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Peter Handkes „Publikumsbeschimpfung“ – 60 Jahre nach der Frankfurter Uraufführung

Ihr Schleimscheißer, Katzbuckler, Griesgräme, ihr

Martin Lüdke


Publikumsbeschimpfung. Katharina Linder, Torsten Flassig, Andreas Vögler, Sebastian Kuschmann, Anna Kubin, Lotte Schubert. Foto: Arno Declair

Wer verlässt denn empört das Theater, weil er beschimpft wurde, nachdem er dorthinein gegangen ist, um sich die „Publikumsbeschimpfung“ von Peter Handke anzusehen? Worin besteht denn der Skandal, von dem damals berichtet wurde? Das Paradox erklärt sich durch die Theaterkunst selbst. Auf der Bühne wird ja auch fleißig gestorben und für den Schlussapplaus sind alle Toten wieder lebendig. Eine Beschimpfung auf der Bühne ist, wenngleich sie dagegen aufbegehrt, eine theatrale Kunst. Martin Lüdke hat sich beschimpfen lassen und fand’s gut.

 

Es war beides: Skandal und Triumph. Die Nacht nach der Uraufführung während des damaligen Theaterfestivals „Experimenta“ verbrachte der Autor jedenfalls im Polizeirevier am Wiesenhüttenplatz des Frankfurter Bahnhofsviertels. Handke hatte kurz zuvor schon einmal Schlagzeilen gemacht. Bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton hatte er nämlich den versammelten Größen der (west-)deutschen Gegenwartsliteratur äußerst werbewirksam ihre „Beschreibungsimpotenz“ vorgeworfen. Und danach das – ein Theaterstück, das keines sein wollte und auch keines war, aber Handke schlagartig ins Rampenlicht stellte. (Jetzt, bei der neuerlichen, sehr erfolgreichen Premiere war ich leider nicht dabei, sondern erst bei einer ganz regulären, wieder sehr erfolgreichen Vorstellung. Oft gespielt, immer ausverkauft. Warum?)


Publikumsbeschimpfung. Ensemble. Foto: Arno Declair

 

Sechs Schauspieler, damals waren es nur vier, stehen im Hintergrund der Bühne in einem Kreis zusammen, sprechen, murmeln. Was? Das bleibt unverständlich. Genau so hat es der Autor vorgeschrieben: „Während sie herankommen, bewegen sie die Lippen. Allmählich werden ihre Worte verständlich und schließlich laut. Die Schimpfwörter, die sie sprechen, überschneiden sich. Die Sprecher sprechen durcheinander. (…) Sie sprechen gemeinsam.“ Genau bis zu diesem Punkt der Regieanweisung hat sich Claudia Bauer, die Regisseurin, an die Anweisungen des Autors gehalten. Und dann hat sie sich von Handkes Text regelrecht emanzipiert, sich aber dennoch an den Wortlaut gehalten. „Hier wird nicht dem Theater gegeben, was des Theaters ist.“ – so proklamierte es der Autor. Claudia Bauer hat diese Anweisung konsequent ignoriert. Zum Glück. Denn eine Wiederholung der alten Absage ans bürgerliche Theater und sein Publikum hätte kaum noch einmal funktioniert. Sie hat stattdessen daraus ein unterhaltsames Spiel gemacht. Die Schauspieler sind von der Bühnenbildnerin Patricia Talacko fantasievoll in die verschiedensten Kostüme gesteckt worden, mit Perücken, türkischen Pluderhosen und Plüschröckchen. Lotte Schubert trägt zeitweise einen mächtigen Fliegenpilz als Kopfbedeckung. Oder, auch das, sie werden quasi ausgezogen und in schäbiger militärischer Unterwäsche an die Rampe geschickt. Der Wechsel der Kostüme bringt zusätzlich Bewegung ins Spiel. Handkes Anweisungen werden konsequent ignoriert und dadurch wird gespielt. In Handkes „Publikumsbeschimpfung“ wurde tatsächlich nur geschimpft und nicht gespielt. Darüber hat sich Claudia Bauer locker hinwegsetzt und ein unterhaltsames Spiel auf die Bühne gebracht. Anders hätte es wohl auch nicht funktioniert.

