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Andrea Richter über Rossinis Oper „Tancredi“ in Frankfurt am Main

Innenansichten einer extremistischen Bewegung

Andrea Richter


v.l.n.r. Bianca Tognocchi (Amenaide) und Ruby Dibble (Isaura) Foto: Monika Rittershaus

Es geschieht eher selten, dass eine Oper beim heutigen Publikum tatsächlich Tränen fließen lässt. Am Ende der Premiere von Gioachino Rossinis „Tancredi“ im Frankfurter Opernhaus war es so. Nach dem letzten, leisen Akkord herrschte erschütterte Stille, bevor der Jubelsturm losbrach. Da haben Alle alles richtiggemacht, um den wahren Grund des Musik-Theater-Schaffens zu realisieren: Das Berühren der Seele. Was nur dann klappen kann, wenn die Künstler:innen selbst bereit sind, auch emotional aufs Ganze zu gehen. Andrea Richter sagt: Sie taten es, jeder für sich und alle zusammen. 

 

 


Ensemble Foto: Monika Rittershaus

 

„Giurami … sposa … addio“, die Worte des auf dem Boden liegenden, einsam sterbenden Tancredi, mit letzter Kraft in langen Abständen voneinander hervorgepresst. Das Paar neben mir ergriff in den letzten Minuten wechselseitig die Hände, ihr liefen die Tränen übers Gesicht. Meiner Nachbarin zur Rechten ebenso. Hinter mir leises Schniefen und schweres Atmen. Ich selbst hielt die Luft an und spürte, wie das Wasser in meinen Augen aufstieg. Die Mezzosopranistin Cláudia Ribas selbst brauchte nach dieser Schlussszene einige Applaus-Aufritte, bis sie sich vom Sterben lösen, den Jubel endlich lächelnd annehmen konnte. Und das nach einem Rossini-Werk? Ja, und komisch war in diesem Melodramma eroico fast gar nichts, ganz anders als wir es von diesem Komponisten des Humors gewöhnt sind.

Oder doch, wenigstens zu Beginn ein bisschen, wo zwei Boxer im Ring choreografisch perfekt zur Musik der Ouvertüre tänzeln, täuschen und zuschlagen. Bald umringt von Männer-Gruppen, die ihren jeweiligen Favoriten anfeuern. Damit ist das Thema des Abends angeschnitten: Männliche Kraft und (sinnloser) männlicher Kampfgeist. Regisseur Manuel Schmitt hat das Stück vom Original-Spielort Syrakus auf Sizilien im Jahre 1005 in ein deutsches, landwirtschaftlich geprägtes Dorf der Neuzeit verlegt. Das konnte er insofern guten Gewissens tun, da schon das ursprüngliche Libretto von Gaetano Rossi nach einer Vorlage von Voltaire nicht der historischen Wahrheit entsprach. Schmitts Interpretation in der deutschen Realität geht auf. Der Name Tancredi hat laut www. ancestry.com denn auch seine Wurzeln in der italienischen Literatur, stammt aber ab von den germanischen Elementen „thank“, was Gedanken bedeutet, und „hard“, was mutig oder stark bedeutet. 


Kihwan Sim (Orbazzano) und Cláudia Ribas (Tancredi) sowie Ensemble Foto: Monika Rittershaus

 

