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Eine der wenigen Persönlichkeiten, bei der die Annahme, das Neue komme von der Jugend, zutraf, war Arthur Rimbaud. Mit der ungestümen Ablehnung der Tradition begründete er eine neue – voller Kraft, Pathos und Feingefühl, Laster, Jähzorn und Wollust. Dazu gehörten auch die abrupte Beendigung seiner poetischen Arbeit und der Beginn eines neuen Lebens, das man nach heutigen Maßstäben nicht als vorbildlich bezeichnen würde. Kersten Knipp hat die Biographie des Kultdichters geschrieben, und Rainer Erd hat sie zu den Pariser Geschichten gerechnet.
Ein Sympathieträger war er nicht. Ganz im Gegenteil. Überall wo er auftauchte, waren die Menschen zwar interessiert, ihn kennenzulernen. Nach mehreren missglückten Anläufen für eine Konversation mit dem, der so schön geschriebene Worte fand, verebbte aber das Interesse. Mehr noch. Da er seine Gesprächspartner nicht nur ohne Antwort ließ, sondern obendrein ruppig behandelte, waren Begegnungen mit ihm kein Vergnügen. Das ursprüngliche Interesse wich schnell einer Abwehr und dem Wunsch, ihm möglichst aus dem Wege zu gehen.
Dabei war er keineswegs unattraktiv. Seine blauen Augen wurden von einem lieblich-jungenhaften Gesicht umrahmt, das nicht erahnen ließ, dass sich hinter der schönen Oberfläche bereits in jungen Jahren lebensgeschichtliche Dramen abgespielt hatten, die er in seinem kurzen Leben niemals vergessen konnte.
Arthur Rimbaud (1854 – 1891) war seit seinem sechsten Lebensjahr ohne Vater groß geworden und seiner vom Leben enttäuschten, autoritär-gewalttätigen Mutter ausgeliefert. Sie konnte es nicht überwinden, dass ihr Mann sie verlassen hatte und sie sich der Schmach der Bevölkerung des kleinen französischen Örtchens Charleville, knapp 200 Kilometer östlich von Paris, ausgesetzt sah. Ihre Trauer über das Verlassenwerden, die sich in einem depressiven Zustand verfestigte, ließ sie ihren Sohn und seine Geschwister täglich spüren.
So wuchs der kleine Arthur, verfolgt von ruppigen Tönen und regelmäßigen Schlägen der Mutter in einer sozialen Umgebung auf, die ihm zwar die Flucht in die Fantasie ermöglichte, aber keine sozialen Verhaltensweisen nahebrachten, die ihn zu einer gesellschaftlich geachteten Persönlichkeit werden ließ. Seine wunderschönen Gedichte zogen die Menschen an, sein grobes soziales Verhalten stieß sie ab.
Arthur Rimbaud, ein die französische Lyrik des 19. Jahrhunderts erneuernder Dichter, schrieb Sätze wie „La vrai vie est absente“, aus dem die deutsche Übersetzung zwar etwas frei, aber dennoch treffend „das wirkliche Leben ist anderswo“ machte. Denn Rimbaud fand sich in seinem Leben nicht zu Hause. Und wenn man das hier angezeigte Buch von Kersten Knipp gelesen hat, versteht man, dass er sich in einem solchen Leben nicht zu Hause fühlen konnte. Seinem Freund, dem Dichter Paul Demeney, schrieb er im Alter von 17 Jahren den erschreckenden Satz: „Je est un autre“ - „ich ist ein anderer“.
Den „anderen“ konnte er in seiner von Hass und Gewalt geprägten Familie nicht finden. Deshalb träumte er von Paris, der Stadt, die es ihm ermöglichen sollte, er selbst zu werden. Drei Anläufe nahm er, bis es ihm gelang, für längere Zeit in der Stadt seiner Wünsche zu leben. Doch als er im Alter von 17 Jahren in Paris ankam, wo er sich mit seinem Freund Paul Verlaine, ein anderer Franzose, der die Dichtkunst revolutionierte, verabredet hatte, war niemand am Bahnhof. Rimbaud hatte vergessen, ob er am Gare de l’Est oder am Gare du Nord ankam.
