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Es geht um den Satan und um das christliche Menschenbild im stalinistischen Terror. Michail Bulgakow hat mit seinem beziehungsreichen Buch „Der Meister und Margarita“ einen zeitlosen Zeitroman verfasst, der gerade mal wieder an Aktualität gewinnt. Der Aspekt der Repression, „die sich zur neuen Normalität erklärt“, hat dem Stoff sicher auf die Bühne geholfen. Martin Lüdke hat sich das Stück angesehen.
Vor gut hundert Jahren begann Michail Bulgakow mit der Arbeit an seinem Jahrhundertwerk. Das erste Manuskript verbrannte er bereits 1930, sechs Jahre später war er mit der nächsten Fassung, aber immer noch nicht mit dem Buch fertig. Vier weitere Versionen folgten, richtig fertig wurde bis zu seinem Tod, 1940, immer noch nicht. Erst in den sechziger erschien, immerhin in einer Auflage von 150.000 Exemplaren der Roman in einer literarischen Zeitschrift. Und dann folgte – der Welterfolg. „Der Meister und Margarita“ zählt zu den großen Romanen des letzten Jahrhunderts. Und jetzt hat der russische Regisseur Timofej Kuljabin eine Theaterfassung auf die Bühne gebracht. Diese Frankfurter Fassung beschränkt sich auf einen einzigen Strang des Geschehens.
Ernst Bloch hat einmal etwas lakonisch bemerkt, dass sich Schillers „Wilhelm Tell“ in dem einen Satz zusammenfassen lässt: Mann schießt auf Äpfel. Weit weniger ironisch lässt sich die vom Regisseur Kuljabin hergestellte Fassung von Bulgakows Stoff auf den Satz bringen: In Moskau war der Teufel los.

Bevor es losgeht, sehen wir bereits den Schauplatz, auf dem sich die nächsten drei Stunden alles, allerdings oft doppelt abspielen wird. Im Zuschauerraum brennt noch das Licht, der Bühnenvorhang ist offen, ein einfarbig dunkelgraues, geschlossenes Gebäude, mit einer Art von Kolonnaden-Gang ist zu sehen. Es wird dunkel. In dem Gang öffnet sich eine Art großes Fenster. Ein Vernehmungsraum des NKWD schiebt sich durch die Öffnung in den Vordergrund. Die Vernehmung kann beginnen. Und oberhalb der Vernehmungen, auf der glatten Fläche des Gebäudes, wird, über weite Strecken des Abends, was unten geschieht nach oben, stark vergrößert, projiziert. Die sehr, sehr großen Bilder, die auch in der letzten Reihe des Schauspielhauses noch bestens zu erkennen sind, werden um ihre Geschichte, die sie abbilden, sichtbar zu machen, in einer Sepia-Tönung gehalten.
Und wenn es dann auf der Bühne losgeht, ist eigentlich schon alles vorbei. In den Vernehmungen soll das erstaunliche Geschehen nur rekapituliert werden, Professor Woland und seine wundersame Crew, der Lange mit dem karierten Anzug und einer zerquetschten Brille, dazu der schwarze, riesige Kater, der sowohl aufrecht gehen wie auch sprechen kann, die drei sind bereits wieder abgezogen, haben aber, um das schlicht zu konstatieren, ihre deutlichen Spuren hinterlassen und damit den NKWD, die sowjetische Geheimpolizei, in ordentliche Schwierigkeiten gebracht. Man braucht dringend eine, wenigstens scheinbar, rationale Erklärung für das irrsinnig groteske Geschehen. Wunder waren im Sozialismus nur noch in der Produktion vorgesehen. Mit dem Pseudo-Rationalismus des Historischen Materialismus sind die Vorgänge wahrlich nicht in Einklang zu bringen. Wie sich bald herausstellen soll, gibt Woland, der sich tatsächlich als Satan selbst identifizieren lässt, den Startschuss für die folgende Kette von Ereignissen. Doch: Nichts geschieht vor unseren Augen. Wir hören nur die Berichte über das, was geschehen war. Er prophezeit dem Poeten Bezdomnij den baldigen Tod des Vorsitzenden des Schriftstellerverbandes, der seinen Kopf unter einer fahrenden Straßenbahn tatsächlich schon bald darauf verlieren wird.