Der Box-Kampf geht unentschieden aus. In einem schauderhaft hässlichen, mit Elementen deutscher „Gemütlichkeit“ ausgestatteten Vereinsheim kommen Landarbeiter und eine Art para-militärische Gruppe (Chor), die Boxer und die beiden Männer, die vor Ort etwas zu sagen haben, sprich der Zivile (Bürgermeister?) Argirio (Theo Lebow, Tenor) und der aggressive Militär-Hüne Orbazzano (Kihwan Sim, Bass), zusammen, um auf Kraft und Männlichkeit anzustoßen. Trotz der unterschwellig fortbestehenden Rivalität zwischen den beiden Lagern sind sie sich einig, dass sie gegen die gemeinsamen Außen-Feinde Solamir und Tancredi, zusammenhalten und kämpfen wollen. Die Beiden stehen in Diensten der „Besetzer“ ihres Landes, den (imaginären, dunkelhäutigen) Sarazenen. Jeder, der mit ihnen in irgendeiner Form kollaboriert, gilt als Verräter und soll mit dem Tode bestraft werden. Um ihren eigenen Gruppen-Zusammenhalt zu besiegeln, soll Argirios Tochter Amenaide (großartige, dramatische Bianca Tognocchi, Sopran) den brutalen Orbazzano heiraten. Sie ist entsetzt, umso mehr als sie - wo auch immer, wann auch immer – den jungen, attraktiven Tancredi kennen- und lieben gelernt hat und ihm Treue schwor. Sie hat ihm ohne Namens-Ansprache einen Brief geschickt, dass er kommen solle, um sie aus dieser bedrückenden Männergesellschaft zu befreien. Davon weiß nur ihre Freundin Isaura (Ruby Dibble, Mezzosopran).  

Auf dem Weg zu ihr sitzt Tancredi irgendwo auf einer Bank in einem typisch deutschen Tannenwald und freut sich auf die Rückkehr in sein Heimatdorf, das er als Kind verlassen musste. Er singt seine berühmte Auftritts-Arie „Oh patria! …Tu che accendi … Di tanti palpiti, …“. Eigentlich hätte diese Rolle des Tancredi mit einem Kastraten besetzt werden sollen, wie damals für noble Rollen üblich. Da jedoch aus guten Gründen die Kastration von Jungs zu Zeiten Rossinis bereits anrüchig war, gab es zu wenige und der Komponist machte daraus eine „Hosenrolle“ für Mezzosopran. Und weil, so beschreibt es der französische Schriftsteller Stendhal, der für die Uraufführung im La Fenice vorgesehenen Sängerin Adelaide Malanotte-Montresor gerade diese Arie des jungen, noch weitgehend unbekannten Rossini nicht gefiel, musste er innerhalb eines Tages eine neue Melodie finden. Er fand sie, als der Wirt eines Gasthauses ihn fragte, wie er seinen Reis gekocht haben wollte. Deshalb sei die Arie als „Reis-Arie“ betitelt und berühmt geworden. Tatsächlich ein wahrer Gassenhauer, den auch Niccolò Paganini für Geige (op. 13) virtuos coverte. Cláudia Ribas scheint die Rolle auf den Leib komponiert und sie konnte in Frankfurt die ganze Bandbreite ihrer wunderbaren, flexiblen Stimme von sehr tief bis sehr hoch, mal zart, mal heroisch ausloten. Welche Freude, dass sie ab der kommenden Spielzeit zum festen Ensemble des Hauses gehören wird! 


Bianca Tognocchi (Amenaide) Foto: Monika Rittershaus

 

Druck, Angst vor dem sich immer weiter radikalisierenden Anführer und seinem Helfer-Kollektiv, geschickte Beeinflussung, Versschweigen der Wahrheit und eine gewaltbereite Männer-Menge können, so die Interpretation des Regisseurs, zum Desaster führen. Realistisch (und doch weit über die momentane mancherorts im Land herrschende gesellschaftliche und politische Situation hinausgehend) werden (rechts-) radikale Symptome schonungslos offengelegt. Politischer geht es nicht. Besonders drastisch und geradezu perfide deshalb, weil das gesamte Geschehen in die wunderbaren melodischen Arien (fast alle in Dur-Tonarten) Rossinis verpackt ist. Eine nach der anderen. Hinzu kommen die Chorpassagen dieser Männer, die selbst an Stellen, wo sie friedlich, harmonisch, gar fröhlich erscheinen, in diesem Kontext auf einer zweiten Ebene jedoch eine subkutane die einen Schaudern lässt.   