Natürlich fanden sich die beiden in der französischen Hauptstadt und Rimbaud wohnte zunächst bei Verlaine am Boulevard Magenta. Doch schnell stellte sich heraus, dass Rimbaud kein anpassungsbereiter Mitbewohner war. Weder akzeptierte er die Wohnverhältnisse seines Freundes Verlaine noch dessen familiäre Situation. Verlaine war mit einer jüngeren Frau verheiratet, die ein Kind erwartete. Rimbaud indes hatte neben einem künstlerischen auch ein anderes Interesse an dem Freund. Schon lange bemerkte er eine in ihm schlummernde Leidenschaft, die die Freundschaft mit Verlaine aktualisierte: seine homosexuellen Neigungen.
Diese nun ließen sich nicht mit Verlaines Familiensituation vereinen. Dennoch gelang es Rimbaud, seinen Freund zu einem längeren Aufenthalt nach London zu ermuntern, nachdem die beiden in der Pariser Literaturszene tiefe Spuren als trink-, feier- und diskussionsfreudige Partner hinterlassen hatten. Der London-Aufenthalt der beiden nahm kein gutes Ende. Schon immer hatten sie eine lebhafte Diskussionskultur gepflegt, die in heftigen Streitereien mündete. Stets war es ihnen aber gelungen, sie in einem Rahmen zu halten, der ihre Freundschaft nicht ernsthaft in Frage stellte.
In London jedoch entwickelte sich die Beziehung der beiden, möglicherweise wegen des fehlenden Einflusses von Verlaines Ehefrau, zu einem Dauerstreitverhältnis, das auch vor körperlicher Gewalt nicht Halt machte. Als diese sich zunehmend radikalisierte, unternahm Verlaine einen Schritt, der zum Ende der Freundschaft führen sollte. Er erwarb eine Pistole und verletzte während einer der vielen Streitigkeiten Rimbaud mit einem Schuss so, dass es zu einem gerichtlichen Verfahren wegen Körperverletzung kam, das in der Verurteilung Verlaines endete. Als er nach vierzehn Monaten das Gefängnis verlassen durfte, war für Rimbaud die Freundschafts- und Liebensbeziehung beendet.
Schon in jungen Jahren hatte Rimbaud eine Abneigung gegen dauerhafte soziale Beziehungen entwickelt und mit Blick auf eine unerforschte Zukunft soziale Kontakte häufig abgebrochen. So nun auch mit Verlaine. Dieser konnte noch so viel flehende Briefe an seinen geliebten Rimbaud schreiben, sie erreichten nicht mehr dessen Herz. Hinzu kam, dass Rimbaud, künstlerisch ständig auf der Suche nach neuen Formen, seine Dichtkunst an ein Ende gekommen sah, aus dem er keinen Ausweg wusste. Seine Manuskripte fanden keinen Verleger und auch das im Selbstverlag produzierte Buch „Saison en enfer“ (1873) fand kaum noch interessierte Leser.
Im Alter von 26 Jahren war für Rimbaud klar, dass er seinem Leben eine grundlegend neue Richtung geben musste. Deshalb verließ er 1880 Europa und versuchte, im Wüstenort Aden (heute Jemen) eine Karriere als Händler zu begründen. Aden diente zu dieser Zeit den Briten als strategischer Stützpunkt zur Sicherung der Seewege nach Indien und war ein gefragter Umschlagplatz für Güter, die in Europa zunehmend Nachfrage fanden.
An erster Stelle hochwertiger Kaffee aus dem Nordjemen, der von der französischen Handelsgesellschaft Bardey & Co vertrieben wurde. Hier erhielt Rimbaud eine Anstellung als Vorarbeiter in einem Lagerhaus, in dem Kaffee-Bohnen gereinigt, sortiert und für den Versand in Säcke verpackt wurden. Kaffee hatte zu dieser Zeit seinen Siegeszug in Europa angetreten. Kaffeehäuser sprießen überall – außer in England, das sich auf Tee spezialisierte – aus dem Boden. Da fiel es leicht, an einem der Umschlagplätze für Kaffeebohnen einen Job zu finden.
