MenuMENU

zurück

Stefan Fricke über die Anfänge der Internationalen Ferienkurse für Neue Musik Darmstadt (I)

Hin zur Neuen Musik

Stefan Fricke


Plakat Stadtarchiv Darmstadt

Vor 80 Jahren nahmen die Ferienkurse für Neue Musik ihren Anfang. Ursprünglich richtete der Kulturjournalist Wolfgang Steinecke auf der Mathildenhöhe Unterkünfte für bildende Künstler ein, doch als noch Schlafplätze übrig waren, vergab er die an „Musiker“. Die treibende Kraft der entstehenden Ferienkurse war neben Steinecke der spätere Opernintendant Rolf Liebermann, der darauf drängte, die ins Exil vertriebenen Komponisten der Neuen Musik als Lehrer nach Darmstadt einzuladen. Stefan Fricke erzählt in seinem Vortrag die Geschichte. Hier ist der erste Teil.

 

Memento Heinz-Klaus Metzger (1932–2009)

 

Der hier wiedergegebene Vortrag, gehalten am 29. Oktober 2009 in der Orangerie Darmstadt anlässlich des Jahrestreffens der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, wurde flankiert von mehreren Klavierkompositionen, die der Pianist Steffen Schleiermacher (Leipzig) aufführte, darunter Anton Webern: „Variationen“ op. 27 (1935/36), 1. Satz – Hans Ulrich Engelmann: „Klaviersuite I“ (1948/50), 2. Satz – Ernst Křenek: „Fünf Klavierstücke“ op. 39 Nr. 5 (1925) – Pierre Boulez: „Notations“ Nr. 4 – Olivier Messiaen: „Cantéyodjayâ“ (1949) – Karlheinz Stockhausen: „Klavierstück I“ (1952/53) – John Cage: „Music for Piano 21“ (1955) – Franco Evangelisti: „Proiezioni sonore, ‚strutture‘“ (1955/56 bis 1979) – Bernd Alois Zimmermann: „Exerzitien“ (1951), 2. Satz: „Hora“. Zu Beginn spielte Schleiermacher Arnold Schönbergs Klavierstück op. 33a.

 

Arnold Schönbergs Klavierstück op. 33a, komponiert zwischen Dezember 1928 und April 1929, uraufgeführt von der Pianistin Else C. Kraus am 30. Januar 1930 in Berlin, erklang zusammen mit dem Klavierstück op. 33b wohl zum ersten Mal in Darmstadt am 22. August 1954, während der 9. Ausgabe der Internationalen Ferienkurse, gespielt von Eduard Steuermann. Schönberg, Ende der 1920er Jahre auf der Suche nach einer zwölftönigen Sonate, die auch Parallelen zur klassischen Sonate erkennen lassen sollte, schrieb 1950 an den Musikschriftsteller Josef Rufer: „Es wird nicht oft passieren, dass man als ersten Einfall gleich eine vollkommene und verwandlungsfähige Reihe erhält. Ein bisschen Nacharbeiten ist wohl meistens erforderlich. Aber der Charakter des Stückes ist bereits in der ersten Form der Reihe vorhanden. Dieses Nacharbeiten beruht hauptsächlich auf konstruktiven Erwägungen.“(1)


Gruppe im Freien mit Peter Stadlen, Margot Hinnenberg-Lefèbre, Hans Heinz Stuckenschmidt, Hilde Stuckenschmidt, Josef Rufer, Heinrich Strobel, Rolf Liebermann, Wolfgang Steinecke stehend, Hella Steinecke und Ferdinand Leitner Signatur: IMD-B3001433. Datum: 1951

 

Integriert in die ersten Jahrgänge der Ferienkurse waren auch die „Internationalen Zeitgenössischen Musiktage Darmstadt“. Dieses Festival im Festival dauerte im Regelfall eine Woche und beschloss die eigentlichen Kurse. Aber auch dieser reinen Musikwoche lag von Anfang an ein Konzept zugrunde, das die dargebotene Musik programmatisch mit Vorträgen und Einführungen verband. Der heute virulente Vermittlungsgedanke Neuer Musik griff zumindest in Darmstadt schon gegen Ende der 1940er Jahre. Wolfgang Steinecke schreibt im Programmheft der Musiktage 1947: „[Das] fortschrittsfreudig-urbane Klima der geistigen Landschaft Darmstadts bildet auch die wesentliche Voraussetzung zu einer Einrichtung, wie sie die ‚Ferienkurse für internationale neue Musik‘ ist, mit ihrem betonten Einsatz für Gegenwartsaufgeschlossenheit und Weltoffenheit darstellen. Durch die Verbindung mit dem Pädagogischen gehen die Darmstädter Musiktage bewusst einen Schritt weiter als die vielerorts stattfindenden zeitgenössischen Musikfeste. Sie nehmen die neue Musik nicht zum Anlass kultureller Repräsentation, sie wollen nicht nur ein mehr oder weniger zufällig zusammenkommendes Musikfestpublikum über den Stand des Gegenwartsschaffens informieren, sondern sie wollen vor allem dem künstlerischen Nachwuchs, der Jugend, welcher weite Gebiete des musikalischen Gegenwartsschaffens bisher verschlossen waren, zu einer fruchtbaren Auseinandersetzung mit den Problemen der neuen Musik anregen. Denn nur wenn der künstlich abgedrosselte Kontakt mit den wesentlichen schöpferischen Kräften der Zeit wieder hergestellt wird, kann dem deutschen Musikleben seine Stellung in der Welt gesichert werden.“(5)

Erstellungsdatum: 12.09.2026