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Das grundsätzliche Nichteinverstandensein macht einsam. Zugleich ist es die Ausgangsposition der poètes maudits, der verfemten Dichter, deren Randständigkeit bis heute als Markenzeichen in Anspruch genommen wird. Aber es entspricht auch einer moralischen Haltung, die wiederum verbindet. Der natürliche Ort dieser Literatur ist der Underground, auch wenn sie sich inhaltlich damit nicht einverstanden zeigt. Dort hat Michael Eschmann den „Narciss“ von Lukas Palamar gefunden und als revoltierendes Erbe gesichert.
Von dem Autor Lukas Palamar ist wenig bekannt. Er hält sich mit Angaben zu seiner Person sehr zurück. Das Wenige, was an biographischen Daten bekannt ist, lässt sich knapp zusammenfassen: Geboren 1982, irgendwo in Polen. Seit 1988 in Berlin und Braunschweig. Er lebt und arbeitet mittlerweile im Landkreis Gifhorn. Literarische Veröffentlichungen erschienen in einigen Underground-Zeitschriften. Das war es auch schon.
Seit Anfang des Jahres liegt eine kleine Sammlung von 43 Gedichten in gedruckter Form als Chapbook (eine Art Heft) vor. Worum geht es in den Gedichten? Es geht immer wieder um die Existenz, die Grundlage allen Seins. Bereits im Titelgedicht „Worum es geht“ wird kein Blatt vor den Mund genommen, und ziemlich schnell weiß man, „was Sache ist“.
Worum es geht
Zu verblassen
sich zu verkriechen
nicht mehr
präsent zu sein
Darum ist es mir
immer gegangen
Ich möchte irgendwann
kein Gesicht mehr
haben
keinen Körper
keine Konturen
ein leeres Blatt sein
das leer bleibt
auf das nichts
geschrieben wird
das als Fahne
im Wind klirrt
Dieser radikale Nihilismus, der hier zum Leser spricht, wird manche erschrecken, mich jedoch nicht. Es sind keine „schönen“ Gedichte im traditionellen Sinn und dennoch sehr gelungen. Mutige Worte und ein dunkel fühlender Geist beherrschen die symbolträchtigen Verse. Diese haben mich persönlich in den Symbolismus des späten 19. Jahrhunderts nach Frankreich zurückversetzt, weisen jedoch, abgesehen davon, dass die Publikation in einem Alternativverlag erschienen ist, kaum Gemeinsamkeiten mit dem literarischen Underground auf.
Ein weiteres Gedicht mit dem spöttischen Titel „Ausgegraben“ ist ein lautes Bekenntnis gegen die Welt, die Gesellschaft, den Literaturbetrieb – kurz gegen alles. Während man es liest, hört man im Hintergrund die klatschenden Ohrfeigen, die Lukas Palamar mit großer Freude verteilt:
Ausgegraben
Ich muss nirgendwo hin,
weil ich nirgendwo herkomme.
Da, wo ich hingehe,
ist kein Ort zum Beten.
Ich werde bei mir sein,
solange die Trümmer liegen,
wo sie liegen sollen,
neben Resten meiner Trauer,
an dem Ort der Existenz,
die ich war, bevor ich starb,
ein Kamel ohne Gepäck,
ein Wolf, zerrissen,
in Stücke zerteilt.
Vielleicht kommt eine Zeit,
um sich zu erinnern an alles,
was war, was nicht war.
Doch ich springe ins Meer,
ins Meer der Endlichkeit.
Dort erwartet mich bereits
die Erschöpfung unserer Zeit.
Sie beißt in den Finger,
der auf mich zeigt.
Sie trägt mich ins Nichts,
aus dem ich kam.
Ist das narzisstisch? Nein! Es handelt sich um einen literarischen Individualismus eines selbstbewussten Geistes, der keine Gemeinsamkeit oder Verbrüderung mit der Welt sucht und niemals in einem Kollektiv glücklich werden könnte. Es ist das Bekenntnis zur Einsamkeit. Und darin liegt auch die Kraft zur Revolte, denn diese Revolte kann immer nur die Kunst sein.
In der griechischen Mythologie ist Narziss eine Warnfigur. Er ist ein Hinweis auf ein Scheitern. Und so sieht das auch der Autor der Lyrik, wenn er uns seine Geschichte vom Narziss als Märchen erzählt:
Das Märchen von Narziss
Narziss, im Krieg geboren, verliebt sich
in sich selbst, während die ganze Welt brennt.
Der Krieg hält Narziss den Spiegel vor.
Und was Narziss sieht, sind nicht Schreckensbilder,
sondern die Schönheit seines Profils oder
die Sauberkeit seiner Zähne. Narziss ist nicht
imstande, Leid und Elend zu verarbeiten.
In der größten Verwüstung zieht Narziss sich
in sich selbst zurück, wird auf sich selbst
zurückgeworfen und beschäftigt sich nur noch
mit sich selbst, als Verrückter, der es nicht aushält,
Mensch sein zu müssen, der lieber eine Blume wäre –
Ach Kurt, dein Märchen ging böse aus.
Ach Sid, dein Märchen ging noch böser aus.
Ach Luke, sieh dich an, dein Leben ist kein Märchen.
Narziss, er hat sein Testament gemacht.
Unser Leben gleicht keinem Märchen. Und wenn doch, dann ohne Happy End. Künstler wie Kurt Cobain (1967–1994) und Sid Vicious (1957–1979) haben uns dies durch ihr eigenes Dasein und ihre Rocksongs eindrucksvoll vor Augen geführt. Auch in den vorliegenden Texten von Lukas Palamar wird diese Wahrheit aufs Neue spürbar.
Die Sprache ist weder wütend noch verzweifelt. Sie wirkt vielmehr klar und zurückhaltend, und manchmal meint man, ein Lächeln zwischen den Zeilen zu entdecken.
In jenem Augenblick betritt ein weiterer Held der griechischen Mythologie die Bühne: Sisyphos, der sein Leben lang unermüdlich einen Stein den Berg hinaufrollt. Und wie Albert Camus schreibt, lächelt er dabei.

Lukas Palamar
Narziss
Gedichte
42 S., brosch.
Verlag: Rodneys Underground Press. RUP 2026.
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Erstellungsdatum: 07.10.2026