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Detlef zum Winkel über konkrete Phänomene der Faschisierung

Es sieht ganz so aus, soll es aber nicht sein. Die Analogie ist unter Soziologen eine Fata Morgana, wohingegen Begriffe, Symbole und Allegorien Hilfsmittel sind, um einen Sachverhalt zusammenzufassen, ihn in Bilder und Gleichnisse der – so paradox das klingt – abstrakten Anschaulichkeit zu übersetzen. Ob diese Ersetzung zu Erkenntnisgewinnen führt oder nur der gliedernden Ordnungskategorie zur Vermeidung von Redundanzen dient, ist noch nicht abschließend erforscht. Es geht um den Begriff des Faschismus und den Prozess der Faschisierung, dessen Nennung Detlef zum Winkel bedroht sieht.
Max, Mischa und Mordecai warten immer noch darauf, zu Ende gelesen zu werden. So habe ich das Buch von Johan Harstad(1) ein weiteres Mal zur Ferienlektüre erkoren. Da die Unterbrechung lange gedauert hat, muss ich erst wieder hineinfinden. Ich gehe zu Kapiteln zurück, die ich bereits kenne, besser gesagt kannte, und will mich bis an die Stelle vorarbeiten, wo ich vor einem Jahr aufgehört habe – doch halt. Da ist etwas, was mir beim zweiten Lesen ins Auge fällt. Max und Mordecai nehmen an einer Schultheater-Aufführung teil. Unter der Regie des Lehrers Wohlman studieren sie Die Nashörner von Ionesco ein. Wohlman erläutert den Jugendlichen das Stück, das zum absurden Theater gerechnet wird, obwohl sein Thema, wie der Lehrer sagt, alles andere als absurd sei. Es handele nämlich vom Vormarsch des Faschismus und insbesondere von seiner Erfolgsgeschichte. Auf der Bühne beginnt alles scheinbar harmlos, ein Bürger verwandelt sich in ein Nashorn, dann machen andere die Transmutation mit und allmählich wollen alle dazugehören. Nashorn sein ist schön, mitmachen tut gut, der Konformitätszwang wirkt, man braucht die Gemeinschaft.
Der politische Begriff für diesen Prozess lautet: Faschisierung. Das ist wieder ziemlich aktuell, sodass sich neben vielen anderen auch der Hamburger Mäzen Jan Philipp Reemtsma dazu geäußert hat(2). Die Verwendung dieses Begriffs, lautet seine Kritik, bringe keinen Erkenntnisgewinn, er diene nur dazu, Geborgenheit und Selbstbestätigung unter überzeugten Antifaschisten zu stiften. Statt in agitatorischer Absicht historische Analogien zu konstruieren, solle man sich lieber mit den konkreten Phänomenen auseinandersetzen, mit denen wir heute konfrontiert sind.
Versuchen wir eine Übertragung dieser Kritik in die Ionesco-Sphäre. Theatralisch gesehen müsste Reemtsma die Darstellung von Nashörnern in Die Nashörner problematisieren. Er wäre um Aufklärung bemüht, dass die Zeit der Nashörner vorbei sei, hingegen eine Zeit der Wölfe oder Hyänen oder Piranhas anbreche. Oder von Robotern. Zwangsläufig und ein bisschen auch zwanghaft würde Reemtsma bei einer Aufführung immer wieder anklingen lassen, dass Wölfe, Hyänen usw. schlimm sind, aber eben keine Nashörner.
Ionesco hingegen war die Wahl der Tierart wahrscheinlich ziemlich egal. Vielleicht entschied er sich für Nashörner, um in die Kategorie des absurden Theaters, das damals in Paris angesagt war, aufgenommen zu werden. Die als jähzornig geltenden Dickhäuter entsprechen nun einmal gar nicht den gängigen ästhetischen Vorstellungen, und doch sollen sie eine ansteckende Attraktivität verkörpern. Mit diesem Widersinn wollte er das Publikum konfrontieren.

