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Erica Ludolph lebte ihren Glauben. Und das bedeutete für sie, äußerste Hingabe, Furchtlosigkeit in äußerster Gefahr, aber auch Angst und Mitleiden. Wegen Kontakt zu verfolgten Juden zum Verhör durch die Gestapo bestellt, wurde sie nach ihrer Freilassung als Fluchthelferin tätig, half, wo sie konnte, bis an ihr Lebensende. Petra Bonavita und Dieter Maier haben ein Buch über Ludolphs Leben geschrieben, und Peter Kern hat es gelesen.
Seit vielen Jahren erzählt Petra Bonavita die Geschichte geretteter Juden und ihrer Helfer. Eine verdienstvolle publizistische Arbeit, sollte man meinen. Der Verdienst der Autorin ist aber sehr gering, sei es der materielle, welcher gegen null tendiert, sei es der immaterielle, wie er sich in der Währung öffentlicher Wahrnehmung ausdrückt. Die großen Tageszeitungen berichten nicht, die großen Verlagshäuser verlegen nicht.
Ist es deshalb, weil eine gelernte Soziologin sich als Historikerin versucht und an fachfremdem Stoff herumdoktert? Fehlt ihrem Namen der Bedeutungshof der Prominenz? Hat Spielberg mit seinem Film das Thema längst abgegrast? Eine Erklärung scheint plausibler: Die von der Autorin entdeckten Retter, fast allesamt Kirchenleute, machen nichts her. So wenig wie die Geretteten, denen ihre Hilfe galt. Und man täusche sich nicht: Seit der jüdische Staat die Hamas bis in ihre Basen verfolgt und die Propaganda will, dass sich Gaza auf Genozid reimt, kann man der deutschen Öffentlichkeit mit Nazis und Juden und Widerstand gar nicht mehr kommen. Antisemitismus ist im naiven Volksboden in großen Beständen vorhanden; das Element gehört nicht zu den Seltenen Erden. Wer’s bezweifelt, sollte sich mal die Leipziger Autoritarismus-Studien der letzten zwanzig Jahre anschauen.
Petra Bonavita und ihr Ko-Autor Dieter Maier stellen eine Frankfurterin vor, die dem Faschismus mit Gründen widerstand, die der heutigen Antifa wohl lächerlich vorkommen würden, denn ihr Handeln war religiös motiviert. Die Juden galten ihr in der Sprache der Kirche als die „älteren Brüder.“ Es war die Mutter ihrer besten Freundin, die sie vor dem Tod im KZ bewahrte. Ihre Tat war also ganz unpolitisch. Zudem entstammte sie dem Frankfurter Bürgertum.

Erica Ludolph, 1921 geboren und 2022 gestorben, rang sich erst im letzten Jahrzehnt ihres langen Lebens dazu durch, über die Bekennende Kirche zu sprechen. Lange hat es nach Auskunft der beiden Autoren gedauert, bis sie das Vertrauen der Greisin gewonnen hatten. Die im Buch wiedergegebenen Zitate entstammen behutsam geführten Gesprächen, und was in diesen unausgesprochen blieb, fand sich in hinterlassenen Tagebüchern. Hier steht die folgende Notiz, aufgeschrieben nach einer Feier zu Ehren des Pfarrers Heinz Welke, Zentralfigur der Frankfurter Untergrundkirche.
„Was mich stört: dass all diese Äusserungen, selbst in Pfr. Welkes Kirche (…), so wenig Bezug zum Glauben haben – es geht nicht um ‚kirchlich‘, es geht um Glauben an den heiligen, grossen Gott – ist er so unbequem, dass man ihn ausschliesst? (…) wir haben aus dem Glauben, in der Liebe, handeln dürfen (...) Die allgemeine Negierung dieser Zusammenhänge (…) ist unrecht – und es erschreckt mich für die Zukunft der Menschen: was wird daraus werden?“
Angeleitet von dem in der Dreifaltigkeits-Gemeinde in Bockenheim tätigen Pfarrer rettete Erica Ludolph die Jüdin Margarete Knewitz, eine Rettungsaktion, zustande gekommen auf die letzte Minute. Frau Knewitz, evangelisch getauft und ob dieser Taufe von großer Sorglosigkeit, ja Naivität, sollte sich 1944 in die Haftstätte der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) in der Ostendstraße einfinden. Von hier gingen die Deportationen in die Vernichtungslager ab. Frau Knewitz leistete der Vorladung keine Folge, worauf die Gestapo ihrem Mann die Ermordung der ganzen Familie androhte, sollte er ihren Aufenthaltsort nicht preisgeben.
Der großbürgerlichen Frau ist nun ein radikaler Wandel ihrer Lebensverhältnisse abverlangt. Sie muss ihr Leben unbekannten Helfern anvertrauen und ständig wechselnde Quartiere beziehen. Ihre Flucht führt durch halb Deutschland. Erica Ludolphs Aufgabe ist es, sich als die Tochter der Flüchtenden auszugeben. Sie nimmt die Überforderte gleichsam an die Hand. 17 Personen wirken an der Flucht mit, die in einem von den Schwestern Hildur und Gertrud von Marschalk geführten Landgut in Niedersachsen endet.