Bezdomnij, der arme Dichter, Augenzeuge, verliert darüber fast seinen Verstand und landet deshalb in einer psychiatrischen Klinik, wo er, im Nachbarzimmer, einen Kollegen, den „Meister“ kennenlernen wird, der nun wiederum mit seinem Romanprojekt über Pontius Pilatus in Schwierigkeiten bei den sowjetischen Behörden gekommen ist und deshalb in die Psychiatrie bugsiert wurde. Für eine derart komplizierte Handlung hat unser (leider so früh gestorbene) Nachbar Robert Gernhardt den hübschen Spruch geprägt: „Mein Gott, ist das beziehungsreich, ich glaub, ich übergeb mich gleich.“
Um diesem Problem aus dem Weg zu gehen, hat Timofej Koljabin in Zusammenarbeit mit Olga Fedyanina wiederum das Pferd von hinten aufgezäumt. Der gesamte Stoff, den sie präsentieren, ist in sechsundzwanzig Verhöre gepackt. Befragungen der Augenzeugen durch Manja Kuhl, Wolfgang Vogler und Stefan Graf, die zuweilen, angesichts der völlig abstrusen Geschichten, die sie zu hören bekommen, ziemlich aus der Fassung geraten. Einmal heißt es zum Beispiel: dann sei die Frau, übrigens splitterfasernackt, indem sie „mir noch ein Hemdchen über den Kopf war“ auf ihrem Besenstiel durch das offene Fenster geflogen. Zwischen den Ermittlern und den Zeugen kommt es daher fortwährend zu Spannungen. Und trotzdem wird durch diese Bearbeitung der brisante Stoff verharmlost. Der Unterschied zwischen einem Geschehen und dem Bericht darüber lässt sich schwer überbrücken.

Eine wesentlich Rolle, im doppelten Sinn, spielt der ‚Poet‘ Iwan Bezdomnij, der zunächst in seiner Klinik, im Beisein der behandelnden Ärzte, dann bei der Polizei immer wieder befragt wird. Christoph Bornmüller wirkt in seiner überzeugend dargestellten Ratlosigkeit derart glaubwürdig, dass selbst die Ermittlungsbeamten sichtbar beginnen, an ihrem eigenen Verstand zu zweifeln. Sechsundzwanzig Befragungen, die Schlag auf Schlag einander folgen. Trotzdem kommt keinerlei Monotonie auf, auch wenn ich, nach der Pause, hin und wieder eine gewisse Redundanz verspürte. Denn im Grunde war da schon alles gesagt.
Der kuriose Ablauf der wirklich kuriosen Ereignisse, die hilflose Reaktion des Staatsapparats, der immer wieder spürbare Zweifel der Protagonisten an ihren eigenen Erlebnissen, kurzum die Folge von Wundern in einem sozialistische geprägten Alltag, all das hält trotz einiger Längen den Spannungsbogen hoch.
Was fehlt, das ist der Alltag. Das Leben in einem sozialistischen Staatswesen mit unübersehbaren diktatorischen Zügen. (Weil Stalin an dem Theaterstück Bulgakows „Die Tage der Turbins“ Gefallen fand, mit ihm sogar mehrfach telefoniert hatte, konnte sich der Autor, zum Beispiel im Unterschied zu dem Komponisten Schostakowitsch, einigermaßen sicher fühlen.) Welche Rolle Denunziationen spielen konnten, mit welchen fiesen Mitteln der Kampf um attraktive Wohnungen geführt wurde, das alles erfährt man durchaus in den Verhören, aber eben nur mittelbar. Der Reichtum der Vorlage wird überhaupt drastisch reduziert. Das mag unvermeidbar sein. Oft genug ist von Pontius Pilatus die Rede, davon, dass Woland behauptet habe, beim Verhör des Jesus von Nazareth durch den römischen Staathalter dabei gewesen zu sein, es bleiben immer Berichte aus zweiter Hand. Der Unterschied zwischen einem abgetrennten rollenden Kopf und dem Bericht darüber, ist eben schwer zu übergehen. Das gesamte Ensemble gibt sich redliche Mühe, die Verhöre wirken durch die Bank glaubhaft, aber es springt kein Funke über. Die theologische Dimension des Stoffs geht zudem verloren. Dass die Spannung nicht völlig verloren ging, lag an dem schnellen Wechsel der teils sehr kurzen Verhöre. Drei Stunden, die sich gegen Ende etwas zogen. Trotzdem ordentlicher Beifall.
Kulturtipp: „Der Meister und Margarita“ nach Michail Bulgakow

Szenenfoto: Arno Declair
Michail Bulgakow
Der Meister und Margarita
Regie: Timofej Kuljabin
Bühne: Oleg Golovko
Kostüme: Vlada Pomirkovanaya
Musik: Timofey Pastukhov
Dramaturgie: Olga Fedyanina, Alexander Leiffheidt
Weitere Vorstellungen:
26.03., 05.03., 06.03., 09.03., 13.03. und 29.03. 2026 sind ausverkauft, evtl. Restkarten an der Abendkasse
Für den 30.03. 2026 gibt es noch Restkarten
Für den 17.04. und 29.04 2026 beginnt der Vorverkauf am 10. März 2026
Erstellungsdatum: 25.02.2026