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Eran Rolnik über den Umgang mit dem Dokumentarfilm „NAZA“ von Rachel Szor und Yuval Abraham

Der Dokumentarfilm „NAZA“ schlägt derzeit riesige Wellen. Bei den Filmfestspielen von Venedig mit anhaltendem Applaus und dem Spezialpreis der Jury bedacht, kündigt die israelische Regierung drastische Maßnahmen an. Ohne die Doku gesehen zu haben, enthüllt sie für Eran Rolnik kein Geheimnis, sondern fasst eine „längst bekannte Wahrheit in Worte und Bilder“. Die Angriffe auf Yuval Abraham und Rachel Szor zeigten „wie eine Gesellschaft sich gegen das Wissen darüber wehrt, was in ihrem Namen geschieht“. Dies werde „als einer der Tiefpunkte unserer politischen Kultur in Erinnerung bleiben“, ist er sich gewiss.
„NAZA“, der Dokumentarfilm von Rachel Szor und Yuval Abraham, in dem 24 anonymisierte Offiziere der israelischen Aufklärungseinheit 8200 über die algorithmische Erzeugung von Angriffszielen in Gaza aussagen, wurde in Venedig mit dem Spezialpreis der Jury ausgezeichnet. In Israel forderten Minister daraufhin, den Filmemachern die Staatsbürgerschaft zu entziehen – bevor irgendjemand ihn gesehen hatte.
Wir werden nie genau wissen, wie viele anständige Menschen und wie viele Antisemiten bei den Filmfestspielen von Venedig standen und Rachel Szor und Yuval Abraham applaudierten. Es ist auch zu früh, um zu entscheiden, ob „NAZA“ ein großes dokumentarisches Werk ist. Eines aber steht bereits fest: Die Reaktion auf diesen Film in Israel wird als einer der Tiefpunkte unserer politischen Kultur in Erinnerung bleiben.
Fast alle, die sich eilig äußerten, begannen mit derselben Formel: „Ich habe den Film nicht gesehen, aber …“ Dem Anschein nach ist das ein ehrliches Eingeständnis einer Grenze. Tatsächlich klingt es, wenn es sich immer wieder wiederholt, wie die Bitte um Befreiung von der Grundbedingung jeder Kritik: der Bereitschaft, sich dem auszusetzen, wovon man spricht. Reden, ohne zu sehen. Wissen, ohne zu wissen.
Die Filmemacher waren bereit, sich einem furchtbaren Wissen auszusetzen. Auch die Interviewten, die über ihre Mitwirkung an dem israelischen System zur Zielerfassung namens „Lavender“ aussagten, setzten sich der Erfahrung aus, Zeugnis abzulegen. Doch „NAZA“ enthüllt kein Geheimnis. Der Film gibt einer Wahrheit, die längst öffentlich bekannt war, Worte und Bilder. Angegriffen wird nicht der Bruch eines Geheimnisses, sondern der Bruch des Schweigepakts über die Bedingungen, die all dies möglich machen.
NAZA – das hebräische Kürzel für „Nebenschaden“, im Deutschen als Kollateralschaden geläufig – ist ein operativer Begriff. „NAZA 15“ bedeutet, dass für ein einzelnes Ziel bis zu fünfzehn zivile Tote in Kauf genommen werden dürfen. Den Interviewten zufolge wurden im Verlauf des Krieges auch „NAZA 200“ und „NAZA 300“ genehmigt; einer von ihnen berichtet, er habe eine Genehmigung für „NAZA 500“ gesehen. Niemand in Israel kann vorgeben, überrascht zu sein, dass Bomben auf Gaza fielen, auch wenn das absehbare Ergebnis die massenhafte Tötung von Frauen, Kindern und alten Menschen war.
Die Krise, die dieser Film offenlegt, besteht nicht darin, dass es im Krieg schwerfiele, Wahrheit von Lüge zu unterscheiden. Sie besteht im Verlust des Interesses an jeder Wahrheit, die nicht die Wahrheit des israelischen Traumas ist. Dunkelheit ist eine Metapher für Unterdrückung: Sie unterstellt, dass es Menschen gibt, die wissen wollen und daran gehindert werden. Hier ist etwas Schwerwiegenderes geschehen. Seit dem 7. Oktober haben große Teile der israelischen Gesellschaft schlicht aufgehört, irgendetwas wissen zu wollen, was sich nicht in ihre Geschichte der Verwundung fügt.
Wilfred Bion hat eine Beschädigung der Denkfähigkeit beschrieben: nicht Unwissenheit, sondern einen aktiven Vorgang, der jene Funktionen zerstört, die das Urteilen überhaupt erst ermöglichen. Hannah Arendt bemerkte in ihren Überlegungen zu den Pentagon-Papieren, die meisten Tatsachen seien längst bekannt gewesen; versagt habe die Bereitschaft, sie aufzunehmen. Einer der Interviewten zitiert seinen Vorgesetzten: „Du musst dem System vertrauen.“ Genau diese Form nimmt die Vermeidung des Denkens hier an.
Die Hightech-Nation hat womöglich die israelischste Maschine gebaut, die hier je entstanden ist. Mit einem entscheidenden Unterschied: Die Maschine hat kein Unbewusstes und keinen Ort, an den sie verdrängen könnte, was in sie eingespeist wurde. Sie berechnet im Voraus, wie viele Unbeteiligte voraussichtlich getötet werden, und gibt eine Zahl aus. Die Maschine kennt diejenigen, die sie bedienen, besser, als diese sich selbst kennen.
Ich habe den Film nicht gesehen, aber ich weiß, dass die Kamera von „NAZA“ uns zweimal aufgenommen hat: einmal im Dunkeln, in den Aussagen der Interviewten, und ein zweites Mal am helllichten Tag, in der israelischen Reaktion auf den Film. Die zweite Aufnahme hat niemand inszeniert.
In diesem Sinne sind auch die Angriffe auf die Filmemacher und ihre Familien Teil des Films selbst. Das zeigt nicht nur, wie ein militärisches System eine Weltanschauung in Zahlen übersetzt, sondern auch, wie eine ganze Gesellschaft sich gegen das Wissen darüber wehrt, was in ihrem Namen geschieht.
Wer den Filmemachern schaden oder ihnen die Staatsbürgerschaft entziehen will, will den 7. Oktober zur Grenze einer neuen kollektiven Verleugnung machen. Daher rührt auch der Zorn aus beiden Lagern: Die Rechte verliert ihr „Wir haben keine Wahl“, die Linke ihr „So sind wir nicht“.
Erschüttert sind wir von „NAZA“ nicht, weil der Film uns etwas erzählte, das wir nicht gewusst hätten, sondern weil er uns zwingt, das zu denken, was wir längst wussten. Was wir vielleicht nicht wussten, ist, wie sehr das heutige Israel diejenigen hasst, die ihm noch immer helfen wollen zu denken und zu fühlen.
Erstveröffentlichung: Haaretz 18. Sep. 2026
Erstellungsdatum: 22.09.2026