerichtet ist: Zusammen intervenieren beide für eine grundlegende individuelle wie gesellschaftliche Transformation hin zu einer humanen Gesellschaft.

Die intensive Faszination und Präsenz von Lenks Texten geht aus vom Charme ihrer riskierten Gesten, von der Schönheit ihrer actes gratuits, vom Witz ihrer Pointen und den verblüffenden Twists ihrer argumentativ-entwaffnenden Schocks, Grundgewissheiten als Grundirrtümer zu entlarven, immer aus Solidarität mit den Positionen des Minoritären, Ausgeschlossenen und Randständigen. Bischof weist nach, wie Lenk mit ihrem Hauptwerk Die unbewusste Gesellschaft ausgehend von Adornos Vernunftkritik in der Dialektik der Aufklärung eine Geschichte der Subjektivität entwirft, die keineswegs eine Apologie des Irrationalen darstellt, sondern die bislang ungeschriebene Geschichte des Anderen der Vernunft rekonstruiert, des Nicht-Identisch-Heterogenen, welches die Opfer und Irrtümer des vermeintlichen Fortschritts der Geschichte zu erleiden hat. Dies vom Bewußtsein ausgeschlossene Nicht-Rational-Unbewusste, wie es seinen autonomen Ausdruck in Literatur und Kunst der Moderne findet, erhält bei Lenk eine eigene, je individuelle Form, die Verschiedenheitsform als der „Utopie eines anderen Verhältnisses zwischen Allgemeinem und Besonderem als der Unterordnung“. Damit beginnt es zugleich, im Medium des Ästhetischen sich zu der ihm eigenen Zeit auszudehnen, die sich ausserhalb der chronologisch-linearen Zeit befindet. Lenk nennt sie die Achronie. Sie ist die Sphäre von Traum und Phantasie, das simultane Miteinander des Verschiedenen in der vierdimensionalen Raumzeit. Bei jeder Lektüre können wir in sie eintauchen dank der Kluft zwischen Wahrnehmung und Vorstellung, die sich im Zwischenraum der Sprache, in der Bipolarität zwischen Sinn und Bild, öffnet. Damit können auch wir zeitweise das rational handelnde und kalkulierende Ich hinter uns lassen und an der träumenden Subjektivität partizipieren. Während wir gesellschaftlich unsere Ohnmacht dadurch erfahren, dass „das einzelne Individuum nur noch als Datenlieferant für die Entwicklung von Algorithmen interessant (ist)“ (Bischof), erweist Lenk sich mit ihrer Literatursoziologie auch darin als utopische Vordenkerin, daß sie an einer Zukunft des Individuums festhält, indem sie vom Ästhetischen eine psychologische Revolution erwartet, die Gefühl und Sinnlichkeit von einer autokratischen Vernunft befreit und sie zu ihrer eigenen ästhetischen Kritik befähigt.
Wie den Soziologen Georg Simmel, an den sie anknüpft, liest Lenk auch seinen Schüler Adorno als zugleich immer auch politisch engagierte Schriftsteller, deren mikrologischer Blick die Gesellschaft ausgehend vom Kleinen und Unscheinbaren kritisiert. Mit der Verschiedenheitsform als dem Paradox eines „individuellen Gesetzes“, das die modernen Kunstwerke konstituiert und im Essay seine philosophische Form findet, die sich umwertend statt dem Allgemeinen und Zeitlosen dem Einzelnen und Augenblicklichen zuwendet, zeigt Lenk, dass die Kritische Theorie immer zugleich auch Ästhetische Theorie sein muss. In ihren so ungebundenen wie sinnlich das Selbstdenken animierenden Essays entwirft Lenk sie hochaktuell als eine Ethik des Ästhetischen.

Elisabeth Lenk, Rita Bischof (Hrsg.)
Kritische Schriften
Essays
718 S., geb.
ISBN: 978-3-7518-5254-89783751852548
Matthes & Seitz, Berlin 2026
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Erstellungsdatum: 04.04.2026