MenuMENU

zurück

Marli Feldvoß über Joyce Carol Oates' Marilyn-Monroe-Roman „Blond“

Ikone im Spiegelsaal

Marli Feldvoß


Marilyn Monroe 1954. Foto: wikimedia commons

Andy Warhols Siebdruckserie von 1964 zeigt nur mit den Mitteln der Einfärbung, was mit Ikonen ohnehin geschieht: Jeder projiziert seine eigenen Wünsche auf die Oberfläche. Marilyn Monroe, die am 1. Juni 2026 hundert Jahre alt geworden wäre, zeigte diese Oberfläche in einer professionellen, reizenden, auch bezaubernden Weise. Dahinter trug sie schwere Kämpfe mit ihrem Selbstverständnis aus, die sie in vielfältige Abhängigkeiten trieben. Joyce Carol Oates' Marilyn-Monroe-Roman geht diesem Wechselspiel nach. Marli Feldvoß hat ihn gelesen und die Autorin dazu befragt.

 

Ihr antrainiertes stereotypes Starlächeln ist uns heute genauso lieb und vertraut wie ihre Operationswunde auf dem Bauch: Hollywood-Ikone und Lichtgestalt Marilyn Monroe – jetzt also als Romanfigur. Darauf besteht jedenfalls Joyce Carol Oates, die ihre Leser ermahnt, das 911 Seiten starke Werk keinesfalls als Biographie oder historisches Dokument zu lesen. Aber vielleicht sollte man Oates' eindringliche Intervention als Fingerzeig darauf werten, dass die amerikanische Vielschreiberin weiter an ihrem Projekt balzacschen Zuschnitts laboriert, die amerikanische Wirklichkeit in ihrer gegenwärtigen und historischen Vielfalt in einem eigenen fiktionalen Universum erstehen zu lassen. So gesehen ist Marilyn Monroe neben dem „schwarzen Boxer“ oder dem „weißen Serienkiller“ eine weitere Figurine im großen Buch des „amerikanischen Traums“.

„Helft! Helft! So helft, das Leben rückt näher“, rufen uns die beiden authentischen Gedichtzeilen, die Oates aus dem persönlichen Journal der Darstellerin zitiert, entgegen. Wer hätte gedacht, dass Marilyn im Wintersemester 1951 einen Kurs über Renaissance-Lyrik an der UCLA belegte. Hat sie? Oder hat sie nicht? Aber solches Anmerken und Mutmaßen verliert sich schnell beim Lesen, weil sich der Roman Blond – nicht nur im maßlosen Umfang, sondern in vieler Hinsicht – von dem auf über fünfzig Titel angewachsenen Biographie-Reigen abhebt, den Marilyn Monroes vormaliger Ehemann Arthur Miller mit seinem Theaterstück „Nach dem Sündenfall“ eröffnete und der Namen wie Truman Capote, Norman Mailer, den Starbiographen Donald Spoto, in den Siebzigern auch prominente Feministinnen wie Joan Mellen oder Gloria Steinem verzeichnet.

„Ich habe mir den Roman als eine Folge von Filmszenen vorgestellt. Es ist wie ein Film, an den sich Norma Jean Baker nach ihrem eigenen Tod erinnert. Wir zoomen hinein, und wir sehen eine Szene, oder wir hören eine Stimme. Dann verschwindet sie, und wir fangen erneut an, mit einer anderen Szene. Ich hatte ein kinematographisches Konzept für den Roman. Ich habe, wie im Kino, ein ‚Voice-over’ benutzt.“ Was Oates als „Voice-over“ bezeichnet – die körperlose Stimme, die sich auf der Leinwand nur mit ihrem Klang Hörraum verschaffen kann –, ist willkommenes Hilfsmittel in einem Textgefüge mit ständig wechselnden Erzähler-Ichs, chorischen Stimmen, inneren Monologen, Spiegelungen, Zeitsprüngen. Das Ergebnis ist eine schwer zu durchdringende Erzählkonfusion, die uns zweifellos von Anfang an mit der Verwirrung der traumatisierten Seele von Norma Jean Baker vertraut machen soll.

Joyce Carol Oates
Blond
Roman
Deutsch von Uda Strätling, Sabine Hedinger und Karen Lauer
1024 S., geb.
ISBN: 9783753000046
Ecco Verlag, Hamburg 2021
 

Bestellen

Erstellungsdatum: 01.06.2026