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Der Genius loci ist vermutlich ein ferner Verwandter eines animistischen Geisterclans. Nach Geburt, Leben und Tod nachmalig berühmter Menschen oder anderen gedenkenswerten Ereignissen verharrt er ortsgebunden im nimbischen System. Und obwohl manchmal keine sichtbaren Spuren dessen mehr existieren, woran sich die Phantasie entzünden könnte, wirkt der pure Grund und Boden als touristischer Magnet. Ganz anders die Cité Véron in Paris, von der Rainer Erd erzählt.
Besucher von Montmartre kennen das „Moulin Rouge“, weil Touristenführer dort immer einmal landen. Wenige Meter links von dem viel bestaunten und besuchten Varieté liegt eine kleine Sackgasse, die man in der Regel allein betritt, weil Touristenströme achtlos daran vorbei gehen. Sie trägt den vielversprechenden Namen „Cité Véron“. Von einer Stadt kann allerdings nicht die Rede sein. Die „Cité Véron“ ist ein Gässchen von nicht einmal 100 Metern und verdankt ihren vielversprechenden Namen einem Bürgermeister von Montmartre im 19. Jahrhundert, der sich damit offenbar unsterblich machen wollte.
Das ist ihm auch gelungen, aber in einem ganz anderen Sinne, als er es sich vermutlich vorgestellt hat. Denn mit dem Namen „Véron“ verbindet niemand einen ehemaligen Bürgermeister, wohl aber zwei große Pariser Künstler der Nachkriegszeit, die noch heute den allerbesten Ruf genießen: Boris Vian und Jacques Prévert.
Boris Vian, Komponist, Sänger und Trompeter, einer der großen Akteure des Pariser Existenzialismus der Fünfzigerjahre, zog 1953 in das Haus 6 bis der Cité Véron und wohnte dort bis zum Ende seines kurzen Lebens 1959. Jacques Prevert, Schriftsteller und als Drehbuchautor vieler Filme von Marcel Carné Mitbegründer des poetischen Realismus („Kinder des Olymp“, „Hafen im Nebel“) mietete ein Jahr später im Haus 6 bis das anliegende Appartement. Gemeinsam verfügten die beiden über eine 400 m2 große Terrasse, die vom „Collège des Pataphysique“, dem Boris Vian angehörte, den Namen „Terrasse des Trois Satrapes“ erhielt. Neben Vian und Prévert war dessen Hund „Ergè“ der dritte „Satrape“, der der Terrasse den Namen in Pariser Künstlerkreisen gab.

Die „Pataphysiker“ waren ein ironisch-literarischer Gelehrtenzirkel, der sich 1948 in Paris gründete und für „imaginäre Lösungen“ („Pataphysik“) interessierte. Seiner parodistischen Anlage gemäß verlieh er Ehrentitel und schuf Begriffe wie die erwähnte „Terrasse“. Zum Kreis der „Pataphysiker“ gehörten so unterschiedliche Künstler wie Raymond Queneau, Marcel Duchamp, Max Ernst, Joan Mirô, Man Ray und später auch Umberto Eco – alles Personen, die kreative Experimente schätzten. Noch heute existiert das „Collège de Pataphysique“ als internationale, von Paris aus organisierte Gesellschaft, die Zeitschriften publiziert und Assisen (offizielle Versammlungen) und Manifestationen (Aktivitäten) in mehreren Ländern der Welt nach eigener Kalenderzeit durchführt.
In den gemeinsamen fünf Jahren von Vian und Prévert (1954 - 1959) entwickelte sich die „Terrasse des Trois Satrapes“ zum Schauplatz großer, spektakulärer Pariser Feste. In eingeweihten Kreis hatte sie den Ruf eines mythischen Ortes der Pariser Bohème. Schriftsteller, Jazz-Musiker (wie Boris Vian) und Theaterleute sah man auf der Terrasse. Der mythische Charakter wurde besonders von Boris Vian begründet, der 1955 mit seinem Chanson „Le déserteur“ zur Verweigerung des Wehrdienstes aufgerufen hatte und die konservative französische Administration damit so provozierte, dass sie die öffentliche Aufführung des Stückes verbot. Erst nach dem Ende des Algerienkriegs 1962 durfte das Lied im französischen Rundfunk aufgeführt werden.
https://www.youtube.com/watch?v=gjndTXyk3mw&list=RDgjndTXyk3mw&start_radio=1
Nach dem frühen Tod von Boris Vian mit 39 Jahren und dem Ableben von Jacques Prévert (1977) geriet die „Cité Véron“ zwar nicht in Vergessenheit, aber die Zeit der ständigen großen Feste war vorbei. Das einst berühmte Gässchen neben dem Moulin Rouge trat in den Schatten der Vergangenheit, von gelegentlichen Veranstaltungen zu Ehren der beiden ehemaligen Künstler unterbrochen. Bis ein Artikel der französischen Tageszeitung Le Monde vom 25/26. Oktober 2025 die Pariser Kulturwelt aufschreckte: Das „Moulin Rouge“ hatte „Appetit“ auf die Wohnung von Jacques Prévert.