Handkes damalige Vorlage bewegte sich gleichsam auf einen Kipp-Punkt zu. Die Avantgardebewegungen waren an ihr Ende gekommen: Lucio Fontanas Schnitt in ein monochromes, weißes Bild; Becketts nicht mehr abendfüllendes Stück „Breath“, in dem der Held der Geschichte, am hinteren Bühnenrand, für Zuschauer kaum sichtbar, röchelnd ein- und ausatmet und dann, nach sehr kurzer Zeit, endgültig verstummt; John Cage’s Musik, die keine mehr sein durfte; alles Endpunkte. Handkes Theater, das keines sein wollte, fügt sich gut in diese Entwicklung.  Das war es dann aber auch.

Und Handke selbst hat sich dann ziemlich zügig – „Über die Dörfer“ – auf den Rückweg gemacht. Selbst Helmut Heißenbüttel, führender Kopf der Konkreten Poesie und damit einer der Frontmänner der literarischen Avantgarde, blies zum Rückzug. In einem seiner „Projekte“ proklamierte er den Wechsel und verkündete, alles sei möglich, alles erlaubt, vom Sonett bis zum Stabreim und zu kargen Protokoll bis zur saftigen Prosa.

Dieser Entwicklung ist auch Handkes „Publikumsbeschimpfung“ zum Opfer gefallen. Eben nicht mehr möglich. Es sei denn, es kommt jemand wie Claudia Bauer, die das sieht, ihre Konsequenzen zieht und sich über das Spiel-Verbot konsequent hinwegsetzt. Durch die dauernden Kostümwechsel vergibt sie Rollen und lässt, auf Teufel komm raus, ungehemmt spielen. Die Darsteller haben daran sichtbar ihr Vergnügen und das Publikum auch.


Publikumsbeschimpfung. Torsten Flassig, , Katharina Linder, Andreas Vögler, Sebastian Kuschmann, Anna Kubin, Lotte Schubert. Foto: Arno Declair

 

„Ihr wart die richtigen. Ihr wart atemberaubend. Ihr habt unsere Erwartungen nicht enttäuscht. Ihr wart die geborenen Schauspieler. Euch steckte die Freude am Spielen im Blut.“

Handkes Sarkasmus wird von Claudia Bauer und natürlich auch von Thorsten Flassig, Anna Kubin, Sebastian Kuschmann, Katharina Linder, Arash Nayebbandi, Lotte Schubert und Andreas Vögler mit ansteckender Lust an die Rampe gebracht. Die Textanteile waren gleichmäßig verteilt, auch wenn mir die Damen leicht bevorzugt schienen.

Und das Publikum, darunter erfreulich viele junge Leute, neben den üblichen Abonnenten, fühlte sich keineswegs beschimpft. Im Gegenteil, es war begeistert. Langer und stürmischer Beifall. Das Stück wird oft gespielt. Immer ausverkauft. Vielleicht kein Wunder, wenn man bedenkt, dass hier erklärtes Antitheater dem Theater zurückgewonnen wird. (Ja, ihr, Zitat: „Schleimscheißer“, da könnt ihr ruhig auch reingehen!)

 

 

 

 

Publikumsbeschimpfung. Foto: Arno Declair

 

Mit:
den im Text genannten Darstellern
Regie Claudia Bauer
Bühne: Andreas Auerbach
Kostüme: Patricia Talacko
Dramaturgie: Katja Herlemann
Licht: Marcel Heide
Komposition und musikalische Leitung: Peter Beierlein 
 
 
 
 
Die nächsten Vorstellungen:
 
So. 15.02.2026.  Restkarten
16.00–17.45
 
Mo. 23.02.2026
19.30–21.15.  Ausverkauft
evtl. Restkarten an der Abendkasse
 
Fr. 27.02.2026
19.30–21.15 Restkarten
 
Sa. 07.03.2026
19.30–21.15
 
So. 05.04.2026
18.00–19.45
THEATERTAG! ALLE PLÄTZE 14/9€

Schauspiel Frankfurt

Erstellungsdatum: 14.02.2026