Erica Ludolph war 22 Jahre alt, als sie ihr Leben riskierte. Sie war nicht wagemutig, sondern im Gegenteil ganz angsterfüllt, hatte sie doch schon eine Berührung mit der Gestapo hinter sich. Das Verhör in der Zentralstelle Lindenstraße ging auf eine Denunziation zurück: Einem aufmerksamen Volksgenossen war nicht entgangen, wie Ludolph Straßenbahnfahrten nutzte, um französischen, zu ihren Einsatzorten fahrenden Zwangsarbeitern eine Tube Zahnpasta oder eine heimlich abgehörte Nachricht von BBC London zuzustecken. Ein solcher „Feindkontakt“ galt als Landesverrat und wurde streng bestraft. Der jungen Frau drohte man für den Wiederholungsfall das Konzentrationslager an. Mit Lagerhaft hatte sie gerechnet und ihren Koffer zum Verhör bereits mitgebracht. Die Schergen ließen sie laufen, weil sie die Sache mit den jungen Franzosen wohl für eine amouröse hielten.
Die existentielle Erfahrung des Verhörs in der Lindenstraße prägte Ludolphs ganzes Leben. Sie wird das Grauen nie wieder los. Sieben Jahrzehnte später spricht sie von ihrer „Gestapo-Erfahrung“. Schlafstörungen plagen sie, Depressionen. Die durchlittenen Todesängste versetzen sie nachts in eine von ihren Dämonen regierte Traumwelt, so die Autoren. Sie selbst spricht von der „Revolte des Unterbewusstseins fast jede Nacht.“ An diesem inneren Aufruhr hat auch der Vater seinen Anteil. Als er das gegen die Nazis gerichtete Handeln seiner Tochter erahnt, droht er, sie der Schande wegen zu erwürgen. Der Großhandelskaufmann war dicke im Geschäft mit Nazibonzen und Fabrikarisieren, denen er Opel-Limousinen und Werkzeugmaschinen verkaufte.
Die von Maier und Bonavita gesichteten Tagebücher sind der Nachlässigkeit der Verfasserin zu verdankende Funde; denn Ludolph warf Schriftliches regelmäßig weg. Das Wegwerfen war ihr ein mit Feuer und Wasser ausgeübtes Ritual, das Briefe und Dokumente im Ofen oder im Main verschwinden ließ. So wollte sie sich selbst zum Verschwinden bringen. Andererseits realisierte sie, dass ihr die Aufgabe zufiel, Zeitzeugin zu sein. Zwischen der alten Frau und ihren späteren Biografen gab es ein ständig wiederkehrendes Gesprächsthema, ihr Schweigen. Sie hätte doch stolz auf sich sein können, hielten die Beiden ihr vor. Sie dagegen war geplagt von dem Vorwurf, nicht genug getan zu haben.
In ihr Tagebuch schrieb sie, da ist sie bald 90 Jahre alt, die folgenden Sätze: „Warum will ich nicht reden, kein Buch schreiben – kein ‚Zeugnis‘ meiner Taten geben – Weil es ein Gebiet der äussersten Hingabe, der äussersten Gefahr, der Angst, der Scham, des Mitleidens, der Barmherzigkeit gibt, in dem einem beinahe das Herz bricht, das mit Worten nicht mehr erfasst werden kann – das muss im Verborgenen bleiben – Gott weiss es – letztlich ist es Liebe – auch zu mir selbst, weil ich mich beweisen will – gegen alle Angst.“
Ludolph und alle in diesem Buch genannten, am Widerstand beteiligten Personen schwiegen nach der NS-Zeit. Das Schweigen war zu ihrer Charakterstruktur geworden. In den Nazijahren geboten es die Verhaltensregeln des Untergrunds. Im Postfaschismus bot es Schutz vor Nachstellungen, denn die Lust, „Volksverräter“ auszumachen, war der Mehrheitsgesellschaft keineswegs ausgetrieben. Und da war die einmal erfahrene Todesangst, die Schweigen über das Erlebte anriet, eine gegen das Angsttrauma gerichtete Abwehr. „Letztlich kann man darüber nicht reden, weil man sich nicht mit diesem Bösen so annähern will, um es wieder so vernichtend zu empfinden.“
Als die grauenvollen Jahre vorbei waren, ging die Frankfurterin zum Studium in die USA. Sie erlebte das Land „als Befreiung“, sprach von der „Heimat meiner Seele.“ Dort hätte sie leben und vielleicht als Psychologin oder Politikwissenschaftlerin arbeiten können. Aber sie fühlte sich ihr alternden Mutter verpflichtet, und als ihr Vater starb, kehrte sie nach Deutschland zurück. Was zeitlebens blieb, war die Sehnsucht nach den Vereinigten Staaten.