Was war geschehen? Das erfolgreiche Varieté hatte den Gebäudekomplex, zu dem die beiden Wohnungen von Vian und Prévert gehörten, erworben und plante sie aufzulösen und in ihren Spielbetrieb zu integrieren. Das „Moulin Rouge“ litt schon seit längerer Zeit an Raumknappheit und seine Betreiber hatten immer wieder mit dem Gedanken gespielt, die beiden Apartments von Vian und Prévert im Rahmen eines Umbaus aufzulösen. In diesem Fall sollten sie in einem geplanten großen „Mistinguette-Saal“ aufgehen.
Der „Mistinguette-Saal“, nach der berühmten „Moulin Rouge“-Sängerin der Jahre 1910 bis 1930 benannt, sollte, nachdem er eine Zeit als Kino genutzt worden war, wieder in den Varieté-Betrieb einbezogen werden. Was war schon die gelegentliche Nutzung von zwei Wohnungen gegenüber dem täglichen Gebrauch durch ein weltweit bekanntes Unternehmen der Entertainment-Industrie – dachten die Betreiber des „Moulin Rouge“, die auf die beiden Wohnungen spekulierten.
Womit sie nicht damit gerechnet hatten: Nach dem Artikel in Le Monde und von zwei zeitgleich gestarteten Initiativen „Il faut sauver l’appartement de Jacques Prévert!“ und „Sauver la maison de Boris Vian“ unterschrieben in kurzer Zeit knapp 70.000 Personen und riefen zum Erhalt der beiden noch im Originalzustand eingerichteten Künstlerwohnungen auf. Der Einfluss der beiden lange verstorbenen Künstler war in der Pariser Kulturszene noch immer so groß, dass das „Moulin Rouge“ zunächst von seinen Plänen Abstand nahm.
Die Befürchtung, „Moulin Rouge“ wolle den Geist von Prévert und Vian zugunsten eines Tingeltangel-Mediums vertreiben, führte auch dazu, dass sich der Pariser Stadtrat mit dem Thema beschäftigte und das zuständige Kultusministerium mit den Erben und Nachlassverwaltern von Prévert und Vian sowie dem „Moulin Rouge“ Verhandlungen über eine konsensuale Lösung des Problems führte. An deren Ende sagten die Vertreter des „Moulin Rouge“ zu, die Wohnungen von Vian und Prévert zunächst unangetastet zu lassen und den geplanten „Mistinguette“-Saal unabhängig davon zu entwickeln.
Der vorläufige Erfolg der Erben von Vian/Prévert führte Anfang März 2026 zu dieser Anzeige im Pariser Stadtteil-Newsletter „Montmartre Addict“:

Offenbar kalkulierten die Initiatoren der Anzeige damit, dass der Erhalt der beiden Wohnungen dann besser möglich wäre, wenn sie in der Pariser Öffentlichkeit verankert sind. Und so konnten die erstaunten Leser von „Montmartre Addict“ am Wochenende des 14.03.2026 zum ersten Mal seit langer Zeit Bilder der Wohnung von Boris Vian sehen, die den Besucher auf eine Zeitreise in die Fünfzigerjahre von Paris führten. Nicole Bertolt, Direktorin der Fondation Boris Vian und seine Nachlassverwalterin, öffnete einem interessierten, breiten Publikum die Tür und ließ die Besucher in eine Welt eintreten, die längst vergangen ist. Da finden man noch das Klavier von Vian und seine Schallplatten von Miles Davis, Duke Ellington, Django Reinhardt und anderen aus der Jazzszene der Fünfzigerjahre.

Beim Gang auf die 400m2 große Terrasse öffnete sich dem Besucher der Blick, den die beiden Künstler viele Jahre hatten und der der Öffentlichkeit bisher entgangen war – auf die Rückseite der Windmühlenflügel des „Moulin Rouge“.
Mit den Initiatoren zum Erhalt der beiden Wohnungen kann man nur hoffen, dass der momentane Erfolg von Dauer sein wird.
Erstellungsdatum: 06.05.2026