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Marli Feldvoß über Joyce Carol Oates' Marilyn-Monroe-Roman „Blond“

Andy Warhols Siebdruckserie von 1964 zeigt nur mit den Mitteln der Einfärbung, was mit Ikonen ohnehin geschieht: Jeder projiziert seine eigenen Wünsche auf die Oberfläche. Marilyn Monroe, die am 1. Juni 2026 hundert Jahre alt geworden wäre, zeigte diese Oberfläche in einer professionellen, reizenden, auch bezaubernden Weise. Dahinter trug sie schwere Kämpfe mit ihrem Selbstverständnis aus, die sie in vielfältige Abhängigkeiten trieben. Joyce Carol Oates' Marilyn-Monroe-Roman geht diesem Wechselspiel nach. Marli Feldvoß hat ihn gelesen und die Autorin dazu befragt.
Ihr antrainiertes stereotypes Starlächeln ist uns heute genauso lieb und vertraut wie ihre Operationswunde auf dem Bauch: Hollywood-Ikone und Lichtgestalt Marilyn Monroe – jetzt also als Romanfigur. Darauf besteht jedenfalls Joyce Carol Oates, die ihre Leser ermahnt, das 911 Seiten starke Werk keinesfalls als Biographie oder historisches Dokument zu lesen. Aber vielleicht sollte man Oates' eindringliche Intervention als Fingerzeig darauf werten, dass die amerikanische Vielschreiberin weiter an ihrem Projekt balzacschen Zuschnitts laboriert, die amerikanische Wirklichkeit in ihrer gegenwärtigen und historischen Vielfalt in einem eigenen fiktionalen Universum erstehen zu lassen. So gesehen ist Marilyn Monroe neben dem „schwarzen Boxer“ oder dem „weißen Serienkiller“ eine weitere Figurine im großen Buch des „amerikanischen Traums“.
„Helft! Helft! So helft, das Leben rückt näher“, rufen uns die beiden authentischen Gedichtzeilen, die Oates aus dem persönlichen Journal der Darstellerin zitiert, entgegen. Wer hätte gedacht, dass Marilyn im Wintersemester 1951 einen Kurs über Renaissance-Lyrik an der UCLA belegte. Hat sie? Oder hat sie nicht? Aber solches Anmerken und Mutmaßen verliert sich schnell beim Lesen, weil sich der Roman Blond – nicht nur im maßlosen Umfang, sondern in vieler Hinsicht – von dem auf über fünfzig Titel angewachsenen Biographie-Reigen abhebt, den Marilyn Monroes vormaliger Ehemann Arthur Miller mit seinem Theaterstück „Nach dem Sündenfall“ eröffnete und der Namen wie Truman Capote, Norman Mailer, den Starbiographen Donald Spoto, in den Siebzigern auch prominente Feministinnen wie Joan Mellen oder Gloria Steinem verzeichnet.
„Ich habe mir den Roman als eine Folge von Filmszenen vorgestellt. Es ist wie ein Film, an den sich Norma Jean Baker nach ihrem eigenen Tod erinnert. Wir zoomen hinein, und wir sehen eine Szene, oder wir hören eine Stimme. Dann verschwindet sie, und wir fangen erneut an, mit einer anderen Szene. Ich hatte ein kinematographisches Konzept für den Roman. Ich habe, wie im Kino, ein ‚Voice-over’ benutzt.“ Was Oates als „Voice-over“ bezeichnet – die körperlose Stimme, die sich auf der Leinwand nur mit ihrem Klang Hörraum verschaffen kann –, ist willkommenes Hilfsmittel in einem Textgefüge mit ständig wechselnden Erzähler-Ichs, chorischen Stimmen, inneren Monologen, Spiegelungen, Zeitsprüngen. Das Ergebnis ist eine schwer zu durchdringende Erzählkonfusion, die uns zweifellos von Anfang an mit der Verwirrung der traumatisierten Seele von Norma Jean Baker vertraut machen soll.