Stellen wir uns vor, eine Theaterregisseurin (oder ein männlicher Kollege) plant, Die Nashörner zu spielen. Nun hat sie Reemtsmas Text gelesen und ist beunruhigt, weil sie nicht in das Fahrwasser der von ihm kritisierten Vereinfacher geraten will. Wenn man doch nur Ionesco(3) selber fragen könnte! Vielleicht würde er die nervöse Regie besänftigen: Nimm halt Hyänen, mach einen Suche-/Tausche-Befehl im Text und ersetze jedes Nashorn durch eine Hyäne. Nichts einfacher als das. Konzentriere dich darauf, dem Publikum zu zeigen, wie Menschen Gefallen daran finden, zu Monstern zu werden und verschwende keine Zeit auf die Kostümierung der Monster.
Das könnte Ionesco raten, weil er sich deswegen nicht in die Hose macht, aber vielleicht wäre er auch stur, wie es Künstler manchmal sind: Nein, bei mir handelt es sich um Nashörner und wenn du was Anderes willst, musst du selber ein Stück schreiben. Basta.
Auch Harstads Wohlman, der seiner Theater-AG das Stück so schlüssig erklärt, dass selbst der äußere Betrachter staunend innehält, hat sich mit der Frage beschäftigt. Er entschied, bei der Aufführung Gasmasken tragen zu lassen, ein deutlicher Hinweis auf den damals geführten Vietnamkrieg, bei dem die US-Luftwaffe das Giftgas agent orange einsetzte. Wohlman könnte demnach argumentieren, dass Theatermacher sehr wohl die Freiheit besäßen, graue Wölfe, schwarze Soldaten oder gelbe Waschmaschinen (Mischas Lieblingsobjekt) auftreten zu lassen, weil das Publikum sowieso immer an Nashörner denkt. Wie übrigens auch Reemtsma in seinem angestrengten Bemühen, das Großwild zu dementieren.
Denn die Nashörner sind nun mal die Referenz, auf die sich jede Aktualisierung, jede Variation und jede Regie von Ionescos Stück bezieht. Mit dieser Antwort wäre die Kuh vom Eis, oder?
Oder sie kommt erst richtig ins Rutschen. Der Fehler liegt darin, Antworten bei Regisseuren, Schauspielern oder Kritikern zu suchen, ohne die darzustellenden Figuren zu befragen. Denn die haben ja ihre eigene Existenz, Ionesco hat sie nicht erfunden, sondern bloß versucht, sie zu bebildern. Wie also, wenn die Leute partout keine Wölfe, Hyänen, Roboter sein wollen? Wenn sie Juweliergeschäfte zertrampeln und Synagogen abfackeln wollen, und das Ganze soll an keinem anderen Tag als dem 9. November(4) losgehen. Von wegen Gasmaske, sie wollen Hörner!
Die dänisch-deutsche Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen hat dieses eigentümliche Beharren der Akteure auf einer Fortsetzung oder einem Comeback des Alten als Wiederholungszwang bezeichnet und dazu viele kluge Überlegungen angestellt. Das ist ein Punkt, den ich Reemtsma übelnehme. Dass er diesen Drang komplett ausblendet. Hat er nicht – wie jeder Intellektuelle, der etwas auf sich hält – diese Frau bewundert, gerühmt und sich in ihrer Nähe gesonnt(5)? Und was hat er davon behalten?
Danke.
(1)Max, Mischa & die Tet-Offensive, übersetzt von Ursel Allenstein, Rowohlt, Hamburg 2019, 1242 Seiten
(2)Ist das Faschismus? Warum fragt man so?, FAZ vom 6.5.2026
(3)Eugène Ionesco, 1909 - 1994
(4)siehe Die Turner Tagebücher, https://de.wikipedia.org/wiki/The_Turner_Diaries, ein Bestseller unter Rechtsextremisten nicht nur in den USA. Der Wiener Schriftsteller Ilija Trojanow wies darauf hin, Die Turner Diaries als Vorlage für den Sturm aufs Kapitol, FAZ, 16.1.2021
(5)Reemtsma berief Mitscherlich-Nielsen 1984 in den ersten Beirat des Hamburger Instituts für Sozialforschung
Erstellungsdatum: 29.08.2026