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Detlef zum Winkel über konkrete Phänomene der Faschisierung

Harstad, Reemtsma und die Nashörner

Detlef zum Winkel


Holzschnitt des Nashorns von Lissabon, Form und Natur und Gewohnheiten des Nashorns (Flugschrift, Illustration), Rom, 1515. Colombina-Bibliothek, Sevilla. wikimedia commons

Es sieht ganz so aus, soll es aber nicht sein. Die Analogie ist unter Soziologen eine Fata Morgana, wohingegen Begriffe, Symbole und Allegorien Hilfsmittel sind, um einen Sachverhalt zusammenzufassen, ihn in Bilder und Gleichnisse der – so paradox das klingt – abstrakten Anschaulichkeit zu übersetzen. Ob diese Ersetzung zu Erkenntnisgewinnen führt oder nur der gliedernden Ordnungskategorie zur Vermeidung von Redundanzen dient, ist noch nicht abschließend erforscht. Es geht um den Begriff des Faschismus und den Prozess der Faschisierung, dessen Nennung Detlef zum Winkel bedroht sieht.

 

Max, Mischa und Mordecai warten immer noch darauf, zu Ende gelesen zu werden. So habe ich das Buch von Johan Harstad(1) ein weiteres Mal zur Ferienlektüre erkoren. Da die Unterbrechung lange gedauert hat, muss ich erst wieder hineinfinden. Ich gehe zu Kapiteln zurück, die ich bereits kenne, besser gesagt kannte, und will mich bis an die Stelle vorarbeiten, wo ich vor einem Jahr aufgehört habe – doch halt. Da ist etwas, was mir beim zweiten Lesen ins Auge fällt. Max und Mordecai nehmen an einer Schultheater-Aufführung teil. Unter der Regie des Lehrers Wohlman studieren sie Die Nashörner von Ionesco ein. Wohlman erläutert den Jugendlichen das Stück, das zum absurden Theater gerechnet wird, obwohl sein Thema, wie der Lehrer sagt, alles andere als absurd sei. Es handele nämlich vom Vormarsch des Faschismus und insbesondere von seiner Erfolgsgeschichte. Auf der Bühne beginnt alles scheinbar harmlos, ein Bürger verwandelt sich in ein Nashorn, dann machen andere die Transmutation mit und allmählich wollen alle dazugehören. Nashorn sein ist schön, mitmachen tut gut, der Konformitätszwang wirkt, man braucht die Gemeinschaft.

Der politische Begriff für diesen Prozess lautet: Faschisierung. Das ist wieder ziemlich aktuell, sodass sich neben vielen anderen auch der Hamburger Mäzen Jan Philipp Reemtsma dazu geäußert hat(2). Die Verwendung dieses Begriffs, lautet seine Kritik, bringe keinen Erkenntnisgewinn, er diene nur dazu, Geborgenheit und Selbstbestätigung unter überzeugten Antifaschisten zu stiften. Statt in agitatorischer Absicht historische Analogien zu konstruieren, solle man sich lieber mit den konkreten Phänomenen auseinandersetzen, mit denen wir heute konfrontiert sind.

Versuchen wir eine Übertragung dieser Kritik in die Ionesco-Sphäre. Theatralisch gesehen müsste Reemtsma die Darstellung von Nashörnern in Die Nashörner problematisieren. Er wäre um Aufklärung bemüht, dass die Zeit der Nashörner vorbei sei, hingegen eine Zeit der Wölfe oder Hyänen oder Piranhas anbreche. Oder von Robotern. Zwangsläufig und ein bisschen auch zwanghaft würde Reemtsma bei einer Aufführung immer wieder anklingen lassen, dass Wölfe, Hyänen usw. schlimm sind, aber eben keine Nashörner.

Ionesco hingegen war die Wahl der Tierart wahrscheinlich ziemlich egal. Vielleicht entschied er sich für Nashörner, um in die Kategorie des absurden Theaters, das damals in Paris angesagt war, aufgenommen zu werden. Die als jähzornig geltenden Dickhäuter entsprechen nun einmal gar nicht den gängigen ästhetischen Vorstellungen, und doch sollen sie eine ansteckende Attraktivität verkörpern. Mit diesem Widersinn wollte er das Publikum konfrontieren.

Erstellungsdatum: 29.08.2026