Ein Foto von der sechsjährigen Norma Jean Baker, dem braun gelockten All-American Girl, hatte es Oates ursprünglich angetan. Sie wollte gar nicht über die Legende Marilyn Monroe schreiben, den platinblonden Männertraum mit den Idealmaßen, der sich so wenig mit der Verletzlichkeit verträgt, die den Zuschauer aus tiefblauen Augen trifft. Ihr Interesse galt der am 1. Juni 1926 im Los Angeles County Hospital geborenen Norma Jean Baker, die schon nach zwei Wochen von ihrer Mutter Gladys Pearl Baker zur Pflege weggegeben wurde, deren Vater unbekannt blieb. Das erste Drittel des Buches bleibt wohl auch deshalb am eindrucksvollsten. Oates zeigt eine Norma Jean, die auf die enge, aber berührungslose Beziehung zu ihrer verwahrlosten und tablettenabhängigen Mutter Gladys angewiesen bleibt, die, bald in einer Anstalt versorgt, das Kind einer Odyssee durch zahllose Waisenhäuser und Pflegefamilien überlässt. Allerdings weicht hier der Roman von der Realität ab, indem er Personen und Lebensstationen auf wenige repräsentative Konstellationen verdichtet und dafür Gerüchte wie die Liaison mit Charles Chaplin Jr. und Edward G. Robinson Jr. breiter ausbaut.
„Spiegelsehen“ übt Norma Jean mit ihrer gefühlskalten Mutter, die eine besondere Affinität zum Feuer entwickelt und Norma Jean beinahe mit kochendem Wasser umbringt. Der Spiegel als Identitätsstifter, als Vervollständiger des sonst fragmentarisch erlebten Körpers, wird von Anfang an mit dem Kamerablick zusammengebracht. Wir sind fortlaufend mit Filmszenen konfrontiert, die illustrieren, wie die sensible Norma Jean / Marilyn die kurze Zeit ihres Lebens mit dem Ringen um ihre Identität verbringt, wie sie um ihre reale Existenz als Kind, als Mädchen und als Frau und damit gegen die Identitätslosigkeit des Waisenkindes, gegen das Surrogat der Star-Identität „Marilyn“ anzukämpfen versucht. Norma Jean und ihr Spiegel-Double Marilyn Monroe sind beinahe wie Zwillingsschwestern, die sich in ständigem Zwiegespräch beraten.
Erst im vierten Teil des Romans verwandelt sich Norma Jean endgültig in Marilyn. Aus der nackten Kalenderschönheit „Miss Golden Dreams“ wird die „Blonde Darstellerin“. Sie schlüpft jetzt in die Rollen von Nell, Rose Loomis, Lorelei Lee, Chérie, Sugar Kane oder Roselyn. Sie erscheint mit fünf Stunden Verspätung auf dem Set und probt eine Einstellung fünfundsechzig Mal, weil sie sich immer wieder verbessern, ganz in der Figur verschwinden will. Fortan ist nicht mehr von Personen, sondern nur noch von Rollenträgern die Rede. „Der Ex-Sportler“, „der Bühnenautor“, später „der entfremdete Ehemann“, „der Präsident“ – keine Namenlosen – haben jetzt im Drehbuch des Lebens Platz genommen. Dass der Star als Skandalon und fetischisiertes öffentliches Eigentum sich nahtlos in die Skandalchronik der Oberen Zehntausend einfügt, ist nicht neu. Neu ist, wie Oates die „Präsidentenepisode“ nicht als ehrenvollen Höhepunkt, sondern, mit sexualisiertem Grand Guignol und unflätigster Gossensprache – quasi aus der Erzählperspektive der Regenbogenpresse – als Tiefpunkt eines persönlichen Zerfallsprozesses inszeniert. „Der Präsident“ erscheint hier nur als ranghöchster Repräsentant einer sie verunglimpfenden Männerwelt, die für Norma Jean / Marilyn den gleichmacherischen Namen „Daddy“ trägt und sich an der unstillbaren Sehnsucht nach einer Vaterfigur messen muss.
„Ich habe mich immer dafür interessiert, wie meine Figuren mit ihrem Trauma fertig werden. Ich schreibe nicht nur über Opfer, sondern über Menschen, die kämpfen und kleine Siege über die Unwägbarkeiten des Lebens davontragen.“ „Trauma“ heißt das Schlüsselwort des Romans, der nie die Innenperspektive verlässt, der immer wieder auf die lieblose Mutter, die Leerstelle des Vaters zurückkommt. Nie regiert das Trauma spektakulärer als im letzten Lebensjahr der „Blonden Darstellerin“, die, zwar zur richtigen Zeit, aber im falschen Studio, dem der Twentieth Century Fox, vergeblich um ein neues Rollenbild auf der Leinwand kämpft. Auch in ihrem künstlerisch anspruchsvollsten Film, MISFITS – Arthur Millers Drehbuch verwendet schamlos intimste Szenen einer Ehe –, bleibt sie die „einfältige Blondine“. Aber mit welchem Charisma! Auch hier weicht Oates von der Biographie ab, wenn sie die „Blonde Darstellerin“, beeindruckt vom Studium der Darwin'schen Evolutionslehre, auf dem Set den Geschlechterkampf ausrufen läßt.
In ihrem Essay Über Boxen vergleicht Oates den Boxring mit einem Altar, der manchmal Wandlung und Erlösung bringe. Aber Marilyn Monroe ist keine Ausnahme von der Regel: Sie bleibt in der Maske und Verpuppung als „Blonde Darstellerin“ mit ihrem auf fremdes Begehren, auf Voyeurismus zugeschnittenen Erotizismus zeitlebens ein Opfer. Einerseits gelingt Oates mit ihrer fiktionalen Verzerrung vielleicht die rigoroseste, groteskeste, ausuferndste und unflätigste literarische Dekonstruktion einer populären Männerphantasie, andererseits erstellt Blond mit der Rekonstruktion möglicher traumatischer Erfahrungen aber auch so etwas wie eine Biographie des Unbewussten. Blond verfolgt den konsequent gegen die eigene Person gerichteten pathologischen Ausweg einer schwer Traumatisierten, deren Doppelexistenz, Drogenabhängigkeit und Depressionszustände nur Ausdruck innerer Leere und fehlenden Gefühls für das eigene Selbst darstellten. Marilyn Monroe starb am 3. August 1962 an einer Überdosis Tabletten, nachdem sie wieder für Aktfotos posierte und wieder dort stand, wo sie einmal angefangen hatte. Von außen betrachtet eine gescheiterte Schauspielerexistenz. Oates fängt in einer Rahmenhandlung diese letzte Erniedrigung barmherzig auf und erteilt ihrer Norma Jean mit dem letzten Kapitel, „Sie alle gingen in das Reich des Lichtes ein“, selbst die Absolution.
Erstveröffentlichung: Neue Zürcher Zeitung vom 18.01.2001

Joyce Carol Oates
Blond
Roman
Deutsch von Uda Strätling, Sabine Hedinger und Karen Lauer
1024 S., geb.
ISBN: 9783753000046
Ecco Verlag, Hamburg 2021
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Erstellungsdatum: 01.06.2026