Jedenfalls, wenn man es denn musikalisch so angeht, wie Maestro Giuliano Carella es tut: Alle Rezitative rausschmeißen, Konzentration auf das Wesentliche und das Wesentliche so rhythmisieren und betonen, dass es dadurch besondere Bedeutung gewinnt. So kann der von Manuel Pujol fantastisch einstudierte Chor äußerst präzise „Schläge“ setzen oder anmutig in die Irre führen. So erhalten auch die Solist:innen Zeit, jeden emotionalen Zustand in der benötigten Geschwindigkeit, teilweise in à capella-Form, gesanglich beeindruckend zu beschreiben. Der Rossini-Spezialist Carella nimmt also den schönen Gesang, den Belcanto der Epoche, sehr ernst und damit den Komponisten selbst. Und wenn dann noch die Kolleg:innen untereinander darauf achten, dass sie sich gegenseitig nicht „an die Wand singen“, so wie es Kiwhan Sim vermied mit seinem wuchtigen Bass den in der Höhe etwas brüchigen Tenor-Kollegen Theo Lebow in die Bredouille zu bringen, kommt Großes dabei raus. Das Problem hatten Bianca Tognocchi, Cláudia Ribas und auch Ruby Dibble in keiner Weise. Sie sangen, sei es allein, sei es in Duetten beeindruckend beziehungsweise berührend auf Augen- oder besser Stimm-Höhe. Gioachino Rossini komponierte das Werk, seine erste große, abendfüllende Opera seria, im Alter von nur 20 Jahren. Als er 1812 den Auftrag bekam, standen das Thema und der Librettist bereits fest. Abweichend von der Vorlage schuf Rossini aber einen neuen Schluss, weil er glaubte, dem Geschmack des italienischen Publikums entsprechend ein „lieto fine“, also ein glückliches Ende, servieren zu müssen. So wurde die Oper dann auch 1813 in Venedig uraufgeführt. Für eine weitere Produktion in Ferrara passte er den Schluss jedoch der Original-Vorlage an und komponierte einiges neu. Diese Partitur war lange Zeit verschwunden. Die „lieto fine“ -Version hingegen verbreitete sich hingegen schnell in ganz Europa. In der Folge breitete sich ein regelrechtes „Rossini-Fieber“ aus und er komponierte eine Oper nach der nächsten. Zunächst im Buffo-Bereich, also komische Opern, um sich später dramatischen Stoffen zuzuwenden. Sein Karriere-Türöffner „Tancredi“ verschwand allerdings Ende des 19. bis Mitte des 20. Jahrhunderts von den Spielplänen. Danach wurde die Oper selten und bis Ende der 1970er Jahre nur in der ersten Fassung aufgeführt. Das änderte sich erst, als die zweite, die Ferrara-Version mit dem dramatischen Ende wieder auftauchte. Selten aufgeführt wird sie dennoch. Umso glücklicher kann sich schätzen, wer sie in Frankfurt erleben darf. 

 

 

 

Cláudia Ribas (Tancredi)Foto: Monika Rittershaus

Tancredi
Melodramma eroico in zwei Akten 
Musik: Gioachino Rossini (1792–1868) 
Text: Gaetano Rossi (1774-1855) nach Voltaires Tancrède
Uraufführung 1813, Teatro La Fenice, Venedig

Musikalische Leitung:
Giuliano Carella

Inszenierung:
Manuel Schmitt

Bühnenbild:
Bernhard Siegl

Kostüme:
Raphaela Rose

Licht:
Joachim Klein

Chor:
Manuel Pujol

Dramaturgie:
Konrad Kuhn


Besetzung
Argirio:
Theo Lebow

Amenaide:
Bianca Tognocchi

Orbazzano:
Kihwan Sim

Tancredi:
Cláudia Ribas

Isaura:
Ruby Dibble

Loredana:
Clara Kim

Chor der Oper Frankfurt
Frankfurter Opern- und Museumsorchester

Weitere Vorstellungen: 11., 17., 20., 22., 24., 26. und 28. Juni 2026

Oper Frankfurt

Erstellungsdatum: 10.06.2026