Zurück in Europa beginnt ein intensives Berufsleben. Erst leitet sie in Frankfurt, dann in Wien kirchliche Hilfswerke „für rassisch, politisch und religiös Verfolgte.“ Sie kümmert sich um die alltäglichen Nöte entwurzelter Menschen, darunter viele überlebende, zu displaced persons gewordene Lagerhäftlinge. In Österreich sind es die nach der Niederschlagung des ungarischen Aufstands Geflohenen, die ihre Hilfe suchen. Sie organisiert Reisegruppen; treibt eine am Flughafen verlorene Kleidertüte wieder auf; veranlasst eine Ersatzkasse, die Unkosten eines Erkrankten zu erstatten. Ludolph zerreißt sich in ihrer Arbeit, die sie gar nicht nötig hatte, denn sie ist die Erbin eines beträchtlichen väterlichen Vermögens.
Die den beruflichen Stationen nachgehenden Kapitel rufen die Miserablen dieser Jahre in Erinnerung, Straßenkinder in Palermo, vor der Militärdiktatur geflüchtete Griechen, boat people aus Vietnam, „Gastarbeiter“ in ihren Rödelheimer Baracken. Ludolphs Berufsleben war Karitas im Bewusstsein des Ungenügens von Karitas. „Die Marxisten haben recht mit der Behauptung, die Wohltätigkeit sei ein Alibi, mit dem die Spießbürger ihr Seelchen in Ordnung bringen, um dann nach ihrer Bequemlichkeit ihr egoistisches Leben weiter zu leben; (…) dass man dem Armen nicht zum Geschenk geben kann, worauf er Anspruch hat.“
Liest man von Ludolph durchkomponierte Texte, wie die Spenden einwerbenden und auf Werbefoldern gedruckten, liest man ein jede Betulichkeit meidendes Deutsch: „Wilde, verwahrloste Geschöpfe spielen im Unrat, im Gestank der Kloaken, umschwirrt von Fliegengeschmeiß. Oder sie jagen wie streunende Hunde durch die engen Gassen, erschlagen die gehetzte Katze und überziehen die Stadt wie Schwärme von Ungeziefer, stehlend, bettelnd, fordernd“. Es geht um Palermo und die Kinder der Unterschicht. Sind die Spenden geflossen und steht das Kinderheim, schildert sie die folgende Szene: „Am ersten Abend steht der fünfjährige Mimmo, dessen Mutter tot und dessen Vater im Gefängnis ist, neben seinem Bettchen und sieht die Hausmutter tiefernst an: ‚Signora, was soll ich jetzt machen?‘ Noch nie hatte er ein so sauberes, bequemes Lager gesehen, noch nie im Leben ein Bett für sich ganz allein gehabt. Er kennt nur die Straße, den Erdboden oder eine einzige Matratze inmitten eines dumpfen, dunklen Raumes, auf der zahllose Menschen sich drängen und stoßen.“
Eine von ihrem religiösen Gewissen zum tätigen Mitleid veranlasste Frau, das war sie. Eine Heilige also? Pah! Sie hatte ihre Amouren, reiste mit Schminkkoffer, aß gerne in guten Lokalen, besaß ein Ferienhaus in der Provence und verwaltete klug ihre Immobilien wie Kellerbestände: „Wein im Keller, ich bin glücklich.“ Wie alle Melancholiker fühlte sie sich heimatlos. Sie hielt es in ihrem Leben mit einem gewissen Adorno, der in ihrem Bücherschrank stand und bei dem es heißt: „Es gehört zur Moral, nicht bei sich selbst zu Hause zu sein…Die Kunst bestünde darin, in Evidenz zu halten und auszudrücken, daß das Privateigentum einem nicht mehr gehört, in dem Sinne, daß die Fülle der Konsumgüter potentiell so groß geworden ist, daß kein Individuum mehr das Recht hat, an das Prinzip der Beschränkung sich zu klammern (…)“ Ludolph klammerte nicht. Sie spendete ihr Geld für Stolpersteine in Sachsenhausen, die Universität Tel Aviv, das Jüdische Museum Frankfurt, oder sie half einem klammen Heizungsbauer ihrer Bekanntschaft, seinen Kredit abzuzahlen.
Einen Ort, der ihr hätte Heimat sein können, vermisste sie. Die Blut-und-Boden-Ideologie hatte das vom Wort Erfasste kontaminiert, die Nazis hatten sie heimatlos gemacht. Ein Ersatz blieb ihr mit dem monatlichen Frankfurter „Treffpunkt der Holocaust-Überlebenden“; hier fühlte sie sich zugehörig.
Maier und Bonavita haben eine Lebensgeschichte mit viel Lokalbezug geschrieben. Man kann nur hoffen, sie findet viele Leser. Leider pflegt man in der Stadt der Fondsmanager und Private Equity-Banker nicht das engste Verhältnis zum Buch, was eine örtliche Werbekampagne ändern will mit dem Motto „Frankfurt liest ein Buch.“ Wieso nur eins? Geht der Trend nicht zum Zweitbuch? Die für die Kampagne Verantwortlichen sollten dieses in Auge fassen.

Petra Bonavita / Dieter Maier
Erica Ludolph: Judenretterin und Widerstandskämpferin
200 S., brosch.
ISBN: 978-3896570185
Schmetterling Verlag, Stuttgart 2026
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Erstellungsdatum: 20.02.2026