Dass es Rimbaud in der trockenen Wüstenstadt Aden mit Dauer-Temperaturen um die 30 Grad nicht lange halten würde, überrascht nicht. Als Bardley & Co sein Sortiment um Tierhäute und Felle erweiterte und eine Niederlassung im ca. 350 km entfernten Harar im heutigen Osten von Äthiopien eröffnete, verließ Rimbaud umgehend Aden und zog nach Harar. Nach zwanzig Tagen Pferde-Reise kam er dort an und entwickelte sich zu einem ehrgeizigen Kaufmann, der sich Kenntnisse durch umfangreiche Bücherstudien erwarb. Ein Jahr später ist er als Karawanenführer auf einer Expedition unterwegs. Er schreckte auch nicht davor zurück, ihm angebotene Waffengeschäfte zu organisieren und manche Autoren, zu denen der Verfasser des Buches nicht gehört, sehen ihn auch im Sklavenhandel unterwegs, der zu dieser Zeit in großem Stil betrieben wurde.
Rimbaud bringt es zu einem gewissen Reichtum, was ihm mit seinen künstlerischen Aktivitäten nicht geglückt war. Doch seine Rastlosigkeit lässt ihn auch in diesem Beruf nicht lange tätig sein. Er begibt sich auf der Suche nach neuen Beschäftigungsmöglichkeiten nach Kairo, wo er wegen mangelnder Ausweispapiere sofort verhaftet wird. Nach Rücksprache mit dem französischen Konsulat wird er zwar wieder freigelassen, aber sein erspartes Geld ist schnell wegen unerfüllter Forderungen von früheren Partnern aufgebraucht, was ihn weiter in unseriöse Geschäfte mit Waffenhändlern verstrickt. Am Schluss seiner kaufmännischen Tätigkeit hat Rimbaud ein Vermögen zusammengetragen, dass nach heutigen Maßstäben einem Betrag von ca. 200.000 Euro entsprechen würde.
Doch seine vielfältigen geschäftlichen Tätigkeiten bleiben nicht ohne gesundheitliche Folgen. Schon seit einiger Zeit verspürt er körperliche Schmerzen, die in einer Krebs-Diagnose enden. Er begibt sich zurück nach Frankreich und lässt sich auf dringendes Anraten der Ärzte in Marseille 1891 ein Bein amputieren. Mit 37 Jahren ist Arthur Rimbaud, der Erneuerer der französischen Lyrik, ein schwerbehinderter Mann, der seinem Veränderungsdrang nicht mehr nachkommen kann. Die Operation kann nicht verhindern, dass er ein halbes Jahr später stirbt.
Für Kersten Knipp, den Autor des kenntnisreich geschrieben Buches, ist die Bilanz des Lebens von Arthur Rimbaud mehr als nur ein individuelles Schicksal. Natürlich sind seine literarischen Experimente aus heutiger Sicht erfolgreich gewesen, die Versuche, sich aus den Fesseln einer gewalttätigen Mutter durch den Weg nach Paris und in arabische und afrikanische Länder befreien wollen, hingegen nicht. Rimbauds Geschichte, so die These des Autors, ist aber auch Ausdruck des Dilemmas einer im 19. Jahrhundert begonnenen Moderne, die Hoffnung auf neue gesellschaftliche und künstlerische Wege versprach, sie zum Teil ermöglichte, auf der anderen Seite aber zu gesellschaftlichen Veränderungen führte, die Entfremdung und Ausbeutung zur Folge hatten. Insofern ist Rimbaud eine Person, künstlerisch den Fesseln der Vergangenheit entronnen, menschlich aber von ihr in tragischer Weise verfolgt, die ein grundlegendes Problem moderner Gesellschaften widerspiegelt. „Je est un autre“, der Satz aus einem seiner ersten Gedichte, blieb sein lebenslanges Schicksal. Er konnte nicht er selbst werden.

Kersten Knipp
Die zwei Leben des Arthur Rimbaud
Vom Kultdichter zum Waffenhändler
288 S., geb.
ISBN: 978-3-534-61158-4
Herder Verlag, Freiburg, Basel, Wien, 2026,
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Erstellungsdatum: 08.09.2026